Hessen - Mittel- und Osthessen




Hier folgen noch einige Ausführungen zur mittel- und osthessischen Orgellandschaft. )


(an dieser Seite wird noch gebaut !! )



BEUERN (Gemeinde Buseck, Landkreis Gießen)
Ev. Pfarrkirche




Erbauer: Friedrich Wilhelm Bernhard (Romrod) 1847, Schleifladen, mechanische Spiel- und Registertraktur

Beuern ist ein Ortsteil der Gemeinde Buseck im mittelhessischen Landkreis Gießen nordöstlich der Kreisstadt. Der Ort wird als „Buren“ in einer Urkunde des Klosters Arnsburg erstmals erwähnt, die man auf das erste Jahrzehnt des 13. Jahrhunderts datieren kann. Folglich hat man die 800-Jahrfeier des Ortes Beuern im Jahre 2005 begangen. Im Ort am Rande des Busecker Tales gab es neben Besitzungen des Klosters Arnsburg auch zwei Adelshöfe. Der eine gehörte bis 1624 der Familie Schenk zu Schweinsberg, die ihn damals an Mitglieder der Familie von Buseck verkaufte. Ein zweiter Hof war der Familie von Buseck gen. Brand vom hessischen Landgrafen zu Lehen. Im Zuge der Gebietsreform in Hessen wurde die bis dahin selbstständige Gemeinde 1977 mit den Gemeinden Alten-Buseck und Großen-Buseck zur neuen Gemeinde Buseck zusammengeschlossen. Bereits im Jahr 1297 wurde ein Pfarrer für Beuern erwähnt. Die heutige evangelische Kirche wurde in den Jahren 1844 bis 1847 im Stile der Neuromanik erbaut. Der gotische Westturm aus dem Jahr 1321 blieb dabei erhalten. Die Ausstattung der Bauzeit ist vollständig erhalten. Aus der alten Kirche wurde unter anderem das spätgotische Kruzifix über der Kanzel und der spätromanische Taufstein aus dem 13.Jahrhundert übernommen. Zum Abschluß der Bauarbeiten erhielt die Kirche dann auch noch eine neue Orgel, die 1848 eingeweiht wurde und aus der Werkstatt von Friedrich Wilhelm Bernhard in Romrod stammt. Um die Mitte des 19.Jahrhunderts begannen sich die Künstler ganz allgemein, sich mit den Stilen und Formen früherer Jahrhunderte zu befassen. Historisierende Baustile wie Neugotik und Neuromanik – wie in Beuern – sind ein Ausdruck davon.
Der 1804 geborene Friedrich Wilhelm Bernhard, meist nur Wilhelm Bernhard genannt, repräsentiert die dritte Generation einer Orgelmacherfamilie, die im 19.Jahrhundert von nachhaltiger Bedeutung für die Orgellandschaft Oberhessens war. Ihr Gründer war der 1738 geborene Johann Georg Bernhard, der in der Würzburger Domorgelmacherfamilie Otto sein Handwerk erlernte und sich in Romrod vor den Toren Alsfelds selbstständig machte. Sein Sohn Johann Hartmann Bernhard, der 1803 die väterliche Werkstatt übernahm, wurde zum künstlerisch bedeutendsten Vertreter der Familie. Bis 1839 schuf er knapp 40 Orgeln, von denen einige im Stil des späten Klassizismus noch erhalten sind. Verwiesen sei hier nur auf die 1818 errichtete Orgel in Heidelbach bei Alsfeld. Der 1804 geborene Wilhelm Bernhard übernahm nach dem Tod des Vaters 1839 dessen Werkstatt in Romrod und konnte in den folgenden rund zwei Jahrzehnten seine Bedeutung vor allem in Oberhessen weiter festigen und ausbauen. Größere Instrumente entstanden etwa 1847 in Obermörlen mit 22 Stimmen, 1853 in der Stadtkirche zu Grünberg mit 25 Registern und 1855 in Oberohmen, dazu kommt eine größere Zahl kleinerer, meist einmanualiger Orgeln für Dorfkirchen im Vogelsberg und in der gesamten damaligen Provinz Oberhessen. Erhalten blieben von Wilhelm Bernhards Schaffen vor allem diese kleineren Werke in den armen Dörfern des Vogelsbergs und der Umgebung, hingegen sind die größeren Instrumente fast alle später durch „modernere“ Neubauten ersetzt worden. Die 1848 vollendete Orgel in Beuern ist mit ihren 23 Registern die größte erhaltene Orgel von Wilhelm Bernhard und bis auf die im Ersten Weltkrieg abgelieferten Prospektpfeifen vollständig im Originalzustand auf uns gekommen. Nach dem Tod Wilhelm Bernhards 1861 verlegte sein 1807 geborener Bruder Karl Bernhard die Werkstatt nach Gambach. Dessen Söhne Karl Theodor und Karl Rudolf Bernhard firmierten später als Gebrüder Bernhard und arbeiteten in ihrem Handwerk bis in die Jahre des Ersten Weltkrieges. 
Der Entwurf für den neuromanischen Orgelprospekt in Beuern stammt von der zuständigen Baubehörde in Gießen. Nach exakt dem gleichen Entwurf wurde übrigens die 1849 vollendete und ebenfalls fast original erhaltene Orgel von Johann Georg Förster in Steinbach bei Gießen erbaut. 1978 wurden die im Ersten Weltkrieg abgelieferten Prospektpfeifen ersetzt und das ansonsten völlig im Ursprungszustand bewahrte Instrument in Beuern durch die Firma Förster und Nicolaus aus Lich fachgerecht restauriert. Allerdings ist dies nun auch schon wieder 40 Jahre her und eine erneute Restaurierung täte dem Instrument in Bälde gut. Die Manuale sind bis zum f3 ausgebaut. Im Hauptwerk finden wir Bordun 16', Principal, Hohlflöte, Bordun und Viola di Gamba 8', Octav und Hohlflöte 4', eine Quinte 2 2/3', die Superoctave 2' sowie ein 3faches Cornett und eine 4fache Mixtur. Das zweite Manual, ein Oberwerk das gegenüber dem Hauptwerk quer gestellt ist, verfügt über die Stimmen Principal, Flauto dolce und Salicional 8', Octav und Gedackt 4', ein „Nasart“ 2 2/3' und eine Spitzflöte 2'. Im Pedal schließlich, das bis zum c1 geführt ist, stehen die Register Principal, Subbaß und Violon 16' sowie Oktavbaß und Gedacktbaß 8', dazu finden wir eine Manual- und eine Pedalkoppel. 

Link zum klingenden Orgelportrait >>>https://www.youtube.com/watch?v=6FxHLh5MTqc

Disposition:

Hauptwerk, C-f3 Oberwerk, C-f3 Pedal, C-c1  
Bordun 16' Principal 8' Principal 16' Manualkoppel
Principal 8' Flauto dolce 8' Subbaß 16' Pedalkoppel
Hohlflöte 8' Salicional 8' Violon 16'  
Bordun 8' Octav 4' Octavbaß 8'  
Viola di Gamba 8' Gedackt 4' Gedacktbaß 8'  
Octav 4' Nasart 2 2/3'    
Hohlflöte 4' Spitzflöte 2'    
Quinte 2 2/2'      
Superoctave 2'      
Cornett 3f.      
Mixtur 4f.      
       
In Beuern gespielte Stücke:
Robert Führer: Pastoral-Präludium D-Dur >>> https://www.youtube.com/watch?v=BRcXmLkbrpg
Robert Führer: Pastoral-Präludium C-Dur >>> https://www.youtube.com/watch?v=4ng_Rm4ta-o
Robert Führer: Pastoral-Präludium F-Dur >>> https://www.youtube.com/watch?v=UM9q6JzZUm0
Johann Wilhelm Cornelius von Königslöw: Introduction und Fuge c-moll >>> https://www.youtube.com/watch?v=5wvHRrHpka4&t=7s
Franz Liszt: O heilige Nacht >>> https://www.youtube.com/watch?v=4dIzEidbftM
Franz Liszt: Psallite >>> https://www.youtube.com/watch?v=7gfOK3uIJyY
Eduard Rohde: Andante Des-Dur >>> https://www.youtube.com/watch?v=lHY7V6B2NXY
Woldemar Voullaire: Präludium Nr. 4 D-Dur >>> https://www.youtube.com/watch?v=uwRBiHpIphU
Woldemar Voullaire: Präludium Nr. 5 As-Dur >>> https://www.youtube.com/watch?v=BpDAIyp_v2s
Woldemar Voullaire: Präludium Nr. 6 G-Dur >>> https://www.youtube.com/watch?v=MnFBoPDzhy4



BIRKLAR (Stadt Lich, Landkreis Gießen)
Ev. Kirche




Erbauer: Philipp Heinrich Bürgy (Dornholzhausen) 1820, Schleifladen, mechanische Spiel- und Registertraktur

Birklar ist ein Stadtteil von Lich im mittelhessischen Landkreis Gießen mit rund 700 Einwohnerinnen und Einwohnern. Birklar liegt am Nordrand der Wetterau, an den Ausläufern des Taunus zum Vogelsberg in einem Seitental des Flüsschens Wetter. Durch die Gemarkung von Birklar verlief der Limes, die alte Grenzbefestigung des Imperium Romanum gegen die germanischen Chatten. Die älteste bekannte Erwähnung Birklars findet sich mit dem Jahr 791 im „Lorscher Codex“. Die Herren des Ortes waren im Hochmittelalter die Grafen von Falkenstein und nach dem Aussterben der Linie 1423 die Grafen zu Solms. Später gehörte der Ort zur Grafschaft Solms-Braunfels, und ab 1806 dann zum Großherzogtum Hessen, Provinz Oberhessen. 1971 wurde Birklar ein Stadtteil von Lich. Eine Kirche in Birklar ist für das Jahr 1313 nachgewiesen. 1819 wurde die heutige Kirche erbaut. Die Gemeinde Birklar erwarb dafür das ehemalige Bibliotheksgebäude des Klosters Arnsburg von 1755, das dort als Eckgebäude fungierte und baute es in Birklar in etwas niedrigerer Form wieder auf. Aus dem Material des weggelassenen Geschosses wurde in den 1820er Jahren noch ein Kirchturm errichtet. In der quadratischen Saalkirche sind Altar, Kanzel und Orgel übereinander angeordnet. Das Wort und die Musik sind damit auch optisch in den Mittelpunkt des Geschehens gerückt. Zum Abschluß der Kirchbauarbeiten erhielt das Gotteshaus auch eine neue Orgel und zwar aus der Werkstatt von Philipp Heinrich Bürgy aus Dornholzhausen bei Bad Homburg. In manchen Quellen wird auch dessen jüngerer Bruder Johann Georg Bürgy als Erbauer angegeben, doch wurde bei der Restaurierung 1991 im Inneren der Orgel eine Inschrift entdeckt, die eindeutig Philipp Heinrich Bürgy als Schöpfer ausweist.  
Stammvater der hessischen Orgelbauer-Dynastie der Familie Bürgy ist Johann Conrad Bürgy. 1721 in Schaffhausen in der Schweiz geboren, arbeitete er seit 1754 als Geselle in der Werkstatt von Johann Friedrich Syer in Florstadt in der Wetterau und heiratete 1757 dessen Tochter. 1763 ließ er sich in Homburg vor der Höhe nieder und durfte sich bald des Titels „Hessen-Homburgischer Hoforgel- und Instrumenten-Baumeister“ erfreuen. Drei seiner Söhne führten die Werkstatt nach dem Tod Johann Conrad Bürgys 1792 unter dem Namen Gebrüder Bürgy fort. Der 1759 geborene Philipp Heinrich ist der Älteste, ihm folgten 1761 Johann Ludwig Wilhelm und 1771 Johann Georg Bürgy. Nach rund 15 Jahren gemeinsamen Wirkens trennten sich die drei Brüder. Zunächst heiratete Johann Ludwig Wilhelm Bürgy 1807 in die Orgelbauerfamilie Voit in Durlach ein und zwei Jahre später heiratete der Jüngste, Johann Georg Bürgy die Tochter des Orgelbauers Johann Peter Rühl in Gießen und führte dessen Betrieb weiter. Philipp Heinrich Bürgy verzog daraufhin nach Dornholzhausen unterhalb der Saalburg und betrieb die Werkstatt von dort aus weiter. Gemeinsam mit seinen Brüdern und später dann allein schuf er einige wertvolle Orgeln im Raum Mittelhessen, die teilweise bis heute erhalten sind. 1803 entstand beispielsweise in Bleichenbach in der Wetterau ein schönes, 15 Register umfassendes Werk, das gut erhalten und der Orgel in Birklar optisch und klanglich nicht unähnlich ist. 1806 vollendeten die Brüder in Groß-Karben, ebenfalls in der Wetterau ein Instrument mit 12 Registern und 1808 in Leun, westlich von Wetzlar mit 13 Stimmen. Alle Bürgy-Orgeln jener Zeit verfügen über einen unverwechselbaren, siebenteiligen Prospekt im Biedermeierstil mit einer Henkelvase über dem mittleren Feld und kleinen Urnen auf den Harfenfeldern. Philipp Heinrich Bürgy starb 1824 in Dornholzhausen. Die Orgel in Birklar ist eine der letzten Arbeiten des ältesten der drei Bürgy-Söhne, dessen Werkstatt nach seinem Tod aufgelöst wurde, da er im Gegensatz zu seinen Brüdern keinen Nachfolger hatte.  
Die Orgel in Birklar wurde in den 200 Jahren ihres Bestehens kaum verändert. 1991 wurde das wertvolle und für den Orgelbau in Hessen zu Beginn des 19. Jahrhunderts ganz typische Instrument durch die Firma Förster & Nicolaus aus Lich fachgerecht restauriert. Die Orgel besitzt 13 Register. Im Manual, das bis zum f3 ausgebaut ist, finden wir Bourdon, Flaut travers und Viol di Gamb 8', Principal und Bourdon 4', Quint 3', Octav 2' und eine 3fache Mixtur. Dazu kommt noch eine 2fache Diskant-Sesquialtera sowie eine Vox humana 8', die zu unbekannter Zeit gegen eine Spitzflöte 8' ausgetauscht wurde und 1991 rekonstruiert wurde. Das Pedal hat einen Umfang von lediglich 18 Tasten bis zum f°. Ein solches Kurzpedal war bei hessischen Dorforgeln bis Mitte des 19. Jahrhunderts durchaus üblich. Hier stehen Subbaß 16' und Violonbaß 8' sowie ein original erhaltener Fagotto 16', dazu kommt eine Pedalkoppel. 

Link zum klingenden Orgelportrait >>> https://www.youtube.com/watch?v=LLq_6trnFh8

Disposition:

Manual, C-f3 Pedal, C-f°  
Bourdon 8' Subbaß 16' Pedalkoppel
Flaut travers 8' Violonbaß 8'  
Viol di Gamb 8' Fagotto 16'  
Principal 4'    
Bourdon 4'    
Quint 3'    
Octav 2'    
Sesquialtera 2f. (D)    
Mixtur 3f.    
Vox humana 8'    
     
   
In Birklar gespielte Stücke:
Johann Georg Albrechtsberger: Praeludium a-moll >>> https://www.youtube.com/watch?v=yANNVmcy8oc&t=40s
Johann Sebastian Bach: Canone alla terza (Goldberg-Variationen) >>> https://www.youtube.com/watch?v=PYalolTOjwA
Johann Sebastian Bach: Canone alla quarta (Goldberg-Variationen) >>> https://www.youtube.com/watch?v=q0YgMvDIlB8&t=37s
Ignazio Fiorillo: Sonata quinta >>> https://www.youtube.com/watch?v=r0fQe0zxy6c&t=113s
Elsbeth Forrer: Napoleons-Marsch >>> https://www.youtube.com/watch?v=rLlANSI5J6A&t=14s
Ludwig Ernst Gebhardi: Löwen, laßt euch wiederfinden >>> https://www.youtube.com/watch?v=xjycYd04Deg
Georg Christoph Grosheim: Du klagst, o Christ, in schweren Leiden >>> folgt
Georg Christoph Grosheim: Es wolle Gott uns gnädig sein >>> folgt
Georg Christoph Grosheim: O Gott Vater, ich glaub an dich >>> folgt
Georg Christoph Grosheim: Vernimm, o Gott, mein Flehen >>> folgt
Jakob Heinrich Lützel: Ach, was soll ich Sünder machen >>> folgt
Christian Heinrich Rinck: Fughetta D-Dur >>> folgt
Christian Heinrich Rinck: Fughetta g-moll >>> folgt
Maximilian Stadler: Praeambulum sexti toni >>> folgt
Johann Baptist Anton Vallade: Praeambulum und Fuge B-Dur >>> folgt



BLANKENAU (Gemeinde Hosenfeld, Landkreis Fulda)
Kath. Pfarrkirche St. Simon und Judas Thaddäus



Erbauer: Franz Karl Bien (Blankenau) 1744, Rekonstruktion und Erweiterung Orgelbau Hoffmann (Ostheim v.d. Rhön) 1993, Schleifladen, mechanische Spiel- und Registertraktur

Blankenau ist einer der acht Ortsteile der Gemeinde Hosenfeld im hessischen Landkreis Fulda in Osthessen. Das ländlich geprägte Dorf liegt ganz im Westen des Landkreises Fulda unmittelbar an der Kreisgrenze zum Vogelsbergkreis und hat heute knapp 800 Einwohner. Geographisch wird das Dorf an den östlichen Ausläufern des Vogelsberges, der die Rhön und den Vogelsberg voneinander trennt, dem "Fuldaer Vogelsberg" zugeordnet. Es ist 19 km von der Kreisstadt Fulda entfernt. Geschichtlich wurde Blankenau erstmals in einer Urkunde über die Zerstörung der Burg derer von Blankenwald im Jahre 1264 erwähnt. Der Ort besitzt mit der Anlage des ehemaligen Benediktinerinnen-Klosters in der Ortsmitte ein bedeutendes Baudenkmal. Die Burg der Herren von Blankenwald, einer Seitenlinie der Herren von Schlitz, galt im 13. Jahrhundert als eines der gefürchtetsten Raubritternester des Fuldaer Landes. Der Fuldaer Fürstabt ließ die Burg Blankenwald im Jahre 1264 erstürmen und schleifen. Im Jahr darauf wurde das Frauenkloster gegründet. Die gotische Klosterkirche, auf deren Fundamenten die heutige Pfarrkirche St. Simon und Judas steht, war nach einer Urkunde von 1279 der Hl. Maria geweiht. Vierungsturm und der östliche Teil der Kirche stammen noch aus dieser Zeit. Der Vierungsturm gehört zu den frühesten gotischen Vierungstürmen im deutschsprachigen Raum. Zwischen 1614 und 1620 erlangte der zwischenzeitlich zur Propsteikirche gewordene Bau ihr heutiges Aussehen unter dem tatkräftigen Propst Johann Bernhard Schenk zu Schweinsberg. Um 1700 wurde die Kirche in ihrem Inneren barockisiert und 1744 erhielt sie eine Orgel aus der einheimischen Orgelbauer-Werkstatt Bien.
Die Orgelbautradition in Fulda und der Rhön beginnt im späten 17.Jahrhundert und hat ihren Ausgangsort in – Blankenau mit der Familie Bien. Stammvater war Johann Daniel Bien, ein als „sehr geschickter Mann“ bezeichneter Organist und Schreiner in Blankenau; er starb 1670. Sein Sohn Johannes Bien, 1663 geboren, war der bedeutendste Meister der Familie Bien. Er war Schreiner wie sein Vater und schuf um 1700 die bis heute erhaltene, barocke Kanzel in der Blankenauer Kirche. Wo er seine Kenntnisse im Orgelbau erworben hat, ist bis heute nicht geklärt. Im Zeitraum von 1701 bis 1734 ist er mit Orgelarbeiten nachgewiesen, unter anderem schuf er Neubauten in Elm und Herolz bei Schlüchtern und auf dem Florenberg bei Fulda. Alle diese Werke sind leider nicht erhalten. Johannes Bien starb 1739 in Blankenau. Die Orgelbauwerkstatt wurde von seinem Sohn Franz Karl Bien weitergeführt, von dem wir bis heute aber leider keinerlei biographische Daten besitzen. Einzig die 1744 von Franz Karl Bien erbaute Orgel in seinem Heimatort Blankenau zeugt bis heute von der Kunst dieser Stammfamilie des Fuldaer und Rhöner Orgelbaues. Einer der Schüler Biens war aller Wahrscheinlichkeit nach Jost Oestreich, der Begründer der bedeutenden Orgelbauerfamilie Oestreich, die in der zweiten Hälfte des 18. und durch das 19.Jahrhundert hindurch Orgelbau und Orgelästethik in Osthessen und darüber hinaus maßgeblich mitprägte. 1884 wurde das ursprünglich einmanualige Werk Biens in Blankenau umgebaut, auf zwei Manuale erweitert und auch klanglich „romantisiert“. Diese Arbeiten führten die Gebr. Euler aus Gottsbüren bei Kassel durch. In diesem Zustand befand sich die Orgel bis Anfang der 1990er Jahre. 1993 erfolgte eine stilgerechte Renovierung der Orgel durch die Fa. Hoffmann in Ostheim vor der Rhön. Die Disposition von 1744 war Ausgangs- und stilistischer Orientierungspunkt für die Klanggestaltung der Orgel mit nun 21 Registern auf zwei Manualen und Pedal. 
Die 1744 erbaute und 1993 renovierte und erweiterte Bien-Orgel in Blankenau besitzt einen prächtigen Barockprospekt mit dem Wappen des Propstes und späteren Fuldaer Fürstbischofs Adalbert von Walderdorff. Darin befinden sich heute 21 Register auf zwei Manualen und Pedal. Die Disposition des Hauptwerks entspricht im Wesentlichen der Disposition, die Franz Karl Bien 1744 gebaut hat: der klassische Prinzipalchor 8', 4' und 2' nebst Quinta 3' wird in der 8'-Lage breit differenziert durch Quintatön, Gambe, Salicional und Bifra; gekrönt wird der Klang des Hauptwerks von einer 4fachen Mixtur. Das Auftreten der Bifra ist bemerkenswert, es handelt sich um das frühe Beispiel für ein schwebendes Register, wie es vor allem im fränkischen Orgelbau jener Zeit häufig gebaut wurde. Welche Beziehungen Bien zu Franken hatte, ist allerdings unklar. Das Oberwerk besitzt 6 Stimmen, nämlich Hohlflöte und Flauto dolce 8', Flöte und Gemshorn 4', ein „Flagelet“ 2' und eine Sesquialtera. Das Pedal besitzt Principal, Subbaß und Posaune 16', Octav- und Gedacktbaß 8' sowie eine Oktave 4'. Somit besitzt die sehenswerte und wertvolle ehemalige Prospsteikirche zu Blankenau heute wieder ein Orgelinstrument, das Zeugnis ablegt vom Beginn einer langen Orgelbautradition im Fuldaer Land. Diese kann man über eine bruchlose Traditions- und Entwicklungslinie von der Stammfamilie Bien in Blankenau, über die weit verzweigte Dynastie der Oestreichs, von dort über die hauptsächlich im Unterfränkischen wirkenden Gebrüder Schneider, von diesen wiederum über Michael Katzenberger und von diesem bis hin zur heute in Ostheim vor der Rhön wirkenden Orgelbauerfamilie Hey verfolgen. 

Link zum klingenden Orgelportrait >>> https://www.youtube.com/watch?v=BW1lzGBR5go

Disposition: 

Hauptwerk, C-f3 Oberwerk, C-f3 Pedal, C-d1  
Principal 8' Hohlflöte 8' Principal 16' Manualkoppel
Quintatön 8' Flauto dolce 8' Subbaß 16' Pedalkoppel zu I
Gambe 8' Flöte 4' Octavbaß 8' Pedalkoppel zu II
Salicional 8' Gemshorn 4' Gedacktbaß 8'  
Bifra 8' Flageolet 2' Octave 4'  
Octave 4' Sesquialtera 2f. Posaune 16'  
Quinte 3'      
Octave 2'      
Mixtur 4f.      


In Blankenau gespielte Stücke:
Anonymus: Wt de diepte o Heere >>> https://www.youtube.com/watch?v=zUEsxq054W4
Johann Sebastian Bach: Christ, der du bist der helle Tag BWV 1120 >>> https://www.youtube.com/watch?v=IOQDqZx67C4
Johann Krieger: Praeludium und Ricercar in g >>> https://www.youtube.com/watch?v=0elj5zr7SU8
Johann Krieger: Toccata in D >>> https://www.youtube.com/watch?v=lg8GSrc2Y0s
Johann Gottfried Vierling: Adagio affetuoso A-Dur >>> https://www.youtube.com/watch?v=eihD41upOiI
Johann Gottfried Vierling: Auf, auf, mein Herz, mit Freuden >>> folgt
Johann Gottfried Vierling: Grazioso G-Dur >>> https://www.youtube.com/watch?v=eihD41upOiI
Johann Gottfried Vierling: Kein Stündlein geht dahin >>> https://www.youtube.com/watch?v=lq_ZW-UNa5s
Johann Gottfried Vierling: O heiliger Geist, o heiliger Gott >>> folgt
 



BOBENHAUSEN II (Stadt Ulrichstein, Vogelsbergkreis)
Ev. Pfarrkirche St. Gangolf




Erbauer: Philipp Ernst Wegmann (Frankfurt am Main) 1775, Schleifladen, mechanische Spiel- und Registertraktur

Bobenhausen II ist ein Ortsteil der Stadt Ulrichstein im mittelhessischen Vogelsbergkreis. Der Ort liegt circa vier Kilometer westlich des Kernorts Ulrichstein am Lauf des Gilgbaches. Eng und mit steilen Hängen versehen ist dieses Tal, bedeckt mit Äckern, Wiesen und grünenden Weiden – ein Stück Hessen wie aus dem Bilderbuch. Es gibt übrigens auch noch ein Bobenhausen I, heute ein Ortsteil von Ranstadt im Wetteraukreis. Vor der Gebietsreform, in deren Ergebnis Bobenhausen II 1972 in die Stadt Ulrichstein eingemeindet wurde, behalf man sich, da beide Bobenhausen in der Provinz Oberhessen lagen, zur Unterscheidung einfach mit der römischen Ziffer I bzw. II hinter dem Ortsnamen und darum heißen die Orte auch heute noch so. Bobenhausen II wurde 1294 erstmals als „Babinhusin“ urkundlich erwähnt. Die Urkunde bezeugt eine Schenkung der Einkünfte aus den Gütern Bobenhausens an das Kloster Arnsburg. Die Burg Ulrichstein, die Gerichte Bobenhausen und Felda sowie das Gericht Schotten waren ursprünglich im Besitz der Grafschaft Isenburg-Büdingen. Später gehörte der Ort zur Landgrafschaft Hessen-Marburg, ab 1604 zu Hessen-Darmstadt und später zum Großherzogtum Hessen, Provinz Oberhessen. Die evangelische Pfarrkirche, eine Saalkirche von 1765 im Stil des Rokoko, war ursprünglich dem Heiligen Gangolf geweiht und besitzt noch heute einen spätromanischen Wehrturm aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts. In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts erhielt der Westturm seinen heutigen Spitzhelm. An den Emporenbrüstungen im Inneren der Kirche sind 48 Ölgemälde auf Leinwand von Daniel Hisgen angebracht, sie zeigen neben den vier Evangelisten und den zwölf Aposteln Szenen aus der Bibel von Erschaffung der Welt bis zur Ausgießung des Heiligen Geistes. Darüber erhebt sich die Orgel, die 1775 vollendet wurde und aus der Werkstatt von Philipp Ernst Wegmann in Frankfurt stammt.
Begründer der „Weegmännischen Orgelmacherwerkstatt“ war der aus der Schweiz eingewanderte Johann Conrad Wegmann. Er war seit 1732 Hoforgelmacher in Darmstadt, starb allerdings bereits 1739. Wegmanns Witwe heiratete danach den Orgelmachergesellen Johann Christian Köhler, der die Werkstatt weiterführte und in der Johann Conrad Wegmanns 1734 geborener Sohn Philipp Ernst Wegmann später die Kunst des Orgelbaues erlernte. Nach dem Tod seines Stiefvaters 1761 übernahm Philipp Ernst Wegmann die Familienwerkstatt und erhielt den Titel eines „Hochfürstlichen Hessen-Darmstädtischen Hof- und Landorgelmachers“. Wegmann schuf ein- und zweimanualige Orgeln mit maximal 28 Registern. Abgesehen von einzelnen Stadtorgeln in Frankfurt und Mainz lag sein Wirkungsbereich zunächst im Raum Darmstadt und verlagerte sich später immer stärker auf den Vogelsberg. Hier entstanden eine ganze Reihe von Dorforgeln, auf die die Kirchengemeinden stolz sein konnten. Gut erhalten sind etwa die Instrumente in Messel bei Darmstadt, 1764 erbaut und in Groß-Eichen bei Mücke im Vogelsberg. Bemerkenswerte Orgelprospekte aus Wegmanns Werkstatt mit allerdings nicht mehr originalem Innenleben kann man beispielsweise in der Stadtkirche zu Lauterbach und in der Klosterkirche auf dem Frauenberg in Fulda bewundern. Aus unbekannten Gründen verließ Wegmann 1773 seine Werkstatt, die von seinem aus Hildesheim stammenden Meistergesellen Johann Friedrich Meinecke weitergeführt wurde. Offenbar plante Wegmann eine Auswanderung in die USA, er starb allerdings 1778 während der Überfahrt nach New York auf dem Schiff. Die Orgel in Bobenhausen II entstand in den Jahren 1774 bis 1775, nachdem Wegmann die mit ihm geschlossenen Verträge der Jahre 1766 und 1771 nicht eingehalten hatte. Die Pläne, nach denen die Orgel unter Führung von Wegmanns Meistergesellen Johann Friedrich Meynecke nun errichtet wurde, stammen aber von Philipp Ernst Wegmann selbst. Es entstand ein Instrument, wie es typischer für Wegmann kaum sein könnte. Viele dieser Eigenheiten Wegmannischer Orgeln finden wir auch an Instrumenten seines bedeutendsten Schülers Johann Markus Oestreich aus Oberbimbach, der nicht weit von Bobenhausen entfernt, in Nieder-Moos eines seiner bedeutendsten Werke erbaut hat. Philipp Ernst Wegmanns Sohn Johann Benedikt Ernst Wegmann wird 1780 als Schüler von Meinecke bezeichnet. 1796 schwor er in Frankfurt den Bürgereid, spätestens zu diesem Zeitpunkt hat er auch die Leitung der Orgelmacherwerkstatt übernommen.
Die Wegmann-Orgel in Bobenhausen II ist eine der ganz wenigen, gut erhaltenen zweimanualigen Orgeln der 18. Jahrhunderts in Hessen. Die Manuale besitzen einen Tonumfang bis zum d3. Im Hauptwerk sind disponiert Principal, Bordon und Viola di Gamba 8', Octava, „Vogara“ und Duiflauthe 4', Quint 3', Octava 2' sowie eine Sesquialtera und eine 4-5fache Mixtur, dazu kommt eine in Baß und Diskant geteilte Trompete 8'. Das Positiv besitzt die Stimmen Lieblich Gedackt und Flaute traversa 8', Principal und Flöt 4' sowie ein Flageolet 2', hinzu kommt noch eine Vox humana 8' und ein Tremulant. Das bis zum g° geführte Pedal, also mit 20 Tasten, verfügt über die Register Subbaß 16', Violon 8', einen Quintbaß 6' und einen Posaunenbaß 16'. Die letzte Restaurierung in den Jahren 1979 bis 1982 durch die Firma Gerald Woehl aus Marburg stellte den Ursprungszustand des Instruments wieder her, 6 der insgesamt 21 Register wurden stilgerecht rekonstruiert, der übrige Originalbestand behutsam restauriert. Heute präsentiert sich die Wegmann-Orgel in dem idyllischen Vogelsbergdorf Bobenhausen II als eine der herausragenden Perlen der oberhessischen Orgelkunst der Barockzeit, auch wenn sie in der öffentlichen Wahrnehmung leider ein wenig im Schatten der etwa ähnlich großen und klanglich verwandten Orgel in Nieder-Moos steht. 

Link zum klingenden Orgelportrait >>> https://www.youtube.com/watch?v=SYgKV66TgLA

Disposition:

Hauptwerk, C-d3 Positiv, C-d3 Pedal, C-g°  
Principal 8' Lieblich Gedackt 8' Subbaß 16' Manualkoppel
Bordon 8' Flaute traversa 8' Violon 8' Pedalkoppel
Viola di Gamba 8' Principal 4' Quintbaß 6' Tremulant Pos.
Octava 4' Flöt 4' Posaunenbaß 16'  
Vogara 4' Flageolet 2'    
Duiflauthe 4' Vox humana 8'    
Quint 3'      
Octava 2'      
Sesquialtera 2f.      
Mixtur 4-5f.      
Trompete 8' (B/D)      
     

In Bobenhausen II gespielte Stücke:
Georg Friedrich Händel: Voluntary Nr. 4 in g >>> https://www.youtube.com/watch?v=3WgWvlDiBLA
Johann Philipp Kirnberger: Jesus, meine Zuversicht >>> https://www.youtube.com/watch?v=ykBOvUwlQCY
Johann Philipp Kirnberger: Komm, o komm, du Geist des Lebens >>> https://www.youtube.com/watch?v=g-mgThIDNR4
Johann Philipp Kirnberger: Schmücke dich, o liebe Seele >>> https://www.youtube.com/watch?v=fc6q0wQQjWk
Johann Caspar Simon: Zehn Versetten F-Dur >>> https://www.youtube.com/watch?v=B9ZiseUupM4
Nicolaus Vetter: Allein Gott in der Höh sei Ehr (Partita) >>> https://www.youtube.com/watch?v=4s16ddOhpkA
Nicolaus Vetter: Fuga in B >>> https://www.youtube.com/watch?v=23jQWpFO5OM
Nicolaus Vetter: Praeludium in B >>> https://www.youtube.com/watch?v=0Boab5f_MGI



BRAND (Gemeinde Hilders, Landkreis Fulda)
Kath. Kirche St. Georg




Unbekannter Erbauer 1753, Schleifladen, mechanische Spiel- und Registertraktur

Brand ist einer von elf Ortsteilen der Marktgemeinde Hilders im Landkreis Fulda und im Biosphärenreservat der Hessischen Rhön. Der Ort liegt an der Bundesstraße 458 zwischen Dietges im Westen und Wickers im Osten. Die Ersterwähnung von Brand geht auf das Jahr 1258 zurück. Damals erscheint ein Hermann von Branda als Zeuge in einem Vertrag zwischen dem Würzburger Bischof Iring und dem Grafen von Henneberg. Auf dem Tannenfels nördlich des Ortes stand die Stammburg der zum buchischen Uradel gehörenden Familie von Eberstein. Der Ort Brand gehörte später halb zum fuldischen Amt Bieberstein und halb zum würzburgischen Amt Auersberg. Kirchlich gehörte der Ort im Laufe der Jahrhunderte mal zum Stift Fulda, mal zum Bistum Würzburg und ist seit 1822 Filialgemeinde des vier Kilometer südlich liegenden Ortes Reulbach. Die katholische Dorfkirche St. Georg wurde 1522 errichtet und 1701 renoviert. Vermutlich damals wurden auch die für katholische Kirchen sehr ungewöhnlichen doppelten Emporen eingebaut. Die von einer niedrigen Mauer umgebene Kirche ist ein im Fuldaer Land einmaliges Beispiel einer alten Rhöner Dorfkirche und darum unbedingt sehenswert. Die Kirche birgt eine kleine barocke Orgel, die in der Regionalliteratur auf das Jahr 1752 datiert wird. Allerdings gibt es hierfür keine urkundliche Bestätigung und auch der Erbauer des Instruments ist bis heute nicht bekannt.
Erbauer und Baujahr der Orgel in Brand sind bis heute nicht bekannt. Dennoch können wir das Instrument aufgrund seiner technischen und klanglichen Eigenheiten recht sicher in die Mitte des 18. Jahrhunderts datieren. Wie bereits erwähnt, lag Brand auf der Nahtstelle zwischen dem Fuldischen und dem Würzburgischen, der in Frage kommende Orgelbauer könnte also auf beiden Seiten der Grenze zu suchen sein. Im Hochstift Fulda wirkte zu jener Zeit in Blankenau die Orgelbauerfamilie Bien, über dessen letzten Vertreter Franz Karl Bien, der 1744 eine teilweise erhaltene Orgel in seinem Heimatort errichtet, wissen wir aber so gut wie nichts und über weitere Arbeiten aus seiner Werkstatt ist nichts bekannt geworden. Schauen wir also in Richtung Würzburg. Die Filialgemeinde Brand gehörte bis 1727 zur würzburgischen Pfarrei Wüstensachsen. Dort in Wüstensachsen erbaute um 1750 Bartholomäus Brünner aus Würzburg eine neue Orgel. Brünner wurde 1684 in Bieringen an der Jagst im Hohenlohischen geboren. Über seinen Lebensweg ist wenig bekannt. Brünner erwarb 1727 das Bürgerrecht und damit die Gewerbeerlaubnis in Würzburg. Da Brünner weder das Dom- noch das Hoforgelmacher-Privileg besaß – diese Ämter hatten zu seiner Zeit Johann Georg Otto und Johann Philipp Seuffert inne – hatte er es offenbar nicht leicht, seine Werkstatt gegen die prominente Konkurrenz aufrechtzuerhalten. Dies gelang ihm nur dadurch, dass er weite Wege in Kauf nahm, seinen Wirkungskreis auf entlegenere Gebiete ausdehnte und sozusagen Nischen am Rande aufsuchte. So finden wir ihn im Südwesten Mainfrankens, in seiner Heimat Schöntal an der Jagst um im Raum Bruchsal, aber auch in Rüdesheim am Rhein und mehrfach im Gebiet der Fürstabtei Fulda. So baute er 1734 eine Orgel in der Universitätskirche zu Fulda, 1747 in Schleid in der Thüringischen Rhön, um 1750 im benachbarten Wüstensachsen und warum sollte er nicht auch in nur wenige Kilometer entfernt liegenden Dorfe Brand gebaut haben? Damit würde die unbestätigte Jahreszahl 1752, die lediglich auf einer mündlichen Mitteilung des zuständigen Pfarrers aus den 1960er Jahren fußt, an Wahrscheinlichkeit gewinnen. Denkbar wäre auch eine Zuschreibung an den 1716 geborenen Orgelbauer Johann Wolfgang Wiegand aus Borsch in der Thüringischen Rhön. Wiegand ist zwischen etwa 1750 und 1785 mehrfach im Fuldischen als Orgelbauer nachweisbar. Der Orgelprospekt in Flieden stammt von ihm, er enthält allerdings schon lange keine originalen Pfeifen mehr. Die einzige ihm sicher zugeschriebene und auch in weiten Teilen erhaltene Orgel steht in Leusel bei Alsfeld, 1769 erbaut. Sie weist durchaus gewisse Ähnlichkeiten mit der Orgel in Brand auf. Aber eine Zuschreibung an Wiegand hieraus abzuleiten, wäre Spekulation.
Die kleine Orgel in der Dorfkirche zu Brand wurde nach ihrer Erbauung nur einmal etwas verändert, nämlich 1963 durch den Orgelbauer Wolfgang Hey. Im Jahre 2007 erfolgte sodann eine grundlegende Restaurierung und Rückführung auf den wahrscheinlichen Originalzustand durch die Firma Orgelbau Waltershausen. Neben dem Gehäuse sind noch die Windlade, der überwiegende Teil des Pfeifenwerks sowie Teile der Traktur erhalten. Das Manual besitzt einen Umfang vom C bis zum c3 ohne das Cis. Original erhalten sind drei der insgesamt sechs Register, nämlich Gedackt 8', Principal 4' und Flöte 4'. Das Register Octave 2' wurde im Zuge der Restaurierung 2007 von Orgelbau Waltershausen neu angefertigt. Die beiden restlichen Stimmen, die Quinte 1 1/3' sowie die 2fache Cimbel, die auf dem neuen Registerschild als Mixtur bezeichnet ist, stammt vom Umbau durch Wolfgang Hey 1963. Das Pedal im Umfang bis zum f°, also mit 17 Tasten, ist angehängt mit eigenen Ventilen in der Windlade, also ohne eigene Register. Bei der jüngsten Restaurierung hat man dem Instrument eine ungleichschwebende Stimmung nach Neidhard I gegeben, was der Lebendigkeit des Klanges sehr förderlich ist. Die Orgel in Brand: ein optisch wie klanglich schönes Barockinstrument in einer interessanten alten Kirche, eingebettet in die herrliche Landschaft der Rhön. Ein Kleinod wie aus dem Bilderbuch.


Link zum klingenden Orgelportrait >>> https://www.youtube.com/watch?v=akaYcNoTTUc

Disposition:

Manual, CD-c3 Pedal, CD-f°  
Gedackt 8' angehängt  
Principal 4'    
Flöte 4'    
Octave 2'    
Quinte 1 1/3'    
Cimbel 2f.    
   
In Brand gespielte Stücke:
Johann Heinrich Buttstedt (Zuschreibung): Allein Gott in der Höh sei Ehr https://www.youtube.com/watch?v=5wZOUeCH8D8
Christoph Graupner: Aria variata c-moll >>> https://www.youtube.com/watch?v=7Q8kDbAt9f0
Johann Krieger: Christe, der du bist Tag und Licht >>> https://www.youtube.com/watch?v=mxYPjsqJw-g
Johann Krieger: Christum wir sollen loben schon >>> https://www.youtube.com/watch?v=rI4rh37Y9rU
Johann Krieger: Praeludium in e >>> https://www.youtube.com/watch?v=xlBfWdhesPM
Georg Andreas Sorge: Zwei kleine Praeludien E-Dur >>> https://www.youtube.com/watch?v=sHF_EhN8qDw



BÜCHENBERG (Gemeinde Eichenzell, Landkreis Fulda)
Kath. Pfarrkuratiekirche St. Jakobus




Erbauer: Joseph Oestreich (Bachrain) 1864, technischer Neubau durch Manfred Thonius (Roßtal) 1979, Schleifladen, mechanische Spiel- und Registertraktur

Büchenberg ist ein Ortsteil der Gemeinde Eichenzell im osthessischen Landkreis Fulda, an den westlichen Ausläufern der Rhön gelegen. Das Dorf wird erstmals in einer Urkunde König Heinrichs II. aus dem Jahre 1012 genannt, in der dem Kloster Fulda das Waldgebiet des Zunderhart geschenkt wurde. 1971 wurde die Gemeinde Büchenberg in die Gemeinde Eichenzell eingegliedert. Heute hat der Ort etwas über 900 Einwohnerinnen und Einwohner. Eine Kapelle in Büchenberg wird erstmals 1630 genannt, sie war 1656 dem Hl. Jakobus dem Älteren sowie den heiligen Martin und Nikolaus geweiht. Die heutige katholische Kirche St. Jakobus ist ein stattlicher Bau, der in den Jahren 1905 bis 1907 im neogotischen Stil errichtet wurde. Die Kirche ist, was relativ unüblich ist, zweischiffig - mit den Säulen in der Mitte. Mündlicher Überlieferung im Dorf zufolge hat der damalige Pfarrer von Hattenhof, zu dem Büchenberg als Filiale gehörte, beim Betrachten des Bauplanes gesagt habe, die Kirche sei zu groß. Somit habe er ein Drittel daran gestrichen. Wie auch immer, aus der alten Kirche übernommen wurde die Orgel, die 1864 von Joseph Oestreich erbaut wurde.
Joseph Oestreich, der Erbauer der Büchenberger Orgel, wurde 1817 als Sohn von Johann Adam Oestreich geboren. Er repräsentiert die vierte Generation jener traditionsreichen Orgelbauerfamilie, die Mitte des 18.Jahrhunderts mit Jost Oestreich in Oberbimbach begonnen hat und im Schaffen von Johann Markus Oestreich einen Höhepunkt erreichte. Die beiden Söhne von Johann Markus Oestreich, Johann Georg und Johann Adam, gehen nach anfänglich gemeinsamer Arbeit mit dem Vater später getrennte Wege. Während Johann Georg die Familienwerkstatt in Oberbimbach weiterführt, gründet Johann Adam nach einer mehrjährigen Tätigkeit in Westfalen eine eigene Werkstatt in Bachrain – vor den Toren Fuldas gelegen. Dessen Sohn Joseph übernahm 1847 bei seiner Heirat Anwesen und Werkstatt seines Vaters Johann Adam. Joseph Oestreich hatte einen sehr guten Ruf als Orgelbauer und galt lange Zeit als „der Oestreich“ im Fuldaer Land, wie vor ihm sein Großvater Johann Markus. Er betreute alle wichtigen Orgeln in Fulda und Umgebung, so die beiden Domorgeln, die Orgel der Stadtpfarrkirche und der Michaelskirche in Fulda und andere. Ab 1840 ist er mit eigenen Orgelarbeiten nachweisbar. 1842 half er seinem älteren Bruder Constantin beim Orgelneubau im westfälischen Altastenberg. Diese Orgel ist leider nicht erhalten, ebenso die Zeiten nicht überstanden hat sein Instrument von 1844 in Großenbach bei Hünfeld. Erhalten blieb in Teilen eine kleine Orgel, 1845 erbaut für die Dorfkirche zu Erdmannrode. Durch seine zahlreichen Stimm- und Pflegetätigkeiten hatte er nur selten die Gelegenheit, in Neubauten sein Können zu zeigen. Somit ist das 1864 errichtete Instrument in Büchenberg eines der wenigen Zeugnisse, dessen spätklassizistischer Prospekt und vier Register noch heute von der Kunst des Joseph Oestreich Zeugnis ablegen. Beim Kirchenneubau in Büchenberg wurde das Instrument von Kaspar Schedel aus Fulda in die neue Kirche überführt und durch Anbau zusätzlicher Register auf einer pneumatischen Kegellade erweitert. 1979 erfolgte dann ein technischer Neubau durch die Orgelbauwerkstatt Manfred Thonius aus Roßtal bei Nürnberg. Der Prospekt und vier Register der Oestreich-Orgel wurden hierbei übernommen.
Die heutige Oestreich-/Thonius-Orgel besitzt 13 Register auf einem Manual und Pedal. Gedackt und Flöte 8' stammen von Joseph Oestreich, dazu kommen in 8'-Lage noch ein Principal und eine Trompete. Octave 4' und 2', ein Gemshorn 4' und eine Quinte 2 2/3' ergänzen die Klanggestalt, die von einer 3fachen Mixtur bekrönt wird. Das Pedal ist mit vier Registern ausgestattet, Subbaß 16' und Gedacktbaß 8' sind wiederum aus der Oestreich-Orgel bis heute erhalten, dazu kommen die neobarocken Stimmen Choralbaß 4' und ein Piffaro 2fach, 4' und 2'. Trotz der starken Veränderungen kommt den erhaltenen Teilen der Büchenberger Oestreich-Orgel eine besondere Bedeutung zu, denn aus der vierten Generation der Bachrainer Oestreich-Linie sind überhaupt nur ganz wenige Pfeifenreihen in Erdmannrode und Büchenberg erhalten. Diese lassen bis heute ihren erdig-dunklen, dem Geist der Romantik verpflichteten Klangcharakter hören. 

Link zum klingenden Orgelportrait >>> https://www.youtube.com/watch?v=2J9QrymAlWs

Disposition:

Manual, C-c3 Pedal, C-d1  
Principal 8' Subbaß 16' Pedalkoppel
Flöte 8' Gedacktbaß 8'  
Gedackt 8' Choralbaß 4'  
Octave 4' Piffaro 2f. 4'+2'  
Gemshorn 4'    
Quinte 2 2/3'    
Octave 2'    
Mixtur 3f.    
Trompete 8'    

In Büchenberg gespielte Stücke:
Johannes Brahms: O wie selig seid ihr doch, ihr Frommen >>> https://www.youtube.com/watch?v=l4vtzV1XdGE
Christian Scherer: Ein Stern geht auf im Buchenland >>> https://www.youtube.com/watch?v=GgNfdh7uWZE
Christian Scherer: Komm, Schöpfer Geist, kehr bei uns ein >>> https://www.youtube.com/watch?v=4Nx1p-TMl24
Wilhelm Volckmar: Erschienen ist der herrlich Tag >>> https://www.youtube.com/watch?v=rUnESbFdFkQ
Wilhelm Volckmar: Herzliebster Jesu >>> https://www.youtube.com/watch?v=bsn9K-tC6nI



BURGHAUN (Landkreis Fulda)
Ev. Pfarrkirche




Erbauer: Conrad Euler (Gottsbüren) 1893, Schleifladen, mechanische Spiel- und Registertraktur

Burghaun ist eine Marktgemeinde im Landkreis Fulda in Osthessen. Der Ort liegt mit seinen Ortsteilen inmitten der hessischen Kuppenrhön, auch bekannt als das Hessische Kegelspiel - es ist der nördlichste Teil der Hessischen Rhön. Burghaun liegt, wie der Name schon andeutet, im Tal der Haune - eines Nebenflusses der Fulda - und ist durch deren Flussverlauf geprägt. Burghaun grenzt im Norden an die Gemeinden Haunetal und Eiterfeld, im Osten und Süden an die Stadt Hünfeld, sowie im Westen an die Stadt Schlitz. Die erste urkundliche Erwähnung ist datiert auf das Jahr 1262, jedoch wird die Gründung auf das 9. Jahrhundert geschätzt. Die ortsansässigen Ritter von Haune lagen in häufiger Fehde mit den Fürstäbten zu Fulda, was ihnen dort den Ruf als Raubritter einbrachte. Im späten Mittelalter wurde dieser Teil des Fuldaer Landes geprägt von den Ereignissen der Reformation und der Gegenreformation. Und so stehen auf dem Gelände der ehemaligen Burg der Herren von Haune friedlich direkt nebeneinander die katholische und die evangelische Pfarrkirche des Ortes, der im Rahmen der Hessischen Gebietsreform 1972 zum Mittelpunkt der aus neun Ortsteilen bestehenden Großgemeinde Burghaun wurde. Die evangelische Pfarrkirche ist die kleinere der beiden und wurde 1728 nach den Plänen des fürstlich-fuldischen Hofbaumeisters Andrea Gallasini erbaut. Ursprünglich war sie dem heiligen Georg geweiht, sie steht damit in der Tradition der alten Burgkapelle. Und so finden sich in der evangelischen Kirche heute noch zahlreiche Grabmäler aus der Zeit der Renaissance der Herren von Haune. Beide Burghauner Kirchen besitzen Orgeln aus der Werkstatt von Conrad Euler beziehungsweise der Gebrüder Euler aus Gottsbüren. Die Orgel in der evangelischen Kirche wurde 1895 abgenommen. Bis dies allerdings geschehen konnte, gab es einige Verwicklungen.
Conrad Euler, der Erbauer der Orgel in der Evangelischen Kirche zu Burghaun, wurde 1866 in eine Orgelbauerfamilie hineingeboren, deren Tradition sich bis zu dem 1598 geborenen Joachim Koulen zurückverfolgen läßt. Der 1759 in Frischborn im Vogelsberg geborene Johann Friedrich Euler heiratete 1784 in die damals von Johann Stephan Heeren geführte Familienwerkstatt ein. Die Orgelbaufirma Euler erlebte ihre Blütezeit in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts, als der 1827 geborene Friedrich Wilhelm Euler und sein zehn Jahre jüngerer Bruder Heinrich Ludwig Euler das Unternehmen unter dem Namen Gebrüder Euler führten und den Orgelbau vor allem in Nordhessen in jener Zeit prägten. Friedrich Wilhelm Eulers Sohn Conrad, wie gesagt geboren 1866, übernahm nach dem Tod des Vaters 1893 die Werkstatt und erhielt 1896 den begehrten Hoforgelbauertitel, den auch schon die Firma Gebrüder Euler ab 1878 tragen durfte. Er verlegte die Werkstatt von Gottsbüren nach Hofgeismar und führte das Unternehmen bis 1935. Conrad Euler starb 1947. Unter Führung seines Sohnes und seines Enkels existierte die Firma bis gegen Ende des 20.Jahrhunderts. Die Orgel in Burghauns evangelischer Kirche wurde von Conrad Euler erbaut, allerdings unter Verwendung wesentlicher Teile eines älteren Orgelwerks. In Balhorn, heute ein Ortsteil der Gemeinde Bad Emstal im Landkreis Kassel, erbaute Conrad Euler zu jener Zeit ebenfalls eine neue Orgel. Auf Vermittlung des königlichen Musikdirektors Albrecht Brede in Kassel bot man der Gemeinde Burghaun nun die alte, 1748 erbaute Balhorner Orgel zum Geschenk an. Conrad Euler sollte aus dem noch brauchbaren Material eine neue Orgel mit einem neuen Gehäuse erbauen und einige zeittypische Änderungen in der Disposition vornehmen. Doch die Verantwortlichen in Burghaun zögerten. Albrecht Brede musste nun deutlicher werden, er schrieb: „Aus welchem Grunde man ein solches Geschenk zurückweist, ist mir unbegreiflich. Wenn das Burghauner Presbyterium das Geschenk zurückweist, dann soll es sehen, wie es zu einer neuen Orgel gelangt, die Orgel in Balhorn aber nehmen andere gering bemittelte Gemeinden mit Kußhand.“ Die Worte Bredes zeigten Wirkung, 1895 konnte er in seinem Abnahmegutachten feststellen, dass von sieben Manualregistern fünf aus der Orgel in Balhorn übernommen wurden.
Nachdem 1961 ein Teil der Kirchendecke einstürzte, wurde das Bauwerk renoviert und die Orgel bei der Gelegenheit klanglich im Sinne des damals modernen Neobarock verändert. 1985 erfolgte eine Restaurierung des Instruments durch die Firma Otto Hoffmann aus Ostheim vor der Rhön, verbunden mit einer Rückführung auf die Originaldisposition, wie sie Conrad Euler gebaut hat. Rund ein Viertel der Pfeifen stammen noch heute aus der alten, 1748 erbauten Orgel von Balhorn. Ein weiteres Viertel stammt von Conrad Euler und der Rest, also etwa die Hälfte des heutigen Pfeifenwerks, stammt von den Umbauten und Restaurierungen in den sechziger und achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Das Manual besitzt einen Umfang bis zum f3 und folgende Register: Principal, Hohlflöte, Gedackt und Gamba 8', Oktave und Flöte 4', ein Principal 2' und eine 3fache Mixtur. Das Pedal mit einem Tonumfang bis zum d1 besitzt die beiden Stimmen Subbaß 16' und Oktavbaß 8', dazu kommt eine Pedalkoppel. 

Link zum klingenden Orgelportrait >>> https://www.youtube.com/watch?v=L7qHE8FbDx8

Disposition:

Manual, C-f3 Pedal, C-d1  
Principal 8' Subbaß 16' Pedalkoppel
Hohlflöte 8' Octavbaß 8'  
Gedackt 8'    
Gamba 8'    
Octave 4'    
Flöte 4'    
Octave 2'    
Mixtur 3f.    

In der evangelischen Kirche Burghaun gespielte Stücke:
Johannes Brahms: Herzliebster Jesu >>> https://www.youtube.com/watch?v=xs3bP4y9QUk
Albrecht Brede: Fuge d-moll >>> https://www.youtube.com/watch?v=mWRBwCgU9Uo
Johann Heinrich Buttstedt: Nun komm, der Heiden Heiland >>> https://www.youtube.com/watch?v=Wfnu5EZW6hM
Max Reger: Freu dich sehr, o meine Seele >>> https://www.youtube.com/watch?v=LWiWxmLZh2Q
Max Reger: Großer Gott, wir loben dich >>> https://www.youtube.com/watch?v=4TlnI1xtaJY
Christian Heinrich Rinck: Gott sei gelobet und gebenedeiet >>> https://www.youtube.com/watch?v=MDJ5hhulf7Y
Christian Heinrich Rinck: Ich komm jetzt als ein armer Gast >>> https://www.youtube.com/watch?v=Z9TEA75ujFg
Christian Heinrich Rinck: O Lamm Gottes, der du trugest >>> https://www.youtube.com/watch?v=CIZ6KGERGTM
Robert Schaab: Liebster Jesu, wir sind hier >>> https://www.youtube.com/watch?v=iUvAdRgm0d4
Robert Schaab: Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut >>> https://www.youtube.com/watch?v=OWCjkD_Z3qg
Wilhelm Volckmar: Der Tag ist hin >>> https://www.youtube.com/watch?v=YSFeeGznMak
Wilhelm Volckmar: Gott sei Dank in aller Welt >>> https://www.youtube.com/watch?v=yNAG7RKUrBc&t=9s
Wilhelm Volckmar: Komm, Gott Schöpfer, heiliger Geist >>> https://www.youtube.com/watch?v=VPIDmDgbvAY&t=5s



BURGHAUN (Landkreis Fulda)
Kath. Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt



Erbauer: Gebrüder Friedrich Wilhelm und Heinrich Ludwig Euler (Gottsbüren) 1878, Schleifladen, mechanische Spiel- und Registertraktur

Burghaun ist eine Marktgemeinde im Landkreis Fulda in Osthessen. Der Ort liegt mit seinen Ortsteilen inmitten der hessischen Kuppenrhön, auch bekannt als das Hessische Kegelspiel - es ist der nördlichste Teil der Hessischen Rhön. Burghaun liegt, wie der Name schon andeutet, im Tal der Haune - eines Nebenflusses der Fulda - und ist durch deren Flussverlauf geprägt. Burghaun grenzt im Norden an die Gemeinden Haunetal und Eiterfeld, im Osten und Süden an die Stadt Hünfeld, sowie im Westen an die Stadt Schlitz. Die erste urkundliche Erwähnung ist datiert auf das Jahr 1262, jedoch wird die Gründung auf das 9. Jahrhundert geschätzt. Die ortsansässigen Ritter von Haune lagen in häufiger Fehde mit den Fürstäbten zu Fulda, was ihnen dort den Ruf als Raubritter einbrachte. Im späten Mittelalter wurde dieser Teil des Fuldaer Landes geprägt von den Ereignissen der Reformation und der Gegenreformation. Und so stehen auf dem Gelände der ehemaligen Burg der Herren von Haune friedlich direkt nebeneinander die katholische und die evangelische Pfarrkirche des Ortes, der im Rahmen der Hessischen Gebietsreform 1972 zum Mittelpunkt der aus neun Ortsteilen bestehenden Großgemeinde Burghaun wurde. Die katholische Pfarrkirche St. Mariä Himmelfahrt entstand in den Jahren 1707 bis 1717 nach den Plänen des Fuldaer Stiftsbaumeisters Johann Dientzenhofer. Die barocke Orgel wurde im Jahre 1878 ersetzt durch einen Neubau, mit dem man die Werkstatt der Gebrüder Euler aus Gottsbüren beauftragte.
Die Erbauer der Orgel in Burghaun, die Gebrüder Friedrich Wilhelm und Heinrich Ludwig Euler, entstammten einer alten Orgelbauerdynastie. Ihr Vater war Balthasar Conrad Euler, geboren 1791 in Gottsbüren und Schwiegersohn des Orgelbauers Johann Stephan Heeren. Insgesamt läßt sich die Orgelbau-Tradition in der Familie bis zu dem 1598 geborenen Joachim Koulen zurückverfolgen. Friedrich Wilhelm Euler wurde 1827 geboren und sein Bruder Heinrich Ludwig 1837. Beide erlernten ihr Handwerk natürlich in der väterlichen Werkstatt. 1854 übertrug der Vater seinen beiden Söhnen offiziell die Geschäftsführung, zog sich aber erst um 1858 aus der Leitung zurück. Unter dem Namen „Gebr. Euler“ führten sie als gemeinsame Inhaber die Werkstatt zu einer neuen Blüte und wurden 1878, also in dem Jahr, in dem die Orgel in Burghaun gebaut wurde, zu königlichen Hoforgelbauern ernannt. Friedrich Wilhelm Eulers Sohn, Conrad Friedrich Euler, übernahm nach dem Tod des Vaters 1893 die Werkstatt, während sein Onkel Heinrich Ludwig sich zurückzog und im Jahre 1906 verschied. Conrad Euler verlegte den Betrieb nach Hofgeismar, der später von seinem 1905 geborenen Sohn Friedrich Wilhelm Heinrich und dann von dem 1939 geborenen Enkel Friedemann Euler fortgeführt wurde. Das Familienunternehmen bestand in Hofgeismar bis gegen das Ende des 20. Jahrhunderts. Die Gebrüder Euler hielten lange, bis nach 1890 an der mechanischen Schleiflade fest. Auch das handwerklich und musikalisch sehr solide Instrument in Burghaun aus dem Jahr 1878 ist in vielen Details ungewöhnlich konservativ. Wir finden hier sogar noch Sperrventile und die Pfeifen sind auch im Diskant auf Tonlänge geschnitten. Im Laufe der Jahrzehnte wurde die Orgel niemals grundlegend verändert, wie durch ein Wunder ist sie auch der Barockisierungswelle nach dem Zweiten Weltkrieg entgangen, der in Westdeutschland nahezu keine Orgel der Romantik verschont hat. Der außerordentlich vollständige Erhaltungszustand der Euler-Orgel in Burghaun macht sie darum zu einem bedeutenden Denkmal der hessischen Orgelbaukunst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. In den Jahren 2006 bis 2007 erfolgte eine stilgerechte und behutsame Restaurierung des Instruments durch die Firma Orgelbau Waltershausen.
Die 1878 erbaute Orgel der Gebrüder Euler in Burghaun besitzt 20 Register auf zwei Manualen und Pedal. Beide Manualwerke haben einen Umfang vom Ton C bis zum f3. Grundiert wird der Klang des Hauptwerks von einem Bordun 16'. Darüber erhebt sich eine klangprächtige Disposition, bestehend aus Principal, Hohlflöte, Gamba und Trompete 8', Oktave und Flöte 4', sodann eine Rauschquinte 2fach, ein 3faches Cornett auf 4'-Basis und eine 4fache Mixtur. Das zweite Werk enthält ausschließlich sanfte, romantische Charakterstimmen, nämlich Geigenprincipal, Gedackt und ein hauchzartes Salicional 8' sowie Gemshorn und Flauto dolce 4'. Das Pedal ist bis zum d1 ausgebaut und verfügt über die fünf Register Prinzipal, Subbaß und Posaune 16' sowie Oktavbaß und Cello 8'. Wie erwähnt, besitzt die Orgel drei Sperrventile sowie eine Manual- und eine Pedalkoppel. Der freistehende Spieltisch mit Blick zum Altar ist zwar zunächst etwas unbequem, denn da man nach hinten sehr wenig Platz hat, ist man permanent in der Gefahr, nach vorne zu kippen. Aber an solche Dinge, die eben zu einer historischen Orgel dazugehören, muss sich ein heutiger Organist anpassen – und ich tue es ausgesprochen gerne, wenn ich das noch hinzufügen darf und das nicht nur deshalb, weil ich zu dieser Orgel seit Kindertagen eine besondere Beziehung habe. Die Euler-Orgel in Burghaun: ein in dieser Form und Erhaltung sehr seltenes und wertvolles Orgeldenkmal der Hochromantik im Fuldaer Land.

Link zum klingenden Orgelportrait >>> https://www.youtube.com/watch?v=mxUVqvjN3W4

Disposition:

Hauptwerk, C-f3 Oberwerk, C-f3 Pedal, C-d1  
Bordun 16' Geigenprincipal 8' Principal 16' Manualkoppel
Principal 8' Gedackt 8' Subbaß 16' Pedalkoppel
Hohlflöte 8' Salicional 8' Octavbaß 8'  
Gamba 8' Gemshorn 4' Cello 8'  
Octave 4' Flauto dolce 4' Posaune 16'  
Flöte 4'      
Rauschquinte 2 2/3' + 2'      
Cornett 3f.      
Mixtur 4f.      
Trompete 8'      

In der katholischen Kirche Burghaun gespielte Stücke:
Johannes Brahms: Herzlich tut mich verlangen op. 122,10 >>> https://www.youtube.com/watch?v=e-FGSjs4hDw
Mikolajus Konstantinas Ciurlionis: Aus tiefer Not schrei ich zu dir >>> https://www.youtube.com/watch?v=JPWtkI9LY3E
Mikolajus Konstantinas Ciurlionis: Fuge c-moll >>> https://www.youtube.com/watch?v=t4W2wzOfmhw&t=7s
Mikolajus Konstantinas Ciurlionis: Präludium es-moll >>> https://www.youtube.com/watch?v=ablVq_XXnvw
Mikolajus Konstantinas Ciurlionis: Präludium F-Dur / a-moll >>> https://www.youtube.com/watch?v=UQ9YQY92W08
Karl Davin: Andantino A-Dur >>> https://www.youtube.com/watch?v=9WUXwfZzzLc
Karl Davin: Andantino B-Dur >>> https://www.youtube.com/watch?v=Nl-q8XHgk5A
Karl Davin: Larghetto Es-Dur >>> https://www.youtube.com/watch?v=Y3CcZ1_QdpY
Karl Davin: Moderato F-Dur >>> https://www.youtube.com/watch?v=GSU1TRgcGgY
Otto Dienel: Mach's mit mir, Gott, nach deiner Güt >>> https://www.youtube.com/watch?v=z7Mg5YQaUfM
August Eduard Grell: Präludium Nr. 31 h-moll >>> https://www.youtube.com/watch?v=kIOpuZoK-GU
August Eduard Grell: Präludium Nr. 32 As-Dur >>> https://www.youtube.com/watch?v=lZHjwtMGHNQ
Max Gulbins: Christ lag in Todesbanden >>> https://www.youtube.com/watch?v=q_5eiAsIWbM
Max Gulbins: Höchster Priester, der du dich >>> https://www.youtube.com/watch?v=V3uOji92SeY
Max Gulbins: Ich hab mein Sach Gott heimgestellt >>> https://www.youtube.com/watch?v=LVZzykG_MC8
Max Gulbins: Wach auf, mein Herz und singe >>> https://www.youtube.com/watch?v=M1x2DssDLVE
Max Gulbins: Zion klagt mit Angst und Schmerzen >>> https://www.youtube.com/watch?v=1804gAogQak
Michael Henkel: Andante H-Dur >>> https://www.youtube.com/watch?v=lUskSOfKwvo
Michael Henkel: Cantabile E-Dur >>> https://www.youtube.com/watch?v=Rhf_5MK9EFo
Michael Henkel: Moderato H-Dur >>> https://www.youtube.com/watch?v=lUskSOfKwvo
Michael Henkel: 3 Versetten cis-moll >>> https://www.youtube.com/watch?v=Rhf_5MK9EFo
Michael Henkel: 2 Versetten E-Dur >>> https://www.youtube.com/watch?v=Rhf_5MK9EFo
Michael Henkel: 2 Versetten gis-moll >>> https://www.youtube.com/watch?v=lUskSOfKwvo
Michael Henkel: Versett H-Dur >>> https://www.youtube.com/watch?v=lUskSOfKwvo
Michael Henkel: 7 Versetten C-Dur >>> https://www.youtube.com/watch?v=PfP9LxLFXMU
Fanny Hensel-Mendelssohn: Andante a-moll >>> https://www.youtube.com/watch?v=4W3lKWg2BzM
Franz Liszt: Crux ave benedicta >>> https://www.youtube.com/watch?v=Gu97ExLXQK4
Franz Liszt: Jesu Christe >>> https://www.youtube.com/watch?v=cEPfeiHy8Zs
Franz Liszt: Missa pro Organo - Kyrie >>> https://www.youtube.com/watch?v=Rptbiz_oar0
Franz Liszt: Missa pro Organo - Gloria >>> https://www.youtube.com/watch?v=WPsiUvXSxGI
Franz Liszt: Missa pro Organo - Graduale >>> https://www.youtube.com/watch?v=0zd_fKc8QnE
Franz Liszt: Missa pro Organo - Credo >>> https://www.youtube.com/watch?v=rB6d9yXDCic
Franz Liszt: Missa pro Organo - Offertorium >>> https://www.youtube.com/watch?v=6VmaoZO9bP4
Franz Liszt: Missa pro Organo - Sanctus >>> https://www.youtube.com/watch?v=M89YdPOUvPQ
Franz Liszt: Missa pro Organo - Benedictus >>> https://www.youtube.com/watch?v=0ZgcR8F-0WE
Franz Liszt: Missa pro Organo - Agnus Dei >>> https://www.youtube.com/watch?v=peB_tQBMR4w
Franz Liszt: O Roma nobilis >>> https://www.youtube.com/watch?v=XgYaph6f5GY
Franz Liszt: Vexilla Regis >>> https://www.youtube.com/watch?v=JYRlchu9BVQ
Franz Liszt: Via Crucis - Vexilla Regis >>> https://www.youtube.com/watch?v=l87o0EKHW8Y
Franz Liszt: Via Crucis - Station I >>> https://www.youtube.com/watch?v=JA1RTY0qD7c
Franz Liszt: Via Crucis - Station II >>> https://www.youtube.com/watch?v=rv9phnvvLCs
Franz Liszt: Via Crucis - Station III >>> https://www.youtube.com/watch?v=CjcJDQR3UDg
Franz Liszt: Via Crucis - Station IV >>> https://www.youtube.com/watch?v=WqRiqB4OzBM&t=8s
Franz Liszt: Via Crucis - Station V >>> https://www.youtube.com/watch?v=CI61lIr_X5U&t=5s
Franz Liszt: Via Crucis - Station VI >>> https://www.youtube.com/watch?v=Y18K9SCl6zo
Franz Liszt: Via Crucis - Station VII >>> https://www.youtube.com/watch?v=oBChmeuuLtE&t=7s
Franz Liszt: Via Crucis - Station VIII >>> https://www.youtube.com/watch?v=gHTJE0C5ahs
Franz Liszt: Via Crucis - Station IX >>> https://www.youtube.com/watch?v=t1JtKUcdcDg
Franz Liszt: Via Crucis - Station X >>> https://www.youtube.com/watch?v=756Z4vbIJOs
Franz Liszt: Via Crucis - Station XI >>> https://www.youtube.com/watch?v=Fil7cA79UFc
Franz Liszt: Via Crucis - Station XII >>> https://www.youtube.com/watch?v=bb3L4mc6N2U
Franz Liszt: Via Crucis - Station XIII >>> https://www.youtube.com/watch?v=yDCL7m1Tykw&t=4s
Franz Liszt: Via Crucis - Station XIV >>> https://www.youtube.com/watch?v=3BMe82y9ZL4
Franz Liszt: Was Gott tut, das ist wohlgetan >>> https://www.youtube.com/watch?v=dkazjU-Yko8&t=3s
Max Reger: Lobe den Herren >>> https://www.youtube.com/watch?v=69Dp5KAZD7s
Max Reger: Macht hoch die Tür >>> https://www.youtube.com/watch?v=Xsar8wroxLs



BÜSSFELD (Stadt Homberg (Ohm), Vogelsbergkreis)
Ev. Kirche




Erbauer: Georg Henrich Wagner (Lich) 1651, Schleifladen, mechanische Spiel- und Registertraktur

Büßfeld ist ein Stadtteil von Homberg (Ohm) im mittelhessischen Vogelsbergkreis, rund 4 Kilometer südlich von Homberg. Die älteste bekannte schriftliche Erwähnung von Büßfeld erfolgte im Jahr 1248 unter dem Namen „Bubensvelt“. Der Ort gehörte im ausgehenden Mittelalter zum Amt Homberg an der Ohm innerhalb der Landgrafschaft Hessen-Marburg, kam nach dem sogenannten Hessenkrieg im frühen 17.Jahrhundert zur Landgrafschaft Hessen-Darmstadt und gehörte ab 1806 zum Großherzogtum Hessen, Provinz Oberhessen. Die Statistisch-topographisch-historische Beschreibung des Großherzogthums Hessen berichtet 1830 über Büßfeld: „Büßfeld, Landratsbezirk Kirtorf), evangelisches Filialdorf; liegt 3 Stunden von Kirtorf, hat 44 Häuser und 236 Einwohner, die bis auf 1 Katholiken evangelisch sind. Man findet 1 Kirche, 1 Schulhaus und 1 Mahl- und Oelmühle.“ 1971 wurde Büßfeld in die Stadt Homberg (Ohm) eingemeindet, die damals offiziell noch "Homberg (Kreis Alsfeld)" hieß. Die kleine Fachwerkkirche im idyllischen, vom Krebsbach durchflossenen Ortskern stammt aus dem Jahre 1700. Die Pläne stammten von dem Gießener Landbaumeister Johann Ernst Müller. Die Orgel auf der linken Seite im Altarraum steht seit 1848 in der Büßfelder Kirche. Sie stammt aus der Stadtkirche Homberg (Ohm) und wurde ursprünglich 1651 von Georg Henrich Wagner aus Lich erbaut. 
Georg Henrich Wagner wurde um 1610 als Sproß einer der ältesten, namentlich bekannten Orgelmacherfamilien Hessens geboren. Der 1551 als „Urgelmacher“ in Lich erwähnte Jörg Wagner war wohl sein Großvater. Dessen um 1560 geborener Sohn Georg Wagner wurde spätestens 1590 Organist an der Marienstiftskirche in Lich und entwickelte sich im frühen 17. Jahrhundert zum damals führenden Orgelbauer in Hessen. Von ihm sind die brabantisch beeinflußten Prospekte in Butzbach von 1614 und in Lich von 1624 erhalten. Von besonderem Wert ist jedoch seine auch klanglich gut bewahrte, 1621 fertiggestellte Orgel, die heute in Rodenbach in der Wetterau steht und die in einem anderen Portrait dieser Reihe vorgestellt wird. Georg Henrich Wagner erlernte seine Kunst natürlich in der väterlichen Werkstatt und ist seit frühester Jugend als Gehilfe und dann Geselle zusammen mit dem Vater tätig. 1635 erlagen der Vater und Georg Henrichs erste Frau der Pest. Georg Henrich Wagner übernahm daraufhin das Organistenamt in Lich und führte die Orgelmacherwerkstatt weiter. Er entfaltete einen für die damalige Zeit großen Wirkungskreis vom Taunus bis nach Nordhessen, doch blieben seine Neubauten größenmäßig meist hinter den Orgeln seines Vaters zurück – eine Folge des Dreißigjährigen Krieges. Die meisten Orgeln erhielten zwischen sechs und neun Register auf Grundlage des Principal 4' und hatten jeweils ein angehängtes Pedal. In dieser Form entstanden Orgeln etwa 1643 in der Stadtkirche der Residenzstadt Ziegenhain und 1650 in Echzell in der Wetterau. 1652 erbaute Wagner eine Orgel für die Klosterkirche Altenberg bei Wetzlar, die Johann Wilhelm Schöler 1757 durch seine heute noch erhaltene Orgel ersetzte. 1657 und 1659 erhielten die Stadtkirchen in Biedenkopf und Dillenburg neue Instrumente aus Wagners Werkstatt und 1663 die evangelische Kirche in Bad Laasphe. Dieses Instrument wurde 1899 zerstört, ein vorher entstandenes Foto zeigt einen Prospekt, der dem in Büßfeld erhaltenen Gehäuse zum Verwechseln ähnlich sieht. 1651 wurde die Büßfelder Orgel ursprünglich für die Stadtkirche in Homberg an der Ohm errichtet und von dort 1848 nach Büßfeld versetzt. Damals besaß das Instrument sechs Register und ein angehängtes Pedal. Georg Henrich Wagner starb 1686 in Lich. Von einer seiner letzten Arbeiten in der Schloß- und Stadtkirche zu Romrod bei Alsfeld ist der Prospekt ebenfalls bis heute erhalten. Die Orgel in Büßfeld wurde 1965 durch den Orgelbauer Lothar Hintz aus Saarbrücken-Heusweiler leider zum großen Teil „erneuert“, wie es damals hieß. Von der 1651 entstandenen Orgel Georg Henrich Wagners erhalten sind die Manual-Windlade, das Gehäuse mit den originalen, urigen Prospektpfeifen des Principal 4' sowie Teile der Gedacktregister. 
Die Orgel in Büßfeld wurde 1978 durch Gerald Woehl aus Marburg klanglich überarbeitet. Von besonderem Wert sind die originalen Prospektpfeifen mit ihrer sichtbaren Patina und der spiralförmig bossierten Mittelpfeife, ein ganz typisches Kennzeichen aller Orgeln Georg Henrich Wagners. Das heute bis zum f3 ausgebaute Manual besitzt die Stimmen Gedackt 8', dann der originale Principal bzw. Praestant 4', Hohlflöte 4', Nasard 3', Octav 2' sowie eine 2fache Rauschpfeife. Das Pedal mit dem modernen Umfang bis zum f1 verfügt über einen Subbaß 16', dazu kommt eine Pedalkoppel. 

 
Link zum klingenden Orgelportrait >>> https://www.youtube.com/watch?v=_Tq_KyArEBM

Disposition:

Manual, C-f3 Pedal, C-f1  
Gedackt 8' Subbaß 16' Pedalkoppel
Praestant 4'    
Hohlflöte 4'    
Nasard 3'    
Octav 2'    
Rauschpfeife 2f.    

In Büßfeld gespielte Stücke:
Anonymus: Bergamasca >>> https://www.youtube.com/watch?v=pE3OlatSVwE
Anonymus: Christ lag in Todesbanden >>> https://www.youtube.com/watch?v=kNcGCAyEgMM&t=4s
Anonymus: Ein Kind geborn in Bethlehem >>> https://www.youtube.com/watch?v=t_kzTabaqT4
Anonymus: Kyrie solenne >>> folgt
Anonymus: Nun komb der Heiden Heiland >>> https://www.youtube.com/watch?v=FJwrGJFWMpM
Hans Leo Hassler: Wir glauben all an einen Gott >>> folgt
Johann Caspar Kerll: Magnificat octavi toni >>> folgt
Leonhard Kleber: Finale in re seu preambalon >>> folgt
Leonhard Kleber: Preambalum in mi >>> folgt
Leonhard Kleber: Preambel in re >>> folgt
Jan Podbielski: Praeludium in d >>> folgt
David Schedlich: Ballet in C >>> folgt
David Schedlich: Ein Aufzug >>> folgt
Johann Baptist Anton Vallade: Praeambulum und Fuge F-Dur >>> folgt



DAUERNHEIM (Gemeinde Ranstadt, Wetteraukreis)
Ev. Kirche




Erbauer: Johann Andreas Heinemann und Johann Peter Rühl (Gießen) 1794, Schleifladen, mechanische Spiel- und Registertraktur

Dauernheim ist der zweitgrößte Ortsteil der Gemeinde Ranstadt im hessischen Wetteraukreis mit rund 1700 Einwohnerinnen und Einwohnern. Der Ort liegt westlich von Ranstadt in der Wetterau, etwa 30 km nordöstlich der Rhein-Main-Metropole Frankfurt. In der Dauernheimer Gemarkung verlässt die Nidda ihr enges Tal zwischen den Ausläufern des Vogelsberges und strömt hinein in die weiten Ebenen der Wetterauer Auenlandschaft. Nicht weit entfernt verläuft die Autobahn A45. Der Ort wird erstmals zwischen den Jahren 750 und 802 als „Turenheim“ erwähnt. Seit dem Hochmittelalter gehörte der Ort zur Grafschaft Nidda, später zur Grafschaft Ziegenhain. 1971 wurde der Ort im Rahmen der hessischen Gebietsreform in die Gemeinde Ranstadt eingemeindet. Die alten Befestigungen des Ortes sind heute noch zu sehen, und zwar ein Wehrturm im heutigen Pfarrgarten und die tief in den Fels gehauenen Keller unterhalb der evangelischen Kirche. Diese Felsenkeller wurden zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert in den Kirchberg geschlagen und prägen seitdem das Dauernheimer Ortsbild. Die hoch gelegene Dreifaltigkeitskirche des Ortes wurde im Jahre 1252 als Teil einer Wehrkirchenanlage errichtet und im Jahre 1461 in gotischen Formen umgestaltet. Die spätgotischen Fresken im Altarraum sind von besonderem Wert, sie zeigen Papst Gregor den Großen, dem der dornengekrönte Christus beim Abendmahl erscheint. Das Kruzifix auf dem Altar stammt aus dem Jahre 1520. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts, im Jahre 1794 erhielt die Kirche ihre heutige Orgel, deren rote Farbe ebenso original ist wie die Bemalung der Kanzel und der Emporen. Ihr Erbauer ist Johann Andreas Heinemann, der das Werk in Dauernheim gemeinsam mit seinem Schwiegersohn - damals hieß das „Tochtermann“ - Johann Peter Rühl erbaut hat.
Der Erbauer der Orgel in Dauernheim, jener Johann Andreas Heinemann stammte aus Thüringen, er wurde 1717 in Großlöbichau nördlich von Jena, im heutigen Saale-Holzland-Kreis geboren. Vermutlich lernte er sein Handwerk zunächst in der Werkstatt von Johann Bartholomäus Heinemann, der ab etwa 1723 als Orgelbauer in Großlöbichau tätig war. Nach dessen Tod 1741 arbeitete er dann bei dem Orgelbauer Johann Caspar Beck in Herrenbreitungen. Als Johann Caspar Beck zusammen mit Johann Michael Wagner aus Schmiedefeld gemeinsam ab 1747 einen großen Orgelneubau in der Stadtkirche zu Laubach am Rande des hessischen Vogelsbergs ausführten, war auch der Geselle Johann Andreas Heinemann mit dabei. Dort in Laubach hat dann die Liebe „zugeschlagen“, 1748 heiratete er eine Frau aus Laubach, mit der er vier Kinder hatte. Er machte sich zunächst in Laubach selbstständig, verlegte seine Werkstatt im Jahre 1765 aber nach Gießen und erhielt ein Jahr später das Privileg als Hessen-Darmstädtischer Orgelmacher. Heinemann gilt als bedeutendster Orgelbauer Oberhessens in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Er pflegte einen individuellen Dispositionsstil und baute Prospekte, die sich von denen seiner Konkurrenten im Lande deutlich unterschieden. Der Werkaufbau ist typisch mitteldeutsch und den schulebildenden Werken Gottfried Silbermanns nicht unähnlich. Heinemann setzt einen recht niedrigen Winddruck ein, der bei den erhaltenen Werken weniger als 60 mm WS beträgt. Nahezu im Originalzustand erhalten sind aus seinem Schaffen die Orgeln in Nieder-Gemünden im Vogelsberg, erbaut 1760 und in Breidenbach bei Biedenkopf, 1769 errichtet. Etwa zwei Drittel der Register sind in dem bedeutenden Werk erhalten, das Heinemann zwischen 1763 und 1766 in der Stiftskirche zu Wetter geschaffen hat. 1789 heiratete Heinemanns Tochter den Orgelbauer Johann Peter Rühl, der aus Niederkleen bei Langgöns im Landkreis Gießen stammte und zuvor bei Johann Friedrich Syer in Nieder-Florstadt in der Wetterau gearbeitet hat. Die 1792 von Heinemann und Rühl gemeinsam errichtete Orgel in Kirch-Göns bei Butzbach ist ebenso weitgehend erhalten wie die Orgeln in Dauernheim und Freienseen bei Laubach, die 1794 und 1797 entstanden. 1809 heiratete der Sproß einer anderen, bedeutenden hessischen Orgelmacherfamilie in die Werkstatt Rühl ein. Es war Johann Georg Bürgy, der das Unternehmen in Gießen bis 1841 weiterführte.
1794 wurde die Orgel in Dauernheim durch den jungen Gießener Organisten Christian Heinrich Rinck examiniert, der später als Darmstädter Hoforganist zu hohem Ansehen gelangte. Die Orgel wurde 1953 durch den Austausch von zwei Registern im Sinne der damaligen Neobarockwelle leicht verändert. Im Rahmen der letzten, stilgerechten Restaurierung 1979 durch die Firma Förster & Nicolaus aus Lich wurden diese Änderungen wieder rückgängig gemacht, so daß die Orgel heute wieder dasjenige Klangbild besitzt, das Johann Andreas Heinemann und Johann Peter Rühl 1794 geschaffen haben. Das Manual besitzt einen Tonumfang bis zum e3 und folgende 12 Register: Gedackt, Quintatön, Flöt Travers und Gamba 8', Principal, Flöta, Salicional und Spitzflöte 4', wobei die Spitzflöte sehr kräftig, die gesonderte Flöta 4' eher sanft intoniert ist. Weiterhin Quinta 3', Oktave 2' sowie ein 3faches Cornett und eine 4fache Mixtur. Das Pedal besitzt die Register Subbaß 16' sowie Oktavenbaß und Violonbaß 8', dazu kommt eine Pedalkoppel. Der Pedalumfang mit zwei vollen Oktaven bis zum c1 entspricht mitteldeutschem Standard, während andere Orgelbauer im Hessischen, wie etwa die Werkstätten Wegmann oder Oestreich, üblicherweise kürzere Pedale, meist bis zum g° zu bauen pflegten. 

Link zum klingenden Orgelportrait >>> https://www.youtube.com/watch?v=oquOwKdAzE8&t=24s

Disposition:

Manual, C-e3 Pedal, C-c1  
Gedackt 8' Subbaß 16' Pedalkoppel
Quintatön 8' Octavenbaß 8'  
Flöt Travers 8' Violonbaß 8'  
Gamba 8'    
Principal 4'    
Flöta 4'    
Spitzflöte 4'    
Salicional 4'    
Quinta 3'    
Octave 2'    
Cornett 3f.    
Mixtur 4f.    

In Dauernheim gespielte Stücke:
Friedrich Wilhelm Marpurg: Andante c-moll >>> https://www.youtube.com/watch?v=TRy3V5hHu2s
Friedrich Wilhelm Marpurg: Fuge D-Dur >>> https://www.youtube.com/watch?v=W7Ei8LiEvh0
Friedrich Wilhelm Marpurg: Fuge d-moll >>> https://www.youtube.com/watch?v=Vv1NMc5ncGk
Friedrich Wilhelm Marpurg: Was Gott tut, das ist wohlgetan >>> https://www.youtube.com/watch?v=18nKIZ0GQrs&t=4s
Matthias Georg Monn: Praeludium und Versetten secundi toni >>> https://www.youtube.com/watch?v=ZfvRkIZ-jlo
Franz Xaver Anton Murschhauser: Variationen "Caelo rores" >>> https://www.youtube.com/watch?v=WndLdpwLFzc
Johann Caspar Simon: Fughetta Nr. 9 f-moll >>> https://www.youtube.com/watch?v=X7-6A2veEXI
Johann Caspar Simon: Fughetta Nr. 10 G-Dur >>> https://www.youtube.com/watch?v=ny7ov87vRBc



ELM (Stadt Schlüchtern, Main-Kinzig-Kreis)
Ev. Kirche



Erbauer: Willi Peter (Köln) 1983, Prospekt Wilhelm Ratzmann (Gelnhausen) 1898, Schleifladen, mechanische Spiel- und Registertraktur

Wir sind heute in Elm zu Gast, einem rund 1200 Einwohner zählenden Ortsteil der Stadt Schlüchtern im hessischen Main-Kinzig-Kreis. Der Ort liegt am Südhang des Landrückens im Bergwinkel, der malerischen Region zwischen Rhön, Spessart und Vogelsberg rund um Schlüchtern. In der neugotischen, 1897 bis 1898 nach Plänen des Architekten Gustav Schönermark erbauten Kirche steht eine Orgel, die in ihrem 1898 von Wilhelm Ratzmann geschaffenen, ebenfalls neugotischen Prospekt eine Orgel aus dem Jahre 1983 birgt. Die Frage stellt sich natürlich, ob dies schon eine „historische Orgel“ ist. Letztlich sind alle Orgeln Klangdenkmale ihrer jeweiligen Entstehungszeit. Wir erkennen heute die unterschiedliche Charakteristik von Orgeln im Kontext der sich ständig wandelnden Klangvorstellungen, und das eingebunden in die gerade für Deutschland so charakteristischen, landschaftsgebundenen Traditionszusammenhänge. Wilhelm Krumbach hat schon vor über 50 Jahren das Wort „Orgellandschaften“ geprägt, das heute zum allgemeinen Sprachgebrauch im organologischen Schrifttum gehört - in Büchern und auch online. Letztlich merkt man diesen Wandel der Klangvorstellungen auch daran, dass – seit Jahrhunderten in nahezu ähnlicher Form – die gerade zuletzt abgeschlossene Epoche immer am geringsten geachtet wird und man diese Orgeln dann nach Gutdünken zerstört, umbaut oder „modernisiert“. So hielt man es im 19. Jahrhundert mit den Orgeln des Barock, und so erging es vielen Orgeln der Romantik in der Zeit der sogenannten Orgelbewegung. Und heute trifft dieses Verdikt oftmals die Orgeln aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Auf einen interessanten Seitenpfad der Orgelbewegung sei hier ein wenig Aufmerksamkeit gelenkt und zwar auf die Klangvorstellungen von Pfarrer Ernst Karl Rößler. Er wirkte von 1948 bis 1974 in Hohenzell, ebenfalls bei Schlüchtern und in Elm steht eine Orgel, die nach seinen Klangvorstellungen und unter Verwendung der von ihm erarbeiteten Mensuren erbaut wurde. 
Ernst Karl Rößler wurde 1909 in Pyritz in Hinterpommern, heute Pyrzyce, geboren. Nach dem Theologiestudium übernahm er 1937 seine erste Pfarrstelle in Jamund, heute Jamno, unweit der Ostsee. Parallel ist er schon ab 1930 als Komponist geistlicher Musik und zudem als Orgelsachverständiger hervorgetreten. Nach der Vertreibung trat er 1947 eine Stelle als Pfarrer in Hohenzell an und zugleich als Dozent an der Kirchenmusikschule Schlüchtern. Ab 1957 unterrichtete er zusätzlich an der Universität Freiburg im Breisgau. Noch vor dem Krieg zeichnete er Dispositionen und Mensuren historischer Orgeln in Pommern auf – es war die Zeit der Orgelbewegung. Doch im Gegensatz zu den meisten anderen Vertretern dieser Stilrichtung ist Rößlers Ansatz ein anderer. Ihm ging es darum, neue, ungehörte Klänge zu finden, die sowohl die Schwachpunkte der barocken Orgel – nämlich zu wenig Tragkraft, als auch diejenigen der romantischen Orgel, hauptsächlich mangelnde Klarheit zu überwinden imstande waren. So entstanden neue Register wie Sextade, Septade, Rohrkrummhorn, Doppelrohrflöte und so weiter. Schriftlich dargelegt hat Rößler dies alles in seinem 1952 erschienenen Buch „Klangfunktion und Registrierung“. Seine theoretischen Ansätze können hier aus Zeitgründen nur angerissen werden. Drei Schlagworte ziehen sich durch sein ganzes Werk. Zum ersten "Raumlinienstärke". Einfach gesagt bedeutet es, dass Einzelstimme ohne harmonische Begleitung immer ausreichend plastisch, raumstark sein muß. Der Gegenpol dazu wäre die Harmoniestärke oder die Raumlinienschwäche. Das zweite Schlagwort ist "Klangkonzentrität". Damit meint Rößler den Anspruch, dass jedes Register, selbst die größte Mixtur, mit einem zweiten mischbar sein muß, ohne daß die Zweiheit offen gehört werden kann. Daraus ergibt sich ein Höchstmaß an Farbigkeit gerade bei kleineren Orgeln. Das dritte Schlagwort ist "Längenkraft". Hiermit ist der Anspruch gemeint, längere Orgelstücke ohne Einbußen an innerer Spannung ohne Umregistrieren darstellen zu können. Nach kleineren und mittelgroßen Projekten in Osthessen folgten ab den 1960er Jahren eine ganze Reihe von größeren Neubauten nach diesen Grundsätzen und mit von Rößler entworfenen Dispositionen. Beispielhaft seinen genannt die Orgel im Dom zu Wesel, 1962 mit 66 Registern von der Firma Walcker errichtet und im Jahr 2000 durch einen Neubau von Marcussen ersetzt, sodann Salvatorkirche Duisburg, 1964 mit 63 Stimmen von der Firma Hammer erbaut und – das größte Instrument dieser Art – die Orgel von St. Sebald in Nürnberg 1975 mit 73 Registern, erbaut von der Firma Willi Peter aus Köln. Willi Peter hat zahlreiche Orgeln nach Rößlers Vorgaben erbaut, so auch 1983 die Orgel in Elm. Selbst Musik Max Regers läßt sich auf solchen Orgeln überzeugend wiedergeben und das ist auch ganz im Sinne Rößlers, der Regers Musik schätzte und dem es um das „Gewinnen absoluter Werte“ ging.  
Heute, im Jahr 2021 sind Rößlers Orgeln nicht mehr modern, die Geschmäcker der Organisten haben sich wieder mal gewandelt. Die erst 1970 von Rößler konzipierte Orgel der Stadtkirche in Schlüchtern fand zum Glück eine neue Heimat in der neuapostolischen Kirche in Magdeburg, als man sie 1994 in Schlüchtern durch eine Schuke-Orgel ersetzte. Und auch die Orgel in der Stockholmer Gertraudenkirche, die 1968 erbaut und von dem Komponisten Bengt Hambraeus als „Inspirationsquelle neuen Komponierens“ bezeichnet wurde, wurde 2017 zum Glück an die lutherische St. Petri-Kirche in St. Petersburg abgegeben. Die kleine Orgel in Elm besitzt 12 Register. Im Hauptwerk stehen Pommer 8', Principal und Gedackt-Nachthorn 4', Rohrschweizerpfeife 2' sowie eine 3fache Mixtur. Im Oberwerk finden wir Musiziergedackt 8', Rohrflöte 4', Principal 2' und eine Überblasende Gemsquinte 1 1/3'. Das Pedal schließlich besitzt Subbaß 16', Gemshorn 8' und Octava nazarda 4'. 

Link zum klingenden Orgelportrait >>> https://www.youtube.com/watch?v=h3Rj8qvAN7o

Disposition:

Hauptwerk, C-g3 Oberwerk, C-g3 Pedal, C-f1  
Pommer 8' Musiziergedackt 8' Subbaß 16' Manualkoppel
Principal 4' Rohrflöte 4' Gemshorn 8' Pedalkoppel zu I
Gedackt Nachthorn 4' Principal 2' Octava nazarda 4' Pedalkoppel zu II
Rohrschweizerpfeife 2' Übbl. Gemsquinte 1 1/3'    
Mixtur 3f.      

In Elm gespielte Stücke:
Helmut Bornefeld: Durch Adams Fall ist ganz verderbt >>> https://www.youtube.com/watch?v=6PjL24WblA0&t=10s
Helmut Bornefeld: Mit Fried und Freud ich fahr dahin >>> https://www.youtube.com/watch?v=YOsClJaBF9E&t=7s
Helmut Bornefeld: Vater unser im Himmelreich >>> https://www.youtube.com/watch?v=Xw9Q0RpXmf0
Kurt Hessenberg: Herr Jesu Christ, du höchstes Gut >>>
Kurt Hessenberg: Wir danken dir, Herr Jesu Christ >>>
Max Reger: Morgenglanz der Ewigkeit >>>
Max Reger: Warum sollt ich mich denn grämen >>>
Ernst Karl Rößler: Introductione, Recitativo und Cantus "Christe, du Lamm Gottes" >>>
Wolfgang Stockmeier: Kommt her, des Königs Aufgebot >>>
Wolfgang Stockmeier: Wach auf, wach auf, du deutsches Land >>>



FRAUROMBACH (Stadt Schlitz, Vogelsbergkreis)
Ev. Kirche




Erbauer: Johann Markus Oestreich (Oberbimbach) um 1800, Schleiflade im Manual, Kegellade im Pedal, mechanische Spiel- und Registertraktur

Fraurombach ist ein Stadtteil von Schlitz im osthessischen Vogelsbergkreis. Der Ort liegt südöstlich von Schlitz an der Fulda und wurde 1971 im Zuge der Gebietsreform in die Stadt Schlitz eingemeindet. Fraurombach hat heute 245 Einwohnerinnen und Einwohner. Erstmals urkundlich erwähnt wurde Rombach in der „Vita Sturmii“, einer Lebensbeschreibung des Heiligen Sturmius, im Zusammenhang mit der Klostergründung in Fulda im Jahr 744. Damals lautete der Ortsname „Ruohenbach“. Die Kirche wurde in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts errichtet. Nachdem sie zunächst den Status einer bloßen Kapelle innehatte, wurde sie 1345 zur eigenständigen Pfarrkirche mit einem Liebfrauen-Patrozinium erhoben. Der daraus abgeleitete heutige Ortsname Fraurombach taucht erstmals 1470 auf und unterscheidet den Ort von den anderen Rombach-Dörfern in der Umgebung, Oberrombach und Michelsrombach. Das romanische Langhaus bildet den ältesten Teil der Kirche. In spätgotischer Zeit wurde ein Rechteck-Chor angeschlossen und ein gotischer Spitzbogen als Triumphbogen eingezogen. Überregional bekannt ist die heute evangelische Dorfkirche wegen ihres spätmittelalterlichen Zyklus von Wandmalereien. Um 1330 entstanden, zeigen die Bilder in einer Mischung aus Secco- und Freskotechnik die Legende des Heiligen Heraklius. Die inhaltliche Darstellung des Bilderzyklus orientiert sich an dem mittelhochdeutschen Versepos „Eraclius“ des Meisters Otte. Historischer Hintergrund der Legende war der Sieg, den der byzantinische Kaiser Heraklius 628 nach langem Krieg über die persischen Sassaniden errungen hatte. Diese hatten zuvor Jerusalem eingenommen und dabei das Heilige Kreuz geraubt; nach dem Friedensschluss inszenierte der Kaiser die Rückführung der Reliquie mit großem Pomp. In den östlichen Kirchen wird diesem Ereignis bis heute durch einen Feiertag gedacht. Im Mittelalter war Heraklius als Sieger über die "Heiden" populär, auch wenn die realen Details seiner Biographie zumindest im lateinischen Westen früh durch unhistorische Legenden ersetzt wurden. Nicht geklärt ist die Frage, warum diese Legenden ausgerechnet in der doch etwas abgelegenen und kleinen Dorfkirche zu Fraurombach in so prachtvoller Weise dargestellt wurden. Um 1800 erhielt die Kirche eine Orgel aus der Werkstatt der Orgelbauerfamilie Oestreich. 
Die Orgel in Fraurombach wurde 1798 bis 1799 von Johann Markus Oestreich aus Oberbimbach bei Fulda erbaut. Dieser war der bedeutendste Meister einer Orgelbauerfamilie, die Orgelbau und Orgelästhetik in Hessen in der zweiten Hälfte des 18. Und der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts maßgeblich mitgeprägt hat. Johann Markus Oestreich wurde 1737 geboren und übernahm nach seiner Lehre, vermutlich bei Philipp Ernst Weegmann in Frankfurt, die väterliche Werkstatt. Aus ihr gingen in der Folge einige stattliche Werke hervor, von denen einige den typischen und bis heute so genannten Oestreich-Prospekt aufweisen. Bei diesem sind 15 Pfeifenfelder in der Breite nebeneinander angeordnet. Daneben baute Oestreich gegen Ende des 18. Jahrhunderts mehrfach einen kleineren, seitenspieligen Orgeltyp mit einem Manual, von dem die fast baugleichen Orgeln in Bremen und Kranlucken, jeweils in der Thüringischen Rhön gelegen und – in Fraurombach bis heute erhalten sind. Im Gegensatz zu den zwei anderen genannten Orgeln ist unser Instrument in Fraurombach mit schwungvollen Zopfstil-Ornamenten versehen. Dies gibt es so an keiner anderen Oestreich-Orgel und wir können daher vermuten, dass Johann Markus Oestreichs jüngerer Sohn Johann Adam Oestreich als ganz junger Mann maßgeblich am Orgelbau in Fraurombach mitgewirkt hat. Dieser baute in jener Zeit und auch später Orgelprospekte mit deutlich klassizistischem Einschlag. Er unterscheidet sich darin deutlich von den klassisch nachbarocken Prospekten seines Bruders Johann Georg. Trotzdem ist die eindeutige Zuordnung einer Oestreich-Orgel zu einem der gleichzeitig tätigen Familienmitglieder oftmals schwierig und es ist zu vermuten, dass viele Instrumente auch in Gemeinschaftsarbeit entstanden. Ursprünglich stand die Orgel über dem Seiteneingang auf der Südseite des Kirchenraumes. Sie wurde dann 1847 auf Westempore versetzt. 1869 wurde das Instrument durch den Orgelbauer Adam Eifert aus Stadtilm umgebaut. Eifert lieferte eine neue Pedalwindlade – eine Kegellade - und veränderte auch die Disposition. So wurde die ursprüngliche Quinte 3' gegen eine Hohlflöte 8' ausgetauscht. 1980 fand dann eine erste Restaurierung durch die Fa. Hofmann aus Ostheim vor der Rhön statt. Dies verhinderte allerdings nicht, dass sich das Instrument um die Jahrtausendwende in einem technisch und klanglich recht schlechten Zustand befand, so dass eine neuerliche Restaurierung im Jahre 2013 durch die Firma Andreas Schmidt aus Linsengericht notwendig wurde.
Die Oestreich-Orgel in Fraurombach besitzt 10 Register auf einem Manual und Pedal. Die ursprüngliche Spielanlage inklusive der alten Registerbeschriftung ist bemerkenswert gut erhalten. Im Manual, das vom C bis zum d3 geführt ist, finden wir Principal, Gedakt und Viola 8' – dies ist die typische Viola di Gamba, dann Octave und Kleingedackt 4', eine Quint 3', Oktave 2' und eine 3fache Mixtur auf 1'-Basis. Besonders charmant klingt das Kleingedackt 4'. Im Pedal finden wir Subbaß 16' und ein Violonbaß 8'. Die starre Pedalkoppel wurde vermutlich 1869 von Adam Eifert angebaut und wurde im Sinne einer Konservierung des historisch gewachsenen Zustandes beibehalten. Nach der Restaurierung hat die Orgel viel von ihrem ursprünglichen Klangcharakter zurückgewonnen. Durch die 1847 durchgeführte Versetzung auf die relativ enge und niedrige Westempore kommt der Klang im Raum allerdings nicht optimal zur Entfaltung. Doch damit wird man wohl auch künftig leben müssen. Die meisten Besucherinnen und Besucher können ohnehin nicht wegen der Orgel nach Fraurombach, sondern um den erwähnten Freskenzyklus zu sehen. So ist sie im besten Sinne des Wortes eine bescheidene Dienerin, deren Schönheit und Charakter sich nur dann öffnet, wenn man sie „sprechen“ läßt. 

Link zum klingenden Orgelportrait >>> https://www.youtube.com/watch?v=A0uYpCe7zIs&t=96s

Disposition:

Manual, C-d3 Pedal, C-c1  
Principal 8' Subbaß 16' Pedalkoppel
Gedackt 8' Violon 8'  
Viola di Gamba 8'    
Principal 4'    
Kleingedakt 4'    
Quint 3'    
Octav 2'    
Mixtur 3f.    

In Fraurombach gespielte Stücke:
Johann Erasmus Kindermann: Ach, wie sehnlich >>> https://www.youtube.com/watch?v=ydhJ7hBKU2o&t=4s
Johann Valentin Rathgeber: Aria Nr. 16 in G >>> https://www.youtube.com/watch?v=FuViolsvR-E&t=4s
Johann Valentin Rathgeber: Aria Nr. 17 in G >>> https://www.youtube.com/watch?v=FvUICI81d1g
Johann Valentin Rathgeber: Aria Nr. 18 in G >>> https://www.youtube.com/watch?v=XskTysAvPxE&t=6s
Johann Valentin Rathgeber: Aria Nr. 19 in G >>> https://www.youtube.com/watch?v=ZMyr0DOcdvc&t=4s
Johann Valentin Rathgeber: Aria Nr. 20 in G >>> https://www.youtube.com/watch?v=XcvYQoGGiqU&t=3s
Johann Gottfried Vierling: Aus tiefer Not schrei ich zu dir >>> https://www.youtube.com/watch?v=Zb6U2SjI5Ak&t=457s
Johann Gottfried Vierling: Christ, unser Herr, zum Jordan kam >>> https://www.youtube.com/watch?v=Zb6U2SjI5Ak&t=457s
Johann Gottfried Vierling: Herr Jesu Christ, du höchstes Gut >>> https://www.youtube.com/watch?v=Zb6U2SjI5Ak&t=457s
Johann Gottfried Vierling: Nun freut euch, lieben Christen >>> https://www.youtube.com/watch?v=Zb6U2SjI5Ak&t=457s
Johann Gottfried Vierling: Nun laßt uns den Leib begraben >>> https://www.youtube.com/watch?v=kA8y1s1jCWc&t=385s
Johann Gottfried Vierling: Wo Gott der Herr nicht bei uns hält >>> https://www.youtube.com/watch?v=Zb6U2SjI5Ak&t=457s
Friedrich Wilhelm Zachow: Allein zu dir, Herr Jesu Christ >>> https://www.youtube.com/watch?v=OG2F-e8Wrk4
Friedrich Wilhelm Zachow: Christ lag in Todesbanden >>> https://www.youtube.com/watch?v=b6wzSARBFgU
Friedrich Wilhelm Zachow: Herr Gott, dich loben alle wir >>> https://www.youtube.com/watch?v=R6lu4_Hae0U&t=7s



FULDA
Kath. Stadtpfarrkirche St. Blasius



Erbauer: Franz Eggert (Paderborn) 1900, Neubau ("Reorganisation") Fa. Johannes Klais Orgelbau (Bonn) 2005; Prospekt Georg Franz Ratzmann (Ohrdruf) 1837, Kegelladen, Kombination aus mechanischer und pneumatischer Spiel- und Registertraktur

Die Orgelgeschichte der osthessischen Kreisstadt Fulda geht zurück bis ins frühe Mittelalter. Das 744 gegründete Kloster entwickelte sich rasch zu einem der bedeutendsten Geisteszentren nördlich der Alpen und so ist es sehr wahrscheinlich, dass sich im Kloster beziehungsweise der Stiftskirche bereits im 9. oder 10. Jahrhundert eine Orgel befand. Im 10.Jahrhundert wurde für die Bürger des zwischenzeitlich vor den Toren des Stiftes entstandenen Dorfes „Fult“ eine Kirche errichtet. Bereits 1150 bauten die Bürger der rasch wachsenden und bald danach zur Stadt erhobenen Siedlung Fult eine romanische Marktkirche, die ihrerseits zwischen 1447 und 1466 einer gotischen Stadtkirche weichen musste. Diese 1466 vollendete gotische Stadtkirche besaß mit großer Wahrscheinlich schon zu Ihrer Erbauungszeit eine Orgel. Allerdings wissen wir urkundlich erst von einem Orgelbau, der 1610 von dem Hessisch-Landgräflichen Orgelbauer Jörg Weißland aus Rotenburg/Fulda errichtet wurde, und der 17 Register auf zwei Manualen – unter anderem einem Rückpositiv – und Pedal enthielt. 1767 errichtete der Stammvater der berühmten osthessischen Orgelbauerfamilie Oestreich, Jost Oestreich, zusammen mit seinem Sohn Johann Markus Oestreich einen Neubau mit 20 Registern auf zwei Manualen und Pedal. Bald danach allerdings wurde die spätgotische Stadtkirche bis auf den Turm abgerissen und vergrößert in spätbarocken Formen wiederaufgebaut. Die Bauarbeiten zogen sich von 1770 bis 1787 hin und am Ende wurde die erst ein paar Jahre vorher von den Oestreichs erbaute Orgel in die neue Stadtpfarrkirche St. Blasius wieder eingebaut. Allerdings war sie für den neuen Kirchenraum zu klein. 1801 wurde 1780 in Fulda geborene Michael Henkel als Organist an die Stadtpfarrkirche berufen und amtierte hier volle 50 Jahre als solcher. Später wurde er zudem Domorganist, Domkantor und prägte auch durch seine pädagogische Tätigkeit und zahlreiche Kompositionen das Musikleben Fuldas in der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts. Henkel führte einen jahrzehntelangen Kampf mit der Obrigkeit um einen Orgelneubau, der erst Mitte der 1830er Jahre genehmigt wurde. 1837 schließlich wurde die neue Orgel errichtet. Erbaut wurde sie von Georg Franz Ratzmann und seinen beiden Söhnen Johann Friedrich Heinrich Ratzmann und Wilhelm August Ratzmann aus Ohrdruf.
Georg Franz Ratzmann wurde 1771 in Cumbach geboren und begründete eine Orgelbauerdynastie, die in drei Generationen in Thüringen und später auch in Hessen wirkte. Die Orgel der Fuldaer Stadtpfarrkirche war mit 50 Registern auf 3 Manualen und Pedal die größte Orgel, die Georg Franz Ratzmann je gebaut hat. Die alte Oestreich-Orgel wurde nach Rasdorf verkauft, wo sie erhalten ist. Rund 60 Jahre später hatte eine neue musikalische Zeitrechnung begonnen und so verlangte man in Fulda ab 1895 nach einer neuen Orgel, die im Jahr 1900 durch Franz Eggert aus Paderborn errichtet wurde. Eggert wurde 1849 geboren und erlernte das Orgelbauhandwerk bei seinem Vater. Er war zwischen 1880 bis zu seinem krankheitsbedingten Ausscheiden aus dem Beruf einer der produktivsten und gefragtesten Orgelbauer, hauptsächlich im Gebiet des Erzbistums Paderborn. Der Orgelneubau unter Verwendung des Ratzmann-Prospekts und einiger Register enthielt 41 Register auf drei Manualen und Pedal auf pneumatischen Kegelladen. Während des zweiten Weltkriegs, 1942, erfolgte eine „orgelbewegte“ Klangaufhellung und 1961 schließlich wurde das Instrument wesentlich umgebaut und erweitert auf nunmehr 67 Registern auf fünf Manualen und Pedal mit elektrischen Kegelladen. Diese Arbeiten wurden von der Firma Matthias Kreienbrink aus Osnabrück ausgeführt. Hier finden wir alles von Quintadenscharff über Septterzian, eine für die damalige Zeit sehr moderne Batterie Spanischer Trompeten von 16' bis 4', eine Buntzimbel mit exotischen Obertönen und so weiter. Doch häuften sich bald technische Probleme und so stand man Anfang des 21. Jahrhunderts vor der schwierigen Frage: Restaurierung, Neubau oder eine andere Lösung? In Zusammenarbeit mit der renommierten Firma Johannes Klais Orgelbau wurde ein Konzept entwickelt, dass als Reorganisation bezeichnet wird. Der Begriff „Reorganisation“ umschreibt dieses Ziel besser als das zu eng gefasste Wort „Restaurierung“. Klais´ Idee war es, nicht einen bestimmten historischen Zustand wiederherzustellen, vielmehr sollte erhaltener Bestand von Ratzmann und Eggert liebevoll restauriert, vervollständigt und wieder zu einem homogenen Ganzen vereint werden. Das technische Konzept der Orgel hatte zum Ziel, neben der großen Balganlage von 1900 auch die aus derselben Zeit erhaltenen pneumatischen Kegelladen in der Orgel zu belassen. Übrigens gibt es nur wenige erhaltene Laden dieser Ausmaße: allein die Kanzellen der Pedallade sind 4,8 Meter lang. Bei der Spieltraktur entschied man sich für eine interessante, neue Lösung: die mechanische Tontraktur ist bis nahe unter die Windladen verlegt. Erst dann erfolgt eine kurze pneumatische Ansteuerung der Relais. Damit wurden sehr elegant die Vorteile der Mechanik mit dem klanglichen Reiz der pneumatischen Ladentechnik kombiniert. Klanglich wurde eine Disposition mit 50 Registern auf drei Manualen und Pedal entworfen, die Elemente von Ratzmann und Eggert aufgreift und das vorhandene Pfeifenwerk von beiden Orgelbauern möglichst authentisch integriert, ohne eine Eins-zu-eins-Kopie eines historischen Zustandes sein zu wollen. Das Hauptwerk baut auf dem von Ratzmann erhaltenen 16'-Prinzipal auf und enthält Principal, Bordun, Fugara, Hohlflöte, Quintatön und Trompete 8', Oktave und Gedackt 4' sowie Rauschquinte, Mixtur und Cornett. Das Nebenwerk besitzt Quintatön 16', Principal, Gamba, Gedackt, Unda maris und eine durchschlagende Clarinette 8', Octave, Rohrflöte und Fugara 4', Octave 2' und eine 4fache Mixtur. Das schwellbare Oberwerk besitzt Gamba und Bordun 16', Geigenprincipal, Wienerflöte, Salicional, Lieblich Gedackt, Aeoline, Vox coelestis, Tuba und Oboe 8', Principal, Viola, Gemshorn und Traversflöte 4', ein Flageolet 2' sowie sie romantischen Mischstimmen Harmonia aetheria 4fach und Progressio 2-5fach. Das Pedal schließlich besitzt einen Untersatz 32', Principal, Salicet, Subbaß und Posaune 16', einen Quintbaß 10 2/3', Octavbaß, Gedackt und Trompete 8' sowie eine Oktave 4'. Die altehrwürdige und die Silhouette der Fuldaer Innenstadt prägende Stadtpfarrkirche besitzt seit der Wiedereinweihung 2005 mit ihrer nun so genannten Eggert-/Klais-Orgel ein würdiges Instrument, das auch regelmäßig in Konzerten erklingt. 

Link zum klingenden Orgelportrait >>> https://www.youtube.com/watch?v=iCdnsNy-A2k&t=14s

Disposition:

Hauptwerk, C-f3 Nebenwerk, C-f3 Schwellwerk, C-f3 Pedal, C-d1  
Principal 16' Quintatön 16' Bordun 16' Untersatz 32' Manualkoppel II-I
Principal 8' Principal 8' Gamba 16' Principal 16' Manualkoppel III-I
Bordun 8' Gamba 8' Geigenprincipal 8' Subbaß 16' Manualkoppel III-II
Fugara 8' Gedackt 8' Lieblich Gedackt 8' Salicet 16' Pedalkoppel zu I
Hohlflöte 8' Unda maris 8' Wienerflöte 8' Quintbaß 10 2/3' Pedalkoppel zu II
Quintatön 8' Octave 4' Salicional 8' Octavbaß 8' Pedalkoppel zu III
Octave 4' Rohrflöte 4' Aeoline 8' Gedackt 8' 2 Tremulanten
Gedackt 4' Fugara 4' Vox coelestis 8' Octave 4' Additive Setzer
Rauschquinte 2f. Octave 2'  Principal 4'  Posaune 16'   
Cornett 3f. Mixtur 4f.  Gemshorn 4'  Trompete 8'   
Mixtur 2-5f. Clarinette 8'  Traversflöte 4'     
Trompete 8'   Viola 4'    
    Flageolet 2'     
    Harmonia aetheria 4f.    
    Progressio 2-5f.     
    Oboe 8'     
    Tuba 8'    


In der Stadtpfarrkirche Fulda gespielte Stücke:

Michael Henkel: Cantabile As-Dur >>> https://www.youtube.com/watch?v=0sR-IEW2u9k
Michael Henkel: Fantasie zur Einweihung der Stadt-Pfarrkirchenorgel zu Fulda >>> https://www.youtube.com/watch?v=iCdnsNy-A2k&t=14s



FULDA
Kath. Filialkirche St. Michael



Erbauer: Fa. Fischer & Krämer (Endingen) 1997, Schleifladen, mechanische Spiel- und Registertraktur

Die altehrwürdige Michaelskirche in Fulda – direkt neben dem Fuldaer Dom auf einer kleinen Anhöhe, dem Michaelsberg gelegen, ist eine der bedeutendsten mittelalterlichen Kirchen Deutschlands. Sie wurde noch in karolingischer Zeit als Nachbau der Grabeskirche in Jerusalem errichtet und im Jahre 822 geweiht. Für Jahrhunderte diente sie als Totenkapelle für das benachbarte Kloster Fulda, eines der führenden kulturellen Zentren des frühen Mittelalters. Vom ursprünglichen Bau ist noch die Krypta erhalten. Darüber erhebt sich eine Rotunde mit acht Säulen, in deren Mitte sich ursprünglich eine Nachbildung des Heiligen Grabes befand. Der wehrhafte Westturm und das Langhaus wurden im 10. Und 11. Jahrhundert angebaut. 1618 wurde der Turm über der Rotunde erhöht und mit einem kegelförmigen Spitzhelm versehen. Als man in der Barockzeit das Gesicht Fuldas grundlegend umgestaltete und mit dem Umbau zunächst des Klosters, später des Fuldaer Domes und des Fuldaer Stadtschlosses die heutige Barockstadt Fulda schuf, verschonte man die schon damals fast tausendjährige Michaelskirche. Und so steht sie noch heute vor uns und ermöglicht uns bei jedem Besuch eine immer wieder aufs Neue faszinierende Zeitreise in das frühe Mittelalter. Wann in der Michaelskirche die erste Orgel stand, ist nicht überliefert. Allerdings hatte die Kirche mit ihren Instrumenten bislang kein besonderes Glück. Die 1852 von Augustin Oestreich aus Oberbimbach erbaute Orgel war den Akten nach so mißlungen, dass sie 1855 von dessen Stiefsohn Emil Oestreich zurückgenommen werden musste. Die von Emil Oestreich sodann erbaute Orgel wurde 1923 pneumatisiert und funktionierte ab diesem Zeitpunkt nicht mehr. Nach zahlreichen notdürftigen Reparaturen wurde sie 1954 durch ein Instrument der Firma Gebrüder Späth ersetzt. Diese Orgel mit 12 Registern auf zwei Manualen und elektrischen Kegelladen stand im Obergeschoß der Rotunde und erklang bis Anfang der 1990er Jahre. Mit dem Amtsantritt des neuen Fuldaer Domorganisten Hans-Jürgen Kaiser begannen sodann verstärkte Bemühungen um eine adäquate Orgel für diesen besonderen Kirchenraum. 1997 wurde dann die neue, von der Firma Fischer&Krämer aus Endingen am Kaiserstuhl erbaute Orgel eingeweiht.
Die 1997 erbaute Orgel in der Fuldaer Michaelskirche ist in vielen Details am historischen Orgelbau orientiert. Die schwierigste Frage war seinerzeit die Wahl des Standortes. Aus Denkmalschutzgründen durfte die Orgel nicht direkt in der Rotunde stehen, was natürlich akustisch gut gewesen wäre. Die alte Orgel stand im Obergeschoß des Langhauses, was aber akustisch äußerst ungünstig war, da sie dadurch immer wie ein Fernwerk klang. Schließlich entschloß man sich für die Aufstellung in einer seitlichen Nische gegenüber der Treppe zur karolingischen Krypta. Erbaut wurde sie von der Firma Fischer & Krämer Orgelbau in Endingen am Kaiserstuhl. Die Firma wurde 1970 durch die beiden Orgelbaumeister Friedrich Wilhelm Fischer und Johannes Krämer gegründet. Seither entstanden rund 200 Instrumente in Deutschland, Europa und sogar in Japan. Das bisher größte Instrument aus der Schwarzwälder Werkstatt ist mit 80 Registern auf vier Manualen und Pedal die Orgel für die Kölner Kirche St. Aposteln, die 1996 fertiggestellt wurde. Ein Jahr später wurde dann das Instrument in der Fuldaer Michaelskirche fertiggestellt. Sie erhielt 12 Register auf zwei Manualen und Pedal, wobei ein Register, die Sifflet 1', ein Vorabzug des Ripieno ist. Das zweite Manual wurde als reines Regalwerk konzipiert und hat keine eigenen Registerzüge. Typisch für solche kurzbechrigen Zungenstimmen ist die Tatsache, dass sie eigentlich immer ein klein wenig verstimmt klingen.
Die 1997 vollendete Orgel in der Fuldaer Michaelskirche besitzt zwei Manuale mit dem heute üblichen Tonumfang vom C bis zum g3. Die meisten Register sind in Bass und Diskant geteilt, man kann also die obere Hälfte des Manuals anders registrieren als die untere. Diese geteilten Register sind Principal und Bordun 8', Octave und Duiflöte 4' sowie das Larigot 1 1/3'. Ungeteilt sind die Stimmen Flageolet 2' und Sifflet 1'. Diese Sifflet ist ein Vorabzug des Ripieno, also der italienischen Form der Mixtur. Zieht man den Registerzug ganz heraus, erklingt das Ripieno; zieht man es nur halb, bekommt man die Sifflet. Nur im Diskant schließlich finden wir noch zusätzlich ein Sesquialter. Das Pedal, das bis zum d1 ausgebaut ist, besitzt die Stimmen Subbaß 16' und Gedacktbaß 8'. Das zweite Manual enthält, wie bereits erwähnt, nur ein Regal 8' direkt über der Klaviatur. Die ganze Orgel ist mit Flügeltüren verschließbar. Und auch durch die Einstimmung nach Werckmeister hat man den Charakter der Orgel als ein besonderes, am alten Orgelbau orientiertes Instrument unterstrichen, das aber bewußt keine Stilkopie sein soll. Die Orgel in der Fuldaer Michaelskirche, die immerhin auch die Privatkapelle des Fuldaer Bischofs ist und unmittelbar ans Bischofshaus angrenzt, setzt einen bemerkenswerten Akzent in der doch recht interessanten Orgellandschaft innerhalb der Stadt Fulda.


Link zum klingenden Orgelportrait >>> https://www.youtube.com/watch?v=bzzKAiPgwx8

Disposition:

Hauptwerk, C-g3 Regalwerk, C-g3 Pedal, C-d1  
Principal 8' (B/D) Regal 8' Subbaß 16' Manualkoppel
Bordun 8' (B/D)   Gedacktbaß 8' Pedalkoppel
Octave 4' (B/D)      
Duiflöte 4' (B/D)      
Flageolet 2'      
Larigot 1 1/3' (B/D)      
Sifflet 1'      
Sesquialter 2f. (D)      
Ripieno 4f.      


In der Michaelskirche Fulda gespielte Stücke:
Johann Michael Bach: Gott hat das Evangelium >>> https://www.youtube.com/watch?v=5dlSOnYHePk
Johann Michael Bach: Wenn wir in höchsten Nöten sein (Partita) >>> https://www.youtube.com/watch?v=zIFThv3ptIE&t=8s
Hans Leo Hassler: In bring mein bruder ein guthen trunkh >>> https://www.youtube.com/watch?v=3sRsBPhMVWM
Hans Leo Hassler: Mit deinen lieblichen augen >>> https://www.youtube.com/watch?v=Pk-2dgwRilA
Christian Heinrich Rinck: Ach Herr, mich armen Sünder >>> https://www.youtube.com/watch?v=moDNQBkMMkk
Thomas Tallis: Fantasy >>> https://www.youtube.com/watch?v=MdTOUzHmYJo&t=5s
Thomas Tallis: Veni redemptor I >>> https://www.youtube.com/watch?v=9pCJeFcQp6E
Thomas Tallis: Veni redemptor II >>> https://www.youtube.com/watch?v=_pwScvzQdZI



FULDA
Kath. Filialkirche St. Sturmius



Erbauer: Gebrüder Späth (Ennetach-Mengen) 1936, Umbau 1966, Taschenladen, elektrische Spiel- und Registertraktur

In der ehemaligen Residenzstadt Fulda in Osthessen lebten um 1850 etwa 8.900 Einwohnerinnen und Einwohner. Der Anschluss an die Frankfurt-Bebraer Eisenbahn 1866 veränderte durch die Anbindung an die industriellen Zentren in Frankfurt und Kassel die bisherige Struktur der Fuldaer Wirtschaft. Es entstanden in rascher Folge kleinere und größere Industriebetriebe und für die Arbeiter wurden neue Wohngebiete erschlossen. In den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg entstand im Süden der Stadt, in Richtung des Dorfes Kohlhaus, das „Südend“ – das heute noch so genannt wird. 1925 wurde hier eine Lokalkaplanei der Stadtpfarrei errichtet und dem Gründer Fuldas, dem Hl. Sturmius, geweiht. 1927 wurde die erste Kirche errichtet, die 1964 abgerissen und durch einen Neubau ersetzt wurde, der schließlich 1966 eingeweiht wurde. 1946 wurde die Kirche zur Pfarrkirche erhoben, seit einigen Jahren nun ist sie eine Filialkirche der Pfarrei St. Elisabeth. Die Kirche steht am Wallweg, der so genannt wird, weil in früheren Zeiten hier die Flurwallfahrt der Fuldaer Stadtpfarrei entlangzog. Die Orgel, die heute in der Sturmiuskirche erklingt, wurde 1936 von den Gebrüdern Späth aus Ennetach-Mengen erbaut. 1966 wurde die Orgel in die neue Kirche übernommen und leicht umgestaltet, ebenso 1975. Sie ist eine typische Vertreterin jener Zeit zwischen Romantik und heute, die man rückblickend als die Zeit der „Orgelbewegung“ bezeichnet. Aber ist sie darum schon ein historisches Instrument oder gar ein Denkmal? Tatsächlich wurde diese Diskussion vor einigen Jahren in Fulda geführt, nämlich als die Entscheidung anstand, ob man das Instrument mit seinen pneumatischen Taschenladen restaurieren oder entsorgen soll. Glücklicherweise hat man sich schließlich für eine Restaurierung entschieden und damit ein in dieser Form selten gewordenes Orgeldenkmal der 1930er Jahre bewahrt.
Die Orgelbaufirma Gebrüder Späth wurde 1894 von dem 1859 geborenen Franz Xaver Späth gegründet. Einige Jahre später trat sein Bruder Albert in das Unternehmen ein und 1917 die Neffen Alban und Hermann Späth. 1928 richteten die Gebr. Späth in Fulda einen Filialbetrieb ein, den Alban Späth leitete. Neubauten wurden nach wie vor in Ennetach erstellt, aber Alban führte die Verhandlungen mit den Gemeinden, machte die Pläne und leitete dann Montage und Stimmung. 1936 erfolgte der Orgelbau in der damals neuen Kirche St. Sturmius im Fuldaer Südend. Ein Jahr später machte sich Alban Späth in Hinblick auf Umbauten und Reparaturen selbstständig. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Alban Späths Betrieb in Fulda, in der Leipziger Straße 16, wieder als Filiale von Ennetach geführt. Als Alban 1972 starb, wurde die Filiale in Fulda geschlossen. Zwischenzeitlich hatte Franz Xavers 1899 geborener Sohn Karl Späth das Stammhaus in Mengen übernommen, sein Bruder August wurde 1934 Teilhaber. 1964 trennte sich August Späth mit seinem Sohn Hartwig von Karl Späth und überführte die Freiburger Filiale in ein eigenes Unternehmen, den Freiburger Orgelbau August Späth. Nach dem Tod Karl Späths 1971 gründeten Mitarbeiter der Firma unter der Leitung von Franz Rapp die Orgelbau Späth GmbH. Später übernahm dessen Sohn Harald Rapp die Firma. 2002 kaufte Hartwig Späth, seit 1979 Alleininhaber der Firma Freiburger Orgelbau, den Orgelbau Späth zurück, schloss allerdings die Betriebsstätte in Ennetach. Hartwigs Unternehmen besteht seit dem Eintritt seines Sohnes 2008 unter dem Namen Freiburger Orgelbau Hartwig und Tilmann Späth. Die Orgel in St. Sturmius erhielt zeittypisch pneumatische Taschenladen und eine neobarocke Disposition. Darunter ist auch ein bemerkenswertes gedecktes Zinkregister mit sogenannter „Spanischer Kröpfung“. Diese auch Haskell-Kröpfung genannte Methode, eine an sich offene Pfeife mit einem Kropf nach innen zu versehen, ist handwerklich sehr aufwändig, führt aber zu erstaunlichen Klangfarben.
Die Orgel in der Kirche St. Sturmius im Fuldaer Südend, 1936 erbaut, später zweimal verändert und 2012 restauriert, besitzt 23 Register auf zwei Manualen und Pedal. Die Klaviaturen besitzen den heute üblichen Umfang. Im Hauptwerk finden wir die Stimmen Principal und Gedackt 8', Oktave und Gemshorn 4', eine Rauschquinte 2 2/3', eine Waldflöte 2' und eine 4fache Mixtur; dazu kommt noch eine Trompete 8'. Im zweiten Werk finden wir eine ganz typische Disposition aus der Zeit der Orgelbewegung, nämlich Quintade und Salicional 8', Praestant und Rohrflöte 4', Oktave 2' und Oktävlein 1', darüber hinaus eine Sesquialter, eine 4fache Buntzimbel und als Zungenstimme ein Krummhorn 8'. Im Pedal schließlich finden wir die Stimmen Subbaß und Posaune 16', Oktavbaß und Gedacktbaß 8', einen Choralbaß 4' und ein 3faches Rauschwerk. Mit den pneumatischen Taschenladen, dem freistehenden Spieltisch und dem Freipfeifenprospekt ist die Späth-Orgel in St. Sturmius ein in dieser Form selten gewordenes Orgeldenkmal. Viele ähnliche Orgeln werden noch heute entsorgt und durch angeblich „bessere“, sicher modernere Instrumente ersetzt. Aber das war zu allen Zeiten so, die Geschichte wiederholt sich. 

 

Link zum klingenden Orgelportrait >>> https://www.youtube.com/watch?v=_kxdiZ-e3mY

Disposition:

Hauptwerk, C-g3 Oberwerk, C-g3 Pedal, C-f1  
Principal 8' Quintade 8' Subbaß 16' Manualkoppel
Gedackt 8' Salicional 8' Oktavbaß 8' Pedalkoppel zu I
Oktave 4' Praestant 4' Gedacktbaß 8' Pedalkoppel zu II
Gemshorn 4' Rohrflöte 4' Choralbaß 4' Tremulant OW
Rauschquinte 2 2/3' Oktave 2' Rauschwerk 3f. Freie Kombination
Waldflöte 2' Oktävlein 1' Posaune 16'  
Mixtur 4f. Sesquialter 2f.    
Trompete 8' Buntzimbel 4f.    
  Krummhorn 8'    


In der Sturmiuskirche Fulda gespielte Stücke:
Matthias Gastritz: Non est bonum, hominem esse solum >>> https://www.youtube.com/watch?v=a211bqua2Ms
Fritz Krieger: Hirtenmusik über alte Weihnachtslieder >>> https://www.youtube.com/watch?v=rvzaUk4kzV0
Hans Friedrich Micheelsen: Ach, bleib mit deiner Gnade >>> https://www.youtube.com/watch?v=fPGqDji1KhM
Hans Friedrich Micheelsen: Toccata über "Lobe den Herren" >>> https://www.youtube.com/watch?v=wq-YDxvo49M
Hermann Schroeder: Auf, ihr Hirten >>> https://www.youtube.com/watch?v=U5isNPE3zy4&t=4s
Hermann Schroeder: In dulci jubilo >>> https://www.youtube.com/watch?v=14WRqZE_HX8
Hermann Schroeder: O schlafe, lieblicher Jesu >>> https://www.youtube.com/watch?v=vzt9jXk6K8Q&t=4s
Hermann Schroeder: Schlummerlied der Hirten >>> https://www.youtube.com/watch?v=yZgJPDUQ1H4&t=4s



FULDA
Aula der Alten Universität



Erbauer: Bartholomäus Brünner (Würzburg) 1734, Umbau Johann Georg Oestreich (Oberbimbach) 1826, Schleifladen, mechanische Spiel- und Registertraktur

Fulda - Oberzentrum der Region Osthessen und mit rund 67.000 Einwohnerinnen und Einwohner neuntgrößte Stadt Hessens. Die Geschichte Fuldas reicht bis ins Jahr 744 zurück, als der Mönch Sturmius im Auftrag des Heiligen Bonifatius an einer Furt über den Fluss Fulda ein Kloster gründete. Es wurde im Mittelalter das bedeutendste Kloster nördlich der Alpen. Die wechselvolle Geschichte der Stadt hier darzustellen, würde natürlich den Rahmen sprengen. Ab 1517 breiteten sich auch in Fulda reformatorische Lehren aus, die Äbte sowie ein Großteil von Klerus und Bevölkerung hielt aber am alten Glauben fest. 1570 wurde Balthasar von Dernbach Fürstabt von Fulda. Er wollte das Hochstift von innen heraus erneuern und berief 1571 die Jesuiten nach Fulda. 1584 gründeten die Jesuiten im Rahmen der von ihnen maßgeblich mitgetragenen Gegenreformation ein Päpstliches Kolleg in Fulda. 1734 wurde aus diesem Päpstlichen Kolleg die: Universität Fulda. Sie trug den Namen Adolphs-Universität oder auch „Alma Mater Adolphiana“, benannt nach ihrem Gründer, dem Fürstabt Adolph von Dalberg. Sie besaß vier Fakultäten: Theologie, Philosophie, Medizin und Jura. Im Zuge der Säkularisierung wurde sie allerdings schon 1805 wieder aufgelöst. Das barocke Universitätsgebäude wurde 1731–1734 von Andreas Gallasini entworfen und beherbergt heute die Adolph-von-Dalberg-Grundschule. Sie liegt im Zentrum Fuldas am heutigen Universitätsplatz. Die Aula der Alten Universität (das „Oratorium Marianum“) wurde nach der Säkularisation von 1803 bis 1896 als evangelische Kirche genutzt. Heute gehört der Raum der Stadt Fulda und dient wegen der hervorragenden Akustik vorrangig als Ort für klassische Konzerte und auch beispielsweise für feierliche Empfänge und Symposien. Zur Einweihung 1734 erhielt die Aula auch eine Orgel und zwar durch den Würzburger Orgelbauer Bartholomäus Brünner.
Bartholomäus Brünner, der sich selbst meist Barthel Brünner nannte, wurde 1684 in Bieringen an der Jagst im Hohenlohischen geboren. Über seinen Lebensweg ist wenig bekannt. Brünner erwarb 1727 das Bürgerrecht und damit die Gewerbeerlaubnis in Würzburg als Nachfolger des verstorbenen Orgelbauers Johann Hoffmann. Da Brünner weder das Dom- noch das Hoforgelmacher-Privileg besaß – diese Ämter hatten zu seiner Zeit Johann Georg Otto und Johann Philipp Seuffert inne – hatte er es offenbar nicht leicht, seine Werkstatt gegen die prominente Konkurrenz aufrechtzuerhalten. Dies gelang ihm nur dadurch, dass er weite Wege in Kauf nahm, seinen Wirkungskreis auf entlegenere Gebiete ausdehnte und sozusagen Nischen am Rande aufsuchte. So finden wir ihn im Südwesten Mainfrankens, in seiner Heimat Schöntal an der Jagst um im Raum Bruchsal, aber auch in Rüdesheim am Rhein und mehrfach im Gebiet der Fürstabtei Fulda. 1745 erhielt die Kirche des ebenfalls von Adolph von Dalberg als Jagd- und Sommerresidenz in Auftrag gegebenen Schlosses Adolphseck bei Fulda ebenfalls ein Instrument von Bartholomäus Brünner. Im selben Jahr baute Brünner in der Klosterkirche zu Salmünster und 1747 die barocke Kirche zu Schleid in der Thüringischen Rhön, die im Gegensatz zu den anderen genannten Orgeln bis heute erhalten ist. Neben dem Instrument in Schleid und einigen kleineren Resten haben zwei Orgeln die Zeitläufe relativ gut überstanden: einmal die kleine Orgel in der Kirche zu Hoheim bei Kitzingen und die die ehemalige Chororgel der Klosterkirche Amorbach, die heute in der Pfarrkirche von Erfelden im Odenwald steht. Das Todesjahr Brünners war lange Zeit unbekannt, laut dem neuesten Bayerischen Musiker-Lexikon ist er 1757 verstorben. Die Orgel in der Aula der Fuldaer Universität hatte ursprünglich ein Manual und Pedal mit vermutlich 8 oder 9 Registern. 1826 erfolgte eine Erweiterung um ein zweites Manual – als Außenpositiv konzipiert – durch Johann Georg Oestreich aus Oberbimbach bei Fulda. Michael Henkel begutachtete die Orgel nach dem Umbau. In diesem Zustand blieb das Instrument bis 1945 erhalten und überstand auch den Zweiten Weltkrieg recht gut. Allerdings wurde die Orgel in der Nachkriegszeit fast aller Metallpfeifen beraubt. 1948 wurde die Orgel durch den Orgelbauer Alban Späth aus Fulda mit den Mitteln der damaligen Zeit wiederhergestellt; dabei wurde das Pfeifenwerk allerdings weitgehend erneuert. 1986 erfolgte dann eine denkmalgerechte Restaurierung und Rekonstruktion des Zustandes nach dem Umbau durch Oestreich 1826.
Die fränkische Brünner-Orgel in der Aula der Alten Universtität zu Fulda hat heute 16 Register auf zwei Manualen und Pedal. Das Hauptwerk, ausgebaut vom C bis zum c3, besitzt 7 Register, Prinzipal 4' und Octave 2' nebst Quinte 3', dazu gesellen sich Gedackt und Gambe 8' sowie eine Spitzflöte 4'. Bekrönt wird der Klang von einer 3fachen Mixtur. Das 1826 von Johann Georg Oestreich angebaute Außenpositiv enthält die Register Quintatön, Gedackt, Flöte und Salicional 8', ein Kleingedackt 4' und ein Flageolet 2'. Das Pedal besitzt nur 22 Tasten vom C bis zum a° und die drei Register Subbaß 16' sowie Violon und Posaune 8'. Aus der originalen Brünner-Orgel sind nur noch wenige Pfeifen erhalten, wohl aber die Windlade des Hauptwerks samt zugehörigem Wellenbrett. Bei der Rekonstruktion des Pfeifenwerks 1986 orientierte sich die Fa. Hoffmann weitgehend an den Mensuren der gut erhaltenen Brünner-Orgel in Hoheim. Aus dem von Johann Georg Oestreich 1826 durchgeführten Umbau ist das Pedalwerk mit überwiegend alten Holzpfeifen erhalten. Bemerkenswert ist übrigens die Tatsache, dass sich der Windkasten an der Rückseite der Lade befindet, das Wellenbrett zeigt Hinweise auf eine Planänderung schon beim Bau. Wahrscheinlich war ursprünglich eine hinterspielige Anlage geplant, die dann so nicht verwirklicht wurde. Fulda besitzt mit der barocken Aula der Alten Universität mitten in der Innenstadt nicht nur ein optisches Juwel, sondern mit ihrer klangschönen Brünner-Orgel auch ein ebenbürtiges akustisches Pendant. Es handelt sich um die einzige erhaltene Barockorgel Fuldas, wenn man von dem reizenden kleinen Orgelpositiv im benachbarten Vonderau-Museum mal absieht.


Link zum klingenden Orgelportrait >>> https://www.youtube.com/watch?v=vgZ4LpLhDBA&t=170s

Disposition:

Hauptwerk, C-c3 Außenpositiv, C-c3 Pedal, C-a°  
Gedackt 8' Quintatön 8' Subbaß 16' Manualkoppel
Gambe 8' Gedackt 8' Violon 8' Pedalkoppel
Principal 4' Flöte 8' Posaune 8'  
Spitzflöte 4' Salicional 8'    
Quinte 3' Kleingedackt 4'    
Octave 2' Flageolet 2'    
Mixtur 3f.      


In der Aula der Alten Universität Fulda gespielte Stücke:
Michael Henkel: Andante molto e-moll >>> https://www.youtube.com/watch?v=pv1L48KOelM&t=20s
Michael Henkel: Heut hat des Schöpfers Wundermacht >>> https://www.youtube.com/watch?v=pv1L48KOelM&t=20s
Michael Henkel: Larghetto fis-moll >>> https://www.youtube.com/watch?v=pv1L48KOelM&t=20s
Michael Henkel: Nachspiel E-Dur >>> https://www.youtube.com/watch?v=pv1L48KOelM&t=20s
Johann Gottfried Vierling: Allegro E-Dur >>> https://www.youtube.com/watch?v=1OUgCGDXNcY&t=17s
Johann Gottfried Vierling: Andante C-Dur >>> https://www.youtube.com/watch?v=1OUgCGDXNcY&t=17s
Johann Gottfried Vierling: Andante c-moll >>> https://www.youtube.com/watch?v=1OUgCGDXNcY&t=17s
Johann Gottfried Vierling: Andante D-Dur >>> https://www.youtube.com/watch?v=1OUgCGDXNcY&t=17s
Johann Gottfried Vierling: Andante d-moll >>> https://www.youtube.com/watch?v=1OUgCGDXNcY&t=17s
Johann Gottfried Vierling: Andantino Es-Dur >>> https://www.youtube.com/watch?v=1OUgCGDXNcY&t=17s
Johann Gottfried Vierling: Larghetto C-Dur >>> https://www.youtube.com/watch?v=1OUgCGDXNcY&t=17s
Johann Gottfried Vierling: Larghetto c-moll >>> https://www.youtube.com/watch?v=1OUgCGDXNcY&t=17s
Johann Gottfried Vierling: Larghetto D-Dur >>> https://www.youtube.com/watch?v=1OUgCGDXNcY&t=17s
Johann Gottfried Vierling: Larghetto d-moll >>> https://www.youtube.com/watch?v=1OUgCGDXNcY&t=17s
Johann Gottfried Vierling: Larghetto E-Dur >>> https://www.youtube.com/watch?v=1OUgCGDXNcY&t=17s
Johann Gottfried Vierling: Larghetto Es-Dur >>> https://www.youtube.com/watch?v=1OUgCGDXNcY&t=17s



FULDA
Aula der Rabanus-Maurus-Schule



Erbauer: Alban Späth (Fulda) 1938, Kegelladen, elektro-pneumatische Spiel- und Registertraktur

Die osthessische Barockstadt Fulda war im frühen Mittelalter eines der kulturellen Zentren des damaligen Frankenreichs. Das Kloster Fulda, 744 auf Initiative des angelsächsischen Missionars Winfried Bonifatius gegründet, verfügte ab dem frühen 9.Jahrhundert über eine bedeutende Klosterschule. Rabanus Maurus, im Jahre 780 geboren, war der bedeutendste Leiter der Klosterschule und von 822 bis 842 Abt von Fulda, später Erzbischof von Mainz. Unter Rabanus Maurus wurden Kloster und Klosterschule zu einem wichtigen Zentrum der von Karl dem Großen initiierten karolingischen Renaissance. Im Zuge der Gegenreformation wurde die Schule ab 1572 von den Jesuiten als Gymnasium geleitet. Nach der Säkularisation wurde diese Lehranstalt 1805 durch aufgelöst und stattdessen ein akademisches Lyzeum gegründet, das ab 1835 als humanistisches Gymnasium geführt wurde. 1945 erhielt die Schule den Namen „Staatliches Domgymnasium“ und seit 1948 zusätzlich den Titel „Rabanus-Maurus-Schule“. Durch die Namensgebung knüpft man ganz bewusst an die Tradition der alten Klosterschule an. 1968 zog die Schule vom Gebäude der ehemaligen Universität Fulda in der Innenstadt in einen Neubau im sogenannten Schulviertel an der Magdeburger Straße. In der Aula dieser Schule steht eine Orgel, die ursprünglich 1938 für den Fuldaer Stadtsaal erbaut wurde und 1968 von dort versetzt wurde. Der Stadtsaal wurde im Jahre 1900 an die barocke Orangerie am Rande des Schloßgartens angebaut und dient seither als zentraler Ort für Feste und Feiern der Stadt Fulda. Erbaut hat sie Alban Späth, Orgelbaumeister aus Fulda. Sie ist ein Kind der Orgelbewegung, allerdings vor einem speziellen Hintergrund.
Die Orgelbaufirma Gebrüder Späth in Ennetach im Landkreis Sigmaringen wurde 1894 von dem 1859 geborenen Franz Xaver Späth gegründet. Einige Jahre später trat sein Bruder Albert in das Unternehmen ein und 1917 die Neffen Alban und Hermann Späth. 1928 richteten die Gebr. Späth in Fulda einen Filialbetrieb ein, den Alban Späth leitete. Neubauten wurden nach wie vor in Ennetach erstellt, aber Alban führte vor Ort die Verhandlungen mit den Gemeinden, machte die Pläne und leitete dann Montage und Stimmung. 1937 machte sich Alban Späth in Hinblick auf Umbauten und Reparaturen selbstständig. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Alban Späths Betrieb in Fulda, in der Leipziger Straße 16, wieder als Filiale von Ennetach geführt. Als Alban 1972 starb, wurde die Filiale in Fulda geschlossen. Die für den Fuldaer Stadtsaal erbaute Orgel wurde anläßlich des Kreisparteitags der NSDAP im März 1938 ihrer Bestimmung übergeben. Was zunächst befremdlich klingt, hat ihren Ursprung in jener bereits erwähnten Orgelbewegung der zwanziger Jahre, die den als dunkel und dumpf empfundenen Klang der Romantik ablehnte und ein klares, am Vorbild der norddeutschen Barockorgel orientiertes Klangbild zum Ideal erhob. Norddeutsch wurde alsbald mit „nordisch“ und dies nach 1933 mit „arisch“ gleichgesetzt. 1935 verlangte Hitler für den Nürnberger Reichsparteitag ausdrücklich eine Orgel und 1936 erbaute die Orgelbaufirma Walcker in für die Luitpoldhalle auf dem Reichsparteitagsgelände ein Instrument mit unglaublichen 220 Registern, die Walcker später als sein „Opus diaboli“ bezeichnete. Diese Riesenorgel ist im Zweiten Weltkrieg verbrannt. In der Folge entstanden in vielen größeren und kleineren Städten Orgeln in den Feierhallen der Nationalsozialisten, so auch 1938 in Fulda. Die Stadtsaal-Orgel erhielt 20 Register auf drei Manualen und Pedal und einen die ganze Bühnenfront einnehmenden Freipfeifenprospekt. 1940 und nochmals 1951 erfolgten jeweils Erweiterungen auf dann 24 Register. Im überwiegend katholischen Fulda musste dieser Orgelbau für die Feierstunden der Partei auch als bewusste Provokation empfunden werden, denn der altehrwürdige Dom liegt nur einen Steinwurf vom Stadtsaal entfernt. 1968 wurde die Stadtsaal-Orgel, die nach dem Zweiten Weltkrieg nur noch gelegentlich bei Konzerten genutzt wurde, in die neu erbaute Rabanus-Maurus-Schule umgesetzt. Das etwas harte, stählerne Klangbild vor allem des Plenums entspricht hierbei in Gänze dem Klangideal der dreißiger Jahre.
Die alte Fuldaer Stadtsaal-Orgel steht heute in der Rabanus-Maurus-Schule auf der rechten Seite der Bühne. Da das Pfeifenwerk mit schwarzem Tuch verhüllt ist, bekommt man sie allerdings nur selten zu Gesicht und außer beim abschließenden „Großer Gott, wir loben dich“ im alljährlichen Schulgottesdienst auch so gut wie nie zu Gehör, denn um den Bühnenraum herum befinden sich Klassenräume. Beim Einbau in die Schule wurde die Orgel in ihrer Klanggestalt verändert und besitzt heute 21 Register auf zwei Manualen und Pedal und elektrische Taschenladen. Das Hauptwerk verfügt über Principal, Rohrgedackt und Trompete 8', Oktave und Flöte 4', Quinte 2 2/3', eine Sifflöte 2' und eine 4fache Mixtur. Im zweiten Manual finden wir Gedackt und Spitzgamba 8', eine Rohrflöte 4', Principal 2', einen 2fachen Terzian, eine 3fache Cimbel und einen Dulzian 16', dazu kommt ein Tremulant. Im Pedal schließlich stehen die Register Subbaß und Posaune 16', Principalbaß und Gedacktbaß 8', ein Choralbaß 4' und ein 2faches Piffaro. Dazu kommen die üblichen Koppeln und freien Kombinationen. 


Link zum klingenden Orgelportrait >>> https://www.youtube.com/watch?v=60C6PZUE-H0&t=996s

Disposition:

Hauptwerk, C-g3 Nebenwerk, C-g3 Pedal, C-f1  
Principal 8' Gedackt 8' Subbaß 16' Manualkoppel
Rohrgedackt 8' Spitzgamba 8' Principalbaß 8' Pedalkoppel zu I
Oktave 4' Rohrflöte 4' Gedacktbaß 8' Pedalkoppel zu II
Flöte 4' Principal 2' Choralbaß 4' Tremulant NW
Quinte 2 2/3' Terzian 2f. Piffaro 2f. Freie Kombination
Sifflöte 2' Zimbel 3f. Posaune 16'  
Mixtur 4f. Dulzian 16'    
Trompete 8'      


In der Rabanus-Maurus-Schule Fulda gespielte Stücke:
Max Drischner: Es ist gewißlich an der Zeit >>> https://www.youtube.com/watch?v=wJqg4xaf8Fg&t=5s
Max Drischner: O Heiliger Geist, o heiliger Gott >>> https://www.youtube.com/watch?v=0F_uxT6V9II&t=4s
Wilhelm Kempff: Wenn mein Stündlein vorhanden ist >>> https://www.youtube.com/watch?v=-4yGl9Fjwsg
Paul Rübsam: Festlicher Hymnus >>> https://www.youtube.com/watch?v=gcPfp6Qr8J8&t=12s
Wolfgang Rübsam: Beim letzten Abendmahle >>> https://www.youtube.com/watch?v=0A7OIwuMSCE



FULDA
Aula der Winfriedschule



Erbauer: Heinrich Hahner (Fulda) 1879, Umbau Johannes Klais (Bonn) 1913, Kegelladen, pneumatische Spiel- und Registertraktur

Die osthessische Barockstadt Fulda war im frühen Mittelalter eines der kulturellen Zentren des damaligen Frankenreichs. Das Kloster Fulda, 744 auf Initiative des angelsächsischen Missionars Winfried Bonifatius gegründet, verfügte über eine bedeutende Klosterschule, die damals zu den führenden Bildungsstätten Europas gehörte. 1734 wurde von den Jesuiten eine Universität in Fulda gegründet, die bis 1805 bestand. Nach der Säkularisation gingen die meisten deutschen Territorien, so auch in Kurhessen, zu dem Fulda seit 1816 gehörte, zur Volksschullehrerausbildung in eigens dafür gegründeten Seminaren über. So entstand 1836 auch in Fulda ein Lehrerseminar als „Katholisches Landesseminar“ und bezog zunächst seine Räumlichkeiten am Severiberg, in den Räumen des heutigen Marienheims. 1876 bezog man einen Neubau in der Leipziger Straße 2, nördlich des Domes. 1922 zog in die Räume des Lehrerseminars die neue Aufbauschule ein, die seit 1926 den Namen Winfriedschule trägt. Ihren Namen bekam sie von Winfried Bonifatius, dem geistigen Vater Fuldas und seiner langen Schul- und Bildungstradition. 1957 bis 1961 erfolgte ein moderner Schulneubau und heute ist die Winfriedschule ein G9-Gymnasium in der Trägerschaft des Landkreises Fulda. Doch zurück ins 19. Jahrhundert. 1879 erhielt das Lehrerseminar für die neu errichtete Aula eine Orgel aus der Werkstatt des Fuldaer Orgelbauers Heinrich Hahner. Bereits im Jahre 1913 wurde das Instrument umgebaut und mit pneumatischer Traktur versehen. Diese Arbeiten führte die Bonner Firma Johannes Klais aus.
Der Orgelbauer Heinrich Hahner wurde 1843 in Fulda als Sohn eines Schreiners geboren, der auch gelegentlich Orgelreparaturen vornahm. Nach der Lehre in der väterlichen Werkstatt arbeitete er ab 1867 für ein Jahr bei dem Orgelbauer Siegmund Friedrich Braungart aus Neu-Ulm, bevor er sich 1868 mit einem „Orgel- und Pianofortebau“ in Fulda selbstständig machte. Er hatte zahlreiche Orgeln in Fulda in Pflege, so auch etwa die Orgeln des Fuldaer Domes. 1875 erbaute er eine neue Chororgel für den Fuldaer Dom, die allerdings ebenso nicht erhalten ist wie die 1886 bis 1887 errichtete Orgel für die Stadtpfarrkirche in Hünfeld. Dieses Instrument mit 37 Registern auf drei Manualen und Pedal, was das mit Abstand größte Instrument, das je die Hahnersche Werkstatt verließ. Die Orgel für das Fuldaer Lehrerseminar entstand 1879 und bekam mechanische Kegelladen. Heinrich Hahner starb bereits 1889 mit gerade einmal 45 Jahren. Sein 1872 geborener Sohn August Hahner erlernte das Orgelbauhandwerk ebenfalls bei seinem Vater und wurde nach dessen Tod Mitarbeiter der Orgelbauerfirma Klais in Bonn. Diese Firma, die heute in der vierten Generation zu den weltweit führenden Orgelbauwerkstätten gezählt werden darf, wurde 1882 durch Johannes Klais gegründet. Als man 1913 die von Heinrich Hahner erbaute Orgel im Fuldaer Lehrerseminar umbauen und pneumatisieren wollte, ist es sicher seinem Sohn August Hahner zu verdanken, daß der Auftrag hierzu an die Firma Klais ging und er damit einen Auftrag in seiner Heimatstadt durchführen konnte. Nach dem Umbau hatte die Orgel 17 Register auf zwei Manualen und Pedal. August Hahner ist als Orgelbauer weit herumgekommen, unter anderem führte er auch Aufträge in Rußland aus. Er wird von seinem Chef als genial-musikalisch veranlagter Intonateur bezeichnet. Als Rentner verzog er nach Gotha, wo er 1942 verstorben ist. Nach dem Neubau der Schul-Aula 1961 wurde die Hahner-/Klais-Orgel auf der neuen Bühne der Aula wieder aufgestellt, allerdings klanglich neobarock verändert und seines Gehäuses beraubt. Stattdessen standen die Pfeifen nun etwas lieblos hinter einer einfachen Gitterfront. 2009 bis 2010 wurde das Instrument durch die Orgelbaufirma Elmar Krawinkel aus Trendelburg restauriert und klanglich auf den Zustand nach dem Umbau durch Klais 1913 zurückversetzt. Eine Besonderheit ist der neue gläserne Generalschweller, in dem die gesamte Orgel seit der Restaurierung steht.
Die von Heinrich Hahner erbaute und von Johannes Klais umgebaute Orgel in der Aula der Fuldaer Winfriedschule besitzt 17 Register auf zwei Manualen und Pedal. Die Manuale haben einen Umfang vom Ton C bis zum g3. Wir finden hier die Register Bordun 16', Principal, Gemshorn und Flauto Amabilis 8', Oktave 4', Oktave 2' und eine 3fache Cornettmixtur. Das zweite Manual besitzt Lieblich Gedackt, Gamba, Salicional und Vox coelestis 8', Flauto dolce und Violine 4' sowie eine harmonia aethera 3fach. Das bis zum d1 ausgebaute Pedal verfügt über Subbaß 16' sowie Oktavbaß und Violon d´amour 8'. Dazu kommen Manual- und Pedalkoppeln sowie Sub- und Superoktavkoppeln zwischen den Manualen. Ein rühriger Förderverein, der Fuldaer Orgelbühne e.V. unter dem Vorsitz der engagierten Musiklehrerin und Organistin Verena Seuring, veranstaltet in der Aula der Winfriedschule regelmäßig Konzerte und bereichert damit das Kulturleben der Stadt Fulda nachhaltig. Die Aula-Orgel der Winfriedschule ist ein durchaus bemerkenswertes und in dieser Form selten gewordenes Instrument aus einer Zeit, in der Musik, die Leitung von Chören und Instrumentalgruppen und natürlich auch das Orgelspiel zum Grundhandwerk eines jeden jungen Lehrers gehörte. 


Link zum klingenden Orgelportrait >>> https://www.youtube.com/watch?v=k_odOoMXK0Y

Disposition:

Hauptwerk, C-g3 Oberwerk, C-g3 Pedal, C-d1  
Bordun 16' Lieblich Gedackt 8' Subbaß 16' Manualkoppel
Principal 8' Gamba 8' Octavbaß 8' Pedalkoppel zu I
Gemshorn 8' Salicional 8' Violon d'amour 8' Pedalkoppel zu II
Flauto amabilis 8' Vox coelestis 8'   Suboktavkoppel
Octave 4' Flauto dolce 4'   Superoktavkoppel
Octave 2' Violine 4'    
Cornett-Mixtur 3f. Harmonia aethera 3f.    


In der Winfriedschule Fulda gespielte Stücke:
August Eduard Grell: Präludium Nr. 5 Es-Dur >>> https://www.youtube.com/watch?v=0THeMHf6wag
August Eduard Grell: Präludium Nr. 6 d-moll >>> https://www.youtube.com/watch?v=bTKib0K39gc
Max Gulbins: Ach Liebster, zeuch mich von der Erde >>> https://www.youtube.com/watch?v=Wm9lrl3oWqQ
Max Gulbins: Allein Gott in der Höh sei Ehr >>> https://www.youtube.com/watch?v=dquDPoi1eXs&t=6s
Max Gulbins: Du, o schönes Weltgebäude >>> https://www.youtube.com/watch?v=Bj_OFnMI4uQ
Max Gulbins: Ich bin ja, Herr, in deiner Macht >>> https://www.youtube.com/watch?v=AypBqDSsAiE
Max Reger: Ein feste Burg ist unser Gott >>> https://www.youtube.com/watch?v=Je1RilOX6_A&t=4s
Max Reger: Eins ist Not >>> https://www.youtube.com/watch?v=OG5IWjdBTG4
Wilhelm Rudnick: Alle Menschen müssen sterben >>> https://www.youtube.com/watch?v=xyqIKFcGJxA
Wilhelm Volckmar: Adagio f-moll >>> https://www.youtube.com/watch?v=RAJbJqcDVek
Wilhelm Volckmar: Allegro c-moll >>> https://www.youtube.com/watch?v=ZYp_ItKEGco
Wilhelm Volckmar: Andante Es-Dur >>> https://www.youtube.com/watch?v=gCOMaxMbAbQ&t=5s



FULDA
Vonderau-Museum

Unbekannter Erbauer um 1725, Schleifladen, mechanische Spiel- und Registertraktur

Die meisten Touristen, die in die osthessische Kreisstadt Fulda kommen, konzentrieren sich bei ihrer Besichtung auf das bekannte Barockviertel – mit Dom, Stadtschloß und Michaelskirche. Das Barockviertel liegt am Rande der rund 67.000 Einwohnerinnen und Einwohner zählenden osthessischen Kreisstadt Fulda. Im eigentlichen Zentrum der Stadt rund um Stadtpfarrkirche und Universitätsplatz befindet sich an der Stelle der „alten Müntz“ der heutige „Museumsbau“. Nachdem im 16.Jahrhundert die Reformation Einzug in Fulda gehalten hatte, berief Fürstabt Balthasar von Dermbach 1571 zur Unterstützung der Gegenreformation die Jesuiten nach Fulda. Sie gründeten eine Schule im Gebäude der „alten Müntz“ und errichteten in diesen Gebäuden 1584 ein Päpstliches Kolleg. 1620 von den Jesuiten wird ein Neubau errichtet, der zum großen Teil noch erhalten ist. 1679 wurde der Seminarneubau begonnen; es entstand eine vierflügelige Anlage rund um einen Innenhof. 1731 bis 1732 errichtete der Fuldaer Hofarchitekt Andreas Gallasini den heutigen Barockbau mit Refektorium und Oratorium, das dem Hl. Franz Xaver geweiht wurde. Nach der Auflösung des Jesuitenordens und der bald danach folgenden Säkularisation wurde das Gebäude nacheinander als Kaserne und danach bis in die 70er Jahre des 20.Jahrhunderts als Schule benutzt. Ältere Fuldaer kennen das Gebäude darum meist unter der Bezeichnung „Alte Stadtschule“. Seit 1976 beherbergt es das Städtische Vonderau-Museum. Seit der Neukonzeption Anfang der 1990er Jahre bietet es eine überaus sehenswerte Ausstellung von der Vor- und Frühgeschichte des Fuldaer Landes bis heute. Im heute als Konzert- und Vortragsraum genutzten ehemaligen Oratorium befindet sich seit 2012 die restaurierte „Buseck-Orgel“. Das kleine, nur vier Register umfassende Orgelpositiv zählt aufgrund seines sehr hohen Anteils an Originalsubstanz zu den hessenweit bedeutsamsten Instrumenten des frühen 18. Jahrhunderts. Benannt wurde die Orgel, dessen Erbauer nicht bekannt ist, nach dem Wappen der Familie Buseck auf dem Obergesims des Gehäuses. Ein Mitglied dieser Adelsfamilie hat das Instrument also wohl gestiftet, in Frage kommt hier vor allem Amand von Buseck, der spätere Fürstabt und Fürstbischof von Fulda. Neueste dendrochronologische Untersuchungen ergaben, dass die Orgel vermutlich zwischen 1725 und 1730 erbaut wurde. Die früher allgemein Angenommene Entstehung in der 2.Hälfte des 17.Jahrhunderts ist damit widerlegt. Bevor Amand von Buseck ab 1737 Fuldaer Fürstabt wurde, war er seit 1724 Propst des Nebenklosters Neuenberg und seit 1728 Weihbischof in Fulda.
Zur Geschichte der kleinen Orgel liegen keine Unterlagen vor. So ist auch ihr Erbauer bis heute nicht bekannt. Auch der ursprüngliche Standort der Orgel ist uns nicht überliefert. Einige Wahrscheinlichkeit hat die These für sich, dass das Instrument in der ehemaligen Kapelle der Domdechanei – in unmittelbarer Nachbarschaft des Domes - stand, die 1704 von dem damaligen Stiftsdechanten Bonifaz von Buseck errichtet wurde. Nach der Säkularisation kam das Orgelpositiv dann in die Friedhofskapelle der Dompfarrei am Fuße des Frauenberges und um 1917 dann in das Magazin des Fuldaer Stadtschlosses. 1942 wurde die Orgel mit einem elektrischen Gebläse versehen und zunächst im Marmorsaal, 1948 dann im Fürstensaal des Stadtschlosses neu aufgestellt. Mitte der 1970er Jahre wurde die Orgel dann in ihre Einzelteile zerlegt, im Magazin des Bauhofs der Stadt Fulda eingelagert und – vergessen. Erst Anfang des 21.Jahrhunderts forschte der Fuldaer Domorganist Hans-Jürgen Kaiser wieder nach dem Instrument und initiierte die schließlich 2012 abgeschlossene Restaurierung, die maßgeblich vom Fuldaer Rotary Club finanziert wurde und von der traditionsreichen Firma Jehmlich Orgelbau Dresden GmbH durchgeführt wurde. Bei der Restaurierung stellte sich heraus, dass nahezu alle Teile des Instruments im Original vorhanden sind. Die Arbeiten mussten also mit besonderer Sorgfalt durchgeführt werden. Dies galt vor allem für die originale, rund 300 Jahre alte Belederung der Keilbälge, eine besondere Seltenheit, die unbedingt erhalten werden musste. Auch das Pfeifenwerk war in erstaunlich vollständiger Form aus der Ursprungszeit erhalten, es musste keine einzige Pfeife rekonstruiert werden.
Die kleine, aber feine Buseck-Orgel, die heute im barocken Saal des Fuldaer Vonderau-Museum steht, konnte 2011 bis 2012 durch die Firma Jehmlich aus Dresden umfassend restauriert und der nahezu unveränderte Zustand konserviert werden. Sie besitzt vier Register auf einem Manual, das von C und D ohne Cis bis zum c3 ausgeführt ist und somit 48 Töne enthält. Hier finden wir ein ausgesprochen poetisches Gedackt 8' und ein klanglich sehr vielseitiges Gedackt 4', beide aus Eichenholz und die Seiten aus Kiefernholz. Aus einer Zinn/Blei-Legierung besteht der Principal 2' im Prospekt und die Oktave 1'. Ein Pedal ist nicht vorhanden. Eingestimmt mit einer historischen Temperatur nach Werckmeister III bietet sich die bezaubernde Kleinorgel im Vonderau-Museum heute als ein optisches und klangliches Schmuckstück dar, deren historische Substanz inklusive der beiden Mehrfalten-Keilbälge in einmaliger Form erhalten ist. Es wäre wünschenswert, dass die Orgel nicht nur ein gepflegtes Museumsstück ist, sondern auch öfter im Rahmen von Konzerten oder ähnlichen Veranstaltungen genutzt würde. Derzeit ist sie leider nur sehr selten in klingender Form zu erleben.

Link zum klingenden Orgelportrait >>> https://www.youtube.com/watch?v=Lk1VG6Nm9AI&t=268s

Disposition:

Manual, CD-c3  
Gedackt 8' kein Pedal
Gedackt 4'  
Principal 2'  
Octave 1'  

Im Vonderau-Museum Fulda gespielte Stücke:
Johann Christoph Bach: Auf meinen lieben Gott >>> https://www.youtube.com/watch?v=LNxZOVHRXCw
Johann Christoph Bach: Aus tiefer Not schrei ich zu dir >>> https://www.youtube.com/watch?v=KHEL7siSjmo
Johann Christoph Bach: Kommt her zu mir, spricht Gottes Sohn >>> https://www.youtube.com/watch?v=vA8zDR8tBxc
Johann Christoph Bach: Nun laßt uns Gott, dem Herren >>> https://www.youtube.com/watch?v=wvy5K3kFMP8
Johann Christoph Bach: Warum betrübst du dich, mein Herz >>> https://www.youtube.com/watch?v=D58CMMd8R0E&t=9s
Paul Hofhaimer: Carmen in re >>> https://www.youtube.com/watch?v=KlHf6if3B4Q&t=6s
Johann Erasmus Kindermann: Drifache Fuga >>> https://www.youtube.com/watch?v=pH72FbBq1C8
Christian Michael: Toccata in a durez >>> https://www.youtube.com/watch?v=sXRHGI9fQyI
Christian Michael: Toccata in g durez >>> https://www.youtube.com/watch?v=DUMZcA_Q1hw&t=5s
Johann Gottfried Vierling: Andantino dolce A-Dur >>> https://www.youtube.com/watch?v=eihD41upOiI&t=138s
Johann Gottfried Vierling: Gottes Sohn ist kommen >>> https://www.youtube.com/watch?v=t4ZhvkPGNFU&t=128s
Johann Gottfried Vierling: Mesto g-moll >>> https://www.youtube.com/watch?v=yO5rNYHCZt0&t=246s
Johann Gottfried Vierling: O Herr, mein Gott, durch den ich >>> https://www.youtube.com/watch?v=_XMp7Ty808M&t=585s
Johann Gottfried Vierling: Un poco Allegro E-Dur >>> https://www.youtube.com/watch?v=kQaw9JQbkhc&t=7s
Johann Gottfried Vierling: Warum betrübst du dich, mein Herz >>>
Johann Gottfried Vierling: Warum sollt ich mich denn grämen >>> https://www.youtube.com/watch?v=t4ZhvkPGNFU&t=128s



GERSFELD (RHÖN) (Landkreis Fulda)
Ev. Stadtkirche



Erbauer: Johann Michael Wagner (Schmiedefeld) 1784-1787, Schleifladen, mechanische Spiel- und Registertraktur

Gersfeld, offiziell Gersfeld (Rhön), liegt im Landkreis Fulda in Osthessen. Die rund 5.500 Einwohnerinnen und Einwohner zählende Stadt ist ein anerkannter Heilklimatischer Kurort und Kneipp-Heilbad. Gersfeld wird von Bergen halbkreisförmig umschlossen. Da diese schon der Hohen Rhön als naturräumliche Einheit zugeordnet werden, liegt die Gemeinde genau an der Grenze zweier naturräumlicher Einheiten. Der Kurort liegt in dem nach Südwesten gerichteten Fuldatal inmitten des UNESCO-Biosphärenreservats Rhön. Erstmals urkundlich erwähnt wurde Gersfeld als Geraldisfeld im Jahre 944. 1059 wurde Gersfeld fuldisch und seit dem 14. Jahrhundert besaß der Ort die Stadt- und Marktrechte. Unter den Reichsrittern derer von Ebersberg und derer von Steinau genannt Steinrück löste sich die Stadt 1656 vollständig aus der Herrschaft Fuldas und unterstand nun direkt dem Kaiser. Als einst ritterschaftliches Gebiet ist Gersfeld und das dazugehörige Umland bis heute evangelisch in einem überwiegend katholischen Umfeld. Die Evangelische Stadtirche wurde 1778 von Caspar Heym entworfen und zwischen 1780 und 1788 von Baumeister Link aus Brückenau ausgeführt. Neben den Kirchen von Lauterbach und Erbach ist sie der bedeutendste evangelische Kirchenbau der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Hessen. Die prachtvolle barocke Orgel entstand 1784 bis 1787 und stammt aus der Werkstatt des Schmiedefelder Meisters Johann Michael Wagner.
Die kleine Stadt Schmiedefeld am Rennsteig war im 18. und 19. Jahrhundert Heimat einer ganzen Reihe von Orgelbauern. Der Begründer der Schmiedefelder Orgeltradition war Johann Michael Wagner, der 1723 ebendort geboren wurde und sein Handwerk bei dem Gothaer Hoforgelmacher Heinrich Carl Christian Hoffmann lernte. Er hatte noch einen jüngeren Bruder, Johannes Wagner, geboren 1734, der ebenfalls Orgelbauer wurde. Später machten sie sich gemeinsam selbstständig und nannten sich fortan Gebrüder Wagner. Nachdem Johann Michael Wagner eine Weile als Geselle bei Johann Caspar Beck in Herrenbreitungen gearbeitet hat, errichtete er 1751 seine erste eigenständige Orgel mit 22 Registern in Döschnitz bei Rudolstadt. 1757 bis 1762 errichtete er ein neues Instrument in der Hauptpfarrkirche St. Marien zu Suhl. Im Schaffen der Gebrüder Wagner ragen zwei Instrumente besonders heraus, die allerdings in weit entfernten Gegenden errichtet wurden. 1768 bis 1770 entstand eine große Orgel mit drei Manualen inklusive Rückpositiv und 47 Registern für die Eusebiuskirche im niederländischen Arnheim. Und 1786 erhielten die Gebrüder Wagner den ehrenvollen Auftrag, eine neue Orgel mit 50 Stimmen auf drei Manualen und Pedal in der Dresdner Kreuzkirche zu errichten. Welchen Ruhm würden die Gebrüder Wagner noch heute haben, wenn ihre großen Orgelwerke von Arnheim und Dresden erhalten geblieben wären. Der Kontrakt für das Instrument in Dresden wurde 1786 unterzeichnet. Damals arbeitete man bereits seit einiger Zeit an der Orgel für die neu erbaute Stadtkirche in Gersfeld, die schließlich 1787 vollendet wurde. Auch sie ist ein repräsentatives Instrument mit 29 Stimmen auf zwei Manualen und Pedal. 1854 wurde die Gersfelder Orgel erstmals durch Johann Heinrich Ludwig Ratzmann aus Ohrdruf verändert. 1951 führte die Firma Werner Bosch aus Kassel einen erneuten Umbau aus, bei dem die Disposition im damaligen Sinne neobarockisiert wurde. 1965 sodann erfolgte auf Initiative von Prof. Gottfried Rehm eine Rekonstruktion der ursprünglichen Wagner-Disposition, die ebenfalls von Werner Bosch durchgeführt wurde. Nachdem die Orgel technisch wiederum in die Jahre gekommen war, erfolgte im Jahr 2010 eine stilgerechte Restaurierung des Instruments, die von der Firma Mitteldeutscher Orgelbau Voigt aus Bad Liebenwerda ausgeführt wurde. Die Orgel in Gersfeld war eine der letzten Instrumente, die die Gebrüder Wagner selbst aufgebaut haben. In den 1790er Jahren ging die Firmenleitung nach und nach an deren Gesellen Johann Caspar Holland über, der die Schmiedefelder Orgelbautradition nach dem Ableben der Gebrüder Wagner – Johann Michael starb 1801 und Johannes 1804 – ungebrochen und glanzvoll ins 19. Jahrhundert hinüberführte.
Die große Wagner-Orgel in der Barockkirche zu Gersfeld besitzt 30 Register auf zwei Manualen und Pedal. Die beiden Manuale haben heute den üblichen Tonumfang vom Ton C bis zum g3. Zwölf Register bilden das Hauptwerk. Wir finden hier Quintatön 16', sodann Principal, Gedackt und Gamba 8', Oktave und Rohrflöte 4' und eine Oktave 2'. Konturiert und bekrönt wird der Klang in überaus prachtvoller Weise von einem 3fachen Cornett, einer 4-5fachen Mixtur und einer 2fachen Cymbel. Dazu kommen die beiden rekonstruierten Zungenstimmen Fagott 16' und Trompete 8'. Ebenfalls 12 Register besitzt das Oberwerk, nämlich Gedackt, Quintatön, Traversflöte und ein reizvoll schwebendes Piffaro 8', weiterhin Principal und Flauto 4', die Oktave 2', ein Flageolet 1' sowie eine 3fache Mixtur, ein 4faches Scharff und ein 3faches Echo-Cornett. Dazu kommt noch eine Vox humana 8' sowie ein Tremulant. Der Tonumfang des Pedals ist heute bis zum f1 erweitert. Es besitzt sechs Stimmen, nämlich Prinzipalbaß und Subbaß 16', Oktavbaß und Violon 8' sowie die beiden Zungenregister Posaune 16' und Clarine 4'. Die Wagner-Orgel in Gersfeld ist nach ihrer Restaurierung wieder eine der klangschönsten Orgeln des Fuldaer Landes, die zudem das Glück hat, mit der geräumigen Stadtkirche auch einen akustisch ganz wunderbaren Raum um sich herum zu haben. 

Link zum klingenden Orgelportrait >>> https://www.youtube.com/watch?v=lfyjDs_Ej2g

Disposition:

Hauptwerk, C-g3 Oberwerk, C-g3 Pedal, C-f1  
Quintatön 16' Gedackt 8' Principalbaß 16' Manualkoppel
Principal 8' Quintatön 8' Subbaß 16' Pedalkoppel zu I
Gedackt 8' Traversflöte 8' Octavbaß 8' Pedalkoppel zu II
Gamba 8' Piffaro 8' Violon 8' Tremulant OW
Octave 4' Principal 4' Posaune 16'  
Rohrflöte 4' Flauto 4' Clarine 4'  
Octave 2' Octave 2'    
Cornett 3f. Flageolet 1'    
Mixtur 4-5f. Mixtur 3f.    
Cymbel 2f. Scharff 4f.    
Fagott 16' Echo-Cornett 3f.    
Trompete 8' Vox humana 8'    

In Gersfeld (Rhön) gespielte Stücke:
Johann Pachelbel: Gott hat das Evangelium >>> https://www.youtube.com/watch?v=dEJwDVlxyt0&t=4s
Johann Pachelbel: Praeludium und Fuge in d >>> https://www.youtube.com/watch?v=Zy3qoexI1cs
Johann Valentin Rathgeber: Aria Nr. 46 in E >>> https://www.youtube.com/watch?v=os_puMgKZ1g&t=6s
Johann Valentin Rathgeber: Aria Nr. 47 in c >>> https://www.youtube.com/watch?v=w4BRugOVbU4&t=6s
Johann Valentin Rathgeber: Aria Nr. 48 in c >>> https://www.youtube.com/watch?v=Xy0tyZpbi0g&t=6s
Johann Valentin Rathgeber: Aria Nr. 49 in d >>> https://www.youtube.com/watch?v=6iDjlycIUBk
Johann Valentin Rathgeber: Aria Nr. 50 in d >>> https://www.youtube.com/watch?v=-hXhanWxTyM&t=5s
Christian Heinrich Rinck: Auferstehen, ja auferstehen >>> https://www.youtube.com/watch?v=oeS79P3AcYo
Christian Heinrich Rinck: Aus meines Herzens Grunde >>> https://www.youtube.com/watch?v=yZfvZbmfZf0
Christian Heinrich Rinck: Aus tiefer Not schrei ich zu dir I >>> https://www.youtube.com/watch?v=7PjJ3B3gw_U
Christian Heinrich Rinck: Aus tiefer Not schrei ich zu dir II >>> https://www.youtube.com/watch?v=7PjJ3B3gw_U
Christian Heinrich Rinck: Befiehl du deine Wege >>> https://www.youtube.com/watch?v=u88b-bZKtGg
Georg Andreas Sorge: Kleines Praeludium Nr. 7 d-moll >>> https://www.youtube.com/watch?v=sHF_EhN8qDw
Georg Andreas Sorge: Kleines Praeludium Nr. 8 d-moll >>> https://www.youtube.com/watch?v=sHF_EhN8qDw
Georg Andreas Sorge: Praeludium B-Dur >>> https://www.youtube.com/watch?v=7KIY6ia-F24
Christian Gotthilf Tag: Larghetto g-moll >>> https://www.youtube.com/watch?v=FG8IqPcjx0Q
Christian Gotthilf Tag: Largo molto c-moll > https://www.youtube.com/watch?v=PENLmiR9DEk
Christian Gotthilf Tag: Orgelsinfonie zum Auszug >>> https://www.youtube.com/watch?v=005C6sgqyWU



GROSSEN-BUSECK (Gemeinde Buseck, Landkreis Gießen)
Ev. Kirche




Erbauer: Johann Georg Förster (Lich) 1870, Kegelladen, mechanische Spiel- und Registertraktur

Großen-Buseck ist mit rund 5.400 Einwohnern und einer Gemarkung von 16 Quadratkilometer der größte Ortsteil der Gemeinde Buseck im mittelhessischen Landkreis Gießen. Das Bestehen der Ortschaft „Puchsekke“ lässt sich urkundlich bis in die Zeit um 1218 zurückverfolgen, doch existierte die Siedlung wohl schon länger, denn die Grundmauern der Kirche werden allgemein auf die Zeit um 1200 datiert. Seit dem 14. Jahrhundert bis 1821 bestand das „Gericht Busecker Tal“, als Ganerbschaft der Freiherren von Buseck. Das weit verzweigte Lahngauer Adelsgeschlecht derer von Buseck bestimmte für Jahrhunderte die Geschicke der Dörfer und Siedlungen im Großraum rund um die heutige Stadt Gießen. In Großen-Buseck selbst gab es einst vier Adelssitze. Das Rathaus der heutigen Gemeinde Buseck, zu der seit der Gebietsreform 1977 neben Großen-Buseck auch die Orte Altenbuseck und Beuern gehören, hat seine Amtsräume im Busecker Schloß, das anstelle einer mittelalterlichen Wasserburg im 15. Jahrhundert errichtet und im 19. Jahrhundert neugotisch umgestaltet wurde. Umgestaltet und zwar in spätgotischer Zeit wurde auch die Evangelische Kirche des Ortes. Das Dachtragewerk des nördlichen Querhauses stammt noch aus der Zeit um 1200, genauso wie der mächtige Westturm und das Langhaus. Im Inneren sind neben einigen Grabmälern besonders die romanischen und gotischen Fresken einen genaueren Blick wert. Die Orgel dürfte fast das jüngste Ausstattungsstück der Kirche sein, sie stammt aus dem Jahre 1870 und wurde von Johann Georg Förster aus Lich erbaut.
Johann Georg Förster, der 1870 das Instrument in Großen-Buseck erbaute, wurde 1818 in Lich, zwischen Wetterau und Vogelsberg geboren. Er erlernte die Kunst des Orgelbaues bei Johann Hartmann Bernhard in Romrod bei Alsfeld und arbeitete in der Folge als Geselle bei Hermann Dreymann in Mainz, bei Johann Georg Bürgy in Gießen und bei Johann Heinrich Krämer in Leusel bei Alsfeld, dessen Tochter er 1842 heiratete. Im selben Jahr machte sich Förster als Orgelbauer selbstständig. Bis zu seinem Tod 1902 in Lich erbaute Förster ein- und zweimanualige Orgeln mit maximal 25 Registern. Seit 1884 arbeitete der 1860 geborene Carl Nicolaus als Geselle bei Förster, der einige Jahre später die Tochter seines Meisters heiratete und im Jahr 1900 Alleininhaber des Unternehmens wurde, das fortan unter dem Namen Förster und Nicolaus firmierte. Bis heute führt die Firma Förster und Nicolaus GmbH die Orgelbautradition in Lich fort mit derzeit 13 Angestellten und etwa 1.000 Wartungsverträgen, zusätzlich zu den Neubauten und Restaurierungsprojekten. Doch zurück zum Gründer Johann Georg Förster. Anfänglich baute er Schleifladen, später experimentierte er aber auch mit einer Form der Springlade – eine solche Konstruktion ist etwa in Bellersheim bei Hungen aus dem Jahr 1868 erhalten – und um 1880 mit einer Hängeventillade. Ab etwa 1870 besitzen die meisten seiner Orgeln mechanische Kegelladen, so auch das Instrument in Großen-Buseck. Den Auftrag zum Bau dieser Orgel erhielt Förster bereits 1866 und nach einigen Verzögerungen konnte das Werk schließlich 1870 als sein op. 30 für 375 Mark im Chorraum der Kirche aufgestellt und eingeweiht werden. 1973 wurde die Orgel dann in das nördliche Querschiff umgesetzt, um die kostbaren Fresken im Chorraum besser sichtbar zu machen. In Großen-Buseck ist im zweiten Manual eine Besonderheit erhalten, nämlich eine Physharmonika. Dieser Vorläufer des Harmoniums und des Akkordeons wurde seinerzeit nur in wenige Orgeln integriert und noch viel seltener ist sie erhalten. Aus dem Schaffen Johann Georg Försters existiert nur noch eine einzige weitere Physharmonika, gar nicht weit entfernt in der Kirche von Steinbach, einem Ortsteil der Gemeinde Fernwald, doch ist diese derzeit leider nicht spielbar.
Die 1870 erbaute Förster-Orgel in Großen-Buseck besitzt 20 Register auf zwei Manualen und Pedal und eine ganz charakteristische, romantische Disposition. Das Hauptwerk verfügt über einen Tonumfang bis zum f3 und die Stimmen Quintatön 16', Principal, Bourdon, Hohlflöte und Viola da Gamba 8', Octave und Flauto dolce 4', eine Octave 2' sowie ein kräftiges Cornettino 4fach und eine Trompete 8'. Das Positiv besitzt Stillgedackt, Flauto amabile und Dolce 8', Gemshorn und Flöte-Gedackt 4' sowie die bereits erwähnte Physharmonika 8'. Das Pedal mit einem Umfang bis zum d1 besitzt Principalbaß und Subbaß 16' sowie Violoncello 8' und eine Posaune 16', dazu kommen eine Manual- und eine Pedalkoppel sowie ein Collectivtritt. Es ist ein in Hessen nicht allzu häufiger Glücksfall, dass größere, zweimanualige Orgeln der Hochromantik so unberührt und nahezu vollständig erhalten sind wie die Orgel Johann Georg Försters in Großen-Buseck; die ununterbrochen bis heute von der von ihm begründeten Orgelbaufirma gepflegt wird. 

Link zum klingenden Orgelportrait >>> https://www.youtube.com/watch?v=zStOIOyE_xY

Disposition:

Hauptwerk, C-f3 Positiv, C-f3 Pedal, C-d1  
Quintatön 16' Stillgedackt 8' Principalbaß 16' Manualkoppel
Principal 8' Flauto amabile 8' Subbaß 16' Pedalkoppel
Bourdon 8' Dolce 8' Violoncello 8' Collectivtritt
Hohlflöte 8' Gemshorn 4' Posaune 16'  
Viola di Gamba 8' Flöte-Gedackt 4'    
Octave 4' Physharmonika 8'    
Flauto dolce 4'      
Octave 2'      
Cornettino 4f.      
Trompete 8'      

In Großen-Buseck gespielte Stücke:
Johann Jäger: Es ist das Heil uns kommen her >>> https://www.youtube.com/watch?v=Q14NG5sj3x4&t=1s
Johann Jäger: So jemand spricht: ich liebe Gott >>> https://www.youtube.com/watch?v=kkh0a0jZOuQ
Johann Jäger: Wer nur den lieben Gott läßt walten >>> https://www.youtube.com/watch?v=-_zuKwM1e1s
Victor Klauß: Nachspiel c-moll >>> https://www.youtube.com/watch?v=UjPV10Hqnaw
Hermann Küster: Vorspiel F-Dur >>> https://www.youtube.com/watch?v=9lFOQqvCcYo
Louis Lewandowski: Consolation Nr. 4 d-moll >>> https://www.youtube.com/watch?v=YA2qFXlgza8
Louis Lewandowski: Consolation Nr. 5 D-Dur >>> https://www.youtube.com/watch?v=MlF8Kk_fFH4
Louis Lewandowski: Consolation Nr. 6 f-moll >>> https://www.youtube.com/watch?v=qKr2NL7W2gQ
Robert Meister: Postludium D-Dur >>> https://www.youtube.com/watch?v=LLz5tUjX15Q
Sigismund Ritter von Neukomm: Agnus Dei >>> https://www.youtube.com/watch?v=BfXw2QriynY
Karl Piutti: Ach wie flüchtig, ach wie nichtig >>> https://www.youtube.com/watch?v=JEhOFcZ_7EE
Karl Piutti: Morgenglanz der Ewigkeit >>> https://www.youtube.com/watch?v=7vX1_fOXga4&t=4s
Ewald Röder: Allein Gott in der Höh sei Ehr >>> https://www.youtube.com/watch?v=9CUYL_5gtpc
Ewald Röder: O daß ich tausend Zungen hätte >>> https://www.youtube.com/watch?v=EO9fq20U1r0&t=4s
Otto Thomas: Nun ruhen alle Wälder >>> https://www.youtube.com/watch?v=fC_P99yk_MI
Otto Thomas: Sollt ich meinem Gott nicht singen >>> https://www.youtube.com/watch?v=1M60B3NkTQw



HARTERSHAUSEN (Stadt Schlitz, Vogelsbergkreis)
Ev. Kirche




Erbauer: Johann Christoph Hart (Kaltenwestheim) 1685, Umbau Wilhelm Oestreich (Bachrain) 1901, Schleifladen, mechanische Spiel- und Registertraktur

Hartershausen ist ein Stadtteil von Schlitz im Vogelsbergkreis in Hessen. Ins Fuldatal eingebettet, liegt Hartershausen im östlichen Teil des landschaftlich schönen Schlitzerlandes. Durch das Dorf verläuft die Landesstraße 3143, die Hartershausen mit Hemmen und Üllershausen verbindet. In einer Urkunde aus dem Jahre 871 wird das Dorf erstmals erwähnt. König Ludwig der Deutsche schenkte damals dem Abt Sigehard von Fulda seinen Besitz in „Hartrateshus“. 1972 wurde Hartershausen in die Stadt Schlitz eingemeindet. Der kleine Ort mit seinen heute 263 Einwohnerinnen und Einwohnern besitzt einige liebevoll restaurierte Fachwerkhäuser. Die Nikolaikirche des Ortes stammt wohl aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Sie ist damit eine der ältesten Kirchen des Schlitzerlandes. Der aufstrebende gotische Dachreiter, die frühgotische kleine Pforte und die kleinen Nebenfenster weisen in der Architektur auf das späte Mittelalter hin. Ein 1901 beim Abbruch des alten Altars entdecktes Bischofssiegel weist darauf hin, dass die damals vermutlich erweiterte Kirche im Jahr 1281 von dem Deutschordensbischof aus Samland, Kristan von Mühlhausen, geweiht wurde. Die Chroniken verzeichnen für das Jahr 1282 einen „Eckhardius von Hartratishusen“ als Pleben, also Pfarrer – damit ist die Kirche als Pfarrkirche urkundlich belegt. Mindestens seit dem 15. Jahrhundert sind die umliegenden Dörfer Hemmen, Pfordt und Üllershausen der Pfarrei Hartershausen zugeordnet. Im Inneren der Kirche finden noch die romanischen Weihekreuze, ein spätgotischer Taufstein und eine der ältesten Orgeln Hessens. Erbaut wurde sie 1685 von Johann Christoph Hart aus Ostheim vor der Rhön.
Erbauer der „ältesten Orgel Osthessens“, wie sie in der Literatur des öfteren bezeichnet wird, war Johann Christoph Hart. Dieser wurde 1641 in Ostheim vor der Rhön getauft. Über sein Leben ist nicht sehr viel bekannt; so wissen wir auch nicht, wo er die Kunst des Orgelbaues erlernte. Naheliegend wäre aber etwa eine Lehre bei Konrad Kitzinger oder Künzinger in Münnerstadt. Dieser Orgelbauer entfaltete in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts eine fruchtbare Tätigkeit im Bereich der heutigen bayerischen Rhön, von der allerdings mit Ausnahme einer Prospekte nur sehr wenig bis heute erhalten ist. Johann Christoph Hart war allerdings nicht nur Orgelbauer, ab 1670 ist er auch als Schulmeister und Organist in Kaltensundheim nachweisbar, 1682 wohnte und arbeitete er in gleichen Funktionen im benachbarten Kaltenwestheim im heutigen Thüringen, wo er auch als Gastwirt tätig war. Seine Heimatstadt Ostheim beauftragte ihn im Jahre 1673 mit dem Neubau einer Orgel für die Stadtkirche St. Michael. 1738 wurde dieses Instrument allerdings bereits durch eine größere Orgel ersetzt. Allerdings verkaufte man die Hart-Orgel bei der Gelegenheit an die kleine Kirche des Rhöndorfes Oberwaldbehrungen, so sie mit lediglich geringen Veränderungen die Zeitläufe bis heute überstanden hat. In einem anderen Orgelportrait wird sie uns vorgestellt. Neben diesem Instrument und der Orgel in Hartershausen wissen wir von Orgelneubauten, die Hart zwischen 1683 und 1701 in Kaltensundheim, Kaltenwestheim und Helmershausen – alle in der Thüringischen Rhön gelegen – ausgeführt hat. Erhalten blieben von all dem nur die Orgeln in Oberwaldbehrungen und Hartershausen. Sie besaß zum Zeitpunkt ihrer Erbauung sechs Register im Manual und ein angehängtes Pedal. Als man 1901 die Kirche etwas umbaute, wurde auch die Orgel in Richtung des damaligen romantischen Zeitgeschmacks verändert. Diesen Umbau führte Wilhelm Oestreich aus Bachrain bei Fulda aus. Wilhelm Oestreich ist der letzte Vertreter jener über fünf Generationen hinweg im Fuldaer Land und darüber hinaus wirkenden Orgelbauerdynastie der Oestreichs. Er wurde 1848 als Sohn von Joseph Oestreich in Fulda geboren, erlernte das Handwerk bei seinem Vater und übernahm nach dessen Tod dessen Werkstatt. Er hatte nahezu alle Orgeln in Fulda und dem Umland in Pflege. Neubauten von seiner Hand sind hingegen kaum bekannt; zeitlebens – er starb 1929 – war er ein Verfechter der Schleiflade und von mechanischen Trakturen. Und so bemühte er sich – seine aus den genannten Gründen bei nahezu null liegenden Chancen realistisch einschätzend - ab etwa 1900 auch gar nicht mehr aktiv um Neubauten. Beim Umbau in Hartershausen ging er sehr behutsam mit den frühbarocken Registern um, die ursprüngliche Intonation wurde kaum angetastet. Oestreich erweiterte die Orgel um einige romantische Stimmen in 8'-Lage und um ein selbständiges Pedal.
Die von Wilhelm Oestreich umgebaute Hart-Orgel von 1685 besitzt heute 9 Register auf einem Manual und Pedal. Bei der letzten Renovierung 1979 hat man sich dazu entschlossen, den historisch gewachsenen Bestand beizubehalten. Im Manual, das bis zum c3 ausgebaut ist, sind aus der Hart-Orgel weitgehend erhalten Gedackt 8', Oktave 4' und Oktave 2' sowie Teile der Mixtur 4fach. Wilhelm Oestreich hat 1901 dann die Register Principal, Viola di Gamba und Salicional 8' angefügt. Diese drei romantischen Stimmen ersetzen die Hart-Register Quinte 1 1/2', Superoctave 1' sowie die Cimpel. Das von Oestreich hinzugefügte Pedal enthält zwei Register, nämlich Subbaß 16' und Oktavbaß 8', dazu kommt eine Pedalkoppel. Natürlich ist es ein reizvoller Gedanke, die älteste Orgel Osthessens irgendwann einmal in ihren Originalzustand zurückzuversetzen. Andererseits besitzen wir von Wilhelm Oestreich, dem letzten Vertreter der einst so bedeutenden Orgelbauerdynastie, nur noch ganz wenige Pfeifenreihen und somit kommt seinen fünf Registern in Hartershausen eine besondere Bedeutung zu. Somit wohnen der Hartershäuser Orgel heute sozusagen zwei Seele inne: eine frühbarocke und eine spätromantische. Als Organist muss man darauf achten, am besten beide „Seelenwelten“ (wenn wir das mal so nennen wollen) nicht zu vermischen, sondern entweder die barocken Stimmen oder die romantischen zu verwenden. 

Link zum klingenden Orgelportrait >>> https://www.youtube.com/watch?v=es6PIugHyfc

Disposition:

Manual, C-c3 Pedal, C-c1  
Principal 8' Subbaß 16' Pedalkoppel
Gedackt 8' Octavbaß 8'  
Viola di Gamba 8'    
Salicional 8'    
Octave 4'    
Octave 2'    
Mixtur 4f.    

In Hartershausen gespielte Stücke:
Christian Scherer: Maria, dich lieben >>> https://www.youtube.com/watch?v=4zjXNUNAvIE
Christian Scherer: O unbesieger Gottesheld >>> https://www.youtube.com/watch?v=p_MTPJ2Ges0
Jan Pieterszoon Sweelinck: Durch Adams Fall ist ganz verderbt >>> https://www.youtube.com/watch?v=JyHzZ_yd9gw
Wilhelm Volckmar: Adagio c-moll >>> https://www.youtube.com/watch?v=_4KiveTlmlc
Wilhelm Volckmar: Adagio d-moll >>> https://www.youtube.com/watch?v=cptcV_Ix6fg
Wilhelm Volckmar: Andante d-moll >>> https://www.youtube.com/watch?v=PXMa9sL6x68



HEIDELBACH (Stadt Alsfeld, Vogelsbergkreis)
Ev. Kirche




Erbauer: Johann Hartmann Bernhard (Romrod) 1818, Schleifladen, mechanische Spiel- und Registertraktur

Heidelbach ist ein Dorf mit etwa 380 Einwohnerinnen und Einwohnern im mittelhessischen Vogelsbergkreis und ein Ortsteil der Stadt Alsfeld. Der Ort liegt eingebettet zwischen den Anhöhen Steimes, Reichberg und Heidelberg etwa 7 km nördlich von Alsfeld und ist das „Tor zur Schwalm“. Der Name des Dorfes wird erstmals im Jahre 1057 als “Heidilbahc” erwähnt. Damals hat bereits eine Kirche im Ort bestanden und entstanden ist die Siedlung wahrscheinlich auch schon zwei bis drei Jahrhunderte früher. Das Gebiet gehörte zur Landgrafschaft Hessen und als Landgraf Philipp der Großmütige 1567 starb, wurde sein Land unter seinen Söhnen aufgeteilt. Der Alsfelder Raum gehörte zu Hessen-Marburg und fiel an seinen ältesten Sohn Ludwig. Unter ihm wurde 1574 eine Bestandsaufnahme der Städte und Dörfer in seinem Gebiet gemacht. So wissen wir noch heute, dass zu dieser Zeit etwa 200 Menschen in der Siedlung Heidelbach lebten. Anfang 1972 wurde Heidelbach im Zuge der Gebietsreform in die Stadt Alsfeld eingegliedert. Neben dem historischen Pfarrhaus steht die heutige evangelische Dorfkirche, die 1786 errichtet wurde. Das schlichte Gotteshaus mit Dachreiter über dem Westgiebel birgt in ihrem Inneren über dem Altar eine wertvolle, klassizistische Orgel aus der Werkstatt von Johann Hartmann Bernhard aus Romrod.
Johann Hartmann Bernhard, 1773 in Romrod bei Alsfeld geboren, entstammte einer Orgelbauerfamilie, die vom späten 18. bis zum frühen 20. Jahrhundert in Mittel- und Oberhessen wirkte. Stammvater ist der 1738 Johann Georg Bernhard, der sein Handwerk bei dem Würzburger Domorgelmacher Otto lernte und sich um 1770 in Romrod selbstständig machte. Nach dessen Tod 1803 übernahm sein Sohn Johann Hartmann Bernhard die väterliche Werkstatt. Er gilt als der bedeutendste Orgelbauer der Familie und schuf in knapp 40 Schaffensjahren etwa ebenso viele Orgeln. Seine anfangs vom Zopfstil, später vom Klassizismus geprägten charakteristischen Orgelprospekte sind unverkennbar. Erhalten sind etwa die die 1808 mit immerhin 22 Stimmen errichtete Orgel in Ober-Ohmen bei Mücke im Vogelsberg, dann ein sehr schönes Instrument mit 13 Registern in Ober-Mockstadt im Wetteraukreis, 1817 fertiggestellt und erhalten ist glücklicherweise auch die größte Orgel ihres Meisters, die 1826 mit 26 Registern in Pfungstadt in Südhessen errichtet wurde – um nur drei Instrumente herauszugreifen. Johann Hartmann Bernhard starb 1839 während eines Orgelbaues in Ober-Hörgern bei Münzenberg in der Wetterau. Diese Orgel wurde von seinem Gesellen Johann Georg Markert aus Ostheim vor der Rhön vollendet. Zwei Söhne Johann Hartmann Bernhards wurden ebenfalls Orgelbauer. Der 1804 geborene Friedrich Wilhelm Bernhard übernahm die väterliche Werkstatt in Romrod und sein 1807 zur Welt gekommener Bruder Adam Karl Bernhard machte sich später, nach dem Tod seines älteren Bruders mit einer eigenen Firma in Gambach selbstständig. Adam Karl Bernhards Söhne Karl Theodor und Karl Rudolf Bernhard firmierten später als Gebrüder Bernhard und arbeiteten in ihrem Handwerk bis in die Jahre des Ersten Weltkrieges. Die Orgel in Heidelbach wurde 1817 von Johann Hartmann Bernhard begonnen und 1818 eingeweiht – 2018 feierte sie also ihren 200. Geburtstag, den man in der Gemeinde auch mit einem Kirchenkonzert und einem Pfarrhoffest festlich begangen hat. Klanglich ist das Instrument noch stark an den Klangvorstellungen des 18. Jahrhunderts orientiert, wie es für die Orgeln Bernhards in jener Zeit typisch ist.
Das 1818 vollendete Orgelwerk Johann Hartmann Bernhards in Heidelbach ist im Laufe der seitherigen 200 Jahre nur geringfügig verändert worden. 2007 bis 2009 wurde das Instrument durch die Firma Orgelbau Waltershausen GmbH behutsam und stilgerecht restauriert. Die Disposition umfasst 12 Register auf einem Manual und Pedal. Das bis zum f3 ausgebaute Manual besitzt die Stimmen Gedackt, Quintatön und Hohlflöte 8', Principal, Flöte und Gemshorn 4', eine Oktave und ein Flageolet 2', eine Superoktave 1' und eine 3fache Mixtur. Im bis zum c1 geführten Pedal finden wir Subbaß 16' und Violonbaß 8'. Die Orgel besitzt und das ist sehr interessant, keine „normale“ Pedalkoppel zum Manual, dafür aber eine Pedal-Oktavenkoppel. Es handelt sich hierbei um eine Suboktavkoppel, das heißt, beim Spiel in der oberen Oktave des Pedals läßt diese Pedal-Oktavenkoppel den entsprechenden Ton eine Oktave tiefer mitklingen. Eine solche Form einer Suboktavkoppel ist äußerst selten, vor allem mit Blick auf das Baujahr 1818. Die Orgelbauerfamilie Bernhard prägte die Orgellandschaft Mittelhessens durch das ganze 19. Jahrhundert hindurch. Zahlreiche, meist kleinere Werke aus allen Generationen der Dynastie stehen noch heute, meist in kleineren Dorfkirchen. Klanglich konservativ ausgerichtet und technisch solide, haben sie vielfach die Zeiten relativ gut überstanden. 

Link zum klingenden Orgelportrait >>> https://www.youtube.com/watch?v=9P30tHdMdS8&t=9s

Disposition:

Manual, C-f3 Pedal, C-c1  
Gedackt 8' Subbaß 16' Pedal-Suboktavkoppel
Quintatön 8' Violonbaß 8'  
Hohlflöte 8'    
Principal 4'    
Flöte 4'    
Gemshorn 4'    
Octave 2'    
Flageolet 2'    
Superoctave 1'    
Mixtur 3f.    

In Heidelbach gespielte Stücke:
Johann Bernhard Bach: Ciacona G-Dur >>> https://www.youtube.com/watch?v=Pfy9c7u2Ock
Johann Bernhard Bach: Fantasie c-moll >>> https://www.youtube.com/watch?v=6zkOEdaKbJc
Johann Ernst Bach: Fantasie und Fuge a-moll >>> https://www.youtube.com/watch?v=_kfJyCkwqkc
Johann Kaspar Ferdinand Fischer: Praeludium und Fuge H-Dur >>> https://www.youtube.com/watch?v=BpLsSrout60&t=4s
Jakob Friedrich Greiss: Herzlich tut mich verlangen >>>  https://www.youtube.com/watch?v=nbRJwL_8kvo
Jakob Friedrich Greiss: Wer nur den lieben Gott läßt walten >>> https://www.youtube.com/watch?v=eEk2Oi3sQl8
Simon Sechter: Ermuntre dich, mein schwacher Geist >>> https://www.youtube.com/watch?v=os4igRgbQh0
Simon Sechter: Lobe den Herren >>> https://www.youtube.com/watch?v=e3zysM0J1_Q
Abbè Vogler: Allegro h-moll >>> https://www.youtube.com/watch?v=58m_Hu0uA4g
Abbé Vogler: Cantabile C-Dur >>> https://www.youtube.com/watch?v=SfuR2uWoOsA



HEISTERS (Gemeinde Grebenhain, Vogelsbergkreis)
Ev. Kirche




Erbauer: Johann Friedrich Meynecke (Frankfurt am Main, als Werkführer für den abwesenden Philipp Ernst Wegmann) 1777, Schleifladen, mechanische Spiel- und Registertraktur

Heisters ist ein Ortsteil der Gemeinde Grebenhain im mittelhessischen Vogelsbergkreis. Der Ort liegt im östlichen Vogelsberg in einer Höhe von 274 Metern. Die drei Ortsteile der kurzlebigen Gemeinde Steigertal - Heisters, Wünschen-Moos und Zahmen - weisen zahlreiche geschichtliche Gemeinsamkeiten auf. Der namensgebende Berg Steiger bei Heisters wird bereits in einer Grenzbeschreibung unter der Bezeichnung „Steigira“ erwähnt. Urkundlich wird Heisters zum ersten Mal in einem Weistum des Gerichts Schlechtenwegen von 1418 als „Heistrols“ erwähnt. Das Gericht Schlechtenwegen, zu dem neben Heisters unter anderem auch Wünschen-Moos und Zahmen gehörten, war bis 1338 Besitz der Herren von Blankenwald, einer Seitenlinie der Herren von Schlitz, und kam dann als Lehen der Fuldaer Äbte an die Herren von Eisenbach. 1806 kam das Gebiet der Riedesel zu Eisenbach an das Großherzogtum Hessen. 1971 wurde in der Anfangsphase der hessischen Gebietsreform die Gemeinde Steigertal gegründet, die ihrerseits bereits 1972 in die neue Großgemeinde Grebenhain eingegliedert wurde. Heute leben 84 Einwohnerinnen und Einwohner in Heisters. Die oberhalb der Lüder gelegene kleine Kirche von Heisters wurde vermutlich im 14. oder 15. Jahrhundert erbaut. 1843 wurde die Kirche um ein Drittel vergrößert und erhielt dabei auch das heutige äußere Erscheinungsbild. 1777 erhielt die kleine Kirche eine neue Orgel aus der „Weegmännischen Orgelmacher Werkstatt in Frankfurt“, wie es in einer Inschrift auf der Windlade heißt. In dem charmanten, aber etwas abgelegenen Vogelsbergdorfe Heisters hat sich die Orgel bis heute in relativ unverändertem Zustand erhalten.
„Mit Gott erbaut in der Weegmännischen Orgelmacher Werkstatt unter dem Werkmeister Johann Friedrich Meynecke von Hildesheim und Johann Sigismund Aust von Hirschberg aus Schlesien und Johann Jacob Marburger von Mühlhausen in Thüringen. Frankfurt 1777.“ So lesen wir noch heute in der Windlade der Heisterser Orgel. Begründer der Weegmännischen Orgelmacherwerkstatt war der aus der Schweiz eingewanderte Johann Conrad Wegmann. Er war seit 1732 Hoforgelmacher in Darmstadt, starb allerdings bereits 1739. Wegmanns Witwe heiratete danach den Orgelmachergesellen Johann Christian Köhler, der die Werkstatt weiterführte und in der Wegmanns 1734 geborener Sohn Philipp Ernst Wegmann später die Kunst des Orgelbaues erlernte. Nach dem Tod seines Stiefvaters 1761 übernahm Philipp Ernst Wegmann die Familienwerkstatt und erhielt den Titel eines Hochfürstlichen Hessen-Darmstädtischen Hof- und Landorgelmachers. Wegmann schuf ein- und zweimanualige Orgeln mit maximal 28 Registern. Abgesehen von einzelnen Stadtorgeln in Frankfurt und Mainz lag sein Wirkungsbereich zunächst im Raum Darmstadt und verlagerte sich später immer stärker auf den Vogelsberg. Hier entstanden eine ganze Reihe von Dorforgeln, auf die die Kirchengemeinden stolz sein konnten. Gut erhalten sind etwa die Instrumente in Messel bei Darmstadt, 1764 erbaut und in Groß-Eichen bei Mücke im Vogelsberg. Bemerkenswerte Orgelprospekte aus Wegmanns Werkstatt mit allerdings nicht mehr originalem Innenleben kann man beispielsweise in der Stadtkirche zu Lauterbach und in der Klosterkirche auf dem Frauenberg in Fulda bewundern. Aus unbekannten Gründen verließ Wegmann 1773 seine Werkstatt, die von seinem aus Hildesheim stammenden Meistergesellen Johann Friedrich Meinecke weitergeführt wurde. Offenbar plante Wegmann eine Auswanderung in die USA, er starb allerdings 1778 während der Überfahrt nach New York auf dem Schiff. Unter der Ägide von Johann Friedrich Meinecke entstand nun also 1777 das Instrument in Heisters und es ist müßig darüber zu diskutieren, ob dies nun also eine Wegmann-Orgel oder eine Meinecke-Orgel ist. Wegmanns Sohn Johann Benedikt Ernst Wegmann wird 1780 als Schüler von Meinecke bezeichnet. 1796 schwor er in Frankfurt den Bürgereid, spätestens zu diesem Zeitpunkt hat er auch die Leitung der Orgelmacherwerkstatt übernommen.
Die Orgel in Heisters, unter der Leitung von Johann Friedrich Meynecke 1777 vollendet, hat 9 Register auf einem Manual und Pedal. Das Instrument ist als seitenspielige Brüstungsorgel konzipiert. Das Manual hat einen Tonumfang vom Ton C bis zum d3. Wir finden hier die Register Gedackt 8', sodann eine auf dem Registerschild als Salicional 8' bezeichnete Stimme, die allerdings mehr einer Gambe nahekommt, dann Principal und Gedacktflöte 4', eine Quinte 2 2/3', die Oktave 2' und eine 3-bis 4fache Mixtur. Das Pedal besitzt lediglich 13 Tasten bis zum c° und verfügt über die Register Subbaß 16' und Oktavbaß 8', dazu kommt eine Pedalkoppel. Die Orgel kostete 500 Gulden Frankfurter Währung, die in drei Fristen zu zahlen waren. 200 Gulden bei Vertragsabschluß, 200 Gulden nach Fertigstellung und Abnahme und die letzten 100 Gulden nach einem Jahr und einer nochmaligen Stimmung durch den Orgelbauer. Bereits 1962 wurde die Orgel durch die Firma Förster und Nicolaus aus Lich restauriert, die letzte Instandsetzung führte im Jahr 1993 ebenfalls die Firma Förster und Nicolaus aus. 

Link zum klingenden Orgelportrait >>> https://www.youtube.com/watch?v=1mgavUstDmo

Disposition:

Manual, C-d3 Pedal, C-c°  
Gedackt 8' Subbaß 16' Pedalkoppel
Salicional 8' Octavbaß 8'  
Principal 4'    
Gedacktflöte 4'    
Quinte 2 2/3'    
Octave 2'    
Mixtur 3-4f.    

In Heisters gespielte Stücke:
Johann Michael Bach: Gott hat das Evangelium >>> https://www.youtube.com/watch?v=OzD90rRfQEc
Johann Michael Bach: Herr Christ, der einig Gottes Sohn >>> https://www.youtube.com/watch?v=VP-VuUZRIuI
Christoph Graupner: Preludio con fuga in d >>> https://www.youtube.com/watch?v=_l2gzwLMxlE&t=75s
Friedrich Wilhelm Marpurg: Ach, was soll ich Sünder machen >>> https://www.youtube.com/watch?v=vqLJ6X_2uw0&t=3s
Friedrich Wilhelm Marpurg: Allein Gott in der Höh sei Ehr >>> https://www.youtube.com/watch?v=Z7fBZ08A0Pk
Christian Heinrich Rinck: O Gott, du frommer Gott I >>> https://www.youtube.com/watch?v=USvHTeDRsbY
Christian Heinrich Rinck: O Heiliger Geist, o heiliger Gott I >>> https://www.youtube.com/watch?v=QZMzuzH9CSs
Christian Heinrich Rinck: O Heiliger Geist, o heiliger Gott II >>> https://www.youtube.com/watch?v=QZMzuzH9CSs
Johann Theodor Roemhildt: Praeludium con affetto F-Dur >>> https://www.youtube.com/watch?v=OBaGcGCAJcc
Johann Theodor Roemhildt: Praeludium F-Dur >>> https://www.youtube.com/watch?v=gYy1NmkxNsE



HEUBACH (Gemeinde Kalbach, Landkreis Fulda)
Ev. Kirche



Unbekannter Erbauer 1797 (Zuschreibung: Johann Brähler, Unterbimbach), Schleifladen, mechanische Spiel- und Registertraktur

(Text folgt)

Link zum klingenden Orgelportrait >>> 

Disposition:

Manual, CD-c1 Pedal, C-d1  
Gedackt 8' Subbaß 16' Pedalkoppel
Flöte 8'    
Gamba 8'    
Principal 4'    
Flöte 4'    
Quint 3'    
Octav 2'    
Mixtur 3f.    

In Heubach gespielte Stücke:
Adam Wilhelm Erk: Andante c-moll >>>
Adam Wilhelm Erk: Andantino A-Dur >>>
Adam Wilhelm Erk: Lento C-Dur >>>
Gebhard Christian Günther: Jesu, der du meine Seele >>>
Georg Joseph Joachim Hahn: Praeambulum in C >>>
Georg Joseph Joachim Hahn: Versiculi in d >>>
Johann Anton Kobrich: Sonate C-Dur >>>
Domenico Scarlatti: Sonata in a >>>
Christoph Schaffrath: Fuge g-moll >>>
Christian Friedrich Schale: Adagio non troppo a-moll >>>
Christian Friedrich Schale: Largo C-Dur >>>
Christian Friedrich Schale: Intonationen septimi toni >>>



HIRZENHAIN (Wetteraukreis)
Ev. Klosterkirche




Erbauer: Georg Link (Reinhards b. Schlüchtern) 1841, Schleifladen, mechanische Spiel- und Registertraktur

Hirzenhain ist eine Gemeinde im hessischen Wetteraukreis an der Grenze zum Vogelsbergkreis mit rund 3.000 Einwohnerinnen und Einwohnern. Malerisch liegt der Ort im Tal der Nidder an den südwestlichen Ausläufern des Vogelsberges und östlich der fruchtbaren Tiefebene der Wetterau. Im Stolbergischen Amt Ortenberg gelegen, wurde das Gebiet nach der Gründung des Rheinbundes 1806 ein Teil des Großherzogtums Hessen. In der „Statistisch-topographisch-historischen Beschreibung“ dieses Landes lesen wir 1830: „Hirzenhain, evangel. Pfarrdorf; liegt im Vogelsberg, 2 Stunden von Nidda und gehört dem Grafen von Stollberg-Roßla, hat 48 Häuser und 305 Einwohnerm die außer 4 Katholiken evangelisch sind. Man findet 1 Kirche, 1 Mahlmühle und 1 Eisenwerk, welches an der Nidder liegt.“ Die ersten Hochöfen des „Stolbergschen Eisenwerks“, wie es sich damals nannte, wurden übrigens schon 1678 durch die Familie Buder errichtet, die sich später in der lateinischen Namensform Buderus nannte. Bereits im 14. Jahrhundert bestand eine Marien-Wallfahrtskapelle im Ort, an die zwischen 1431 und 1437 durch Eberhard von Eppstein-Königstein ein Augustiner-Chorherrenstift angegliedert wurde. Die Klosterkirche, eine stattliche spätgotische Hallenkirche, wurde von 1437 bis 1448 an die alte Wallfahrtskapelle angebaut, die als Chorraum erhalten blieb. Langhaus und Chor werden durch einen gotischen Lettner getrennt, dessen Figurenschmuck dem berühmten Kölner Dombaumeister Konrad Kuyn zugeschrieben wird. Von 1689 bis 1895 fanden die Gottesdienste der Gemeinde im Chorraum statt. 1841 erhielt er auf einer Empore an der Wand zum damals noch nicht hergerichteten Langhaus eine Orgel, die aus der Werkstatt des Orgelbauers Georg Link aus Reinhards stammte. 
Der Orgelbauer Georg Link wurde 1798 in Hohenzell bei Schlüchtern geboren. Wo er sein Handwerk erlernte, wissen wir nicht, doch ist zu vermuten, dass es irgendwo im Hessischen gewesen ist und er auch danach nicht sehr weit herumgekommen sein dürfte. Er hatte seine Werkstatt in Reinhards im damaligen Kurfürstentum Hessen, heute ein Ortsteil der Gemeinde Freiensteinau im Vogelsbergkreis. Anfangs arbeitete er mit Philipp Meinhardt aus Nieder-Moos im Vogelsberg zusammen, um in den nördlich angrenzenden Gebieten Oberhessens, die damals zum Großherzogtum Hessen gehörten, nicht als „Ausländer“ zu gelten. Meinhardt wanderte 1840 dann nach Amerika aus. Erstmals finden wir Links Namen 1834 bei Arbeiten an der Orgel der Katharinenkirche in Steinau an der Straße. Doch hat er dieses Werk nicht neu gebaut, wie lange angenommen wurde, sondern lediglich das 1682 erbaute Instrument repariert und allenfalls leicht verändert. 1835 stellte die alte, 1696 von Johann Wilhelm Müßig für Langenselbold erbaute Orgel in Kefenrod wieder auf und erweiterte sie um ein selbstständiges Pedal. 1836 erbaute Georg Link in Stornfels, heute ein Stadtteil von Nidda im Wetteraukreis, eine kleine Orgel mit 7 Registern, die in ihrer Substanz wohl erhalten ist. Und ganz ähnlich ist auch das Instrument konzipiert, daß er 1841 im Chorraum der Hirzenhainer Kirche aufstellte. Es hatte 8 Register auf einem Manual und Pedal, dazu eine Pedalkoppel und zwei Spanbälge. Danach sind nur noch Reparaturen von der Hand Georg Links bezeugt, der 1855 in Reinhards starb. Sein 1818 geborener Sohn Heinrich Link übernahm zunächst die väterliche Werkstatt, trat dann jedoch in die Dienste des Orgelbauers Friedrich Helbig in Hanau, mit dem zusammen er 1860 eine neue Orgel in der Marburger Elisabethkirche erbaute. Doch starb er, wie wir in einer Akte lesen, wenig später „dem Trunke ergeben“. 
Nachdem das Langhaus der Kirche 1895 für den Gottesdienst hergerichtet wurde und eine neue Orgel bekam, wurde die Link-Orgel von der Empore entfernt und eingelagert. Nach jahrzehntelanger Aufbewahrung im Pfarrhaus wurde das Instrument 1974 durch die Fa. Oberlinger aus Windesheim in der Pfalz restauriert und wieder im Chorraum aufgestellt, nun aber nicht mehr auf einer Empore, sondern ebenerdig an der Seitenwand. Dabei wurde allerdings auch die ursprüngliche Disposition etwas barocker gemacht, als sie ursprünglich war. Trotzdem geht die Hälfte der Register und zwar der gesamte Weitchor mit seinen charaktervollen Flöten und Gedackten, allesamt aus Holz gefertigt, noch auf Georg Link 1841 zurück. Im bis zum f3 ausgebauten Manual finden wir die originalen Stimmen Gedackt und Flauto traverso 8', letztere nur im Diskant, sowie Gedackt und Flöte 4'. Dazu kommen die 1974 rekonstruierten Stimmen Principal 4' und Octave 2' sowie die zusätzlich eingebauten Register Octave 1' und ein 3faches Diskant-Cornett. Original sind die Pedalstimmen Subbaß 16' und Flötbaß 4', wobei letztere Stimme durch Umarbeitung des alten Violonbasses entstand. Die klangschöne Chororgel in Hirzenhain vermag auch problemlos den großen Raum der Hauptkirche zu füllen. 

Link zum klingenden Orgelportrait >>>

Disposition:

Manual, C-f3 Pedal, C-d1  
Gedackt 8' Subbaß 16' Pedalkoppel
Flaut travers 8' (D) Flötbaß 4'  
Principal 4'    
Gedackt 4'    
Flöte 4'    
Octave 2'    
Octave 1'    
Cornet 3f. (D)    

In Hirzenhain gespielte Stücke:
August Wilhelm Bach: Präludium C-Dur >>> https://www.youtube.com/watch?v=NguWl2sODDA&t=4s
August Wilhelm Bach: Präludium G-Dur >>> https://www.youtube.com/watch?v=_697Gx9fk5Q&t=4s
August Wilhelm Bach: Präludium und Fuge c-moll >>> https://www.youtube.com/watch?v=Ho0v9gJtCtY&t=4s
Johann de Deo Beranek: Fuge B-Dur über B-A-C-H >>> https://www.youtube.com/watch?v=AfvkokBfi30&t=15s
Johann de Deo Beranek: Fuge D-Dur >>> https://www.youtube.com/watch?v=JjIL0OYBw0w&t=8s
Georg Christoph Grosheim: Befiehl du deine Wege >>>
Georg Christoph Grosheim: Der Tag ist hin >>>
Georg Christoph Grosheim: Ein feste Burg ist unser Gott >>>
Sigismund Ritter von Neukomm: Allegro moderato a-moll >>>
Sigismund Ritter von Neukomm: Andantino F-Dur >>>
Sigismund Ritter von Neukomm: Andantino g-moll >>>
Louis Spohr: Jesus, meine Zuversicht >>>
Louis Spohr: Lobt Gott, ihr Christen, allzugleich >>>
Louis Spohr: Meinen Jesum laß ich nicht >>>



HOCH-WEISEL (Stadt Butzbach, Wetteraukreis)
Ev. Kirche




Erbauer: Johann Friedrich Syer (Nieder-Florstadt) 1755, Schleifladen, mechanische Spiel- und Registertraktur

Hoch-Weisel ist ein Stadtteil von Butzbach im Wetteraukreis in Hessen. Der Ort mit heute 1.380 Einwohnerinnen und Einwohnern liegt an der Grenze vom östlichen Hintertaunus im Westen zur Wetterau im Osten. Der Ort ist schon im Frühmittelalter besiedelt. 1231 wird das Dorf erstmals als „Hovewisele“ genannt, was „Hof Weisel“ bedeutet. Einige Fachwerkhäuser im Ort, so etwa das malerische Rathaus am Fuße der Kirche, stammen aus dem 16. Jahrhundert. Vor 1806 gehörte der Ort zur Landgrafschaft Hessen-Darmstadt, später dann zum Großherzogtum Hessen und dort zur Provinz Oberhessen. 1970 wurde der Ort als Stadtteil in die benachbarte Stadt Butzbach eingegliedert. Die Pfarrkirche mit ihrem wehrhaften Turm entstand in mehreren Bauphasen zwischen dem späten 13. und dem frühen 15. Jahrhundert. 1684 wurde das Langhaus erneuert und vergrößert. In der Kirche ist einer der ältesten romanischen Taufsteine der Umgebung, entstanden um 1200 einen genaueren Blick wert. Und natürlich die Orgel, die 1755 von Johann Friedrich Syer, Orgelmacher zu Florstadt erbaut wurde.
Johann Friedrich Syer, der Erbauer der Orgel in Hoch-Weisel, wurde 1701 geboren und war zunächst Schulmeister in Nieder-Florstadt in der Wetterau. Wegen „Schriftfälschung“ wurde er 1753 allerdings aus dem Schuldienst entlassen. Bei dem Orgelbauer Johann Philipp Zinck in Heegheim in der Wetterau erlernte er als junger Mann aber auch das Orgelmacherhandwerk und heiratete 1729 Zincks Tochter Apollonia. Auch Zinck war Lehrer und Orgelbauer, diese Berufskombination war also in jener Zeit nicht ungewöhnlich. Johann Friedrich Syer hat sich auf den Bau einmanualiger Orgeln spezialisiert. Von ihm sind rund zehn Orgeln nachweisbar, die alle ein hohes handwerkliches Niveau an den Tag legen. Nur bei ganz wenigen ist allerdings das klingende Innenleben erhalten und unter diesen gehört die Orgel in Hoch-Weisel zu den am besten bis heute bewahrten. Mit dem Orgelbau in Hoch-Weisel wurde 1752 begonnen und 1755 konnte die Einweihung des Instruments stattfinden. Ein Jahr später, 1756 vollendete Syer eine Orgel für das Dorf Burkhards bei Schotten im Vogelsberg, das in leicht veränderter Form heute in der Kirche zu Busenborn steht. Relativ gut erhalten sind auch seine Werke in der Stadtkirche zu Ober-Rosbach in der Wetterau und in Niederrodenbach bei Hanau. Mit 16 Registern ist die Orgel in Niederrodenbach das größte Instrument, das wir aus Syers Werkstatt kennen. Mitte der 1750 erhielt Syer in seiner Werkstatt tatkräftige Unterstützung durch einen aus Schaffhausen in der Schweiz eingewanderten, begabten Gesellen. Es war Johann Conrad Bürgy, der 1757 auch Syers Tochter Margaretha heiratete und zum Begründer einer Orgelbauerdynastie wurde, die Orgelbau und Orgelästethik in Hessen im ausgehenden 18.Jahrhundert und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nachhaltig prägte. Syers Sohn Henrich Jakob zog später nach Offenbach und wirkte dort als Orgelbauer. Seine letzte Orgel erbaute Syer 1778 für die Kirche in Gronau bei Bad Vilbel, von der allerdings nur der Prospekt bis heute erhalten ist. Johann Friedrich Syer erreichte das für die damalige Zeit stolze Alter von 86 Jahren und starb 1787 in Nieder-Florstadt.
Als einem der wenigen, wirklich gut erhaltenen mittelhessischen Orgeldenkmale aus der Mitte des 18. Jahrhunderts kommt der Syer-Orgel in Hoch-Weisel eine besondere Bedeutung in der hessischen Orgellandschaft zu. Das Instrument besitzt 12 Register auf einem Manual und Pedal. Das Manual besitzt einen Umfang vom Ton C bis zum c3 und verfügt über eine ausgesprochen schöne Klaviatur, vor allem die Obertasten sind aufwändig gestaltet. Zehn Register befinden sich im Manual, nämlich Principal, Gedackt und Viola di Gamba 8', sodann Octav, Spitzflöte und Gedackt 4', eine Quinta 3', die Oktave 2', sodann ein bemerkenswerter 2facher Tercian und eine 3fache Mixtur. Das Pedal ist bis zum c1 ausgebaut und verfügt über die im 18. Jahrhundert üblichen Stimmen Subbaß 16' und Oktavbaß 8', dazu kommen noch eine Pedalkoppel und ein Windablaß. Die Orgel wurde in ihrem Bestand nie grundlegend verändert, ein in Hessen recht seltener Glücksfall. 1975 bis 1976 wurde das Instrument von Orgelbaumeister Andreas Ott aus Bensheim stilgerecht restauriert. 

Link zum klingenden Orgelportrait >>> https://www.youtube.com/watch?v=fj8gLwQpeyg&t=221s

Disposition:

Manual, C-c3 Pedal, C-c1  
Principal 8' Subbaß 16' Pedalkoppel
Gedackt 8' Octavbaß 8'  
Viola di Gamba 8'    
Octav 4'    
Gedackt 4'    
Spitzflöte 4'    
Quinta 3'    
Octav 2'    
Tercian 2f.    
Mixtur 3f.    

In Hoch-Weisel gespielte Stücke:
Johann Heinrich Buttstedt: Gott, durch deine Güte >>> https://www.youtube.com/watch?v=CyCZa1OMBTQ
Johann Heinrich Buttstedt: Nun freut euch, lieben Christen >>> https://www.youtube.com/watch?v=6uz3mAyPxBk
Christian Michael: Praeludium a 4 in a >>> https://www.youtube.com/watch?v=36t8EbaV8hQ
Georg Andreas Sorge: Praeludium f-moll >>> https://www.youtube.com/watch?v=4tCFsGkEx-k
Georg Philipp Telemann: Durch Adams Fall ist ganz verderbt >>> https://www.youtube.com/watch?v=a2QIalQ-KSg
Georg Philipp Telemann: Fughetta D-Dur >>> https://www.youtube.com/watch?v=X_LTENcpN20
Georg Philipp Telemann: Was mein Gott will, das gescheh allzeit >>> https://www.youtube.com/watch?v=FuoXuZ9xRqM
Johann Gottfried Vierling: Adagio e-moll >>> https://www.youtube.com/watch?v=1OUgCGDXNcY&t=440s
Johann Gottfried Vierling: Allegretto F-Dur >>> https://www.youtube.com/watch?v=1OUgCGDXNcY&t=440s
Johann Gottfried Vierling: Allegretto f-moll >>> https://www.youtube.com/watch?v=k4M6SqK_NMo
Johann Gottfried Vierling: Andante F-Dur >>> https://www.youtube.com/watch?v=1OUgCGDXNcY&t=440s
Johann Gottfried Vierling: Larghetto e-moll >>> https://www.youtube.com/watch?v=1OUgCGDXNcY&t=440s
Johann Gottfried Vierling: Larghetto f-moll >>> https://www.youtube.com/watch?v=k4M6SqK_NMo



HÜNFELD (Gemeinde Kalbach, Landkreis Fulda)
Kath. Klosterkirche St. Bonifatius



Erbauer: Fritz Clewing (Fulda) 1903, Umbau Gebr. Späth (Ennetach-Mengen) 1909, Kegelladen, elektrische Spiel- und Registertraktur

Die Stadt Hünfeld im osthessischen Landkreis Fulda hat rund 16.300 Einwohnerinnen und Einwohner. Die nächstgrößere Stadt im Süden ist Fulda und im Norden Bad Hersfeld. Erstmals urkundlich erwähnt wurde Hünfeld als „Campus Unofelt“ in einer Urkunde aus dem Jahr 781. Die Abtei Fulda gründete spätestens zu Beginn des 9. Jahrhunderts eine „cella in Huniofelt“, die 815 zum ersten Mal erwähnt wurde. Um die Cella, dem Kloster herum entwickelte sich schnell eine Siedlung, die bedingt durch die verkehrsgünstige Lage an der alten Heer- und Handelsstraße von Mainz nach Thüringen bereits 1244 das Marktrecht und 1310 die Gelnhäuser Stadtrechte erhielt. Im Jahre 1888 fiel der gesamte Stadtkern einem verheerenden Großbrand zum Opfer. In der Folgezeit entstanden zahlreiche Bauten, wie das Rathaus oder das Bonifatiuskloster der 1895 nach Hünfeld gekommenen Oblatenmissionare. Diese Niederlassung des 1816 gegründeten Ordens der Oblaten der Unbefleckten Jungfrau Maria war die erste in Deutschland, daher werden sie häufig auch „Hünfelder Oblaten“ genannt. Die 1896 bis 1900 erbaute Kirche nebst Klosteranlagen entwarf der Paderborner Dom- und Diözesanbaumeister Arnold Güldenpfennig. Bis 1971 beherbergte das Haus eine Philosophisch-Theologische Hochschule. Seither wird es auch als Tagungshaus genutzt und ist das Mutterhaus der 2007 errichteten mitteleuropäischen Ordensprovinz der Oblaten. Die Klosterkirche, eine dreischiffige, kreuzförmige Basilika in romanischen Formen erhielt im Jahre 1903 eine Orgel aus der Werkstatt des Fuldaer Orgelbauers Fritz Clewing.
Friedrich Wilhelm Eduard Clewing, Rufname Fritz, der Erbauer der Orgel im Hünfelder Bonifatiuskloster, wurde 1851 in Hamm in Westfalen geboren. Wo er sein Handwerk erlernte, wissen wir nicht. Nach seiner Heirat richtete er seine Werkstatt zunächst in Münster in Westfalen ein, woher seine Frau stammte. 1889 starb in Fulda der Orgelbauer Heinrich Hahner. Ein weiterer damals in Fulda ansässiger Orgelbauer, Adolf Rieschick, ebenfalls aus Westfalen stammend, überzeugte daraufhin seinen Landsmann Clewing, die verwaiste Werkstatt im ebenfalls, wie das Münsterland, katholischen Fulda zu übernehmen. Seine ersten Instrumente, noch in Westfalen Ende der 1870er Jahre geschaffen, sind allesamt nicht erhalten. Nach seinem Umzug nach Fulda erbaute Clewing unter anderem 1891 bis 1893 vier kleinere Werke für die Kirchen in Mernes und Alsberg, jeweils bei Bad Soden-Salmünster, Emsdorf bei Marburg und Lüdermünd bei Fulda, die alle verhältnismäßig gut erhalten sind. Diese Instrumente besitzen alle mechanische Schleifladen, in Mernes und Lüdermünd finden wir im Pedal allerdings schon eine Kegellade. Im Jahr 1896 ging Clewing generell zum Bau von Kegelladen über, grundsätzlich mit mechanischer Traktur. Größere Werke, die allerdings nicht erhalten sind, kamen in dieser Bauweise 1898 nach Horas bei Fulda mit 20 Registern und 1901 nach Eiterfeld mit 25 Registern. 1903 erfolgte sodann der Neubau in der Klosterkirche der Oblaten in Hünfeld. Die Kritik der Revisoren an dieser Orgel fiel jedoch recht negativ aus. Zum einen kritisierte man, Clewing habe eine Reihe von Pfeifenreihen gar nicht selbst gebaut, sondern aus einer anderen Orgel übernommen. Hauptkritikpunkt aber war das, wie es heißt, „alte System“ – gemeint ist die mechanische Traktur. Tatsächlich hat Clewing in Hünfeld wohl einige Register aus der Orgel der Klosterkirche auf dem Frauenberg zu Fulda wiederverwendet. Mit der mechanischen Traktur war man allerdings in Hünfeld so unzufrieden, dass bereits 1909 ein Umbau auf pneumatische Traktur durch die Firma Gebrüder Späth aus Ennetach durchgeführt wurde. Dies erlebte Fritz Clewing allerdings schon nicht mehr. 1906 verließ er Fulda wieder und kehrte in seine Heimat Westfalen zurück, wo er wenige Wochen später im Alter von 55 Jahren verstorben ist.
Die von Fritz Clewing 1903 erbaute Orgel wurde später leicht umgebaut, 1952 führte Alfred Führer als Wilhelmshaven eine Aufhellung der Disposition im Sinne der damaligen Orgelbewegung durch und 1973 erhielt die Orgel eine elektrische Spieltraktur. In den Jahren 2012 bis 2013 wurde die Orgel durch die Firma Jehmlich Orgelbau Dresden GmbH saniert und generalüberholt. Ausgangspunkt war die Klanggestalt nach dem Umbau durch die Gebrüder Späth 1909, wobei einige sinnvolle spätere Zutaten beibehalten wurden. Der Spieltisch wurde neu geschaffen nach dem Vorbild der gut erhaltenen Clewing-Orgel in Hünhan, die im folgenden Abschnitt näher vorgestellt wird. Auf zwei Manualen und Pedal besitzt die Orgel heute 32 Register. Der Manualumfang geht vom Ton C bis zum f3. Im Hauptwerk finden wir Bordun 16', sodann Principal, Hohlflöte, Dolce, Gambe und Trompete 8', Oktave und Flöte 4', eine Quinte 2 2/3', die Oktave 2' sowie ein 3faches Cornett und eine 4fache Mixtur. Das bereits von Fritz Clewing als Schwellwerk angelegte zweite Manual verfügt über die Stimmen Gedackt 16', Viola, Lieblich Gedackt, Aeoline und Vox coelestis 8', Principal, Gedackt und Spitzflöte 4', eine Offenflöte 2', eine Sesquialtera und eine 4fache Mixtur. Dazu kommen die Zungenstimmen Oboe und Dulcian 8'. Das Pedal ist bis zum d1 ausgebaut und verfügt über Principalbaß, Subbaß, Gedackt und Posaune 16', Oktavbaß und Gedecktbaß 8' sowie einen Oktavbaß 4'. Zusätzlich wurden in die spätromantische Orgel ein Glockenspiel, ein Zimbelstern und ein Kuckuck eingebaut. Nun, auch spätere Generationen sollen über uns Heutige mal schmunzeln dürfen. Außerdem wurde eine moderne, frei programmierbare Koppelanlage eingebaut, die erstaunliche Effekte ermöglicht. Die Hünfelder Klosterkirche verfügt nach der Restaurierung wieder über eines der klangschönsten und interessantesten Instrumente des Fuldaer Landes, das zum Glück auch in regelmäßigen Konzerten unter den Händen und Füßen bedeutender Interpreten aus der ganzen Welt erklingt. 

Link zum klingenden Orgelportrait >>> https://www.youtube.com/watch?v=T9NGOuOLnM4

Disposition:

Hauptwerk, C-f3 Schwellwerk, C-f3 Pedal, C-d1  
Bordun 16' Gedackt 16' Principalbaß 16' Manualkoppel
Principal 8' Lieblich Gedackt 8' Subbaß 16' Pedalkoppel zu I
Hohlflöte 8' Viola 8' Gedackt 16' Pedalkoppel zu II
Gambe 8' Aeoline 8' Octavbaß 8' Freie Kombinationen
Dolce 8' Vox coelestis 8' Gedacktbaß 8' Glockenspiel
Octave 4' Principal 4' Octavbaß 4' Zimbelstern
Flöte 4' Gedackt 4' Posaune 16' Kuckuck
Quinte 2 2/3' Spitzflöte 4'   Koppelknecht
Octave 2' Offenflöte 2'    
Cornett 3f. Sesquialtera 2f.    
Mixtur 4f. Mixtur 4f.    
Trompete 8' Oboe 8'    
  Dulcian 8'    

In Hünfeld gespielte Stücke:
Otto Dienel: Wach auf, mein Herz und singe >>> https://www.youtube.com/watch?v=mWpB_ZdVavc
Otto Dienel: Wer nur den lieben Gott läßt walten >>> https://www.youtube.com/watch?v=Zb9196W3czA
Maurice Durufle: Chant donné >>> https://www.youtube.com/watch?v=uHAUzRg8qF8
Max Gulbins: Die Seele Christi heil'ge mich >>> https://www.youtube.com/watch?v=6e_2BoyPJuU
Max Gulbins: Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld >>> https://www.youtube.com/watch?v=5sdm1q4zqrU
Sigfrid Karg-Elert: Aus meines Herzens Grunde >>> https://www.youtube.com/watch?v=P8HbI-pagJI
Carl Rundnagel: Wer nur den lieben Gott läßt walten >>> https://www.youtube.com/watch?v=DC6P-RHb6t0
Robert Schaab: Wer nur den lieben Gott läßt walten >>> https://www.youtube.com/watch?v=UgRmJKBMcBo
Robert Schaab: Wie groß ist des Allmächtigen Güte >>> https://www.youtube.com/watch?v=qo9XUWOd5GY



HÜNHAN (Gemeinde Burghaun, Landkreis Fulda)
Kath. Filialkirche St. Andreas



Erbauer: Fritz Clewing (Fulda) 1898, Kegelladen, mechanische Spiel- und Registertraktur

Hünhan ist ein Ortsteil der Marktgemeinde Burghaun im osthessischen Landkreis Fulda. Der Ort mit 530 Einwohnerinnen und Einwohnern liegt rund einen Kilometer vom Kernort Burghaun entfernt und am westlichen Rand des Haunetals. Die Ortslage ist baulich durch ein Gewerbegebiet mit Burghaun zusammengewachsen. Urkundlich erscheint „Hunioham“ erstmals im Jahre 815 in einem Zehntvertrag zwischen dem Fuldaer Abt Ratgar und dem Würzburger Bischof Wolfger. Das Dorf gehörte immer zum Gebiet der Abtei Fulda. Kirchlich war Hünhan zunächst eine Filiale der Pfarrei Hünfeld, später der Pfarrei Burghaun. In der Zeit der Reformation, als Burghaun unter den Rittern von Haune für Jahrzehnte evangelisch war, wurde sogar der Pfarrsitz nach Hünhan verlegt. 1971 wurden im Zuge der hessischen Gebietsreform die bis dahin selbständigen Gemeinden Burghaun, Hünhan, Rothenkirchen und Steinbach zu einer neuen Gemeinde mit dem Namen Burghaun zusammengeschlossen. Die katholische Kirche St. Andreas wurde 1888 in aufwändigen neugotischen Formen nach den Plänen des Paderborner Dom- und Diözesanbaumeisters Arnold Güldenpfennig errichtet. Der mittelalterliche Glockenturm wurde hierbei mit einbezogen. Das Innere der Kirche beeindruckt durch die vollständig erhaltene, farbenprächtige Ausmalung im Nazarener-Stil, in dieser Form einmalig im Fuldaer Land und vermutlich auch darüber hinaus. Die Orgel der Kirche stammt aus der Werkstatt des Fuldaer Orgelbauers Fritz Clewing und wurde 1898 errichtet.
Friedrich Wilhelm Eduard Clewing, Rufname Fritz, der Erbauer der Orgel in der Hünhaner Kirche, wurde 1851 in Hamm in Westfalen geboren. Wo er sein Handwerk erlernte, wissen wir nicht. Nach seiner Heirat richtete er seine Werkstatt zunächst in Münster in Westfalen ein, woher seine Frau stammte. 1889 starb in Fulda der Orgelbauer Heinrich Hahner. Ein weiterer damals in Fulda ansässiger Orgelbauer, Adolf Rieschick, ebenfalls aus Westfalen stammend, überzeugte daraufhin seinen Landsmann Clewing, die verwaiste Werkstatt im ebenfalls, wie das Münsterland, katholischen Fulda zu übernehmen. Seine ersten Instrumente, noch in Westfalen Ende der 1870er Jahre geschaffen, sind allesamt nicht erhalten. Nach seinem Umzug nach Fulda erbaute Clewing unter anderem 1891 bis 1893 vier kleinere Werke für die Kirchen in Mernes und Alsberg, jeweils bei Bad Soden-Salmünster, Emsdorf bei Marburg und Lüdermünd bei Fulda, die alle verhältnismäßig gut erhalten sind. Diese Instrumente besitzen alle mechanische Schleifladen, in Mernes und Lüdermünd finden wir im Pedal allerdings schon eine Kegellade. Im Jahr 1896 ging Clewing generell zum Bau von Kegelladen über, grundsätzlich mit mechanischer Traktur. Größere Werke, die allerdings nicht erhalten sind, kamen in dieser Bauweise 1898 nach Horas bei Fulda mit 20 Registern und 1901 nach Eiterfeld mit 25 Registern. Ebenfalls 1898 erfolgte der Bau der Orgel in Hünhan mit 16 Registern auf zwei Manualen und Pedal. Wie durch ein Wunder sind sowohl die Orgel als auch die ganze Kirche mit ihrer einmaligen Ausmalung im gesamten 20.Jahrhundert niemals verändert worden. So konnte das Instrument 1993 durch die Firma Werner Bosch Orgelbau aus Niestetal stilgerecht und behutsam restauriert werden. Zurück zur Geschichte der Orgelbaufirma Fritz Clewing. Sein konsequentes Festhalten an der mechanischen Traktur machte es ihm um 1900 immer schwerer, Aufträge für Neubauten zu erlangen. 1903 entstand in seiner Werkstatt die neue Orgel für die Hünfelder Klosterkirche der Oblaten, die allerdings wegen ihres, wie man damals sagte, „alten Systems“ stark kritisiert wurde. Nach einem erfolglosen Angebot zur Zusammenarbeit mit dem Rhöner Orgelbauer Wilhelm Hey zog Clewing 1906 zurück in seine westfälische Heimat, wo er allerdings bereits einige Wochen nach seiner Ankunft im Alter von 55 Jahren verstorben ist.
Die 1898 von Fritz Clewing erbaute Orgel in der St.-Andreaskirche zu Hünhan besitzt eine unveränderte Disposition mit 16 Registern auf zwei Manualen und Pedal. Der freistehende Spieltisch mit Blickrichtung zum Altar war 2012 übrigens das Vorbild für den Spieltischneubau in der Hünfelder Klosterkirche, dessen Orgel ebenfalls auf Fritz Clewing zurückgeht und die im Abschnitt zuvor näher vorgestellt wird. Die Manuale besitzen jeweils einen Tonumfang vom Ton C bis zum f3. Das Hauptwerk besitzt die Register Bordun 16', sodann Principal, Hohlflöte und Viola di Gamba 8', Oktave und Flöte 4', eine Oktave 2' und als sehr charakteristische Klangkrone ein kraftvolles, hochgebänktes 4faches Cornett. Das als Hinterwerk gebaute zweite Manual verfügt über die romantischen Charakterstimmen Geigenprincipal, Lieblich Gedackt und Salicional 8' sowie eine Flauto Traverso 4'. Dazu kommt noch die Oboe 8', die von Fritz Clewing nur ein einziges Mal, nämlich hier in Hünhan gebaut wurde. Das Pedal ist bis zum d1 ausgebaut und verfügt über die drei Register Subbaß 16' sowie Oktavbaß und Violon 8', dazu kommt eine Manual- und eine Pedalkoppel. Zwei freie Kombinationen können über Fußhebel angewählt werden. Fritz Clewing war der bedeutendste unter den Orgelbauern, die Ende des 19. Jahrhunderts in Fulda tätig waren. Eine konservative Grundhaltung, dabei solide Ausführung und eine feine Klanggestaltung zeichnen seine Instrumente aus und die meist kleineren Dorfkirchen, die noch über Clewing-Orgeln verfügen, können mit gutem Grund stolz auf ihre Orgeldenkmale sein.

Link zum klingenden Orgelportrait >>> https://www.youtube.com/watch?v=WW7NTs2fu6U&t=1s

Disposition:

Hauptwerk, C-f3 Hinterwerk, C-f3 Pedal, C-d1  
Bordun 16' Geigenprincipal 8' Subbaß 16' Manualkoppel
Principal 8' Lieblich Gedackt 8' Octavbaß 8' Pedalkoppel
Hohlflöte 8' Salicional 8' Violon 8' 2 feste Kombinationen
Viola di Gamba 8' Flauto traverso 4'    
Octave 4' Oboe 8'    
Flöte 4'      
Octave 2'      
Cornett 4f.      

In Hünhan gespielte Stücke:
Jehan Alain: L'Annee liturgique israelite >>> https://www.youtube.com/watch?v=HClFq27tiZQ
Johannes Brahms: Herzlich tut mich erfreuen op. 122,4 >>> https://www.youtube.com/watch?v=fAARZ_521lg
Johannes Brahms: O Traurigkeit, o Herzeleid (Choralvorspiel und Fuge) >>> https://www.youtube.com/watch?v=3lLe2KdQ810
Mikolajus Konstantinas Ciurlionis: Ant Kalno Gluosnys >>> https://www.youtube.com/watch?v=IQAzUG_Vw_o
Mikolajus Konstantinas Ciurlionis: Bekit, Bareliai >>> https://www.youtube.com/watch?v=IAr2Mug2PlE
Mikolajus Konstantinas Ciurlionis: Ganau Aveles >>> https://www.youtube.com/watch?v=HR9YhZZzs1g
Mikolajus Konstantinas Ciurlionis: Kai Ausra Sviesi Pakyla >>> https://www.youtube.com/watch?v=RXPEP4kQGDs
Mikolajus Konstantinas Ciurlionis: Mazasis Triptikas >>> https://www.youtube.com/watch?v=dEhhnekfv28
Mikolajus Konstantinas Ciurlionis: Oi Giria, Giria >>> https://www.youtube.com/watch?v=yPyuXipMw1M
Cesar Franck: Offertoire sur un Noel breton >>> https://www.youtube.com/watch?v=0siCVfYpMeQ
Kurt Freitag: Festliches Präludium Es-Dur >>> https://www.youtube.com/watch?v=g3ye30rBUu8
August Eduard Grell: Präludium Nr. 29 As-Dur >>> https://www.youtube.com/watch?v=pO2OWrMeBsE
August Eduard Grell: Präludium Nr. 30 h-moll >>> https://www.youtube.com/watch?v=G59jMyI2ikM
Max Gulbins: Ach, was soll ich Sünder machen >>> https://www.youtube.com/watch?v=Q3Pap30tjHg
Max Gulbins: An Wasserflüssen Babylon >>> https://www.youtube.com/watch?v=F1O2rIWzvzg
Max Gulbins: Es ist das Heil uns kommen her >>> https://www.youtube.com/watch?v=I7Oy2PcVqzo
Max Gulbins: Es ist gewiß ein große Gnad >>> https://www.youtube.com/watch?v=o2Gl3ZK7To0
Max Gulbins: Herr Gott, dich loben alle wir >>> https://www.youtube.com/watch?v=u1mZpopDXyo
Max Gulbins: Sollt ich meinem Gott nicht singen >>> https://www.youtube.com/watch?v=R8vYq_jOpMA
Gustav Jenner: Meinen Jesum laß ich nicht >>> https://www.youtube.com/watch?v=lD9Nt9Wnzxc
Gustav Jenner: Was Gott tut, das ist wohlgetan >>> https://www.youtube.com/watch?v=mMZaQVIvMc0
Ernst Köhler: Präludium f-moll >>> https://www.youtube.com/watch?v=N7bLjaJbxko
Franz Liszt: Meine Seele erhebt den Herrn >>> https://www.youtube.com/watch?v=kgHb6fcssL0
Franz Liszt: Nun ruhen alle Wälder >>> https://www.youtube.com/watch?v=_tN8Q00Brvg
Franz Liszt: O Haupt voll Blut und Wunden >>> https://www.youtube.com/watch?v=loyLDXTH-iI
Franz Liszt: O Traurigkeit, o Herzeleid >>> https://www.youtube.com/watch?v=72R7SaqggOY
Franz Liszt: Requiem - Requiem aeternam >>> https://www.youtube.com/watch?v=a87cjZDz8fw
Franz Liszt: Requiem - Dies Irae >>> https://www.youtube.com/watch?v=oHcomsHxoy0
Franz Liszt: Requiem - Recordare Pie Jesu >>> https://www.youtube.com/watch?v=Unt0h_7-sac&t=6s
Franz Liszt: Requiem - Sanctus >>> https://www.youtube.com/watch?v=bokRk8B0tTo
Franz Liszt: Requiem - Benedictus >>> https://www.youtube.com/watch?v=AKjZ_dpLWrM
Franz Liszt: Requiem - Agnus Dei >>> https://www.youtube.com/watch?v=okKsA0kbDvw
Franz Liszt: Requiem - Postludium >>> https://www.youtube.com/watch?v=Eb1-WjVa_s8
Franz Liszt: Rosario - Mysteria gaudiosa >>> https://www.youtube.com/watch?v=9Nh1Mu3krIU&t=9s
Franz Liszt: Rosario - Mysteria dolorosa >>> https://www.youtube.com/watch?v=iKlXq2z4lRE
Franz Liszt: Rosario - Mysteria gloriosa >>> https://www.youtube.com/watch?v=VoPtwAOCaj4
Franz Liszt: Wer nur den lieben Gott läßt walten >>> https://www.youtube.com/watch?v=B5Z8Kme3tGA
Max Reger: Herr Jesu Christ, dich zu uns wend >>> https://www.youtube.com/watch?v=0AsRcD77E3A
Max Reger: Jerusalem, du hochgebaute Stadt >>> https://www.youtube.com/watch?v=wqtyR2VaX3o
Hermann Riedel: Adagio C-Dur >>> https://www.youtube.com/watch?v=4-F_0FAo6rQ
Heinrich Wilhelm Stolze: Der Herr ist mein getreuer Hirt >>> https://www.youtube.com/watch?v=IMXEVbZyzng



IBA (Stadt Bebra, Landkreis Hersfeld-Rotenburg)

Ev. Kirche



Erbauer: Johann Eberhard Dauphin (Iba) 1715, Schleifladen, mechanische Spiel- und Registertraktur

Iba ist ein Ortsteil der Stadt Bebra im Landkreis Hersfeld-Rotenburg im Nordosten von Hessen.Der Ort liegt östlich von Bebra im Tal der Iba, einem Nebenfluss der Ulfe im südlichen Teil des Richelsdorfer Gebirges. Vom Kernort wird Iba durch den Rücken des Mühlberges getrennt. Iba wurde in einer Urkunde aus dem Jahre 1070 erstmals als „Ybach“ erwähnt. 1460 beginnt der großangelegte Abbau von Kupferschiefer im Richelsdorfer Gebirge. Zur Verarbeitung des Erzes gab es im 17. Jahrhundert bereits zwei Hütten und drei Pochwerke. Die bei Iba entstandene Hütte wurde später die „Neue“ oder die „Friedrichshütte“ genannt, nach Landgraf Friedrich I. von Hessen-Kassel. Iba, das damals größte Bauerndorf im Amte Rotenburg, war im frühen 18.Jahrhundert durch die zusätzlichen Einnahmen aus dem Bergbau recht wohlhabend geworden. Mitte des 19.Jahrhunderts kommt der Bergbau im Richelsdorfer Revier langsam zum Erliegen. Im Rahmen der hessischen Gebiets- und Verwaltungsreform wurde Iba 1971 in die Stadt Bebra eingegliedert. Die ehemalige Wallfahrtskirche St. Jakob, heutige evangelische Pfarrkirche ist romanischen Ursprungs. Anfang des 17.Jahrhunderts wird der Chor im spätgotischen Stil angebaut und zu Beginn des 18. Jahrhunderts erfolgte eine Erhöhung des Turmes mit einem Fachwerkaufbau. 1715 erhielt die Kirche eine neue Orgel durch Johann Eberhard Dauphin, der anläßlich des Orgelbaues seinen Wohnsitz von Mühlhausen nach Iba verlegte.
Johann Eberhard Dauphin, der Erbauer der Orgel in Iba, wurde um 1670 in „thüringischen Landen“ geboren. Wo genau, wissen wir nicht, aber vermutlich im Norden, wahrscheinlich im Umkreis von Nordhausen und Mühlhausen. Er hatte einen zehn Jahre jüngeren Bruder Johann Christian Dauphin, der ebenfalls Orgelbauer war. Von diesem Johann Christian wissen wir, daß er sein Handwerk bei Johann Friedrich Wender in Mühlhausen erlernte. Wahrscheinlich ging Johann Eberhard ebenfalls bei Wender in die Lehre. Somit sind die Dauphins zweifellos auch des Öfteren mit Johann Sebastian Bach zusammengekommen sein, da Bach an Wenders Orgeln in Arnstadt und Mühlhausen Organist war und bekanntlich beim Umbau der Mühlhäuser Orgel sehr eng mit der Werkstatt Wender zusammengearbeitet hat. Johann Eberhard Dauphin erlangte vor 1713 das Bürgerrecht in Mühlhausen und ließ sich dort als Orgelbauer nieder. Kurz vor Weihnachten 1713 wurde sein Sohn Johann Christoph in Mühlhausen getauft. Im Jahr 1715 siedelte die Familie dann nach Iba über, wo er seine erste nachgewiesene selbstständige Arbeit errichtete. Sie ist heute das am besten erhaltene Werk Dauphins. Es folgten Orgelbauen in Ronshausen 1716, Hessisch Lichtenau 1721 und weitere Arbeiten, hauptsächlich im ehemaligen Amt Rotenburg, aber auch Richtung Kassel und Hersfeld. 1731 starb Johann Eberhard Dauphin über dem Bau eines Instruments für Hoheneiche, heute ein Ortsteil der Gemeinde Wehretal. Dauphin schuf in der Regel kleinere Dorforgeln mit bis zu neun Registern, die auf einem 4'-Prinzipal basierten, aber immer über ein selbstständiges Pedal verfügten. Nur zwei Instrumente, unter anderem die Orgel in Iba besassen einen Principal 8'. Typisch für Dauphin ist das Register Quintatön immer eine Oktave tiefer als der Principal. Folglich finden wir in Iba erstaunlicherweise bei nur sechs Manualregistern konsequenterweise auch einen Quintatön 16'. Der Prospektaufbau ist nach dem mitteldeutschen Normaltyp mit drei Pfeifentürmen und dazwischenliegenden eingeschossigen Flachfeldern gestaltet.
Die Orgel von Johann Eberhard Dauphin in Iba besitzt acht Register auf einem Manual und Pedal. Das Gehäuse und immerhin sechs Register sind original erhalten. Nur wenige Dorforgeln der Barockzeit in Hessen haben noch so viel originale Substanz. Das Manual, das vom Ton C bis zum c3 reicht, ohne Cis, steht auf Basis eines Principal 8'. Dazu kommt eine Coppel 8' – Coppel ist die süddeutsche Bezeichnung für ein Gedackt und hier in Iba aus Metall gefertigt. Dazu kommt das bereits erwähnte Register Quintatön 16', ebenfalls aus Metall. Darüber finden wir Spitzflöte 4', eine Quint 3', eine Oktav 2' und eine 3fache Mixtur. Das Pedal geht vom C bis zum c1 und besitzt einen Subbaß 16' und einen Oktavbaß 8', dazu kommt eine Pedalkoppel. Bei der sorgfältigen und denkmalgerechten Restaurierung 1981 durch Orgelbaumeister Gerald Woehl aus Marburg hat man die fehlenden Stimmen, den im Ersten Weltkrieg abgelieferten Prospektprincipal sowie die Mixtur rekonstruiert und auch die Windladen wieder auf ihren Erbauungszustand restauriert. Im Rahmen dieser vorbildlichen Restaurierung erhielt die Orgel auch wieder eine mitteltönige Stimmung, wie sie in Hessen bis weit ins 18.Jahrhundert hinein allgemein gebräuchlich war. Die Dauphin-Orgel in Iba darf man mit gutem Recht als eine der wertvollsten Barockorgeln Hessens bezeichnen. Und sie ist eine der ganz wenigen, die mittels ihrer alten, mitteltönigen Stimmung den Klang der Musik des Frühbarock in ganz besonders authentischer Weise erlebbar machen.

Link zum klingenden Orgelportrait >>> https://www.youtube.com/watch?v=IUB8omUTWI0&t=942s

Disposition:

Manual, CD-c3 Pedal, CD-c3  
Quintatön 16' Subbaß 16' Pedalkoppel
Principal 8' Octavbaß 8'  
Coppel 8'    
Spitzflöte 4'    
Quint 3'    
Octav 2'    
Mixtur 3f.    

In Iba gespielte Stücke:
Adam von Fulda: Missa - Credo >>> https://www.youtube.com/watch?v=N96AYMqeUJE&t=8s
Adam von Fulda: Missa - Sanctus >>> https://www.youtube.com/watch?v=siULquZ3vTQ&t=5s
Adam von Fulda: Regali ex progenie >>> https://www.youtube.com/watch?v=DpQl8ndGXJ8&t=6s
Adam von Fulda: Salve decus virginum >>> https://www.youtube.com/watch?v=y9-mzuixMRw&t=24s
Philipp Jakob Baudrexel: Praeambulum mit Versetten secundi toni >>> https://www.youtube.com/watch?v=xDsQfzJ2Tsw&t=10s
Johann Pachelbel: In dich hab ich gehoffet, Herr >>> https://www.youtube.com/watch?v=zbUqm2253_U
Johann Pachelbel: Ricercar in c >>> https://www.youtube.com/watch?v=a5lRfpTWZI4&t=6s
Johann Pachelbel: Toccata in d >>> https://www.youtube.com/watch?v=2mX3IJNncPA&t=8s
Johann Pachelbel: Wo Gott zum Haus nicht gibt sein Gunst >>> https://www.youtube.com/watch?v=kGHCDGaV0eM&t=16s



ILBENSTADT (Gemeinde Niddatal, Wetteraukreis)
Kath. Pfarrkirche (Basilika)




Erbauer: Johann Onymus (Mainz) 1733-1735, Schleifladen, mechanische Spiel- und Registertraktur

Ilbenstadt ist ein Ortsteil von Niddatal im hessischen Wetteraukreis. Der Ort wird als „Eluistat“ im Jahre 818 erstmals erwähnt. Es gehörte seit alters zum Freigericht Kaichen, später ab 1806 zum Großherzogtum Hessen. Als die neue Stadt Niddatal 1970 gegründet wurde, gehörte Ilbenstadt neben der Stadt Assenheim sowie dem Dorf Bönstadt zu den Gründungsgemeinden, später kam noch das Dorf Kaichen dazu. Beherrscht wird der Ort durch die Gebäude des ehemaligen Prämonstratenser-Chorherrenstifts. Gegründet wurde das Kloster 1123 durch den Grafen Gottfried von Cappenberg, der hier jeweils ein Männer- und ein Frauenkloster errichtete. Dieses Prämonstratenserkloster war die älteste geistliche Niederlassung in der Wetterau. Der erste Propst war Antonius, ein Schüler des heiligen Norbert von Xanten. Das 1657 zur Abtei erhobene Kloster wurde 1803 im Zuge der Säkularisation aufgelöst. Die Grafen von Altleiningen-Westerburg erhielten das Kloster und die Güter als Entschädigung für ihre linksrheinischen Besitzungen. Heute werden die Klostergebäude, das „Haus St. Gottfried“ als Jugend- und Bildungshaus des Bistums Mainz genutzt. Die 1159 geweihte ehemalige Abtei- und heutige Pfarrkirche Maria und St. Petrus und Paulus wird allgemein der „Dom der Wetterau“ genannt. Die mächtige romanische Basilika wurde in ihrem Inneren in der Barockzeit prachtvoll ausgestattet. 1681 bis 1699 entstanden die Altäre, die Kanzel und weitere Skulpturen. 1733 bis 1735 entstand die prachtvolle, bis heute erhaltene Orgel. Sie stammt aus der Werkstatt von Johann Onymus aus Mainz.
Johann Onymus, der Erbauer der Orgel in Ilbenstadt, wurde 1689 im badischen Ettenheimmünster geboren. Der Name Onimus (Onymus) wird in den Quellen mal mit „i“, mal mit „y“ geschrieben. Wir entschieden uns hier für die Schreibweise mit „y“ in Anlehnung an den „Verein zum Erhalt der Onymusorgel e.V.“, der sich seit 2001 für die dringend notwendige Renovierung des berühmten Instruments einsetzt. Onymus heiratete 1727 in Mainz, erhielt 1733 auf Antrag des Kurfürsten die Personalfreiheit und war noch 1752 „Beisaß“, also nicht Bürger der Stadt. Er starb 1759 in Mainz. Sein 1715 geborener Neffe Joseph Anton Onymus führte die Werkstatt seines Onkels weiter. Aber zurück zu Johann Onymus. Von ihm sind insgesamt sechs Orgelneubauten belegt. Von den Instrumenten in Bauschheim bei Rüsselsheim, 1732 erbaut und in der Justinuskirche in Höchst aus dem Jahre 1737 sind noch die Orgelprospekte erhalten, hinter denen sich allerdings schon längst jeweils ein neues Pfeifenwerk befinden. Nichts erhalten ist von seinen Orgelbauten in Mainz-Laubenheim, in Ginsheim und in Hattersheim am Main. Die Orgel in der Basilika zu Ilbenstadt ist somit das einzige erhaltene Werk von Johann Onymus und gilt heute das das bedeutendste Werk des Mainzer Orgelbarocks. Mit 30 Registern auf 2 Manualen und Pedal ist das Instrument prachtvoll disponiert. Nach der Säkularisation geriet die Orgel in Vergessenheit, und es wurde in den 1920er Jahren bereits einmal der Abriß des aus damaliger Sicht unzeitgemäßen Instrumentes beschlossen. Doch der 1903 geborene Maler, Restaurator und Orgelliebhaber Julius Hembus aus Kronberg, später Ehrenbürger daselbst, rettete die Orgel und stellte im Jahre 1930 zunächst deren Spielfähigkeit wieder her. 1970 erfolgte sodann eine umfassende Restaurierung durch die Firma Gebr. Hillebrand aus Altwarmbüchen bei Hannover. Die nach damals aktuellen denkmalpflegerischen Aspekten durchgeführten Arbeiten sind aus heutiger Sicht jedoch zumindest teilweise kritisch zu betrachten. So sind etwa beim weitgehenden Neubau der Traktur Materialien wie Kunststoff und Aluminium verwendet worden, was man aus heutiger Sicht ablehnen muß. Die bevorstehende Restaurierung der Orgel wird darum recht aufwändig werden und wird nach Schätzung des Vereins zum Erhalt der Onymus-Orgel e.V. etwa 420.000 Euro kosten.
Die heutige Klanggestalt der 1735 vollendeten Onymus-Orgel in der Basilika zu Ilbenstadt besitzt eine gegenüber dem Original leicht veränderte Disposition mit 30 Registern auf zwei Manualen und Pedal. 19 Register stammen hierbei ganz oder teilweise noch von Johann Onymus. Die Manuale haben jeweils einen Tonumfang vom Ton C bis zum c3. Von den 13 Registern des Hauptwerks gehen 10 auf Onymus zurück. Wir finden hier heute zunächst einen Principal 8' und ein Register mit der Bezeichnung Italienischer Principal 8'. Die Bezeichnung „italienisch“ in einer Mainzer Barockdisposition bezeichnet immer eine schwebende Stimme. Register dieser Art brachte der aus Würzburg stammende Johann Anton Ignaz Will aus seiner fränkischen Heimat mit nach Mainz, wo er 1709 domkapitelscher Orgelmacher wurde. Weiterhin besitzt das Hauptwerk Gemshorn, Gedackt und Salicional 8', eine Quinte 5 1/3', sodann Oktave und Waldflöte 4', Oktav und Rohrflöte 2', eine Quinte 1 1/3' sowie als Klangspitze eine 4fache Mixtur sowie ein 4faches Cornett, dazu kommt noch eine Trompete 8'. Das Positiv verfügt über 9 Register, von denen rund zwei Drittel von Johann Onymus stammen. Hier finden wir die Register Gedackt, Gambe und Bifhara 8', Principal und Rohrflöte 4', eine Oktave 2', eine Sifflöte 1' sowie eine 3fache Mixtur und eine Vox humana 8'. Dazu kommen noch ein Tremulant und ein Zimbelstern. Im Pedal sind nur die Register Principal 16', die Oktave 4' und die Posaune 16' ganz oder teilweise original. Die übrigen Stimmen Quinte 10 2/3', Oktave 8', die 4fache Mixtur und das 2fache Pedal-Sesquialter wurden später eingebaut. Die anstehende Restaurierung, mit der im Frühjahr 2018 begonnen und die voraussichtlich 2020 abgeschlossen sein wird, wird der hessischen Orgellandschaft eines ihrer bedeutendsten Orgeldenkmale in voller Schönheit zurückschenken. 

Link zum klingenden Orgelportrait >>> https://www.youtube.com/watch?v=9BBMOt509q4&t=923s

Disposition:

Hauptwerk, C-c3 Positiv, C-c3 Pedal, C-d1  
Principal 8' Gedackt 8' Principal 16' Manualkoppel
Ital. Principal 8' Gambe 8' Quinte 10 2/3' Pedalkoppel
Gedackt 8' Bifhara 8' Octav 8' Tremulant Pos.
Gemshorn 8' Principal 4' Octav 4' Cymbelstern
Salicional 8' Rohrflöte 4' Sesquialtera 2f.  
Quinte 5 1/3' Octav 2' Mixtur 4f.  
Octav 4' Sifflöte 1' Posaune 16'  
Waldflöte 4' Mixtur 3f.    
Octav 2' Vox humana 8'    
Rohrflöte 2'      
Quinte 1 1/3'      
Cornett 4f.      
Mixtur 4f.      
Trompete 8'      

In Ilbenstadt gespielte Stücke:
Johann Heinrich Buttstedt: Christ ist erstanden >>> https://www.youtube.com/watch?v=Bj1KN0n4K0o&t=6s
Johann Heinrich Buttstedt: Jesus Christus, unser Heiland >>> https://www.youtube.com/watch?v=T6RPl56mMeo&t=7s
Johann Tobias Krebs: Herzliebster Jesu >>> https://www.youtube.com/watch?v=uHN7y8SN27s&t=5s
Johann Tobias Krebs: O Gott, du frommer Gott >>> https://www.youtube.com/watch?v=JxG53RIAcPs
Johann Tobias Krebs: Praeludium et Fuga C-Dur >>> https://www.youtube.com/watch?v=PQxm9V17DZY
Gottfried Ernst Pestel: Praeludium ex g >>> https://www.youtube.com/watch?v=VjxuLNDH2GU&t=5s
Georg Andreas Sorge: Fuga über B-A-C-H >>> https://www.youtube.com/watch?v=6-g4PbqUBok
Georg Andreas Sorge: Kleines Präludium e-moll I >>> https://www.youtube.com/watch?v=sHF_EhN8qDw&t=9s
Georg Andreas Sorge: Kleines Präludium e-moll II >>> https://www.youtube.com/watch?v=sHF_EhN8qDw&t=9s
Georg Philipp Telemann: Fughetta F-Dur >>> https://www.youtube.com/watch?v=Jwk7QkX-O9w&t=10s
Georg Philipp Telemann: Herzlich tut mich verlangen >>> https://www.youtube.com/watch?v=2SamPvr0wsc



JOHANNESBERG (Stadt Fulda, Landkreis Fulda)
Kath. Pfarrkirche St. Johannes



Erbauer: Gebrüder Späth (Ennetach-Mengen) 1927, Prospekt Augustin Oestreich (Oberbimbach) 1847, Kegelladen, pneumatische Spiel- und Registertraktur

Johannesberg ist ein Stadtteil der osthessischen Stadt Fulda. Der südöstlich der Stadt kurz vor der Einmündung des Gieselbachs in die Fulda gelegene Ort wurde 1972 eingemeindet. Im Jahre 811 wurde eine Kirche, die St.-Johanneskirche, eingeweiht. Aus diesem Jahr stammt auch die erste urkundliche Nachricht über Johannesberg. Nach der Errichtung eines Benediktinerklosters im Jahre 836 wurde um das Jahr 1000 an Stelle der alten Kirche eine romanische Basilika erbaut, die im Laufe der folgenden Jahrhunderte mehrfach ausbrannte, geplündert wurde und wiederaufgebaut wurde. Von 1686 an wurde die Kirche unter den Pröpsten Bonifatius von Buseck und vor allem unter Conrad von Mengersen umgestaltet und erhielt ihre barocke Form, die im Wesentlichen heute noch erhalten ist. Ebenso wurden die Klostergebäude ausgebaut und eine repräsentative barocke Gartenanlage angelegt. Im Zuge der Säkularisation entstand 1802 aus der Propstei eine bis 1968 bestehende Staatsdomäne. Nach einigen Jahren des Leerstandes wurden Kirche und Kloster renoviert. Das „Deutsche Zentrum für Handwerk und Denkmalpflege“ hatte lange Jahre hier seinen Sitz und nach dessen Insolvenz wird dessen Arbeit durch die „Propstei Johannesberg gGmbH“ fortgesetzt. Die ehemalige Propsteikirche und heutige Pfarrkirche St. Johannes der Täufer erhielt im 17. Jahrhundert ihre beeindruckende, frühbarocke Ausstattung. Der reich gegliederte, elfteilige Orgelprospekt stammt aus dem Jahre 1847 und aus der Werkstatt von Augustin Oestreich in Oberbimbach bei Fulda. 1927 wurde das klingende Innenleben nach einem Wasserschaden komplett erneuert durch die Fa. Gebrüder Späth aus Ennetach. Das spätromantische Instrument ist unverändert erhalten.
Die Orgelbaufirma Gebrüder Späth wurde 1894 von dem 1859 geborenen Franz Xaver Späth gegründet. Einige Jahre später trat sein Bruder Albert in das Unternehmen ein und 1917 die Neffen Alban und Hermann Späth. 1928 richteten die Gebr. Späth in Fulda einen Filialbetrieb ein, den Alban Späth leitete. Ein Jahr zuvor erfolgte als op. 344 der Neubau in Johannesberg mit 17 Registern auf zwei Manualen und Pedal. Die Orgel ist ein in allen Details typisches Instrument der ausgehenden Spätromantik, unmittelbar bevor die rückblickend so genannte Orgelbewegung einen grundlegenden Stilwandel vor allem zunächst in der Klanggestaltung, in der Disposition von Orgeln einleitete. Bereits die nur sieben Jahre später erbaute Orgel in Marbach bei Fulda, die in einem anderen Orgelportrait vorgestellt wird, ist klanglich ganz anders aufgestellt. Man vergleiche bitte! Doch zurück zur Geschichte der Firma Späth. Als Alban Späth 1972 starb, wurde die Filiale in Fulda geschlossen. Zwischenzeitlich hatte Franz Xavers 1899 geborener Sohn Karl Späth das Stammhaus in Mengen übernommen, sein Bruder August wurde 1934 Teilhaber. 1964 trennte sich August Späth mit seinem Sohn Hartwig von Karl Späth und überführte die Freiburger Filiale in ein eigenes Unternehmen, den Freiburger Orgelbau August Späth. Nach dem Tod Karl Späths 1971 gründeten Mitarbeiter der Firma unter der Leitung von Franz Rapp die Orgelbau Späth GmbH. Später übernahm dessen Sohn Harald Rapp die Firma. 2002 kaufte Hartwig Späth, seit 1979 Alleininhaber der Firma Freiburger Orgelbau, den Orgelbau Späth zurück, schloss allerdings die Betriebsstätte in Ennetach. Hartwigs Unternehmen besteht seit dem Eintritt seines Sohnes 2008 unter dem Namen Freiburger Orgelbau Hartwig und Tilmann Späth. Unveränderte Orgeln aus der Zeit der Spätromantik wie dasjenige in Johannesberg haben heute Seltenheitswert, vor allem in Westdeutschland, wo bekanntlich nahezu keine Orgel von der Erneuerungswelle nach dem Zweiten Weltkrieg verschont blieb.
Auch wenn 1927 eine Oestreich-Orgel für sie weichen musste, so ist die Späth-Orgel in der altehrwürdigen Propsteikirche zu Johannesberg ein repräsentatives und gut erhaltenes Werk der Spätromantik, deren besonderer Klang nach der 2003 abgeschlossenen Restaurierung durch die Fa. Förster und Nicolaus aus Lich wieder in voller Pracht zur Geltung kommt. Die Orgel besitzt 17 Register auf zwei Manualen und Pedal. Die Manuale besitzen einen Umfang vom C bis zum f3. Das Hauptwerk besitzt nur fünf kräftig intonierte Fundamentregister, nämlich Principal, Gedackt, Salicional und Gamba 8' sowie eine Oktave 4'. Die meisten Register, nämlich acht, stehen im Schwellwerk. Hier finden wir Geigenprincipal, Konzertflöte, Nachthorn, Aeoline und Vox coelestis 8', eine Oktave 4' sowie eine 3fache Mixtur und eine kräftige Trompete 8'. Das Pedal schließlich, das bis zum d1 ausgebaut ist, verfügt über die Stimmen Subbaß, Zartbaß und Violon 16' sowie einen Oktavbaß 8'. Fast schon selbstverständlich an einer solchen Orgel sind zahlreiche Koppeln, neben den üblichen Normalkoppeln auch Sub- und Superoktavkoppel sowie Schweller und eine Crescendowalze. Die Qualität solcher pneumatischer Orgeln aus der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen wurde lange Zeit verkannt und es kommt natürlich auch sehr darauf an, daß man die passende Literatur auf ihnen spielt. 

Link zum klingenden Orgelportrait >>> https://www.youtube.com/watch?v=5_DjxXN6AzE&t=762s

Disposition:

Hauptwerk, C-f3 Schwellwerk, C-f3 Pedal, C-d1  
Principal 8' Geigenprincipal 8' Subbaß 16' Manualkoppel
Gedackt 8' Konzertflöte 8' Zartbaß 16' Pedalkoppel zu I
Gambe 8' Nachthorn 8' Violon 16' Pedalkoppel zu II
Salicional 8' Aeoline 8' Octavbaß 8' Suboktavkoppel
Octave 4' Vox coelestis 8'   Superoktavkoppel
  Octave 4'   Walze
  Mixtur 4f.    
  Trompete 8'    


In Johannesberg gespielte Stücke:
Conrad Bäumer: Fantasie über "Stille Nacht, heilige Nacht" >>> https://www.youtube.com/watch?v=gxgja1xScVg
Christoph Brückner: Jesu, meine Freude - Rendezvous romantique >>> https://www.youtube.com/watch?v=TOiKSB3_sM8
Christoph Brückner: Jesu, meine Freude - Toccata >>> https://www.youtube.com/watch?v=7WPXFhDXgD4
Vinzenz Goller: Stille Nacht, heilige Nacht >>> https://www.youtube.com/watch?v=AsK_OstrSUw
Wilhelm Kienzl: Auf meinen lieben Gott op. 77,1 >>> https://www.youtube.com/watch?v=ffTwwp75Uao&t=4s
Fritz Lubrich jun.: Sphärenmusik in der Weihenacht >>> https://www.youtube.com/watch?v=mOgIrwdeiDk
Max Reger: Valet will ich dir geben >>> https://www.youtube.com/watch?v=jcjG_yb-buc
Max Reger: Vom Himmel hoch, da komm ich her >>> https://www.youtube.com/watch?v=1JIukYozMdE


KEFENROD (Wetteraukreis)
Ev. Kirche




Erbauer: Johann Wilhelm Müßig (Aschaffenburg) 1696, Schleifladen, mechanische Spiel- und Registertraktur

Kefenrod ist eine Gemeinde mit rund 2.700 Einwohnerinnen und Einwohnern im hessischen Wetteraukreis am Rande des Vogelsberges. Kefenrod grenzt im Norden an die Stadt Gedern, im Osten an Birstein, im Süden an Wächtersbach und im Westen an die Stadt Ortenberg. 1377 wurde der Ort als „Keberode“ erstmals urkundlich genannt, doch war die Gegend bereits im frühen Mittelalter besiedelt, wie entsprechende Fundstücke und Hügelgräber belegen. Der Ort gehörte über Jahrhunderte zur Herrschaft der Grafen und späteren Fürsten von Isenburg-Büdingen in Birstein und lag im Isenburgischen Amte Wenings. 1816 fiel Kefenrod an das Großherzogtum Hessen, später zum Landkreis Büdingen und seit der hessischen Gebietsreform 1972 gehört der Ort zum Wetteraukreis. Eine Kirche, wohl eher eine Kapelle hat in Kefenrod mindestens seit dem späten Mittelalter bestanden. Die Grundsteinlegung der heutigen Kirche nahm 1740 Graf Wolfgang Ernst I. von Ysenburg und Büdingen persönlich vor, der übrigens vier Jahre später als erster Ysenburger zum Reichsfürsten erhoben wurde. Der schlichte Bau mit Giebeldachreiter besitzt eine Orgel, die 1834 gebraucht erworben wurde und die ursprünglich 1696 von dem Johann Wilhelm Müßig aus Aschaffenburg erbaut wurde.
Über den Orgelbauer Johann Wilhelm Müßig war bis vor einigen Jahren nur sehr wenig bekannt. Geboren wurde er 1649 in Miltenberg am Main. Wo er sein Handwerk erlernt hat, wissen wir nicht, doch spricht einiges dafür, daß dies in der Werkstatt von Jost Philipp Schleich in Lohr geschah. Aus Lohr am Main stammte der Orgelbauer Adam Oehninger, der nur zwei Jahre älter war als Müßig und später im Miltenberger Franziskanerkloster lebte. Um 1700 hatten sich Oehninger, Müßig und Johann Jost Schleich, der Sohn von Jost Philipp Schleich, ihre Gebiete recht sauber aufgeteilt. Lohr war das Gebiet der Firma Schleich, in Miltenberg hatte Oehninger die Hoheit und Johann Wilhelm Müßig musste darum 1678 nach Aschaffenburg umziehen, um dort eine eigene Werkstatt zu eröffnen. Fortan wird er in den Akten häufig nur „der Orgelmacher von Aschaffenburg“ genannt. Sein erstes eigenes Werk erbaute er 1678 für die Pfarrkirche in Seligenstadt am Main, es folgten Neubauten in Bornheim bei Frankfurt 1679, in Babenhausen 1687 und 1693 in der Jesuitenkirche zu Aschaffenburg. 1696 erbaute Müßig die Orgel für die evangelische Kirche in Langenselbold im Kinzigtal. Beim Kirchenneubau daselbst 1735 wurde die zunächst Orgel übernommen und 1783 durch einen Neubau ersetzt. Die alte, erst 87 Jahre Orgel Johann Wilhelm Müßigs kam danach zunächst für einige Jahre in die Langenselbolder Friedhofskapelle. Als diese 1834 abgerissen wurde, erwarb die Gemeinde Kefenrod für 100 Gulden das gut erhaltene Werk. Der Orgelbauer Georg Link aus Reinhards bei Schlüchtern stellte das Instrument in Kefenrod wieder auf und baute ein selbstständiges Pedal mit zwei Registern hinzu. Damals wurde vermutlich auch der Tonumfang von der ursprünglichen Form mit kurzer Oktave auf den heutigen Umfang erweitert. 1696 verlegte Johann Wilhelm Müßig seine Werkstatt von Aschaffenburg nach Seligenstadt. Nach 1700 hören wir nur noch wenig von ihm, letzte sporadische Arbeitsnachweise stammen aus den Jahren 1715 und 1717, danach verliert sich seine Spur. Die Orgeln aus seiner Werkstatt waren allesamt kleinere Instrumente, einmanualig und meist ohne oder wenn, dann mit angehängtem Pedal. Im 18. oder spätestens im 19.Jahrhundert wurden solche Instrumente eigentlich überall durch Neubauten ersetzt. Nur der Zufall, nämlich die Zweit- oder Drittverwendung durch eine arme Landgemeinde rettete uns die einzige Orgel dieses Aschaffenburger Orgelbauers bis in die heutige Zeit. Der Orgelprospekt in Schwarz, einem Stadtteil von Grebenau im Vogelsberg, könnte nach neueren Erkenntnissen ebenfalls von Johann Wilhelm Müßig stammen. Das klingende Innenleben dort hat man jedoch noch 1962 einem Neubau geopfert.
Die Orgel in Kefenrod wurde 1984 durch die Firma Förster & Nicolaus aus Lich denkmalgerecht restauriert. Das Pfeifenwerk im Manual scheint bis auf die neuzeitliche Mixtur und den Prospekt-Principal im Wesentlichen auf Johann Wilhelm Müßig und damit das Jahr 1696 zurückzugehen. Bemerkenswert und ziemlich einmalig sind die waagerecht auf beiden Seiten der Klaviatur angebrachten Registerzüge mit dünnen Metallstäben. Das Manual besitzt heute einen Umfang vom Ton C ohne das Cis bis zum c3. Wir finden hier die Register Gedackt und Flöte 8', Principal, Gedackt und Flöte 4', sodann die Octaven 2' und 1' sowie eine 3fache Mixtur. Das 1839 von Georg Link hinzugefügte Pedal mit einem Umfang bis zum c1 besitzt Subbaß 16' und Principalbaß 8', dazu kommt noch eine Pedalkoppel sowie ein Kanaltremulant. Die kleine, aber klanglich ausgesprochen reizvolle Orgel in Kefenrod ist eine der ältesten Orgeln Hessens. Doch ist sie in der hessischen Orgelszene so gut wie unbekannt. 


Link zum klingenden Orgelportrait >>> https://www.youtube.com/watch?v=KbtBC5dFkW4

Disposition:

Manual, CD-c3 Pedal, C-c1  
Gedackt 8' Subbaß 16' Pedalkoppel
Flöte 8' Principalbaß 8' Tremulant
Principal 4'    
Gedackt 4'    
Flöte 4'    
Octave 2'    
Octave 1'    
Mixtur 3f.    


In Kefenrod gespielte Stücke:
Valentin Dretzel: Capriccio in a >>> https://www.youtube.com/watch?v=4qCfdHWT0qs
Girolamo Frescobaldi: Hinno Iste confessor >>> https://www.youtube.com/watch?v=mOWBTdPvOo4&t=9s
Girolamo Frescobaldi: Magnificat primi toni >>> https://www.youtube.com/watch?v=2c6xy09Emvc&t=48s
Jakob Friedrich Greiss: Nun danket alle Gott >>> https://www.youtube.com/watch?v=PYBecQRl3qw&t=16s
Jakob Friedrich Greiss: Wo Gott der Herr nicht bei uns hält >>> https://www.youtube.com/watch?v=x-gEPg78uZE
Hans Leo Hassler: Vater unser im Himmelreich >>> https://www.youtube.com/watch?v=av7Cmv8EUug&t=9s
Johann Erasmus Kindermann: Toccata in G >>> https://www.youtube.com/watch?v=OIuwa2g6p14
Marcus Olter: Canzona in c >>> https://www.youtube.com/watch?v=cpI6_Ihoppw&t=77s
Johann Pachelbel: Gottes Sohn ist kommen >>> https://www.youtube.com/watch?v=c4xDjnOHfmg&t=7s
Johann Pachelbel: Nun komm der Heiden Heiland >>> https://www.youtube.com/watch?v=mz1FVdT1UEA&t=6s
Johann Staden: Toccata in g >>> https://www.youtube.com/watch?v=ltjVHsaFGks&t=34s
 



KLEINHEILIGKREUZ bei KLEINLÜDER (Gemeinde Großenlüder, Landkreis Fulda)
Kath. Wallfahrtskirche 



Erbauer: Karl Rose (Carlsdorf) 1939, Schleifladen, mechanische Spiel- und Registertraktur

Kleinlüder ist seit der Gebietsreform 1972 ein Ortsteil der Gemeinde Großenlüder im osthessischen Landkreis Fulda. Der Ort liegt im Westen des Landkreises Fulda im malerischen Talkessel der Lüder, eines Nebengewässers der Fulda, an den östlichen Ausläufern des Vogelsberges. In dem im Jahre 953 erstmals erwähnten Dorf steht eine Pfarrkirche, dessen Wehrturm aus dem 13.Jahrhundert stammt. Rund 4 Kilometer südöstlich von Kleinlüder liegt, in dem abgelegenen, aber unglaublich idyllischen Tal der „Kalten Lüder“, die Wallfahrtskapelle Kleinheiligkreuz. Die Kapelle steht auf höchst geschichtsträchtigem Grund. Nach dem Märtyrertod des Hl. Bonifatius im Jahre 754 machte dessen Leichenzug von Mainz nach Fulda an dieser Stelle Rast, denn genau hier kreuzen sich die antiken Handelswege Ortesweg und Antsanvia. Die hier entstandene kleine Siedlung, die im Mittelalter wieder zur Wüstung wurde, hieß Gunterskirchen. Für das Jahr 1348 ist die Errichtung einer Kirche zum Heiligen Kreuz an jener Stelle belegt, die im Jahre 1692 abgerissen und durch den heutigen frühbarocken Bau ersetzt wurde, der 1696 eingeweiht wurde. Nach der Säkularisation 1802 wurde die Kapelle zunächst profaniert. Seit 1850 diente der Chorraum als Privatkapelle des benachbarten Hofes Kleinheiligkreuz, der sich seit dem Jahre 1708 bis heute ununterbrochen im Besitz der Familie Wehner befindet. Dieser Jagdhof ist heute ein gepflegtes Hotel und Restaurant - mit direkt an die Kapelle angrenzendem Biergarten -, in dessen Räumlichkeiten auch zahlreiche Tagungen und geschäftliche Meetings stattfinden. Im Jahre 1913 wurde die Kapelle erneut zu Ehren des Heiligen Kreuzes geweiht, dient seither wieder als Wallfahrtsziel und ist vor allem in den Sommermonaten ein beliebter Ort für Hochzeiten. Seit dem Jahre 2018 findet sich auf der Empore der Kapelle ein bemerkenswerter Neuzugang der Orgellandschaft Osthessens, ein 1939 als Hausorgel erbautes Instrument, das uns die Klangvorstellungen der sogenannten Orgelbewegung geradezu exemplarisch vor Augen und Ohren stellt.
„Orgelbewegung“ – mit diesem Überbegriff bezeichnet man in Deutschland die in den 1920er Jahren beginnende Wiederentdeckung der barocken und vorbarocken Klangwelt der Orgel. Barocke Instrumente, zunächst die Werke Arp Schnitgers, wurden restauriert und bei den Orgelneubauten jener Jahre finden barocke Register zunächst zaghaft, aber dann immer dominanter Eingang in die Dispositionen. Die damals jüngere Komponistengeneration, Joseph Ahrens, Ernst Pepping, Hugo Distler, Hermann Schroeder, Helmut Bornefeld und viele weitere, lehnten die bisherige Ästhetik der Romantik scharf ab und schufen Werke für das neue klangliche Ideal, das man später meist pauschal als Neobarock bezeichnet hat. Wie oft bei solchen radikalen ästhetischen Brüchen wurden einzelne Entwicklungen ins Extrem getrieben, woran sich dann wiederum Kritik entzündete. Bei der Orgelbewegung waren das die Dispositionen, die in ihrer anti-romantischen Ausrichtung ein sehr klares, gerade am Anfang aber oftmals fast schrilles Klangbild erzeugten. „Köstliche Schreiwerke“ nannte das Hugo Distler, einer der führenden Protagonisten jener Orgelbewegung. Die heute in Kleinheiligkreuz stehende Orgel wurde 1939 von Karl Rose als Hausorgel erbaut. Karl Rose war kein Orgelbauer, sondern Kunstschreiner und lebte in Carlsdorf bei Hofgeismar im Landkreis Kassel. Wie feinsinnig er zu arbeiten imstande war, sieht man unter anderem an der säuberlich, vermutlich mit einer Laubsäge aus handgefertigtem Mahagoni-Sperrholz ausgesägten Inschrift über den Prospektpfeifen: „Coelum et terra peribunt, sed musica manet in aeternum“ – „Himmel und Erde werden vergehen, aber die Musik bleibt ewig bestehen. Anno 1939.“ Durch Verkauf kam das Instrument später als Hausorgel nach Möhnesee bei Soest. 2017 hat die Firma Orgelbau Hey aus Urspringen in der Rhön das Instrument gekauft und nach gründlicher Überholung in der Wallfahrtskapelle Kleinheiligkreuz aufgestellt.
Die heute in Kleinheiligkreuz stehende Orgel ist ein Musterbeispiel für die Klangästhetik der 1930er Jahre. Die Pfeifenmensuren orientieren sich an Vorlagen der berühmten Organologen Helmut Bornefeld und Walter Blankenburg. Die sieben Register des Manuals, das bis zum c3 ausgebaut ist, sind alle in Baß und Diskant geteilt. Wir finden hier die Stimmen Gedackt 8', Rohrflöte 4', Principal 2', dann Quinte 1 1/3' im Prospekt, eine Blockflöte 1', eine Cimbel 1/4' und ein Horn 8'. Die 1939 zunächst als pedalloses Positiv fertiggestellte Orgel erhielt in den 1940er Jahren ein selbstständiges Pedal mit immerhin fünf Registern bis zum f1, welches darum keine Pedalkoppel nötig hat. Dafür steht das gesamte Pedal-Pfeifenwerk in einem Schwellkasten – so etwas zu bauen wäre heutzutage völlig undenkbar. Tiefstes Pedalregister ist der Dulzian 16', also eine Zungenstimme, sodann finden wir dort Gedacktbaß 8', Octave 4', Quinte 3' und eine Flöte 2'. Das Instrument stellt eine hochinteressante Bereicherung der hessischen Orgellandschaft dar, da ein solcher Instrumententypus schon seit vielen Jahren „aus der Mode gekommen“ und dementsprechend selten anzutreffen ist. Abzuwarten bleibt, wie die zahlreichen Hochzeitsgastorganisten mit den Besonderheiten dieses Instrumentes klarkommen, denn beispielsweise eine, sagen wir mal – ich überzeichne – „gefühlvolle bis schnulzige Hochzeits-Hintergrundmusik“ ist mit dieser Orgel eher nicht machbar. Doch zurück zur Orgelbewegung. Einer ihrer führenden Repräsentanten war der 1908 geborene Hugo Distler. Die 1938 erbaute Hausorgel Distlers war klanglich dem Instrument in Kleinheiligkreuz sehr ähnlich, sie besaß beispielsweise ebenfalls einen schwellbaren Dulzian im Pedal.

Link zum klingenden Orgelportrait >>> https://www.youtube.com/watch?v=WtnbuZ5Myt4

Disposition:

Manual, C-c3 Pedal, C-f1  
Gedackt 8' (B/D) Gedacktbaß 8' Schweller Pedal
Rohrflöte 4' (B/D) Octave 4'  
Principal 2' (B/D) Quinte 3'  
Quinte 1 1/3' (B/D) Flöte 2'  
Blockflöte 1' (B/D) Dulzian 16'  
Cimbel 1/4' (B/D)    
Horn 8' (B/D)    

In Kleinheiligkreuz gespielte Stücke:
Hans Buchner: Christ ist erstanden >>> https://www.youtube.com/watch?v=xWjSXvzfz6M&t=20s
Hugo Distler: Variationen über "Frisch auf, gut G'sell" >>> https://www.youtube.com/watch?v=Sk69MGCGcEw&t=215s
Max Drischner: Wach auf, wach auf, du deutsches Land >>> https://www.youtube.com/watch?v=_2u-1BVVvXU
Max Drischner: Zions Stille >>> https://www.youtube.com/watch?v=RsZGlfWFRoI&t=3s
Paul Kickstat: Aus meines Herzens Grunde >>> https://www.youtube.com/watch?v=AXMgHuV_wNw&t=2s
Paul Kickstat: Nun komm der Heiden Heiland >>> https://www.youtube.com/watch?v=bvmhFFwtV2Q
Ernst Pepping: Es kommt ein Schiff geladen >>> https://www.youtube.com/watch?v=M1ODn9GaNJw
Ernst Pepping: Heilger Geist, du Tröster mein >>> https://www.youtube.com/watch?v=5FWUiF2KJ7U&t=4s
Ernst Pepping: Zeuch an die Macht, du Arm des Herrn >>> https://www.youtube.com/watch?v=jGgS7PmnFEY&t=24s
Johannes Petzold: Also liebt Gott die arge Welt >>> https://www.youtube.com/watch?v=4FwkDYsR0sE
Johannes Petzold: Das Feld ist weiß >>> https://www.youtube.com/watch?v=GB6oJKwez4g
Johannes Petzold: Die Nacht ist vorgedrungen >>> https://www.youtube.com/watch?v=NMPt4F81QNo&t=4s
Johannes Petzold: Was mein Gott will >>> https://www.youtube.com/watch?v=DWH5KCvGIx8&t=1s
Tomas de Santa Maria: Fantasia in c >>> https://www.youtube.com/watch?v=TPODL4RLtHk
Tomas de Santa Maria: Fantasia in d >>> https://www.youtube.com/watch?v=6eEmyP6WC7s&t=1s



KLEINSASSEN (Gemeinde Hofbieber, Landkreis Fulda)
Kath. Pfarrkirche St. Laurentius



Erbauer: Johann Markus Oestreich (Oberbimbach) 1783, Schleifladen, mechanische Spiel- und Registertraktur

Das Malerdorf Kleinsassen ist ein Ortsteil der Gemeinde Hofbieber im Landkreis Fulda mit rund 470 Einwohnerinnen und Einwohnern. Der Ort liegt am Fuße der Milseburg in der hessischen Rhön und ist weit über die Grenzen des Fuldaer Landes als Künstlerdorf bekannt. Kleinsassen erstreckt sich in einer Höhenlage von 450 bis 500 Meter Höhe im Biosphärenreservat Rhön, etwa 14 Kilometer östlich von Fulda in einer waldreichen Mittelgebirgslandschaft. Der Ort wird von dem Bach Bieber durchflossen. Kleinsassen ist höchstwahrscheinlich im späten 8. Jahrhundert entstanden. Erwähnt wird der Ort allerdings urkundlich erst im Jahr 1375 unter dem Namen „Sassen“, der heutige Ortsname Kleinsassen ist für das Jahr 1722 belegt, aber bereits 1493 lässt sich eine Kirche in Kleinsassen urkundlich nachweisen. 1971 wurde Kleinsassen im Zuge der hessischen Gebietsreform als Ortsteil in die neu gebildete Gemeinde Hofbieber eingegliedert. Seit den 1850er Jahren entdeckten Maler Kleinsassen. Sommer für Sommer kamen zahlreiche Maler und Studentengruppen aus den Akademiestädten Dresden, Weimar, Leipzig, München und Düsseldorf zum Naturstudium in den Ort. Da Kleinsassen auch heute noch als Malerdorf gilt und seit einigen Jahren auch diesen Titel offiziell als Zusatz im Ortsnamen trägt, gibt es hier zahlreiche künstlerische Angebote und Sehenswürdigkeiten. Bekannt ist Kleinsassen ebenfalls durch das 1959 eingeweihte Ludwig-Wolker-Haus, einer Jugendbildungs- und Freizeitstätte des Jugendwerks St. Michael. 1780 bis 1783 erfolgte der Bau der heutigen katholischen Barockkirche St. Laurentius, die zeitgleich eine Orgel aus der Werkstatt von Johann Markus Oestreich aus Oberbimbach bei Fulda erhielt.
Der Orgelbauer Johann Markus Oestreich wurde 1737 geboren. Sein Vater Jost Oestreich war Schreiner und erlernte das Orgelbauhandwerk vermutlich bei dem Schreiner und Orgelbauer Johannes Bien in Blankenau. Aber erst, als sein Sohn Johann Markus ab etwa 1760 den Vater in der Werkstatt unterstützte, sind Neubauten der Oestreichs belegt. Es wird vermutet, dass Johann Markus seine Ausbildung bei dem Frankfurter Orgelbauer Philipp Ernst Wegmann erhielt, aber belegt ist das nicht. Wir vermuten es aber anhand einer Besonderheit im Prospektaufbau bei größeren, zweimanualigen Orgeln. Daneben baute Johann Markus Oestreich eine größere Anzahl von kleineren, einmanualigen Werken auf dem Gebiet des damaligen Hochstifts Fulda. In diese Reihe gehört auch die 1783 vollendete Orgel in Kleinsassen. Unmittelbar nach der Fertigstellung dieser Orgel baute Johann Marcus Oestreich eine seiner größten Orgeln für die Pfarrkirche in Bigge in Westfalen, hier mit einem jener typischen, breit angelegten Oestreich-Prospekte, der in ähnlicher Form auch bei den Instrumenten in Nieder-Moos, Detmold und Gemünden an der Wohra zu finden ist. Ab etwa 1800 fand Johann Markus Oestreich tatkräftige Unterstützung durch seine beiden Söhne Johann Adam und Johann Georg, die zunehmend selbstständiger agierten und später die Werkstatt aufteilten in den Bimbacher Stammbetrieb und eine zweite Werkstatt in Bachrain, unmittelbar vor den Toren Fuldas. Wie es scheint, hat Johann Marcus Oestreich noch viele Jahre in der Werkstatt mitgearbeitet; er starb 1833 im gesegneten Alter von 95 Jahren. Die Orgel in Kleinsassen mit ihren 12 Registern wurde im Laufe des 19. und frühen 20. Jahrhunderts stets technisch instandgehalten, aber nie grundlegend verändert. Das änderte sich 1961, als der Orgelbauer Alban Späth aus Fulda einen Neubau der kompletten Spielanlage und der Traktur durchführte und dabei auch die ohnehin schon spätbarocke Disposition nochmals „barockisierte“. 1983 führte der Orgelbauer Manfred Thonius aus Roßtal bei Nürnberg nochmals einen, wie es heißt, „technischen Neubau“ durch, wobei allerdings die Spielanlage von Alban Späth ebenso wiederverwendet wurde wie glücklicherweise ein Großteil des von Oestreich erhaltenen Pfeifenwerks.
Die Oestreich-Orgel in Kleinsassen besitzt heute wie ehedem 12 Register auf einem Manual und Pedal. Allerdings finden wir die Disposition gegenüber der Originaldisposition von 1783 etwas verändert vor. Das Manual ist vom Ton C bis zum d3 ausgebaut. Hier befinden sich Gedackt, Traversflöte und Quintatön 8', Principal, Flöte und Gamba 4', Octave 2', eine Quinte 1 1/3' sowie eine 4fache Mixtur. Von Oestreich stammen zum überwiegenden Teil die Pfeifen der drei genannten Register in 8'-Lage, also Traversflöte, Quintatön und Gedackt sowie die Flöte 4'. Die Gambe 4' wurde 1961 durch Absägen der bisherigen Viola di Gamba 8' hergestellt. Der Rest ist 1961 neu hergestellt worden, wobei die Mensuren nicht denen der originalen Oestreich-Stimmen entsprechen. Dies war zu jener Zeit aber einfach auch noch nicht üblich. Die drei Pedalregister stammen allesamt von Alban Späth und kamen beim Umbau 1961 in die Orgel. Es sind dies Subbaß 16', Octavbaß 8' und ein Choralbaß 4', dazu kommt eine Pedalkoppel. Wenn der Klangcharakter auch heute nicht mehr ganz dem Oestreichschen Original von 1783 entspricht, so klingt die Orgel doch trotz alledem erstaunlich frisch und farbig. Sicher wäre es reizvoll, die Orgel irgendwann einmal in ihren ursprünglichen Zustand zurückzuversetzen. Der Orgellandschaft der hessischen Rhön würde damit ein bemerkenswertes Instrument aus der Frühzeit des Wirkens der Familie Oestreich in seiner vollen Klangpracht zurück geschenkt. 

Link zum klingenden Orgelportrait >>> 

Disposition:

Manual, C-d3 Pedal, C-d1  
Gedackt 8' Subbaß 16' Pedalkoppel
Quintatön 8' Octavbaß 8'  
Traversflöte 8' Choralbaß 4'  
Principal 4'    
Flöte 4'    
Gamba 4'    
Octave 2'    
Quinte 1 1/3'    
Mixtur 4f.    

In Kleinsassen gespielte Stücke:
Johann Pachelbel: Fantasie g-moll >>>
Octavian Panzau: Fuga primi toni >>>
Johann Gottfried Vierling: Ach Gott und Herr >>>
Johann Gottfried Vierling: Allein zu dir, Herr Jesu Christ >>>
Johann Gottfried Vierling: Aus meines Herzens Grunde >>>
Johann Gottfried Vierling: Komm, Heiliger Geist, Herre Gott >>>
Johann Gottfried Vierling: Mache dich, mein Geist, bereit >>>
Johann Gottfried Vierling: Nun bitten wir den heiligen Geist >>>
Johann Gottfried Vierling: Nun jauchzet, all ihr Frommen >>>
Johann Gottfried Vierling: Nun sich der Tag geendet hat >>>
Johann Gottfried Vierling: Vorspiel und Fughetta g-moll >>>
Johann Gottfried Vierling: Was betrübst du dich, mein Herz >>>
Johann Gottfried Vierling: Was Gott tut, das ist wohlgetan >>>
Johann Gottfried Vierling: Wo soll ich fliehen hin >>>
Johann Gottfried Walther: Gott ist mein Heil, mein Hilf und Trost >>>



KRAUTHAUSEN (Stadt Sontra, Werra-Meißner-Kreis)
Ev. Kirche



Unbekannter Erbauer, zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts, Rekonstruktion Orgelbau Mebold (Siegen) 2006, Schleifladen, mechanische Spiel- und Registertraktur

Krauthausen ist ein Stadtteil von Sontra im nordhessischen Werra-Meißner-Kreis mit rund 130 Einwohnerinnen und Einwohnern. Der Ort liegt zwischen dem Ringgau im Osten und dem Richelsdorfer Gebirge im Süden, rund 3,5 Kilometer nordöstlich der Stadt Sontra. Durch den Ort verläuft die Bundesstraße 400. Erstmals urkundlich erwähnt wird der Ort im Jahre 1141 als „Crutthusun“, doch vermutlich hat bereits in der Zeit der Karolinger eine Kirche im Ort bestanden. Der Ort gehörte im späten Mittelalter zum Amt Sontra innerhalb der Landgrafschaft Hessen beziehungsweise später der Landgrafschaft Hessen-Kassel. Im 19. Jahrhundert gehörte Krauthausen, wie die ganze Umgebung dann zu Kurhessen und wurde 1972 im Rahmen der hessischen Gebietsreform in die Stadt Sontra eingemeindet. Die heutige Dorfkirche ist im Wesentlichen wohl im 12. Jahrhundert entstanden. Die Apsis jedoch dürfte deutlich älter sein und mit einiger Wahrscheinlichkeit noch vom karolingischen Gründungsbau aus dem 8. oder spätestens frühen 9.Jahrhundert stammen. Aus dem 14.Jahrhundert, als Krauthausen für einige Jahrzehnte sogar Pfarrsitz war, stammen heute noch die beiden Glocken im Turm der Kirche. Die kleine Orgel auf der Empore hat eine bewegte Geschichte.
Die Geschichte des Krauthäuser Orgelpositivs ist noch nicht lückenlos aufgehellt; vor allem ist noch ungeklärt, wann genau und von wem es erbaut wurde. Allgemein wird aufgrund der reichen Knorpelornamentik eine Entstehung in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts angenommen. 1794 wurde von der Instrumentenkammer des Kasseler Schlosses Wilhelmshöhe eine kleine Orgel mit vier Registern „aus landgräflichen Beständen“ in das Kloster Haydau verkauft, bei der es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um das heute in Krauthausen stehende Instrument handelte. Das ehemalige Zisterzienserinnenkloster Haydau im Ort Altmorschen im Schwalm-Eder-Kreis, rund 40 Kilometer südlich von Kassel, diente seit der Aufhebung des Klosters 1527 als „Jagd- und Lustschloß“ der Hessischen Landgrafen. Bevor die Orgel nach Haydau verkauft wurde, hat sie wohl in den ausgedehnten Räumlichkeiten des Kasseler Landgrafenschlosses gestanden. Aus alten Inventaren wissen wir, dass dort im 17. und 18. Jahrhundert in nahezu allen größeren Räumen Orgeln und Orgelpositive standen, beispielsweise im sogenannten Rotensteinsaal, ferner in den Gemächern des Landgrafen und seiner Frau, im Küchensaal und im Übungsraum neben der Kapelle, wo die angestellten Kapellknaben Gesangs- und Instrumentalunterricht erhielten. Eines dieser Orgelpositive kam also 1794 in die ehemalige Klosterkirche Haydau, wurde dort aber bereits 1821 wieder ersetzt und zwar durch die Orgel der ehemaligen Dorfkirche Altmorschen, deren Schiff kurz zuvor abgerissen wurde. Das überflüssig gewordene alte Positiv aus Kassel wurde nun von dem Postmeister Wilhelm Fröhlich aus Sontra erworben, der aus Heinebach bei Morschen stammte und es in Sontra zu beachtlichem Wohlstand gebracht hatte. Direkt gegenüber des Klosters Haydau wohnte damals Georg Wilhelm Scheuch, ebenfalls seines Zeichens Postmeister und es ist naheliegend, dass er den Verkauf der Orgel an seinen Kollegen Fröhlich in die Wege geleitet hat. 1832 wurde dieses Instrument nach dem Tod eines Familienmitglieds von den Gebrüdern Fröhlich „wegen geschwisterlicher Verteilung“ zum Kauf angeboten. Die Gemeinde Krauthausen erwarb es für rund 60 Taler und vermutlich hat der zuständige Kreisorgelbauer, Johannes Vogt aus Rotenburg die Aufstellung in der dortigen Kirche besorgt. 1917 wurde leider ein Großteil des originalen Pfeifenwerks entfernt und 1952 durch den Orgelbauer Werner Bosch, damals noch in Kassel, erneuert. Nach der umfassenden Kirchenrenovierung entschloß man sich Anfang des 21. Jahrhunderts, das laut Gutachten „in seiner Art einmalige Örgelchen“ instandsetzen und das Pfeifenwerk stilgerecht nach Vorbildern des 17. Jahrhunderts rekonstruieren zu lassen. Diese Arbeiten wurden der Orgelbaufirma Mebold aus Siegen anvertraut und 2006 konnte das Instrument schließlich eingeweiht werden.
Bei der Restaurierung 2006 wurden die originalen Teile, also das Gehäuse, die Windlade sowie der überwiegende Teil der Spiel- und Registertraktur restauriert. Die vier Register werden direkt durch Zug an den seitlich aus dem Gehäuse ragenden Schleifenenden einschaltet beziehungsweise abgestoßen. Die Orgel verfügt über zwei Gedackte in 8'- und 4'-Lage, einen Principal 2' sowie eine Quinte 1 1/3' auf einer bis zum d3 geführten Klaviatur ohne die Töne Cis und Dis sowie eine gemildert mitteltönige Stimmung. Ein Pedal ist nicht vorhanden. Die kleine Orgel in der altehrwürdigen Dorfkirche in Krauthausen gehört zu den unbekannten Kleinodien der mitteldeutschen Orgellandschaft. Auch wenn sie in ihrem klingenden Bestand zum großen Teil rekonstruiert ist, vermittelt sie uns doch einen guten Eindruck vom Aussehen und vom Klang eines höfischen Instruments in der Zeit des Frühbarock, wie es in vielen Schlössern und Residenzen jener Zeit zur „Ergötzung und Recreation des Gemüthes“ zu finden war, wie es Johann Sebastian Bach einmal ausdrückte. 


Link zum klingenden Orgelportrait >>> 

Disposition:

Manual, CDE-c3  
Gedackt 8' kein Pedal
Gedackt 4'  
Principal 2'  
Quinte 1 1/3'  


In Krauthausen gespielte Stücke:
Anonymus: Als een Hert gejaecht >>>
Anonymus: Heer ich will V Wt's Herten gront >>>
Anonymus: Hoe schoon licht ons d'morgen Steere >>>
Adriano Banchieri: Sonata prima Fuga plagale >>>
Adriano Banchieri: Sonata seconda Fuga triplicata >>>
Adriano Banchieri: Sonata sesta Fuga triplicata >>>
Adriano Banchieri: Sonata settima Concerto enarmonico >>>
Georg Friedrich Händel: Straf mich nicht in deinem Zorn >>>
Alessandro Poglietti: Ricercar III primi toni >>>



KRESSENBACH (Stadt Schlüchtern, Main-Kinzig-Kreis)
Ev. Kirche



Erbauer: Carl Jakob Ziese (Ellingerode) 1865-1868, Schleifladen, mechanische Spiel- und Registertraktur

Kressenbach ist ein Stadtteil von Schlüchtern im osthessischen Main-Kinzig-Kreis. Der Ort liegt etwa sechs Kilometer nordwestlich von Schlüchtern im Bergwinkel; jener Gegend, wo die Ausläufer der Brückenauer Kuppenrhön im Osten, des Sandsteinspessarts im Süden und des Südlich Unteren Vogelsbergs im Westen zusammentreffen. Erstmals genannt wird der Ort im Jahre 1167, damals besaß das Kloster Schlüchtern die Kirche und den Zehnten im Dorf. Später waren die Grafen von Hanau hier begütert und mit der Hanauer Landesteilung von 1456 kam Kressenbach zur Grafschaft Hanau-Münzenberg. Seit 1813 gehörte das Dorf zum Landkreis Schlüchtern in Kurhessen und 1972 erfolgte die Eingemeindung in die Stadt Schlüchtern. Die Grafschaft Hanau-Münzenberg schloss sich in der Reformation zunächst der lutherischen Konfession an, ab 1597 war sie reformiert und schlichte, reformierte Formen prägen auch das heutige Gotteshaus in Kressenbach. Die alte, aus dem Mittelalter stammende Kirche, für die 1621 ein blinder Organist erwähnt wird, stand inmitten des Friedhofs. 1861 bis 1865 erfolgte dann ein Neubau in Ortsmitte in schlichten, neugotischen Formen aus heimischem Bruchsandstein. Die Orgel entstand von 1865 bis 1868 in der Werkstatt der Familie Ziese in Ellingerode bei Witzenhausen. In einem Präludium des 1837 geborenen Carl August Lorenz, der ab 1866 als Nachfolger Carl Loewes das Amt eines Städtischen Musikdirektors in Stettin bekleidete, konnten wir zu Beginn das Plenum dieser Orgel hören. 
Stammvater der Orgelbauerfamilie Ziese war der um 1762 geborene Georg Ziese, der ab 1800 zunächst als Orgelbauer in Bernburg an der Saale und sodann ab 1813 mit einer Werkstatt in Heyerode im Südeichsfeld nachweisbar ist. Schon er hatte Kontakte ins Hessische, wie ein leider nicht erhaltener Orgelbau von 1812 in Rhina im Landkreis Hersfeld-Rotenburg belegt. 1826 zog er nach Hetzerode, heute ein Stadtteil von Waldkappel im Werra-Meißner-Kreis und arbeitete gemeinsam mit seinem 1802 geborenen Sohn Friedrich Ziese als Gesellen bei dem Orgelbauer Eobanus Friedrich Krebaum in Eschwege. 1830 bis 1832 bewarb sich Friedrich Ziese nacheinander um die Stelle eines Kreisorgelbauers für die Kreise Wolfhagen, Hersfeld und Hofgeismar – jeweils ohne Erfolg. 1833 wurde er dann endlich als Nachfolger des verstorbenen Johannes Vogt zum Kreisorgelbauer für die Kreise Melsungen und Rotenburg ernannt. Dies hatte langjährige Streitigkeiten mit Vogts Schwiegersohn Friedrich Bechstein zur Folge, der dessen Werkstatt in Rotenburg an der Fulda weiterführte. 1840 verlegte Ziese den Firmensitz nach Ellingerode, einem Stadtteil von Witzenhausen im Kleinalmeröder Hügelland. Friedrich Ziese war bis zu seinem Tod 1855 insgesamt wenig Glück beschieden; nur vereinzelte Neubauten, darunter die noch erhaltene, 1850 fertiggestellte Orgel in Oberkalbach im Landkreises Fulda verließen seine Werkstatt. Und 1847 brannte auch noch seine zweite Ehefrau mit einem Gesellen nach Amerika durch. Beim Orgelbau in Oberkalbach wurde Friedrich Ziese von seinem ein Jahr jüngeren Bruder Karl Ziese sowie seinen beiden Söhnen unterstützt, dem 1825 geborenen Karl Jakob Ziese und dem 1835 zur Welt gekommenen Bernhard Ziese. Letzterer arbeitete zeitweise als Geselle bei Johann Georg Förster in Lich und war gerade nach Ellingerode zurückgekehrt, um die Aufstellung der bereits fertig in der Werkstatt stehenden Orgel für Kressenbach anzugehen, als er im Juli 1865 gerade 30-jährig starb. Dies und Verzögerungen beim Kirchenbau in Kressenbach führten dazu, dass sich der Einbau der Orgel bis 1868 hinzog. Mit letzter Kraft konnte Karl Jakob Ziese dieses Werk vollenden, das sein letztes werden sollte. Er starb, noch in Kressenbach, im August 1868. Seine Kinder, damals erst 7 und 5 Jahre alt, ergreifen später andere Berufe, so daß die Orgelmacherwerkstatt Ziese damit erlosch. 
Das sehr bemerkenswerte Spätwerk Karl Jakob Zieses in Kressenbach - mit seinem an die Orgeln Johann Friedrich Schulzes erinnernden klassizistischen Prospekt - ist im Laufe der Zeit nur geringfügig verändert worden. Bei einer Renovierung 1965 durch Wolfgang Hey aus Urspringen in der Rhön wurde das Cello im Pedal zu einem Choralbaß 4' abgesägt, der Bestand ansonsten aber konserviert. Die Disposition umfasst zwölf Register auf zwei Manualen und Pedal. Im Hauptwerk finden wir Principal, Gamba und Hohlflöte 8', Octav und Gedact 4' sowie eine 3fache Mixtur. Das hinter dem Hauptwerk aufgestellte zweite Werk verfügt über Gedackt und Salicional 8' sowie eine Flöte dulce 4', während das Pedal Subbaß 16', Principalbaß 8' sowie das bereits erwähnte 4'-Register besitzt. Eine Manual- und eine Pedalkoppel vervollständigen das Klangbild, das einerseits traditionell gehalten, andererseits eine bemerkenswerte Vielgestalt im Bereich der Grundstimmen besitzt.  
 

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Disposition:

Hauptwerk, C-f3 Hinterwerk, C-f3 Pedal, C-d1  
Principal 8' Gedact 8' Subbaß 16' Manualkoppel
Gamba 8' Salicional 8' Principalbaß 8' Pedalkoppel
Hohlflöte 8' Flöte dulce 4' Violoncellbaß 4'  
Octav 4'      
Gedact 4'      
Mixtur 3f.      

In Kressenbach gespielte Stücke:
Andreas Barner: Nun danket all und bringet Ehr >>>
Albrecht Brede: Andante a-moll >>>
Albrecht Brede: Con Moto D-Dur >>>
Albrecht Brede: Con Moto Es-Dur >>>
Karl Davin: Allein Gott in der Höh sei Ehr >>>
Karl Davin: Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort >>>
Karl Davin: Herzliebster Jesu >>>
Karl Adolf Lorenz: Jesus, meine Zuversicht >>>
Karl Adolf Lorenz: Präludium h-moll >>>
Camillo Schumann: Schönster Herr Jesu >>>
Camillo Schumann: Vom Himmel hoch, da komm ich her >>>
Camillo Schumann: Wenn ich einmal soll scheiden >>>
Camillo Schumann: Werde munter, mein Gemüte >>>
Philipp Wolfrum: Auf meinen lieben Gott >>>
Philipp Wolfrum: Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort >>>



LAHRBACH (Stadt Tann/Rhön, Landkreis Fulda)
Alte Kath. Kirche St. Johannes



Erbauer: Johannes Kirchner (Euerdorf) 1828, Schleifladen, mechanische Spiel- und Registertraktur

Der Erholungsort Lahrbach ist ein Stadtteil von Tann (Rhön) im Landkreis Fulda in Osthessen. Der Ort liegt im Nordosten des Landkreises Fulda nordöstlich der Wasserkuppe im idyllischen Ulstertal, mitten im Naturpark Hessische Rhön. Das Dorf Lahrbach wurde erstmals im 15. Jahrhundert schriftlich genannt. Damals war Lahrbach eine Wüstung, das heißt, ein aufgegebenes Dorf. Um 1500 war das Dorf aber bereits wieder besiedelt. 1717 brannte Lahrbach nach einem Blitzschlag bis auf fünf Häuser ab. 1793 wurde Lahrbach ein selbstständiges, würzburgisches Pfarrdorf im damals ebenfalls zum Bistum Würzburg und später zum Königsreich Bayern gehörenden Amt Hilders. Erst nach dem Krieg von 1866 musste Bayern das Amt Hilders und weitere Gebiete an Preußen abtreten. 1971 wurde die bis dahin selbständige Gemeinde in die Stadt Tann eingegliedert. In Lahrbach selbst ist der örtliche Gasthof einen Besuch wert, der übrigens vom Vater und dem Bruder des bekannten Fußball-Nationalspielers Sebastian Kehl geführt wird. Der Ort besitzt zwei Kirchen, die 1964 eingeweihte Pfarrkirche St. Elisabeth und die Alte Kirche St. Johannes der Täufer. Sie ist ein heute selten gewordenes Beispiel für eine alte Rhöner Dorfkirche aus der Zeit der Gegenreformation. Sie wurde 1607 bis 1616 unter der Ägide des Würzburger Fürstbischofs Julius Echter von Mespelbrunn errichtet und besitzt den für Echter-Bauten typischen wehrhaften Turm und ein kurzes Schiff von zwei Fensterachsen. Die 1828 erbaute Orgel stammt aus der Werkstatt von Johann Kirchner aus Euerdorf bei Bad Kissingen. Die Alte Kirche in Lahrbach wird allgemein auch wegen ihres Standortes Friedhofskirche genannt.
Johann Kirchner, der Erbauer der Orgel in Lahrbach, repräsentiert die zweite Generation der Orgelbauerfamilie Kirchner in Euerdorf. Ihr Stammvater war der 1762 geborene Johann Kaspar Kirchner. Er war Müller und, so entnehmen wir es der Neuen Fränkischen Chronik des Jahres 1809, Autodidakt im Orgelbau. Er verlegte sich später ganz auf den Orgelbau und errichtete unter anderem Orgeln in Oerlenbach, Pfersdorf und anderen Orten. Erhalten ist von all diesen Werken nur die Orgel in Brebersdorf bei Schweinfurt, die sich derzeit allerdings in einem äußerst beklagenswerten Zustand befindet. Sein Sohn Johann Kirchner wurde 1784 in Euerdorf geboren. Er erlernte das Orgelbauhandwerk vermutlich bei seinem Vater und übernahm nach dessen Tod 1812 die Werkstatt. Aber beispielsweise seine1832 erbaute Orgel in Kützberg zeigt so deutliche Einflüsse von Philipp Albert Seuffert in Würzburg, daß man auf einen entsprechenden Werkstattaufenthalt schließen möchte. Trotzdem haben die Kirchners einen eigenen Prospektstil kreiert, der im Frankenland unverwechselbar ist. Er ist schon in Brebersdorf bei der Orgel des Vaters vorhanden, zeigt sich auch beim Sohn ab 1813 als, wie es der Organologe Hermann Fischer bezeichnet, „entwickelter Klassizismus“ und vereinfacht sich schließlich bin in die 1840er Jahre zu einem eigentümlichem Spätklassizismus. Johann Kirchner hat bis zu seinem Tod 1853 etwa ein Dutzend Neubauten errichtet. Erhalten sind hiervon die 1824 errichtete Orgeln in Augsfeld, sodann unsere hier vorgestellte, 1828 fertiggestellte Orgel in Lahrbach und schließlich das 1846 erbaute Instrument in Unterhohenried bei Haßfurt. Sein Mitarbeiter und Schwiegersohn Heinrich Menger übernahm später die Werkstatt und führte die Orgelbautradition in Euerdorf bis in die 1880er Jahre weiter.
Die Kirchner-Orgel in Lahrbach blieb von einschneidenden Veränderungen zum Glück verschont. Lediglich 1892 veränderte der Fuldaer Orgelbauer Fritz Clewing die Disposition in einem Register. Nach dem Neubau der Pfarrkirche auf der anderen Seite der Bundesstraße verfiel die alte Kirche mitsamt ihrer historischen Orgel in einen Dornröschenschlaf. In den 1970er Jahren fanden hier noch einige Orgelkonzerte mit dem bekannten Organisten Wilhelm Krumbach statt, der den besonderen Klang der Lahrbacher Orgel schon früh erkannte und schätzte. Bezeichnend für diesen Dornröschenschlaf ist die Tatsache, dass die Konzertplakate von Krumbachs Konzerten Mitte der 1990er Jahre, als ich die Kirche das erste Mal besuchte, immer noch an der Tür hingen. Erst 2000 bis 2001 wurde die Kirche saniert und auch die Orgel stilgerecht restauriert. Diese Arbeiten führte die Firma Orgelbau Hoffmann aus Ostheim vor der Rhön aus. Die Orgel besitzt 12 Register auf einem Manual und Pedal. Das Manual besitzt einen Tonumfang vom Ton C bis zum f3. Aufgebaut ist die Disposition auf dem Principal 4', dazu gesellen sich Geigenprincipal, Gambe, Salicional, Gedackt und eine typisch fränkische Piffera 8', eine Flöte 4', Quint 3', die Oktave 2' sowie eine 3-bis 5fache Mixtur. Das Pedal ist ein in der Rhön weit verbreitetes Kurzpedal mit einem Umfang bis zum f°, also mit 18 Tasten. Es verfügt über die Stimmen Subbaß 16' und Oktavbaß 8', dazu kommt noch eine Pedalkoppel. Insgesamt besitzt die Lahrbacher Kirchner-Orgel einen farbenreichen und frischen Gesamtklang, der insgesamt noch sehr barock wirkt. 

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Disposition:

Manual, C-f3 Pedal, C-f°  
Geigenprincipal 8' Subbaß 16' Pedalkoppel
Gedackt 8' Octavbaß 8'  
Gambe 8'    
Salicional 8'    
Piffera 8'    
Principal 4'    
Flöte 4'    
Quint 3'    
Octave 2'    
Mixtur 3-5f.    

In Lahrbach gespielte Stücke:
Johann Michael Bach III: Sechs Versetten C-Dur >>>
Michael Henkel: Allegro maestoso D-Dur >>>
Michael Henkel: Andante e-moll >>>
Michael Henkel: Cantabile a-moll >>>
Michael Henkel: Fughetta A-Dur >>>
Michael Henkel: Fughetta C-Dur >>>
Michael Henkel: Fughetta G-Dur >>>
Michael Henkel: Larghetto h-moll >>>
Michael Henkel: Maestoso A-Dur >>>
Michael Henkel: Moderato A-Dur >>>
Michael Henkel: Moderato Maestoso C-Dur >>>
Simon Lohet: Media vita in morte >>>



LEIMBACH (Gemeinde Eiterfeld, Landkreis Fulda)
Kath. Filialkirche St. Vitus



Erbauer: Johann Markus Oestreich (Oberbimbach) 1808, Schleifladen, mechanische Spiel- und Registertraktur

Leimbach ist ein Ortsteil der Gemeinde Eiterfeld im hessischen Landkreis Fulda. Der Ort ist etwa eineinhalb Kilometer vom Hauptort Eiterfeld entfernt und liegt südlich davon im Talsystem der oberen Eitra in der Rhön. Leimbach wurde im Jahr 925 erstmals urkundlich erwähnt. Der Ort gehörte zum Oberamt Fürsteneck innerhalb der Fürstabtei Fulda. Zum regionalen Abschluss der Gebietsreform in Hessen verlor auch Leimbach seine Selbstständigkeit und wurde 1972 in die Gemeinde Eiterfeld im Landkreis Hünfeld eingegliedert, der zugleich mit dem Kreis Fulda zu einem neuen Landkreis mit dem Namen Landkreis Fulda zusammengeschlossen wurde. Derzeit leben in Leimbach knapp 400 Einwohnerinnen und Einwohner. Kirchlich war Leimbach schon immer eine Filialgemeinde von Eiterfeld. Die heutige Filialkirche St. Bartholomäus und St. Vitus ist ein schlichter Rechteckbau mit Turm aus dem Jahre 1931, der anstelle einer spätgotischen Kapelle errichtet wurde. 1939 erwarb man für die Kirche eine gebrauchte Orgel aus dem Nachbarort Oberufhausen. Sie wurde 1808 von Johann Markus Oestreich aus Oberbimbach bei Fulda erbaut.
Der Orgelbauer Johann Markus Oestreich wurde 1737 geboren. Sein Vater Jost Oestreich war Schreiner und erlernte das Orgelbauhandwerk vermutlich bei dem Schreiner und Orgelbauer Johannes Bien in Blankenau. Aber erst, als sein Sohn Johann Markus ab etwa 1760 den Vater in der Werkstatt unterstützte, sind Neubauten der Oestreichs belegt. Es wird vermutet, dass Johann Markus seine Ausbildung bei dem Frankfurter Orgelbauer Philipp Ernst Wegmann erhielt, aber belegt ist das nicht. Seine größten, zweimanualigen Werke errichtete Johann Marcus Oestreich ab etwa 1780. Er verwendete hierfür einen typischen, langgestreckten Prospektaufbau, der als sogenannter Oestreich-Prospekt in die Orgelbaugeschichte eingegangen ist. Zu nennen sind hier die großen Instrumente in Nieder-Moos, Detmold, Gemünden an der Wohra, Bigge im Sauerland und Stadtlengsfeld in Thüringen. Daneben baute Oestreich eine größere Anzahl meist kleinerer Orgeln mit einem Manual hauptsächlich im Gebiet des Fürstbistums Fulda. Ab etwa 1800 fand Johann Markus Oestreich tatkräftige Unterstützung durch seine beiden Söhne Johann Adam und Johann Georg, die zunehmend selbstständiger agierten und später die Werkstatt aufteilten in den Bimbacher Stammbetrieb und eine zweite Werkstatt in Bachrain, unmittelbar vor den Toren Fuldas. Das 1808 für Oberufhausen erbaute Instrument wird allgemein Johann Marcus Oestreich selbst zugeschrieben. Zwar kann auch hier die Mitarbeit von einem seiner Söhne nicht ausgeschlossen werden, doch ist bekannt, dass der Seniorchef bis ins hohe Alter in der Werkstatt mitgearbeitet hat. Er wäre also bei Fertigstellung der Orgel 71 Jahre alt gewesen. Dies ist durchaus vorstellbar, denn Johann Marcus Oestreich erreichte immerhin das gesegnete Alter von 95 Jahren. Die Orgel für die Pfarrkirche St. Laurentius zu Oberufhausen bekam 12 Registre auf einem Manual und Pedal nebst Pedalkoppel und Tremulant. Im Wesentlichen unverändert, verkaufte man die 1939 für 300 Reichsmark nach Leimbach, wo sie von Richard Schmidt aus Gelnhausen aufgestellt wurde. In den Jahren nach dem zweiten Weltkrieg wurde die nun in Leimbach stehende Oestreich-Orgel mehrfach kleineren Änderungen unterzogen. In den Jahren 2002 bis 2003 erfolgte dann eine stilgerechte Restaurierung und Zurückführung auf den Ursprungszustand durch die Orgelbaufirma Förster und Nicolaus aus Lich.
Die 1808 für Oberufhausen erbaute und seit 1939 in Leimbach stehende Oestreich-Orgel besitzt 12 Register auf einem Manual und Pedal. Im Manual, das vom C bis zum d3 geführt ist, finden wir zunächst die für Johann Marcus Oestreich so typische Registerkombination Gedackt, Gamba und Traversflöte 8'. Dazu kommen Principal, Flöte und Gedackt 4', eine Quinte 2 2 /3', die Oktav 2' und als Klangkrone eine 4fache Mixtur. Dazu gesellt sich als Effektregister ein Kanaltremulant. Das Pedal besitzt nur 22 Tasten, geht somit nur vom Ton C bis zum a°. Hierauf erklingen die drei Register Subbaß 16' sowie Violon und Trompete 8'. Etwa zwei Drittel des originalen Pfeifenwerks von Johann Marcus Oestreich ist erhalten. Schließlich verdient noch die Gestaltung des Orgelprospekts Erwähnung mit seinen aus Holz gefertigten Pfeifenattrappen in zwei Harfenfeldern rechts und links des fünfteiligen Mittelfeldes. Eine solche Gestaltung finden wir bei Oestreich nur sehr selten, sie ist jedoch in Thüringen im 18. Jahrhundert durchaus verbreitet. 

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Disposition:

Manual, C-d3 Pedal, C-a°  
Gedackt 8' Subbaß 16' Pedalkoppel
Gamba 8' Violon 8' Tremulant
Traversflöte 8' Trompete 8'  
Principal 4'    
Gedackt 4'    
Flöte 4'    
Quinte 2 2/3'    
Octave 2'    
Mixtur 4f.    

In Leimbach gespielte Stücke:
Johann Sebastian Bach: Fantasie c-moll BWV 1121 >>>
Johann Heinrich Buttstedt: Nun bitten wir den heiligen Geist >>>
Johann Gottfried Vierling: Allegro B-Dur >>>
Johann Gottfried Vierling: Auferstehn, ja auferstehn wirst du >>>
Johann Gottfried Vierling: Das Jesulein soll doch mein Trost >>>
Johann Gottfried Vierling: Der Tag, der ist so freudenreich >>>
Johann Gottfried Vierling: Du bist's, dem Ruhm und Ehre gebühret >>>
Johann Gottfried Vierling: Herr Gott, nun schleuß den Himmel auf >>>
Johann Gottfried Vierling: Herzliebster Jesu >>>
Johann Gottfried Vierling: Ich freue mich, mein Gott, in dir >>>
Johann Gottfried Vierling: Kommst du nun, Jesu, vom Himmel herunter >>>
Johann Gottfried Vierling: O Herre Gott, dein göttlich Wort >>>
Johann Gottfried Vierling: So gehst du nun, mein Jesu, hin >>>
Johann Gottfried Vierling: Vorspiel und Fughetta a-moll >>>
Johann Gottfried Vierling: Wär Gott nicht mit uns diese Zeit >>>
Abbé Vogler: Andantino a-moll >>>
Johann Gottfried Walther: Fahr nur hin, du schnöde Welt >>>



LEUSEL (Stadt Alsfeld, Vogelsbergkreis)
Ev. Kirche




Erbauer: Johann Wolfgang Wiegand (Borsch) 1769, Schleifladen, mechanische Spiel- und Registertraktur

Leusel ist ein Dorf mit etwa 820 Einwohnerinnen und Einwohnern im mittelhessischen Vogelsbergkreis. Der Ort liegt an der Bundesstraße B62, drei Kilometer westlich der Stadt Alsfeld. Erstmals urkundlich erwähnt wurde Leusel im Jahre 1107 unter dem Namen „Liuzzelaha“. Der Ort gehörte im späten Mittelalter zur Landgrafschaft Hessen-Marburg und später zur Landgrafschaft Hessen-Darmstadt, Regierungsbezirk Gießen, Oberamt Alsfeld, Amt Romrod. Zu Beginn des Jahres 1972 wurde Leusel im Zuge der hessischen Gebietsreform in die Stadt Alsfeld eingemeindet. In der Mitte des Ortes steht die barocke, evangelische Kirche, die 1696 bis 1697 erbaut wurde. Die gotischen Fenster der Vorgängerkirche wurden beim Neubau mitverwendet. Sie ist im Wesentlichen in ihrer ursprünglichen Form erhalten und darum ein vorzügliches Beispiel für eine reich ausgestattete und ausgemalte, ländliche hessische Dorfkirche. 2004 wurde das Gotteshaus restauriert. Die gewölbte Holztonnendecke wird von einer Schar himmlischer Musikanten bevölkert, die auf unterschiedlichen Instrumenten zwischen den Wolken zum Lob Gottes aufspielen. In diesen himmlischen Lobgesang stimmt die Orgel - auch optisch - mit ein, die auf einer ungewöhnlich hoch liegenden Empore steht. Sie ist ein Werk des Orgelbauers Johann Wolfgang Wiegand aus Borsch und wurde im Jahre 1769 erbaut.
Die Orgel in Leusel stammt, wie bereits erwähnt, von Johann Wolfgang Wiegand aus Borsch in der Rhön. Borsch ist ein Dorf im Ulstertal, etwa 4 Kilometer nördlich der Stadt Geisa. Wir wissen wenig über diesen Orgelbauer, der in seinem Wirken nur selten über seine engere Heimat hinausgekommen zu sein scheint. Geboren wurde er 1716 in Mieswarz, einem kleinen Weiler nur wenige Kilometer von Borsch entfernt. Wo er sein Handwerk erlernte, wissen wir nicht. Es ist jedoch nicht ganz von der Hand zu weisen, das die wenigen von ihm bekannten Orgeln in ihrer äußeren Gestaltung Ähnlichkeiten mit den Orgeln des nur ein Jahr älteren Jost Oestreich, beispielsweise in Rasdorf oder Weilar, aufweisen. Es könnte also durchaus sein, daß Wiegend und Oestreich zunächst in der Werkstatt des gemeinsamen Lehrmeisters gearbeitet haben. Bei diesem dürfte es sich um den Orgelbauer Johannes Bien und dessen Sohn Franz Karl Bien in Blankenau gehandelt haben. Diese Vermutung wird durch die Tatsache gestärkt, dass der erste nachweisbare Orgelneubau von Johann Wolfgang Wiegand – 1756 in Flieden südlich von Fulda - das Register Bifra enthielt. Dieses eigentlich aus dem fränkischen Orgelbau kommende Register wurde in Osthessen sowohl von Bien als auch von Jost Oestreich, dem Stammvater der bekannten Orgelbauerdynastie aus Oberbimbach, mehrfach gebaut. Der Prospekt der Wiegand-Orgel in Flieden ist erhalten. Er dient heute als Rückpositivgehäuse der 1904 und zuletzt 1963 ansonsten vollständig erneuerten Orgel. Aufgrund der Ähnlichkeit mit dem Fliedener Prospekt wird auch das Orgelgehäuse in der Bergkirche St. Peter, der sogenannten Liobakirche in Petersberg bei Fulda Johann Wolfgang Wiegand zugeschrieben. Hierin finden wir allerdings seit 1895 ein klingendes Werk von Wilhelm Sauer, das in einem anderen Orgelportrait dieser Reihe bereits vorgestellt wurde. Weitere Orgelarbeiten, die allesamt nicht erhalten sind, errichtete Wiegand 1773 in Haselstein und 1785 in der Gangolfikapelle bei Geisa. Ob die reizvolle kleine Orgel eines bislang unbekannten Meisters in der Dorfkirche zu Brand in der Rhön eventuell auch Wiegands Werkstatt entstammt, müsste noch näher untersucht werden. Somit ist die 1769 in Leusel bei Alsfeld erbaute Orgel heute das einzige Instrument, das auch in seinem klingenden Bestand weitgehend auf unseren Johann Wolfgang Wiegand zurückgeht, der 1793 in Borsch verstorben ist.
Die Orgel besitzt 9 Register auf einem Manual und Pedal. Bis nach dem Zweiten Weltkrieg war die Orgel unverändert geblieben. 1952 erneuerte die Firma Förster & Nicolaus aus Lich die Quintadena und erbaute eine neue Pedallade mit einem gebrauchten Subbaß 16'. Die originale Disposition enthielt nur einen Oktavbaß 8' im Pedal, der damals entfernt wurde. Seither hat die Firma Förster & Nicolaus die Orgel in Leusel in Pflege. Das Manual hat einen Umfang bis zum c3 und die Register Gedackt, Gamba und Quintadena 8', Principal und Flöte 4', Quinte 2 2/3', eine Oktave 2' sowie eine 3fache Mixtur. Das Pedal mit einem Umfang bis zum c1 wurde, wie erwähnt, 1952 neu gebaut mit einem Subbaß 16', dazu kommt noch eine Pedalkoppel. Auch wenn die Orgel in Leusel innerhalb der mittel- und osthessischen Orgellandschaft kaum bekannt ist, als einziges erhaltenes Instrument eines lokalen Rhöner Orgelbauers verdient sie zweifellos Beachtung und Würdigung.

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Disposition:

Manual, C-c3 Pedal, C-c1  
Gedackt 8' Subbaß 16' Pedalkoppel
Quintadena 8'    
Gamba 8'    
Principal 4'    
Flöte 4'    
Quinte 2 2/3'    
Octave 2'    
Mixtur 3f.    

In Leusel gespielte Stücke:
Johann Rudolf Ahle: Dies sind die heil'gen zehn Gebot >>>
Johann Bernhard Bach: Ciacona B-Dur >>>
Johann Kaspar Kerll: Canzona in e >>>
Moritz Landgraf von Hessen: Fuga VII in D >>>
Johann Caspar Simon: Praeludium und Fuge in a >>>



LÜDERMÜND (Stadt Fulda, Landkreis Fulda)
Kath. Filialkirche St. Johannes



Erbauer: Fritz Clewing (Fulda) 1893, Schleiflade im Manual, Kegellade im Pedal, mechanische Spiel- und Registertraktur

Lüdermünd ist ein Stadtteil der osthessischen Stadt Fulda. Der Ort liegt neun Kilometer nordwestlich der Kernstadt an dem gleichnamigen Fluß Fulda. Lüdermünd gehört heute zu den Fuldas kleineren, aber sicherlich landschaftlich reizvollsten Stadtteilen. Der Ort erhebt sich über dem breiten Fuldatal und dem Mündungstal der Lüder und ist an zwei Seiten von dicht bewaldeten Anhöhen umgeben. Die Nähe zur Einmündung des Nebenflusses Lüder in die Fulda erklärt auch den Ortsnamen Lüdermünd. Eine erste Besiedlung des Bereiches hat bereits im 8. Jahrhundert stattgefunden, aber erst im Jahre 1397 wurde Lüdermünd erstmals urkundlich genannt. Doch ist der Ort sicher wesentlich älter, schon allein der bis heute erhaltene romanische Kirchturm, der vermutlich aus dem 12.Jahrhundert stammt, deutet darauf hin. Auch ein mittelalterlicher Wartturm, etwas nordwestlich des Ortes gelegen, ist sehenswert. Er gehörte ehemals zu einem System von Warttürmen rund um die Stadt Fulda, mit denen die alten Handelsstraßen überwacht wurden. 1972 wurde der Ort, in dem heute 225 Einwohnerinnen und Einwohner leben, im Rahmen der hessischen Gebietsreform in die Stadt Fulda eingemeindet. Die katholische Filialkirche St. Johannes der Täufer wurde 1891 bis 1892 in neugotischen Formen an den bestehenden, mittelalterlichen Westturm angebaut. Die Pläne stammten von dem Paderborner Diözesanbaumeister Arnold Güldenpfennig. Im Zuge des Kirchenneubaues Ende des 19.Jahrhunderts erhielt die Kirche auch eine neue Orgel aus der Werkstatt des Fuldaer Orgelbauers Fritz Clewing. 1893 konnte sie eingeweiht werden. Kirche und Orgel sind weitgehend unverändert bis heute erhalten, was angesichts der Veränderungen in der katholischen Kirche nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil und dem tiefgreifenden Geschmackswandel in der Kirchenmusik – Stichwort Orgelbewegung – durchaus selten ist.
Friedrich Wilhelm Eduard Clewing, Rufname Fritz, der Erbauer der Orgel in Lüdermünd, wurde 1851 in Hamm in Westfalen geboren. Wo er sein Handwerk erlernte, wissen wir nicht. Nach seiner Heirat richtete er seine Werkstatt zunächst in Münster in Westfalen ein, woher seine Frau stammte. 1889 starb in Fulda der Orgelbauer Heinrich Hahner. Ein anderer damals in Fulda ansässiger Orgelbauer, Adolf Rieschick, der ebenfalls aus Westfalen stammte, überzeugte daraufhin seinen Landsmann Clewing, die verwaiste Werkstatt im ebenfalls, wie das Münsterland, katholischen Fulda zu übernehmen. Seine ersten Instrumente, noch in Westfalen Ende der 1870er Jahre geschaffen, sind allesamt nicht erhalten. Nach seinem Umzug nach Fulda erbaute Clewing 1891 bis 1893 vier kleinere Werke für die Kirchen in Mernes und Alsberg, jeweils bei Bad Soden-Salmünster, für Emsdorf bei Marburg und für Lüdermünd. Alle diese Instrumente besitzen mechanische Schleifladen, in Mernes und Lüdermünd finden wir im Pedal allerdings schon eine Kegellade. Im Jahr 1896 ging Clewing generell zum Bau von Kegelladen über, aber grundsätzlich mit mechanischer Traktur. Größere Werke, die allerdings nicht erhalten sind, kamen in dieser Bauweise 1898 nach Horas bei Fulda mit 20 Registern und 1901 nach Eiterfeld mit 25 Registern. Sein konsequentes Festhalten an der mechanischen Traktur machte es ihm um und nach 1900 immer schwerer, Aufträge für Neubauten zu erlangen. 1903 entstand in seiner Werkstatt die neue Orgel für die Hünfelder Klosterkirche der Oblaten, die allerdings wegen ihres, wie man damals sagte, alten Systems stark kritisiert wurde. Nach einem erfolglosen Angebot zur Zusammenarbeit mit dem Rhöner Orgelbauer Wilhelm Hey zog Clewing 1906 zurück in seine westfälische Heimat, wo er allerdings bereits einige Wochen nach seiner Ankunft im Alter von 55 Jahren verstorben ist.
Die 1893 erbaute Clewing-Orgel in Lüdermünd ist bis heute praktisch unverändert geblieben. Dies ist durchaus bemerkenswert, da in Westdeutschland nach dem Zweiten Weltkrieg eigentlich nahezu jede Orgel aus der Zeit der Romantik klanglich aufgehellt wurde, was ihnen in der Rückschau betrachtet allerdings nur selten zum Vorteil gereichte. In den Jahren 1985 bis 1994 wurden die gesamte Kirche und in dem Zusammenhang auch die Orgel sorgfältig restauriert. Das als seitenspielige Brüstungsorgel konzipierte Instrument besitzt 9 Register auf einem Manual und Pedal. Das Manual mit einem Tonumfang bis zum f3 besitzt eine mechanische Schleiflade und verfügt über die Stimmen Hohlflöte, Gedackt und Salicional 8', Principal und Flöte 4', eine Oktave 2' und eine 3fache Mixtur auf 2'-Basis. Das Pedal, das auf einer mechanischen Kegellade steht und bis zum c1 ausgebaut ist, hat die Register Subbaß 16' und Violon 8', dazu kommt eine Pedalkoppel. Fritz Clewing war der bedeutendste unter den Orgelbauern, die Ende des 19. Jahrhunderts in Fulda tätig waren. Eine konservative Grundhaltung, dabei solide Ausführung und eine feine Klanggestaltung zeichnen seine Instrumente aus und die meist kleineren Dorfkirchen, die noch über Clewing-Orgeln verfügen, können mit gutem Grund stolz auf ihre Orgeldenkmale sein. 

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Disposition:

Manual, C-f3 Pedal, C-c1  
Hohlflöte 8' Subbaß 16' Pedalkoppel
Gedackt 8' Violon 8'  
Salicional 8'    
Principal 4'    
Flöte 4'    
Octave 2'    
Mixtur 3f.    

In Lüdermünd gespielte Stücke:
Pierre Attaignant: Magnificat sexti toni >>>
Pierre Attaignant: Prelude en sol >>>
Johann Sebastian Bach: Wer nur den lieben Gott läßt walten BWV 691 >>>
Johannes Brahms: O Gott, du frommer Gott op. 122,7 >>>
Albrecht Brede: Fuge F-Dur >>>
Robert Führer: Adagio d-moll >>>
Max Reger: Es ist das Heil uns kommen her >>>
Max Reger: Es ist gewißlich an der Zeit >>>
Christian Heinrich Rinck: Das Hallelujah I >>>
Christian Heinrich Rinck: Das Hallelujah II >>>
Christian Heinrich Rinck: Jesaja, dem Propheten, das geschah >>>
Robert Schaab: Nun freut euch, lieben Christen g'mein >>>
Wilhelm Volckmar: Ich hab mein Sach Gott heimgestellt >>>
Wilhelm Volckmar: Meine Seele, willt du ruhen >>>
Wilhelm Volckmar: Wie soll ich dich empfangen >>>



MARBACH (Gemeinde Petersberg, Landkreis Fulda)
Kath. Pfarrkirche St. Ägidius



Erbauer: Gebrüder Späth (Ennetach-Mengen) 1934, Taschenladen, pneumatische Spiel- und Registertraktur

Den Ortsnamen Marbach gibt es in Deutschland, wenn ich richtig gezählt habe, insgesamt 19 mal. Unser Marbach ist ein Ortsteil der Gemeinde Petersberg im Landkreis Fulda. Der Ort liegt in Osthessen am Rand der Rhön. Er ist der nördlichste Ortsteil der Gemeinde Petersberg. Durch den Ort fließt das Marbacher Wasser, welches umgangssprachlich aber nur „die Marbach“ genannt wird. Der Bach mündet im Osten in den Haunestausee, der auch ein beliebtes Ausflugsziel ist. Marbach wurde im Jahr 1228 erstmals urkundlich erwähnt: Der Fuldaer Abt übertrug damals dem Kollegiatstift Hünfeld die Pfarrei „marpach“. Frühere Nennungen des Namens Marbach beziehen sich nicht auf den Ort, sondern auf den Bachlauf als Grenzfluss, denn der Ortsname Marbach kommt von Mark-Bach, was Grenzbach bedeutet. Das Dorf gehörte immer zum Gebiet der Fürstabtei beziehungsweise des Fürstbistums Fulda und blieb darum auch immer katholisch. Anfang 1972 wurde Marbach, in dem heute rund 2.350 Einwohnerinnen und Einwohner leben, im Rahmen der hessischen Gebietsreform in die Gemeinde Petersberg eingegliedert. Die katholische Pfarrkirche St. Ägidius wurde 1923 als dreischiffige Pfeilerbasilika in historisierenden Formen eingeweiht. Elf jahre später, im Jahre 1934 erhielt die Kirche dann auch eine neue Orgel. Es war das op. 449 der Gebrüder Späth aus Ennetach-Mengen, „Hoforgelbaumeister und Päpstliche Hoflieferanten“, wie es stolz auf dem originalen Firmenschild zu lesen ist.
Die Orgelbaufirma Gebrüder Späth wurde 1894 von dem 1859 geborenen Franz Xaver Späth gegründet. Einige Jahre später trat sein Bruder Albert in das Unternehmen ein und 1917 die Neffen Alban und Hermann Späth. 1928 richteten die Gebr. Späth in Fulda einen Filialbetrieb ein, den Alban Späth leitete. Um 1930 vollzog sich in der klanglichen Gestaltung von Orgeln in ganz Deutschland ein grundlegender Wandel. Während beispielsweise die 1927 eingeweihte Späth-Orgel im nicht weit entfernten Johannesberg noch gänzlich spätromantisch konzipiert ist, so finden sich in der nur sieben Jahre jüngeren Orgel in marbach bereits deutliche Anklänge der damaligen, sogenannten Orgelbewegung. Neben typisch spätromantischen Stimmen wie der Aeoline und einer im Ganzen noch sehr romantisch angelegten Intonation finden sich in Marbach einige sogenannte Neobarock-Register, die aber stimmig in den Gesamtklang integriert sind und der Orgel ein paar sehr interessante Farben verleihen. Doch zurück zur Geschichte der Firma Späth. Als Alban Späth 1972 starb, wurde die Filiale in Fulda geschlossen. Zwischenzeitlich hatte Franz Xavers 1899 geborener Sohn Karl Späth das Stammhaus in Mengen übernommen, sein Bruder August wurde 1934 Teilhaber. 1964 trennte sich August Späth mit seinem Sohn Hartwig von Karl Späth und überführte die Freiburger Filiale in ein eigenes Unternehmen, den Freiburger Orgelbau August Späth. Nach dem Tod Karl Späths 1971 gründeten Mitarbeiter der Firma unter der Leitung von Franz Rapp die Orgelbau Späth GmbH. Später übernahm dessen Sohn Harald Rapp die Firma. 2002 kaufte Hartwig Späth, seit 1979 Alleininhaber der Firma Freiburger Orgelbau, den Orgelbau Späth zurück, schloss allerdings die Betriebsstätte in Ennetach. Hartwigs Unternehmen besteht seit dem Eintritt seines Sohnes 2008 unter dem Namen Freiburger Orgelbau Hartwig und Tilmann Späth. Unveränderte Orgeln aus der Zeit der frühen Orgelbewegung wie diejenige in Marbach werden leider immer seltener, denn auch heute noch werden Instrumente aus jener Zeit gegen vermeintlich bessere, man sagt dann „modernere“ Instrumente ausgetauscht. In Marbach hat man es besser gemacht und in den Jahren 2006 bis 2007 eine umfassende Restaurierung des Instruments durch die Firma Hermann Eule Orgelbau GmbH aus Bautzen durchführen lassen.
Die 1934 erbaute Späth-Orgel in Marbach bei Petersberg beziehungsweise bei Fulda ist technisch und klanglich ein typisches Kind ihrer Zeit. Sie besitzt pneumatische Taschenladen und einen schlichten Freipfeifenprospekt. In der Disposition finden sich, wie bereits erwähnt, sowohl spätromantische Farben als auch neobarocke Stimmen. Ihnen gemeinsam ist eine relativ weiche, noch mehr dem romantischen Klangideal entsprechende Intonation. Die Klaviaturen in den Manualen sind bis zum f3 ausgebaut. Im Hauptwerk finden ein Quintatön 16', sodann einen kräftigen Principal 8', ein Rohrgedeckt 8', ein Gemshorn 4' und eine glänzende 2-4fache Mixtur. Das Oberwerk besitzt Portunalflöte, Aeoline und Schwebung 8', sodann Principal 4', Nachthorn 2', eine 2fache Sesquialtera und eine Trompete 8'. Im Pedal schließlich, das einen Tonumfang bis zum d1 hat, finden wir Subbaß und Zartbaß 16', einen Oktavbaß 8' und eine Lieblich Posaune 16'. Dazu kommen neben den üblichen Manual- und Pedalkoppeln noch eine ganze Reihe von Super- und Suboktavkoppeln. 

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Disposition:

Hauptwerk, C-f3 Oberwerk, C-f3 Pedal, C-d1  
Quintatön 16' Portunalflöte 8' Subbaß 16' Manualkoppel
Principal 8' Aeoline 8' Zartbaß 16' Pedalkoppel zu I
Rohrgedeckt 8' Schwebung 8' Octavbaß 8' Pedalkoppel zu II
Gemshorn 4' Principal 4' Lieblich Posaune 16' Suboktavkoppel
Mixtur 2-4f. Nachthorn 2'   Superoktavkoppel
  Sesquialtera 2f.    
  Trompete 8'    

In Marbach gespielte Stücke:
August Eduard Grell: Präludium Nr. 18 g-moll >>>
August Eduard Grell: Präludium Nr. 19 c-moll >>>
Max Gulbins: Alle Menschen müssen sterben >>>
Max Gulbins: Der am Kreuz ist meine Liebe >>>
Max Gulbins: Der lieben Sonne Licht und Pracht >>>
Max Gulbins: Kommt her zu mir, spricht Gottes Sohn >>>
Max Gulbins: Liebster Jesu, wir sind hier >>>
Max Gulbins: Vom Himmel hoch, da komm ich her >>>
Max Gulbins: Wie soll ich dich empfangen >>>
Sigfrid Karg-Elert: Morgenandacht (Kistler) >>>
Max Reger: Meinen Jesum laß ich nicht >>>
Max Reger: Nun danket alle Gott >>>



MARGRETENHAUN (Gemeinde Petersberg, Landkreis Fulda)
Kath. Pfarrkirche St. Margaretha



Erbauer: Johann Markus Oestreich (Oberbimbach) 1784, Rekonstruktion Gebrüder Hey (Urspringen) 1974, Umbau Werner Bosch Orgelbau GmbH (Niestetal) 1993, Schleifladen, mechanische Spiel- und Registertraktur

Margretenhaun ist ein Ortsteil der Gemeinde Petersberg im Landkreis Fulda in Hessen. Erstmals urkundlich erwähnt wurde das Dorf im Jahre 1093. Vermutlich ist es von der Propstei Petersberg, einem Tochterkloster der Reichsabtei Fulda, gegründet worden. 1968 schloss sich Margretenhaun mit den Gemeinden Böckels und Rex zu einer neuen Gemeinde zusammen, die dann 1972 im Zuge der hessischen Gebietsreform zur Gemeinde Petersberg kam. Margretenhaun liegt in Deutschlands Mitte, im Osten Hessens, in der westlichen Vorderrhön, östlich von Fulda und der Autobahn A 7. In Margretenhaun liegt der geographische Mittelpunkt des Landkreises Fulda. Als Symbol hierfür wurde 2008 an dieser Stelle eine Basaltsäule errichtet. Im Ort leben heute knapp 1.000 Einwohnerinnen und Einwohner. Die Katholische Pfarrkirche St. Margaretha wurde 1487 im spätgotischen Stil an der Stelle eines älteren Baus errichtet. Im Mittelalter war Margretenhaun der Mittelpunkt einer Großpfarrei, die bis zur Ulster reichte und aus der später die Pfarreien Dipperz, Eckweisbach, Hofbieber, Kleinsassen, Schwarzbach und Steinhaus herausgelöst wurden. Im 18.Jahrhundert wurde die Kirche im Inneren mit Barockaltären ausgestattet und 1784 bekam sie eine neue Orgel aus der Werkstatt von Johann Markus Oestreich aus Oberbimbach bei Fulda. Von diesem Instrument erhalten ist der spätbarocke Orgelprospekt; das klingende Werk ist ein Neubau aus dem 20. Jahrhundert.
Der Orgelbauer Johann Markus Oestreich wurde 1737 geboren. Sein Vater Jost Oestreich war Schreiner und erlernte das Orgelbauhandwerk vermutlich bei dem Schreiner und Orgelbauer Johannes Bien in Blankenau. Aber erst, als sein Sohn Johann Markus ab etwa 1760 den Vater in der Werkstatt unterstützte, sind Neubauten der Oestreichs belegt. Es wird vermutet, dass Johann Markus seine Ausbildung bei dem Frankfurter Orgelbauer Philipp Ernst Wegmann erhielt, aber belegt ist das nicht. Wir vermuten es aber anhand einer Besonderheit im Prospektaufbau bei größeren, zweimanualigen Orgeln. Daneben baute Johann Markus Oestreich eine größere Anzahl von kleineren, einmanualigen Werken auf dem Gebiet des damaligen Hochstifts Fulda. In diese Reihe gehört auch die 1784 vollendete Orgel in Margretenhaun. Zeitgleich baute Johann Marcus Oestreich eine seiner größten Orgeln für die Pfarrkirche in Bigge in Westfalen, hier mit einem jener typischen, breit angelegten Oestreich-Prospekte, der in ähnlicher Form auch bei den Instrumenten in Nieder-Moos, Detmold und Gemünden an der Wohra zu finden ist. Ab etwa 1800 fand Johann Markus Oestreich tatkräftige Unterstützung durch seine beiden Söhne Johann Adam und Johann Georg, die zunehmend selbstständiger agierten und später die Werkstatt aufteilten in den Bimbacher Stammbetrieb und eine zweite Werkstatt in Bachrain, unmittelbar vor den Toren Fuldas. Wie es scheint, hat Johann Marcus Oestreich noch viele Jahre in der Werkstatt mitgearbeitet; er starb 1833 im gesegneten Alter von 95 Jahren. Die Orgel in Margretenhaun erhielt 13 Register auf einem Manual und Pedal. Abgesehen von einigen kleineren Reparaturen wurde diese Oestreich-Orgel bis nach dem Zweiten Weltkrieg nur geringfügig in ihrer Substanz verändert. 1954 erbaute er Orgelbauer Alban Späth aus Fulda eine neue, pneumatische Pedallage mit drei Registern. 1974 schließlich erfolgte ein Neubau durch die Orgelbaufirma Gebr. Hey aus Urspringen in der Rhön. Hierbei wurde zwar die ursprüngliche Disposition der Oestreich-Orgel von 1784 nachgebaut, ansonsten aber sowohl die technische Anlage samt Windladen, und alle Pfeifen neu hergestellt. Im Zusammenhang mit der 1993 durchgeführten, umfangreichen Kirchenrenovierung wurde auch die Orgel erweitert. Hierbei wurde die seither einmanualige Orgel um ein zweites Manual erweitert und sechs Register erneuert. Unter anderem wurden die beiden Zungenstimmen Trompete und Posaune nach dem Vorbild der originalen Register in der Oestreich-Orgel zu Niedermoos rekonstruiert. Darüber hinaus stehen fünf Register auf Wechselschleifen, so dass sie wahlweise entweder im ersten oder im zweiten Manual spielbar sind. Diese Arbeiten wurden von der Firma Werner Bosch Orgelbau aus Niestetal bei Kassel durchgeführt.
Die Orgel der Pfarrkirche St. Margaretha zu Margretenhaun besitzt heute insgesamt 17 Register auf zwei Manualen und Pedal, wovon wie gesagt 5 Register mittels Wechselschleife wahlweise auf dem ersten oder dem zweiten Manual gespielt werden können. Man könnte also auch von 22 Registern sprechen. Das Hauptwerk, das seit 1974 vom Ton C bis zum f3 ausgebaut ist, besitzt die für Oestreich typische, breite Palette an 8'-Registern, nämlich Gedackt, Quintatön, Gamba, Salicional und Traversflöte 8'. Dazu kommen Principal und Kleingedackt 4', eine Quinte 2 2/3', die Octave 2' sowie eine 4fache Mixtur. Die Trompete 8' des Hauptwerks in in Bass und Diskant geteilt. Das Oberwerk besitzt nur zwei selbstständige Register, nämlich ein Flageolet 2' und eine Terz 1 3/5'. Die fünf übrigen, auf dem Oberwerk spielbaren Register stehen auf Wechselschleifen, es sind dies die Stimmen Gedackt, Salicional und Traversflöte 8', das Kleingedackt 4' sowie die Quinte 2 2/3'. Das Pedal hat einen Tonumfang bis zum d1 und besitzt die vier Register Subbaß und Posaune 16', Octavbaß 8' sowie einen Choralbaß 4', hinzu kommen Tremulant, Manualkoppel und eine Pedalkoppel zum Hauptwerk. Bei der Intonation der Stimmen hat man sich hörbar Mühe gegeben, den Klang einer originalen Oestreich-Orgel weitgehend nachzuempfinden und die Intonation entsprechend nach historischen Vorbildern zu gestalten. Die Oestreich-/Bosch-Orgel in ist heute optisch wie klanglich ein Schmuckstück in der auch ansonsten sehenswerten Kirche des Ortes Margretenhaun.

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Disposition:

Hauptwerk, C-f3 Oberwerk, C-f3 Pedal, C-d1  
Gedackt 8' Gedackt 8' Subbaß 16' Manualkoppel
Quintatön 8' Traversflöte 8' Octavbaß 8' Pedalkoppel
Traversflöte 8' Salicional 8' Choralbaß 4' Tremulant
Gamba 8' Kleingedackt 4' Posaune 16'  
Salicional 8' Quinte 2 2/3'    
Principal 4' Flageolet 2'    
Kleingedackt 4' Terz 1 3/5'    
Quinte 2 2/3'      
Octave 2'      
Mixtur 4f.      
Trompete 8' (B/D)      

In Margretenhaun gespielte Stücke:
Christoph Brückner: Jesu, meine Freude - Choral >>>
Christoph Brückner: Jesu, meine Freude - Menuett >>>
Christoph Brückner: Jesu, meine Freude - Siciliano >>>
Johann Valentin Rathgeber: Aria Nr. 21 in G >>>
Johann Valentin Rathgeber: Aria Nr. 22 in G >>>
Johann Valentin Rathgeber: Aria Nr. 23 in G >>>
Johann Valentin Rathgeber: Aria Nr. 24 in G >>>
Johann Valentin Rathgeber: Aria Nr. 25 in A >>>
Johann Gottfried Vierling: Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort >>>
Johann Gottfried Vierling: Herr Jesu Christ, meins Lebens Licht >>>
Johann Gottfried Vierling: Herr Jesu Christ, wahr Mensch und Gott >>>
Johann Gottfried Vierling: Komm, Gott Schöpfer, Heiliger Geist >>>
Johann Gottfried Vierling: Vom Himmel hoch, da komm ich her >>>
Johann Gottfried Vierling: Wenn wir in höchsten Nöten sein >>>



NIEDER-MOOS (Gemeinde Freiensteinau, Vogelsbergkreis)
Ev. Kirche




Erbauer: Johann Markus Oestreich (Oberbimbach) 1790-1791, Schleifladen, mechanische Spiel- und Registertraktur

Nieder-Moos ist ein Ortsteil der Gemeinde Freiensteinau im Vogelsbergkreis in Osthessen mit 380 Einwohnerinnen und Einwohnern. Der Ort liegt an den südlichen Ausläufern des Vogelsbergs, eingebettet in die hügelige Landschaft der Vogelsberger Seenplatte. Er grenzt im Nordosten an Metzlos, im Südosten an Gunzenau, im Südwesten an Ober-Moos und im Nordwesten an Crainfeld. Im 10. Jahrhundert wurde der Ort erstmals als "Musah" erwähnt. Es war ein Besitztum der Abtei Fulda, die später die Freiherren von Riedesel mit „Nyddern Mose“ belehnten. 1852 kam der Ort zum neu geschaffenen Kreis Lauterbach, 1972 zum Vogelsbergkreis. Zeitgleich wurde Nieder-Moos in die Gemeinde Freiensteinau eingegliedert. Erholungssuchende aus Nah und fern strömen im Sommer zum 30 Hektar großen Niedermooser See. Für kulturell Interessierte ist der Nieder-Mooser Konzertsommer ein fester Bestandteil im Jahreskreis. Rund um die Orgel in der barocken Pfarrkirche mit ihrer hervorragenden Akustik wird seit 1978 alljährlich ein anspruchsvolles und ansprechendes Programm geboten, bei dem sich die berühmtesten Organisten und Ensembles der Welt die Klinke in die Hand geben. Die 1790 bis 1791 von Johann Markus Oestreich aus Oberbimbach bei Fulda erbaute Orgel ist als eines der ganz wenigen Werke in Hessen aus dem ausgehenden 18. Jahrhundert nahezu unversehrt erhalten. Selbst die originale wohltemperierte Stimmung wurde nicht verändert. Das Instrument verfügt über 23 Register und ist die bedeutendste hessische Denkmalorgel aus der Zeit des Klassizismus.
Der Orgelbauer Johann Markus Oestreich wurde 1737 geboren. Sein Vater Jost Oestreich war Schreiner und erlernte das Orgelbauhandwerk vermutlich bei dem Schreiner und Orgelbauer Johannes Bien in Blankenau. Aber erst, als sein Sohn Johann Markus ab etwa 1760 den Vater in der Werkstatt unterstützte, sind Neubauten der Oestreichs belegt. Es wird vermutet, dass Johann Markus seine Ausbildung bei dem Frankfurter Orgelbauer Philipp Ernst Wegmann erhielt, aber belegt ist das nicht. Seine größten, zweimanualigen Werke errichtete Johann Marcus Oestreich ab etwa 1780. Er verwendete hierfür einen typischen, langgestreckten Prospektaufbau, der als sogenannter Oestreich-Prospekt in die Orgelbaugeschichte eingegangen ist. In Nieder-Moos wurde vertraglich festgehalten, dass der Prospekt dem der Lauterbacher Orgel gleichen solle, die 1768 durch Philipp Ernst Wegmann aus Frankfurt fertiggestellt wurde. Die Nieder-Mooser Orgel weist mit 15 Pfeifenfeldern nebeneinander genau diese typische Form auf. Über dem Spieltisch befindet sich das Positiv, links und rechts davon steht das Hauptwerk mit je 5 Pfeifenfeldern. Hinter der Orgel ist das Pedalwerk aufgestellt und von vorne nicht sichtbar. Ähnlich im Aufbau sind die kurz danach entstandenen, größeren Orgeln Oestreichs in Detmold, Gemünden an der Wohra, Bigge im Sauerland und Stadtlengsfeld in Thüringen gestaltet. Die Orgel in Nieder-Moos ist im Gegensatz zu den anderen genannten Instrumenten allerdings so gut wie komplett unverändert erhalten. Wie durch ein Wunder sind selbst die originalen, zinnernen Prospektpfeifen des Principal 8 Fuß im Ersten Weltkrieg nicht konfisziert wurden; vermutlich hat man das etwas abgelegene Dorf Nieder-Moos schlichtweg vergessen. Das Instrument verfügt über 23 Register auf zwei Manualen und Pedal. Alle Register sind original erhalten, darunter auch die beiden einmaligen Zungenstimmen Trompete und Posaune. Bemerkenswert ist ferner die wunderbare Duiflöt 4 Fuß. Die Duiflöt erhielt vermutlich 1897 auf dem Registerschild die Fantasiebezeichnung „Lure“. Eine Lure ist ein bronzezeitliches Blasinstrument und gibt es als Orgelregister eigentlich nicht. Nichtsdestotrotz klingt diese Stimme ganz besonders bezaubernd, vor allem in Verbindung mit dem Tremulanten.
Die berühmte Johann-Marcus Oestreich-Orgel in Nieder-Moos, 1791 vollendet, besitzt 23 Register auf 2 Manualen und Pedal. Elf Stimmen umfasst das Hauptwerk, das einen Klaviaturumfang vom Ton C bis zum f3 besitzt. Neben dem original erhaltenen Principal 8' stehen noch Viol de gamb, Quintatön und Gedackt 8'. Dazu kommen Oktave und Flöte 4', eine Quinta 3', die Superoctave 2', eine 5fache, terzhaltige Mixtur, eine 2fache Cimbel und die einzige originale, von Oestreich erhaltene Trompete 8'. Das zweite Clavier geht im Diskant nur bis zum d3. Es enthält 8 Register, nämlich Gelind Gedackt und Flaut travers 8', Principal und Duiflöt 4', ein Flaschiolet 2', eine glitzernde Quinta 1 1/2' sowie eine 3fache Mixtur. Die Vox humana 8' wurde 2004 von der Firma Förster & Nicolaus zusätzlich eingebaut. Dazu kommt ein Kanaltremulant. Das Pedal besitzt anderthalb Oktaven bis zum g°, also lediglich 20 Tasten. Hier finden wir Subbaß 16', Oktavbaß und Violonbaß 8' sowie den ebenfalls originalen Posaunenbaß 16', bei dem auch die Kehlen aus Holz gefertigt sind. Wie bereits erwähnt, ist in Nieder-Moos sowohl die alte, etwa einen Halbton höhere Stimmtonhöhe erhalten als auch die originale wohltemperierte Stimmung nach Kirnberger II. Man findet im Zusammenhang mit Oestreich-Orgeln und speziell mit der in Nieder-Moos das Schlagwort vom „barock-rustikalen“ Klang. Beachten Sie bitte auch die Homepage www.nieder-mooser-konzertsommer.de. Diese Konzertreihe wird im Jahr 2018 ihren 40.Geburtstag feiern und dann sicher wieder mit ganz besonderen Highlights aufwarten.

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Disposition:

Hauptwerk, C-f3 Oberwerk, C-d3 Pedal, C-g°  
Principal 8' Gelind Gedackt 8' Subbaß 16' Manualkoppel
Gedackt 8' Flaut travers 8' Octavbaß 8' Pedalkoppel
Quintatön 8' Principal 4' Violonbaß 8' Tremulant
Viol de gamb 8' Duiflöt (Lure) 4' Posaunenbaß 16'  
Octave 4' Flaschiolet 2'    
Flöte 4' Quinta 1 1/2'    
Quinta 3' Mixtur 3f.    
Superoctave 2' Vox humana 8'    
Mixtur 5f.      
Cimbel 3f.      
Trompete 8'      

In Nieder-Moos gespielte Stücke:
Carl Philipp Emanuel Bach: Praeludium D-Dur >>>
Johann Friedrich Doles: Jesu, meine Freude >>>
Georg Andreas Sorge: Praeludium e-moll >>>
Johann Gottfried Vierling: Aus tiefer Not schrei ich zu dir >>>
Johann Gottfried Vierling: Die sind die heil'gen zehn Gebot >>>
Johann Gottfried Vierling: Es ist genug, so nimm >>>
Johann Gottfried Vierling: Gott, der Vater, wohn uns bei >>>
Johann Gottfried Vierling: Liebster Jesu, wir sind hier >>>
Johann Gottfried Vierling: Singen wir aus Herzensgrund >>>
Johann Gottfried Walther: Concerto del Sig. Gregori >>>



OBER-HÖRGERN (Stadt Münzenberg, Wetteraukreis)
Ev. Kirche




Erbauer: Johann Hartmann Bernhard (Romrod) 1839, vollendet von den Gesellen Johann Georg Markert und Christoph Opitz, Schleifladen, mechanische Spiel- und Registertraktur

(Text folgt)

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Disposition:

Manual, C-f3 Pedal, C-c1  
Bordun 8' Subbaß 16' Pedalkoppel
Flautraverse 8' Principalbaß 8'  
Viola da Gamba 8' Choralbaß 4'  
Octav 4'    
Gedact 4'    
Nassart 3'    
Waldflöte 2'    
Mixtur 4f.    
Trompete 8'    

In Ober-Hörgern gespielte Stücke:
Hermann Bönicke: Nun danket alle Gott >>>
Adam Wilhelm Erk: Andante fis-moll >>>
Adam Wilhelm Erk: Andante G-Dur >>>
Adam Wilhelm Erk: Vorspiel Es-Dur >>>
Johann Wilhelm Cornelius von Königslöw: Introduction und Fuge f-moll >>>
Peter Müller: Andante F-Dur >>>
Peter Müller: Andante G-Dur >>>
Peter Müller: Andante g-moll >>>
Peter Müller: Fughetta G-Dur >>>
Peter Müller: Fughetta g-moll >>>
Christian Heinrich Rinck: Partita "Ach, was soll ich Sünder machen" >>>
Christian Heinrich Rinck: Nachspiel e-moll >>>
Christian Friedrich Schale: Largo f-moll >>>
Christian Friedrich Schale: Largo g-moll >>>
Christian Friedrich Schale: Un poco adagio F-Dur >>>
Louis Schlösser: Fugiertes Nachspiel A-Dur >>>



OBERNÜST (Gemeinde Hofbieber, Landkreis Fulda)
Kath. Kirche Christus König



Erbauer: Polykarp Goldbach (Wolferts) 1895, Schleifladen, mechanische Spiel- und Registertraktur

Obernüst ist ein Ortsteil der Gemeinde Hofbieber im osthessischen Landkreis Fulda. Das Dorf mit heute rund 170 Einwohnerinnen und Einwohnern ist verteilt auf mehrere Weiler und Höfe, neben dem eigentlichen Obernüst gehören Boxberg, Nüsterrasen, die Dörnbachshöfe, die Königsmühle und Wallings zur Ortslage. Erstmals urkundlich erwähnt wurde Obernüst im Jahre 1093 als „Smalen Nusti“. Im 13.Jahrhundert war hier sogar zeitweise der Pfarrsitz für die umliegenden Dörfer Schwarzbach und Eckweisbach. Der Name Nüst stammt vom gleichnamigen Bach, der in der Nähe entspringt und ein Nebenfluss der Haune ist. Im Mittelalter findet man für Obernüst auch des Öfteren den Namen Wenigennüst. Die einstige Pfarrkirche brannte 1789 durch Blitzschlag ab, die danach wiederaufgebaute Dorfkirche St. Antonius wurde 1975 abgerissen. Denn bereits 1966 hatte man am Rande des Ortes in der Nähe des Friedhofs eine neue Kirche errichtet, die das Patrozinium Christus König erhielt. Es ist eine jener Kirchen, die die Impulse des damaligen Zweiten Vatikanischen Konzils aufnahm, das Zelt Gottes in unserer Zeit, beherrschende Materialien sind Glas und Beton. Die kleine Orgel wurde aus der alten Kirche übernommen. Sie wurde 1895 erbaut und stammt von Polykarp Goldbach aus Wolferts.
Ein „Orgelbauer im Nebenberuf“ war Polykarp Goldbach, der 1895 das kleine Instrument für die Dorfkirche in Obernüst baute und dessen Name in keinem Lexikon zu finden ist. Er stammte aus Wolferts bei Dipperz und wurde 1868 dort geboren. Er hatte noch sechs Geschwister und war das zweitjüngste Kind in der Familie. Er erlernte zunächst das Schreinerhandwerk, brachte es hier zu anerkannter Meisterschaft und betrieb nebenher noch eine kleine Landwirtschaft. Die Kenntnisse im Orgelbau hat sich Goldbach wohl selbst beigebracht, seine fünf bekannten Instrumente haben oder hatten maximal 5 Register, kein Pedal, Schleifladen und eine sehr einfach konstruierte Mechanik. Er war, wie es heißt, auch „sehr musikalisch“ und spielte in Wolferts zunächst das Harmonium und später dann auch die in seiner Heimatkirche von ihm selbst erbaute Orgel. Als 1897 in Wolferts eine neue Kirche errichtet wurde, wurde diese größtenteils in Eigenleistung von Polykarp Goldbach und seinen Brüdern errichtet und ausgestattet. Die Orgel dort in Wolferts existiert schon lange nicht mehr. Weiterhin erbaute Goldbach ganz ähnliche Orgeln für die Kirchen in Wiesen, um 1905, in Bernhards um 1910 und in Niederbieber 1911, die später in die Kapelle zu Oberrod bei Weyhers versetzt wurde. Alle diese Kleinorgeln stehen schon lange nicht mehr, sie wurden ausnahmslos durch elektronische Instrumente ersetzt, die mit einer echten Orgel ungefähr so viel zu tun haben wie eine Plastikrose mit einem echten Blumenstrauß (aber das ist ein anderes Thema). In Obernüst hat man es besser gemacht. Die kleine Orgel wurde in den 1966 geweihten Neubau der dortigen Kirche übernommen und auf einer kleinen Empore über dem Eingang wieder aufgestellt. Polykarp Goldbach wird von seinen Zeitgenossen als stiller und frommer Mann geschildert, er war Mitglied des Dritten Ordens der Franziskaner. Gestorben ist er 1927 mit 59 Jahren und nach 27 Jahren Ehe, die allerdings kinderlos blieb. Seine Werkstatt und sein Wohnhaus in Wolferts existieren nicht mehr und so ist die Orgel in Obernüst heute das einzige Zeugnis dieses Hobby-Orgelbauers aus der hessischen Rhön.
Die kleine Orgel in Obernüst, die Polykarp Goldbach 1895 in die dortige Kirche lieferte, hatte ursprünglich vier Register. Der Kaufpreis für das Instrument betrug 700 Mark. Beim Wiederaufbau in der neuen Kirche, den die Firma Matthias Kreienbrink aus Osnabrück 1966 durchführte, erhielt die Orgel ein kleines Pedal und ein zusätzliches Register im Manual, so dass sie heute insgesamt sechs Register besitzt. Das Manual besitzt einen Tonumfang vom Ton C bis zum c3. Wir finden hier die Register Prinzipal, Lieblich Gedackt und Salicional 8' sowie eine Oktave 4'. Diese grundtönige Disposition fand sich nahezu unverändert auch in allen anderen Orgeln vor, die Goldbach gebaut hat. Kreienbrink hat dann noch eine Oktave 2' hinzugefügt, den alten Pfeifenbestand aber unangetastet gelassen. Das hinzugefügte Pedal besitzt einen Subbaß 16', dazu kommt noch eine Pedalkoppel. Orgeln wie diese sind keine Konzertinstrumente, sie sind mit ihren leisen und zarten Klangfarben ausgelegt für den Dienst in der katholischen, vorkonziliaren Liturgie. Wir besitzen in Obernüst ein unikales und darum auch in der Zukunft unbedingt erhaltenswertes Zeugnis für den Rhöner Orgelbau um 1900, wie er von handwerklich begabten Schreinermeistern in mehreren Orten jener Zeit in der Rhön gepflegt wurde. 

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Disposition:

Manual, C-c3 Pedal, C-c1  
Principal 8' Subbaß 16' Pedalkoppel
Lieblich Gedackt 8'    
Salicional 8'    
Octave 4'    
Octave 2'    

In Obernüst gespielte Stücke:
August Eduard Grell: Präludium Nr. 3 C-Dur >>>
August Eduard Grell: Präludium Nr. 4 d-moll >>>
Max Gulbins: Allein zu dir, Herr Jesu Christ >>>
Max Gulbins: Allenthalben, wo ich gehe >>>
Max Gulbins: Aus meines Herzens Grunde >>>
Max Gulbins: Fünf Brünnlein sind >>>
Max Gulbins: Nun lob, mein Seel, den Herren >>>
Max Reger: O Haupt voll Blut und Wunden >>>
Max Reger: O Welt, ich muß dich lassen >>>



OBER-WEGFURTH (Stadt Schlitz, Vogelsbergkreis)
Ev. Kirche




Erbauer: Johann Georg Oestreich (Oberbimbach) 1838, Schleifladen, mechanische Spiel- und Registertraktur

Ober-Wegfurth ist ein Stadtteil von Schlitz im Vogelsbergkreis in Hessen. Der Ort liegt nordöstlich von Schlitz an der Fulda. Nachbarorte sind Rimbach und Unter-Wegfurth. Erstmals urkundlich erwähnt wurde das Dorf im Jahre 852. Die frühere Wallfahrtskirche, eine ehemalige Wehrkirche, steht über dem Ort, malerisch auf einer Anhöhe. Sie ist romanischen Ursprungs, wurde aber 1701 völlig neu erbaut. Bemerkenswert ist der an der Kirche liegende Friedhof mit seinen barocken "Reiter-Grabsteinen". 1971 wurde Ober-Wegfurth in die Stadt Schlitz eingegliedert. Heute leben in dem kleinen Ort genau 53 Einwohnerinnen und Einwohner. Die Kirche birgt neben zwei barocken Glocken eine Orgel aus der Werkstatt der Orgelbauerfamilie Oestreich, die eine bewegte Geschichte hinter sich hat. Bereits 1763 zahlen Gemeindeglieder aus den drei Dörfern Oberwegfurt, Unterwegfurth und Rimbach eine freiwillige Steuer, damit eine Orgel angeschafft werden kann, wie man in den Akten lesen kann. Vielleicht wurde diese erste Orgel dann im Zusammenhang mit dem Einbau der Emporen im Jahr 1769 angeschafft. Wir zitieren aus der Kirchenchronik: „1880 wurden der Thurm und die Decke ausgebessert, das Innere überall angestrichen, der Altar und die Kanzel neu bekleidet, die untere Eingangsthür neu gemacht. Die alte unbrauchbare Orgel wurde gegen eine andere nicht neue, aber noch gute vertauscht. Die letztere stammt aus der alten Kirche zu Langenschwarz und wurde von Orgelbauer Eifert aus Thüringen aufgestellt.“ Erbaut wurde das 1880 in Ober-Wegfurth aufgestellte Instrument also für die Kirche zu Langenschwarz – heute ein Ortsteil von Burghaun, etwa zehn Kilometer entfernt. Diese Kirche bekam 1838 eine neue Orgel von Johann Georg Oestreich aus Oberbimbach bei Fulda – dem älteren der beiden Söhne des großen Johann Markus Oestreich.
Die Geschichte der Orgelbauerfamilie Oestreich aus Oberbimbach bei Fulda beginnt Mitte des 18. Jahrhunderts mit Jost Oestreich, einem Schreiner und Orgelbauer, über dessen Ausbildung wir wenig Konkretes wissen. Sein Sohn Johann Markus Oestreich, 1737 geboren, sollte zum bedeutendsten Orgelbauer der über fünf Generationen wirkenden Oestreich-Orgeldynastie werden. Sein älterer Sohn Johann Georg wurde 1770 geboren, dessen jüngerer Bruder Johann Adam 1776. Beide erlernten ihr Handwerk natürlich in der väterlichen Werkstatt und arbeiteten von frühester Jugend an bei den Orgelbauten Johann Markus Oestreichs mit. Die erste selbstständige Orgelarbeit des älteren Sohnes Johann Georg war eine Reparatur in Großentaft 1795, dann im Jahr 1800 ein erster eigenständiger Neubau in Marbach bei Fulda. Diese Orgel ist allerdings nicht erhalten. Johann Georg baute damals und auch später seine Prospekte immer in klassischen, nachbarocken Formen. n den Jahren zwischen 1795 und etwa 1820 ist es häufig schwer, eine Arbeit der Oestreichs konkret dem Vater oder einem der beiden Söhne zuzuordnen, da sie häufig gemeinsam arbeiteten. 1819 finden wir beide Brüder gemeinsam in Sondheim vor der Rhön am Werk, später unter anderem in Amöneburg, Großkrotzenburg und Michelsrombach. Die drei letztgenannten Orgeln sind leider nicht erhalten. 1838 erbaute Johann Georg, den Akten nach weitgehend alleine, das Instrument für die Pfarrkirche in Langenschwarz mit 9 Registern auf einem Manual und Pedal. Bei der feierlichen Einweihung spielte der Fuldaer Stadt- und Domkantor Michael Henkel, wie wir aus einem Brief an seinen Sohn Heinrich wissen. 1843 erbaute Johann Georg Oestreich noch eine kleine Orgel für Ketten in der Rhön, die ebenfalls schon einige Jahrzehnte später durch einen Neubau ersetzt wurde. Insgesamt ist vom Schaffen Johann Georg Oestreichs vergleichsweise wenig bis in unsere Zeit gerettet worden und die wenigen, auf ihn zurückgehenden Werke sind meist mehr oder weniger stark verändert worden. So auch die Orgel, die ursprünglich für Langenschwarz erbaut wurde und seit 1880 in Ober-Wegfurt steht. Bis 1964 war das Instrument weitgehend im Originalzustand erhalten. Dann erfolgte allerdings ein tiefgreifender Umbau und eine „Erneuerung“ der Orgel durch die Fa. Hoffmann aus Ostheim vor der Rhön. Hierbei ging leider auch viel historisches Pfeifenmaterial verloren. 1990 wurde die Orgel letztmals durch die Firma Förster & Nicolaus aus Lich instandgesetzt.
Die Orgel in der Kirche zu Ober-Wegfurth bei Schlitz, die in ihrem Grundbestand auf ein Instrument von Johann Georg Oestreich aus dem Jahre 1838 zurückgeht, besitzt heute 8 Register auf einem Manual und Pedal. Das Manual, das vom Ton C bis zum d3 geführt ist, besitzt die Register Gedackt und Gamba 8', Principal und Gemshorn 4', eine Quinte 2 2/3', die Octave 2' und eine 3fache Mixtur. Das Pedal, das seit dem Umbau 1964 bis zum d1 ausgebaut ist – vorher nur bis zum a° – besitzt als einziges Register einen Subbaß 16'. Historisches, auf Oestreich zurückgehendes Pfeifenwerk finden wir allerdings lediglich in den Registern Gamba 8', Gemshorn 4' und Quinte 2 2/3', der Rest wurde in den 1960er Jahren „erneuert“, wie es wörtlich hieß. Die Orgel steht in einer kleinen Nische auf der linken Seite des Kirchenschiffes. Bei der letzten Renovierung 1990 trug man sich mit dem Gedanken der Wiederherstellung des original-Zustandes. Doch, so reizvoll dieses Ansinnen war und auch künftig ist, die Realisierung scheiterte am dafür notwendigen Geld. Es stellt sich letztlich auch immer die Sinnfrage, für wen eine solche Orgel gebaut ist und wem sie dient, besonders in einem Dorf, in dem gerade mal knapp über 50 Menschen leben. Andererseits besitzen wir, wie bereits erwähnt, von Johann Georg Oestreich aus Oberbimbach nur noch ganz wenige, authentische Pfeifenreihen und keine einzige von ihm erbaute Orgel wurde nicht zumindest teilweise erneuert und verändert. 



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Disposition:

Manual, C-d3 Pedal, C-d1  
Gedackt 8' Subbaß 16' Pedalkoppel
Gamba 8'    
Principal 4'    
Gemshorn 4'    
Quinte 2 2/3'    
Octave 2'    
Mixtur 3f.    

In Ober-Wegfurth gespielte Stücke:
Johann Sebastian Bach: Fantasia con Imitazione h-moll BWV 563 >>>
Johann Sebastian Bach: Herr Jesu Christ, meins Lebens Licht BWV 750 >>>
Wilhelm Volckmar: Andante e-moll >>>



PETERSBERG (Landkreis Fulda)
Kath. Bergkirche St. Peter



Erbauer: Wilhelm Sauer (Frankfurt/Oder) 1895, Prospekt Wolfgang Wiegand, Borsch (Zuschreibung) um 1750, Kegelladen, mechanische Spiel- und Registertraktur

Petersberg ist eine Stadtrandgemeinde von Fulda im Landkreis Fulda in Osthessen. Die Gemeinde liegt direkt an der nordöstlichen Stadtgrenze von Fulda in den westlichen Ausläufern der Rhön. Die Geschichte des Ortes begann mit der Gründung eines Benediktinerklosters auf dem „Ugesberg“, das im Jahre 836 vom Fuldaer Abt Rabanus Maurus geweiht wurde. An diesem Tag wurde die Heilige Lioba in die Kirche St. Peter auf der Spitze des Berges umgebettet. Das Kloster entwickelte sich im 12. Jahrhundert zu einer Propstei, die im Jahre 1802 aufgehoben wurde. Ab 1130 wurde der Ugesberg Petersberg genannt. Es entstand eine Ansiedlung am Fuße des Berges, die im Jahre 1153 als „Bru-hus“, also Brauhaus, das erste Mal erwähnt wurde. Die Ortsbezeichnung Petersberg wurde durch kurfürstlich-hessische Verordnung ab 1837 gebräuchlich, als der Ort und der Propsteibezirk vereinigt wurden. Seit 1972 ist Petersberg der Sitz der neuen Großgemeinde Petersberg. Die ehemalige Propsteikirche St. Peter auf der Bergspitze, die man im Fuldaer Land meist unter der Bezeichnung Liobakirche kennt, ist einer der bedeutendsten Kirchenbauten Deutschlands. Weithin ist ihre markante Silhouette sichtbar, auch von der der nur rund 1 Kilometer entfernten Autobahn A7 zwischen den Anschlußstellen Fulda-Nord und Fulda-Mitte und vom Petersberg aus hat man eine fantastische Fernsicht auf die Rhön und das ganze Umland. Vom 836 geweihten Gründungsbau ist die Krypta unverändert erhalten. Die karolingischen Fresken in den Altarnischen der Krypta sind die ältesten Wandmalereien nördlich der Alpen. Im Mittelalter wurde der Westturm angebaut und im 15. Jahrhundert wurde das ursprünglich dreischiffige Langhauses durch eine gotische Halle ersetzt. In der Barockzeit erhielt die Kirche nicht nur neue Altäre, sondern um 1750 auch eine neue Orgel eines unbekannten Meisters, deren reich mit Rokokoschnitzereien verzierter Orgelprospekt bis heute erhalten ist. Das klingende Innenleben dieser Orgel stammt aus dem Jahre 1895 und von der renommierten Orgelbaufirma Wilhelm Sauer aus Frankfurt/Oder.
Wilhelm Sauer wurde 1831 in Schönbeck im damaligen Herzogtum Mecklenburg-Strelitz geboren. Nach einem abgebrochenen Studium an der Berliner Bauakademie erlernte er ab 1850 das Orgelbau-Handwerk bei seinem Vater, der selbst nur eine kleine Werkstatt besaß und im Orgelbau Autodidakt war. Um 1855 machte Sauer seine Meisterprüfung und gründete 1856 seine eigene Firma in Frankfurt/Oder. Wilhelm Sauer machte sein Unternehmen in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts zur führenden Orgelbauanstalt Preußens und zu einer der größten und renommiertesten Orgelbaufirmen der Welt. Seit 1884 mit dem Titel „Königlicher Hoforgelmacher“ ausgestattet, entstanden unter seiner Leitung rund 1.100 Orgeln. Seine größten und bekanntesten Orgeln gehören zu den bedeutendsten Werken der Orgelromantik. Zu nennen sind hier die Orgeln in der Leipziger Thomaskirche, 1888 eingeweiht mit 88 Registern, im Berliner Dom, 1903 vollendet mit 113 Registern und in der Stadthalle in Görlitz von 1910 mit 72 Stimmen. Die damals größte Orgel der Welt in der Breslauer Jahrhunderthalle mit sage und schreibe 200 Registern, die 1913 fertiggestellt wurde, ist in ihrer ursprünglichen Form leider nicht erhalten. Sauer verkaufte das Unternehmen kurz vor seinem Tod 1916 an seinen langjährigen Geschäftsführer und Stellvertreter Paul Walcker in Ludwigsburg, der die Firma 1917 an Oskar Walcker übergab und von der Firma Walcker bis 2000 fortgeführt wurde. 1996 erfolgte die Umwandlung in eine GmbH mit Sitz und Werkstatt in Müllrose in Brandenburg. Wilhelm Sauers erster Auftrag in Osthessen war 1876 bis 1877 der Neubau der Orgel im Fuldaer Dom. Protegiert durch den Fuldaer Domorganisten Ferdinand Rübsam erhielt Sauer in der Folge noch mehrere Neubauaufträge im Fuldaer Umland, so auch – auf der Höhe seines Schaffens und Ruhms - 1895 in der Kirche auf dem Petersberg, als op. 523. 1892 hatte Sauer sein Traktursystem verändert und ging schrittweise zur Röhrenpneumatik über. Die 1895 eingeweihte Orgel auf dem Petersberg besitzt jedoch, als eines der letzten zweimanualigen Instrumente aus Sauers Werkstatt, noch rein mechanische Kegelladen. Solide Qualität und bestes Material zeichnen die Sauer-Orgeln jener Zeit aus. Charakteristische Register machen sie im Klang unverwechselbar, so etwa sein in jener Zeit berühmtes Gambenregister.
Die 1895 erbaute Sauer-Orgel in der berühmten Bergkirche auf dem Petersberg besitzt 16 Register auf zwei Manualen und Pedal. Die Manuale besitzen einen Tonumfang bis zum f3. Im Haupwerk finden wir die Register Bordun 16', Principal, Hohlflöte, Gedackt und Viola di Gamba 8', Oktave und Flöte 4', sodann eine Rauschquinte 2fach, das ist die Zusammenfassung der 2 2/3'- und 2'-Pfeifenreihe in einem Registerzug sowie eine 3fache Mixtur. Das Oberwerk enthält die sanften Charakterstimmen Geigenprincipal, Lieblich Gedackt und Salicional 8' sowie ein Flauto dolce 4'. Das Pedal schließlich, das über einen Umfang bis zum d1 verfügt, besitzt die Register Subbaß und Violon 16' sowie einen Oktavbaß 8'. Dazu kommt eine Manual- und eine Pedalkoppel sowie ein Collectivpedal, eine frühe Form des Tuttiknopfs. Man mag es kaum glauben, aber Ende der 1970er Jahre sollte die bis dahin nahezu unveränderte Sauer-Orgel einem Neubau weichen; dieser war bereits beschlossene Sache und die alte Orgel lag bereits ausgebaut im Freien neben der Kirche. Auf massives Drängen des Denkmalamtes wurde das Sauer-Instrument dann aber 1979 erstmals renoviert. Zum Abschluß der umfangreichen Arbeiten an der Kirche wurde die Orgel 2006 durch die Firma Hermann Eule Orgelbau aus Bautzen fachgerecht restauriert. Wilhelm Sauer war nach Aussage eines seiner Mitarbeiter ein stiller Mann, der in jeder Situation stets sachlich, korrekt und freundlich war. Und sein Leitspruch war: „Wir loben Gott und lassen ihn walten, bauen neue Orgeln und reparieren die alten.“
 
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Disposition:

Hauptwerk, C-f3 Oberwerk, C-f3 Pedal, C-d1  
Bordun 16' Geigenprincipal 8' Subbaß 16' Manualkoppel
Principal 8' Lieblich Gedackt 8' Violon 16' Pedalkoppel
Hohlflöte 8' Salicional 8' Octavbaß 8' Collectivtritt
Gedackt 8' Flauto dolce 4'    
Viola di Gamba 8'      
Octave 4'      
Flöte 4'      
Rauschquinte 2f.      
Mixtur 3f.      

In Petersberg gespielte Stücke:
Max Gulbins: Fünf Brünnlein sind op. 58,8 >>>
Max Gulbins: Jesu, deine Passion op. 58,4 >>>
Karl Piutti: Daß Jesus siegt, ist ewig ausgemacht >>>
Karl Piutti: Jesu, geh voran >>>
Christian Heinrich Rinck: Nun ruhen alle Wälder I >>>
Christian Heinrich Rinck: Nun ruhen alle Wälder II >>>
Christian Heinrich Rinck: Wer nur den lieben Gott läßt walten I >>>
Christian Heinrich Rinck: Wer nur den lieben Gott läßt walten II >>>
Christian Heinrich Rinck: Wer nur den lieben Gott läßt walten III >>>
Robert Schaab: Alles ist an Gottes Segen >>>
Robert Schaab: Es wolle Gott uns gnädig sein >>>
Wilhelm Volckmar: Der Herr ein König ist >>>
Wilhelm Volckmar: Herzlich tut mich verlangen >>>



PFORDT (Stadt Schlitz, Vogelsbergkreis)
Ev. Kirche



Erbauer: Augustin Oestreich (Oberbimbach) 1849, Schleifladen, mechanische Spiel- und Registertraktur

Pfordt ist ein Stadtteil von Schlitz im Vogelsbergkreis in Hessen. Der Ort liegt südöstlich von Schlitz an der Fulda. Im Jahre 852 wurde das Dorf erstmals unter dem Ortsnamen „Porta“ erwähnt. 1971 wurde Pfordt in die Stadt Schlitz eingegliedert. Südwestlich des Dorfes verläuft die Landesstraße 3143. In 300 m Entfernung befinden sich zwei Seen, derzeit wird ein Konzept „Freizeitgebiet Pfordter Seen“ erstellt. Im Ort leben heute 375 Einwohnerinnen und Einwohner. Die heutige Kirche mit kreuzförmigem Grundriß wurde 1615 anstelle des vorreformatorischen Baus errichtet. 1894 kam der Kirchturm dazu. Die Decke und die Fensterumrandungen sind markant bemalt. Bei der großen Kirchenrenovierung von 1981 wurden die 1711 eingebauten Emporen wieder entfernt. Ebenso wurde die einstige Altarkanzel gekürzt und an anderer Stelle wiederaufgebaut. Ansonsten ist die Kirche im Wesentlichen in ihrer Gestalt aus dem 17.Jahrhundert erhalten. 1849 erhielt die Kirche eine Orgel aus der Werkstatt der Orgelbauerfamilie Oestreich aus Oberbimbach bei Fulda. Ihr Erbauer war Augustin Oestreich, der dritte Sohn von Johann Georg Oestreich und Enkel des berühmten, auch über die Grenzen des fuldaer Landes hinaus bekannten Johann Markus Oestreich.
Augustin Oestreich, der Erbauer der Orgel in Pfordt, wurde 1808 in die berühmte Orgelbauerfamilie Oestreich in Oberbimbach hineingeboren. Sein Vater war Johann Georg Oestreich, dieser wiederum war der Sohn von Johann Markus Oestreich, der die Orgelbauerfirma aus dem Fuldischen im späten 18.Jahrhundert zu ihrer größten Blüte geführt hat. Augustin und seine beiden älteren Brüder Adam Joseph und Michael repräsentieren also die vierte Generation dieser bedeutenden Familie, wenngleich man die bis heute erhaltenen Instrumente der drei Brüder an einer Hand abzählen kann. Augustin Oestreich erlernte sein Handwerk natürlich in der väterlichen Werkstatt und arbeitete zunächst eng mit seinem Bruder Adam Joseph zusammen. 1843 erhielt Adam Joseph Oestreich den Auftrag zu einem Neubau für seine Heimatgemeinde in Oberbimbach. Diesen Auftrag konnte Adam Joseph Oestreich allerdings nicht mehr vollenden, da er kurz nach Baubeginn starb. Augustin Oestreich vollendete das Werk sodann im Jahre 1844, nachdem er etwa zur selben Zeit die Witwe seines Bruders geheiratet hatte. Sein anderer Bruder Michael Oestreich war bereits 1838 gestorben. 1844 stellte Augustin Oestreich zusammen mit seinem in Bachrain wirkenden Cousin Joseph Oestreich die alte Bimbacher Orgel in Großenbach bei Hünfeld wieder auf. 1845 folgte ein Orgelneubau in Ützhausen bei Schlitz. Dieses sehr interessante Werk ist erhalten und wird in einem weiteren Portrait näher vorgestellt. 1847 führte Augustin Oestreich einen Orgelneubau mit 23 Registern in der Propsteikirche Johannesberg bei Fulda aus, den noch sein Bruder Adam Joseph geplant hatte. Außer dem imposanten, zweigeschossigen Orgelprospekt ist hiervon allerdings leider nichts erhalten. 1849 baute er sodann die Orgel in Pfordt mit 10 Registern auf einem Manual und Pedal, die weitgehend im Originalzustand bis heute erhalten ist. 1852 folgte dann ein Orgelneubau in der altehrwürdigen Michaelskirche zu Fulda, direkt neben dem Dom. Doch mit dieser Arbeit Augustin Oestreichs war man überhaupt nicht zufrieden. So mußte bereits drei Jahre später, 1855 Augustins Stiefsohn Emil Oestreich die Orgel zurücknehmen und eine gänzlich neue Orgel errichten, die allerdings leider ebenso wenig erhalten ist wie das offensichtlich mißlungene Vorgängerinstrument. Zu diesem Zeitpunkt – 1855 – war Augustin Oestreich allerdings bereits in die USA ausgewandert, zusammen mit seinen beiden anderen Stiefsöhnen Maximilian und Maurus und fand in Ashland, Pennsylvania eine neue Heimat. Es ist nicht bekannt, ob er dort ebenfalls als Orgelbauer tätig. Dort in den USA verliert sich dann seine Spur, wir wissen nicht, wann er gestorben ist.
Die 1849 von Augustin Oestreich errichtete Orgel in Pfordt ist im Wesentlichen unverändert bis heute erhalten. Lediglich die Prospektpfeifen mussten, wie überall im Ersten Weltkrieg abgegeben werden und wurden später durch Zinkpfeifen ersetzt. Auffällig sind die außergewöhnlich dünnen Wandstärken der meisten Pfeifen, gerade große gedeckte Pfeifen sind äußerst empfindlich. Dieser Umstand führte in der Vergangenheit immer wieder zu Problemen bei der Stimmhaltung, und mit dieser Herausforderung wird man in Pfordt auch künftig leben müssen. Die Orgel besitzt 10 Register auf einem Manual und Pedal. Das Manual hat einen Tonumfang von C bis zum f3 und ist klanglich auf dem Principal 4' im Prospekt aufgebaut. Dazu kommen die Stimmen Gedackt, Flöte, Salicional und „Quintan“ 8'. Quintan steht auf dem originalen Registerschild, es ist ein Quintatön, wie es von den Oestreichs oft gebaut wurde. Dazu kommt noch eine Flöte 4', eine Quint 3' sowie eine lediglich 2fache Mixtur auf 2'-Basis. Das Pedal, das bis zum c1 geht, besitzt die beiden Stimmen Subbaß 16' und Violon 8', dazu kommt eine Pedalkoppel. Nach mehreren Instandsetzungen führte die Orgelbaufirma Andreas Schmidt aus Linsengericht bei Gelnhausen 2011 eine denkmalgerechte Restaurierung der Oestreich-Orgel durch, bei der einige wenige, fehlende Pfeifen detailgetreu rekonstruiert wurden. Somit besitzen wir in Pfordt eines der beiden erhaltenen Werke dieses weitgehend unbekannten Mitglieds der über fünf Generationen hinweg wirkenden Orgelbauerfamilie Oestreich.
 
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Disposition:

Manual, C-f3 Pedal, C-c1  
Gedackt 8' Subbaß 16' Pedalkoppel
Flöte 8' Violon 8'  
Quinta[tö]n 8'    
Salicional 8'    
Principal 4'    
Flöte 4'    
Quint 3'    
Mixtur 2f.    

In Pfordt gespielte Stücke:
Johann Krieger: Fantasia in d >>>
Carl Loewe: Präludium e-moll >>>
Christian Heinrich Rinck: Adagio C-Dur >>>
Christian Heinrich Rinck: Adagio F-Dur >>>
Wilhelm Volckmar: Andante con moto B-Dur >>>
Wilhelm Volckmar: Christ lag in Todesbanden >>>
Wilhelm Volckmar: Nachspiel Es-Dur >>>
Wilhelm Volckmar: O Lamm Gottes unschuldig >>>



PILGERZELL-FLORENBERG (Gemeinde Künzell, Landkreis Fulda)
Kath. Bergkirche St. Flora und Kilian



Erbauer: Wilhelm Sauer (Frankfurt/Oder) 1908, Kegelladen, pneumatische Spiel- und Registertraktur

Pilgerzell ist ein Ortsteil der Großgemeinde Künzell im osthessischen Landkreis Fulda. Der Ort liegt am Rande von Fulda zwischen der Stadt und der Rhön. Pilgerzell wird erstmals 830 in Urkunden erwähnt. Doch eine eigene Kirche besitzt das Dorf, das seit der Gebietsreform 1972 zur Großgemeinde Künzell gehört, erst seit 1965. Zuvor war die Bergkirche auf dem Florenberg, malerisch auf einer bewaldeten Anhöhe zwischen Pilgerzell und dem Nachbarort Engelhelms gelegen und der Heiligen Flora sowie dem Heiligen Kilian geweiht, die Pfarrkirche des Ortes und der ganzen näheren Umgebung. Der Florenberg war seit dem frühen Mittelalter das kirchliche Zentrum der Region, seit der Fuldaer Abt Huoggi um 900 die Kirche erbauen ließ, um dort die von ihm erworbenen Reliquien der Heiligen Flora verehren zu lassen. Die die Kirche umgebende wehrhafte Friedhofsmauer stammt vermutlich aus dem frühen 10.Jahrhundert, somit dürfte es sich bei der Kirche auf dem Florenberg um die älteste Wehrkirchenanlage Deutschlands handeln. Der mittelalterliche Westturm ist ebenfalls noch erhalten, das heutige Kirchenschiff stammt aus dem Jahre 1515. Im 19. und frühen 20.Jahrhundert wurden zahlreiche Dörfer in der Umgebung, die seither Filialen der Urpfarrei Florenberg waren, zu selbständigen Pfarreien erhoben, Eichenzell, Künzell, Bachrain, Bronnzell und zuletzt Pilgerzell. Die alte Wehrkirche auf dem Florenberg fiel in einen Dornröschenschlaf, der erst Ende des 20.Jahrhunderts durch die Gründung des „Fördervereins Florenberg“ und der durch den Verein initiierten umfassenden Renovierung der Kirche beendet wurde. Heute wird die Kirche vor allem im Sommer gerne für Hochzeiten und Taufen genutzt. Die 1908 errichtete Orgel stammt aus der Werkstatt von Wilhelm Sauer aus Frankfurt an der Oder.
Wilhelm Sauer wurde 1831 in Schönbeck im damaligen Herzogtum Mecklenburg-Strelitz geboren. Nach einem abgebrochenen Studium an der Berliner Bauakademie erlernte er ab 1850 das Orgelbauhandwerk bei seinem Vater, der selbst nur eine kleine Werkstatt besaß und im Orgelbau Autodidakt war. Um 1855 machte Sauer seine Meisterprüfung und gründete 1856 seine eigene Firma in Frankfurt/Oder. Wilhelm Sauer machte sein Unternehmen in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts zur führenden Orgelbauanstalt Preußens und zu einer der größten und renommiertesten Orgelbaufirmen der Welt. Seit 1884 mit dem Titel „Königlicher Hoforgelmacher“ ausgestattet, entstanden unter seiner Leitung rund 1.100 Orgeln. Seine größten und bekanntesten Orgeln gehören zu den bedeutendsten Werken der Orgelromantik. Zu nennen sind hier die Orgeln in der Leipziger Thomaskirche, 1888 eingeweiht mit 88 Registern, im Berliner Dom, 1903 vollendet mit 113 Registern und in der Stadthalle in Görlitz von 1910 mit 72 Stimmen. Die damals größte Orgel der Welt in der Breslauer Jahrhunderthalle mit sage und schreibe 200 Registern, die 1913 fertiggestellt wurde, ist in ihrer ursprünglichen Form leider nicht erhalten. Sauer verkaufte das Unternehmen kurz vor seinem Tod 1916 an seinen langjährigen Geschäftsführer und Stellvertreter Paul Walcker in Ludwigsburg, der die Firma 1917 an Oskar Walcker übergab und von der Firma Walcker bis 2000 fortgeführt wurde. 1996 erfolgte die Umwandlung in eine GmbH mit Sitz und Werkstatt in Müllrose in Brandenburg. Wilhelm Sauers erster Auftrag in Osthessen war 1876 bis 1877 der Neubau der Orgel im Fuldaer Dom. In der Folge erhielt die Firma mehrere Aufträge im Bistum Fulda. 1908 lieferte Sauer gleich zwei, fast gleich aufgebaute Orgeln ins Fuldaer Umland - für die neue Pfarrkirche in Künzell und für die Kirche auf dem Florenberg. Sauer baute seine Orgel auf dem Florenberg in den vorhandenen Orgelprospekt der Gebrüder Oestreich aus dem Jahre 1829 ein. Nach dem Zweiten Weltkrieg, 1954, wurde die Orgel durch den Fuldaer Orgelbauer Alban Späth klanglich leicht barockisiert. Bei diesem Umbau wurde allerdings auch der Oestreich´sche Orgelprospekt zerstört und die Pfeifen hinter eine schmucklose Gitterfront in den Turm eingepfercht. Die 2010 abgeschlossene Restaurierung durch die Firma Gerald Woehl aus Marburg hatte darum neben der Konservierung des zum größten Teil sehr gut erhaltenen Pfeifenbestandes von Wilhelm Sauer das weitere Ziel, eine neue, klanglich und gestalterisch angemessene Aufstellungs- und Gehäuselösung zu finden. Das von Orgelbaumeister Kilian Gottwald geschaffene Gehäuse lehnt sich dabei an stilistisch an Formen des 19. Jahrhunderts an, ohne eine Stilkopie sein zu wollen.
Die 1908 vollendete Sauer-Orgel der Bergkirche auf dem Florenberg hatte ursprünglich 12 Register auf zwei Manualen und Pedal mit pneumatischen Kegelladen. Heute hat das Instrument 16 Register, da vier von Späth 1954 hinzugefügte Stimmen als musikalisch sinnvolle Ergänzung beibehalten wurden. Die Manuale haben einen Tonumfang bis zum f3. Das Hauptwerk besitzt Bordun 16', sodann Principal, Flöte und Salicional 8', die Octave 4' sowie ein 3- bis 4faches Cornett. Alle Register sind von Wilhelm Sauer original erhalten. Das Oberwerk besaß ursprünglich vier Stimmen: Gemshorn, Lieblich Gedackt und Dolce 8' sowie ein Flauto dolce 4'. Die drei 1954 hinzugefügten Register sind Principal 4', Waldflöte 2' und eine 4fache Mixtur. Das Pedal schließlich, das bis zum d1 ausgebaut ist, besitzt die Sauer´schen Register Subbaß 16' und Violon 8', dazu kommt noch ein Choralbaß 4'. Die Orgel in der malerischen Florenberg-Kirche ist ein in dieser Form und Vollständigkeit selten gewordenes und bemerkenswertes Klangdenkmal aus dem frühen 20. Jahrhundert. 

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Disposition:

Hauptwerk, C-f3 Oberwerk, C-f3 Pedal, C-d1  
Bordun 16' Lieblich Gedackt 8' Subbaß 16' Manualkoppel
Principal 8' Gemshorn 8' Violon 8' Pedalkoppel
Flöte 8' Dolce 8' Choralbaß 4'  
Salicional 8' Principal 4'    
Octave 4' Flauto dolce 4'    
Cornett 3-4f. Waldflöte 2'    
  Mixtur 4f.    

In Pilgerzell gespielte Stücke:
Christoph Brückner: Ein Haus voll Glorie schauet >>>
Christoph Brückner: Stille Nacht, heilige Nacht >>>
Max Gulbins: Der am Kreuz ist meine Liebe op. 58,5 >>>
Max Gulbins: O Haupt voll Blut und Wunden op. 58,6 >>>
Wilhelm Malkmus: Versetten zu "O Heiland, reiß die Himmel auf" >>>
Wilhelm Malkmus: Versetten zu "Wie heilig hast du, Gottesfreund" >>>
Max Reger: Jesus, meine Zuversicht >>>
Max Reger: Liebster Jesu, wir sind hier >>>
Wilhelm Rudnick: Es ist gewißlich an der Zeit >>>
Wilhelm Rudnick: O Haupt voll Blut und Wunden >>>
Wilhelm Volckmar: Andante A-Dur >>>
Wilhelm Volckmar: Nachspiel G-Dur >>>



RASDORF (Landkreis Fulda)
Kath. Pfarrkirche St. Johannes und Cäcilia



Erbauer: Jost und Johann Markus Oestreich (Oberbimbach) 1767, Schleifladen, mechanische Spiel- und Registertraktur

Rasdorf ist eine Gemeinde im Landkreis Fulda in Osthessen. Seit 2015 trägt sie die offizielle Bezeichnung Point-Alpha-Gemeinde, denn während der Zeit der deutschen Teilung befand sich in der Nähe des Ortes ein wichtiger Beobachtungsposten der US-Armee. Der Ort liegt in einem weiten, offenen Gelände inmitten der „Kuppenrhön“, unmittelbar an der hessisch-thüringischen Landesgrenze im Biosphärenreservat Rhön. Der Sachsenmissionierung zur Zeit der Karolinger verdanken das Kloster Fulda und das Nebenkloster Rasdorf seine Existenz. Der Ort Rasdorf muss bereits vor 781 bestanden haben. Ein Kloster als Nebenkloster von Fulda wird 815 erwähnt. 977 wird das Rasdorfer Kloster in ein Kollegiatstift umgewandelt. Rasdorf erlangte Bedeutung durch seine Lage an der historischen Handelsroute Frankfurt am Main – Eisenach – Leipzig. Die Stiftskirche St. Johannes und Cäcilia in Rasdorf gilt als eine der architektonisch bedeutsamsten Dorfkirchen in Hessen. Sie entstand in ihrer heutigen Form ab 1274 unter Beibehaltung des Grundrisses und unter Verwendung alter romanischer Bauteile als nunmehr gotische Kirche. Die Hauptattraktionen in der Kirche sind die Säulen, die das Hauptschiff und die zwei Seitenschiffe trennen sowie zwei gedrungene Säulen mit Tierkapitälen, die vermutlich noch vom Gründungsbau des 9.Jahrhunderts stammen. Der romanische Taufstein ist der älteste des gesamten Fuldaer Landes. Für Orgelinteressierte kommt hinzu, dass sich in Rasdorf die älteste erhaltene Orgel der Orgelbauerfamilie Oestreich befindet. Sie wurde 1767 von Jost Oestreich und seinem Sohn Johann Markus Oestreich für die Stadtpfarrkirche in Fulda erbaut. Seit 1837 steht das Instrument in Rasdorf; wir werden auf die Geschichte gleich noch näher eingehen. Von 1801 bis 1837 amtierte an dieser Orgel, als sie noch in der Fuldaer Stadtpfarrkirche stand, der Fuldaer Stadt- und Domkantor Michael Henkel.
Die Geschichte der über fünf Generationen hinweg im Fuldaer Land tätigen Orgelbauerfamilie Oestreich beginnt mit Jost Oestreich. Er wurde 1715 geboren und erlernte den Orgelbau möglicherweise bei Johannes Bien in Blankenau; gesichert ist dies allerdings nicht. Er errichtete seine Werkstatt in Oberbimbach bei Fulda und taucht erstmals 1745 bei einer Orgelreparatur in Großentaft auf. 1754 bis 1755 erbaute er sodann eine Orgel für die Stadtkirche in Lauterbach und er arbeitete in den Folgejahren an verschiedenen Orgeln im Fuldaer Land. Nach weiteren Orgelneubauten in Dietershausen 1760 und Ilbeshausen 1766 – alle die bisher genannten Instrumente sind nicht erhalten – schuf Jost Oestreich 1767 sein bedeutendstes Werk für die Stadtpfarrkirche in Fulda. Sie bekam 19 Register auf 2 Manualen und Pedal und kostete 500 Gulden nebst der alten Orgel. Bei diesem Orgelbau arbeitete erstmals auch Johann Markus Oestreich, der 1737 geborene Sohn von Jost Oestreich mit. Er wird in der zweiten Generation die Orgelbauerfamilie aus Oberbimbach zu ihrer größten Blüte führen. 1770, nur drei Jahre nach dem Orgelneubau, begann man mit der spätbarocken Vergrößerung der Stadtpfarrkirche, der sich bis 1786 hinzog. Die fast neuwertige Orgel kam in der erweiterten Kirche sodann wieder zur Aufstellung, war jedoch für den deutlich größeren Kirchenraum nun zu klein. 1801 übernahm Michael Henkel das Organistenamt an dieser Orgel und bemühte sich in der Folgezeit immer wieder um einen Orgelneubau. Doch erst Mitte der 1830er Jahre hatten seine unablässigen Bemühungen Erfolg und nach einer ausgedehnten Orgelreise „ins Sächsische“ erhielt Georg Franz Ratzmann aus Ohrdruf den Auftrag für einen Orgelneubau nach Henkels Plänen in der Stadtpfarrkirche, der 1837 vollendet wurde. Die alte Oestreich-Orgel wurde für 800 Gulden nach Rasdorf verkauft und von Ratzmann leicht verändert aufgestellt. In den folgenden Jahrzehnten blieb die Orgel weitgehend unangetastet. Erst kurz nach dem zweiten Weltkrieg, 1950, erfolgte eine, wie es hieß, „Erneuerung“ der technischen Anlage durch den Fuldaer Orgelbauer Alban Späth. Bei diesem Umbau wurde zum einen die Disposition leicht im damaligen Sinne „barockisiert“, leider aber auch fast die gesamte Traktur komplett neu hergestellt und auch ein neuer Spielschrank eingebaut. Nach einer ersten Restaurierung in den 1980er Jahren durch Klaus Gabriel aus Petersberg erfolgte 2005 eine Sicherung und Dokumentation des historischen Pfeifenbestandes durch die Firma Hoffmann aus Ostheim vor der Rhön. Dabei stellte sich heraus, daß im Hauptwerk rund 75% und im Oberwerk immerhin noch 40% der Pfeifen von Oestreich stammen, während sich im Pedal keine originalen Pfeifen mehr befinden.
Die 1767 von Jost und Johann Markus Oestreich erbaute Orgel, die heute in der altehrwürdigen Stiftskirche zu Rasdorf steht, besitzt 19 Register auf zwei Manualen und Pedal. Der ungewöhnliche Tonumfang vom Ton C bis zum h2 in beiden Manualwerken geht darauf zurück, dass man den ursprünglich fehlenden Ton Cis später einfach durch Nachrücken des Pfeifenwerkes "ergänzte". Das Hauptwerk ist mit 10 Stimmen besetzt und entspricht in der Disposition weitgehend dem Original. Wir finden hier Principal, Quintatön, Gamba und Flöte 8', die Oktaven 4' und 2' nebst den Quinten 2 2/3' und 1 1/3', bekrönt von einer 5fachen, terzhaltigen Mixtur und einer 2fachen Cimbel. Diese doppelte Klangspitze mit Terzmixtur und Cimbel ist typisch für die Oestreich-Werkstatt und wurde bis ins 19. Jahrhundert hinein bei fast allen Instrumenten so gebaut. Das Nebenwerk besitzt heute die Stimmen Gedackt 8', Gemshorn und Rohrflöte 4', einen Principal 2' sowie einen Terzian 2fach. Das Pedal, das seit 1950 bis zum d1 ausgebaut ist, verfügt schließlich über die Stimmen Subbaß und Violon 16' sowie Principalbaß 8' und Choralbaß 4'. Die Orgel ist seit der letzten Instandsetzung in technisch einwandfreiem Zustand und besitzt einen schönen, runden Klang, der durch die überaus gute Akustik in dem frühgotischen Kirchenraum sehr gut zur Geltung kommt. Dennoch stellt sich die Frage, ob man angesichts des umfangreichen historischen Pfeifenbestandes, der teilweise erhaltenen Manualwindladen und des erhaltenen Gehäuses nicht mittelfristig eine Restaurierung des Instruments mit dem Ziel der Rückführung auf den Erbauungszustand erwägen sollte. Der großartige, Geschichte atmende Kirchenraum würde durch die Wiederherstellung des historischen Klangbildes der Orgel sicher sehr gewinnen.

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Disposition:

Hauptwerk, C-h2 Nebenwerk, C-h2 Pedal, C-d1  
Principal 8' Gedackt 8' Subbaß 16' Manualkoppel
Quintatön 8' Gemshorn 4' Violon 16' Pedalkoppel
Gamba 8' Rohrflöte 4' Principalbaß 8'  
Flöte 8' Principal 2' Choralbaß 4'  
Octave 4' Terzian 2f.    
Quinte 2 2/3'      
Octave 2'      
Quinte 1 1/3'      
Mixtur 5f.      
Cimbel 2f.      

In Rasdorf gespielte Stücke:
Girolamo Frescobaldi: Kyrie della Domenica >>>
Girolamo Frescobaldi: Ricercar dopo il Credo >>>
Girolamo Frescobaldi: Toccata avanti la Messa della Domenica >>>
Girolamo Frescobaldi: Toccata cromatica per l'Elevatione >>>
Michael Henkel: Adagio b-moll >>>
Michael Henkel: Allegretto A-Dur >>>
Michael Henkel: Allegro Es-Dur >>>
Michael Henkel: Allegro moderato B-Dur >>>
Michael Henkel: Andante d-moll >>>
Michael Henkel: Andante f-moll >>>
Michael Henkel: Andante mobile e-moll >>>
Michael Henkel: Cantabile G-Dur >>>
Michael Henkel: Fughetta F-Dur >>>
Michael Henkel: Larghetto a-moll >>>
Michael Henkel: Moderato E-Dur >>>
Michael Henkel: 3 Versetten G-Dur >>>
Michael Henkel: Vorspiel D-Dur >>>
Michael Henkel: Vorspiel G-Dur >>>
Giovanni Pierluigi da Palestrina: Ricercar primi toni >>>
Johann Valentin Rathgeber: Aria Nr. 36 in C >>>
Johann Valentin Rathgeber: Aria Nr. 37 in C >>>
Johann Valentin Rathgeber: Aria Nr. 38 in C >>>
Johann Valentin Rathgeber: Aria Nr. 39 in D >>>
Johann Valentin Rathgeber: Aria Nr. 40 in D >>>
Max Reger: Wie schön leucht uns der Morgenstern >>>
Max Reger: Wunderbarer König >>>



RIMMELS (Gemeinde Nüsttal, Landkreis Fulda)
Kath. Filialkirche St. Antonius



Erbauer: Heinrich Hahner (Fulda) 1888, Kegelladen, mechanische Spiel- und Registertraktur

Rimmels ist ein Ortsteil der Gemeinde Nüsttal im osthessischen Landkreis Fulda. Der Ort liegt im Tal der Nässe an der Einmündung der Nüst im Naturpark Hessische Rhön. Rimmels wurde relativ spät, nämlich im Jahre 1410 in den Zinsregistern des Amtes Mackenzell erstmals erwähnt. 1752 entstand die heute noch vorhandene, sehenswerte Barockbrücke über die Nüst. Im Rahmen der hessischen Gebietsreform wurde Rimmels 1971 zusammen mit fünf weiteren Gemeinden zur neuen Gemeinde Nüsttal zusammengeschlossen. In den Jahren 1984 und 1986 wurde Rimmels jeweils als „schönstes Dorf Hessens“ ausgezeichnet. 1656 wird erstmals eine dem Hl. Antonius geweihte Kapelle genannt. Die heutige, 1886 erbaute Dorfkirche ist ein wahres Kabinettstück neugotischer Kirchenbaukunst. Erbaut hat sie der Kasseler Regierungsbaumeister Georg Kegel, der als einer der wichtigsten Vertreter des Historismus gegen Ende des 19.Jahrhunderts einen regelrechten Kirchenbau-Boom im Bistum Fulda ausgelöst hat. Die besonders edle und prächtige Ausführung in dem verhältnismäßig kleinen Dorf - Rimmels hat heute rund 280 Einwohnerinnen und Einwohner – verdanken die Rimmelser den Gebrüdern Knoth, die als Leinenwarenhändler wohlhabend geworden waren und einen Großteil der Baukosten übernahmen. Auch die 1888 eingebaute Orgel wurde von den Gebrüdern Knoth gestiftet. Erbaut hat sie der Fuldaer Orgelbauer Heinrich Hahner.
Der Orgelbauer Heinrich Hahner wurde 1843 in Fulda als Sohn eines Schreiners geboren, der auch gelegentlich Orgelreparaturen vornahm. Nach der Lehre in der väterlichen Werkstatt arbeitete er ab 1867 für ein Jahr bei dem Orgelbauer Siegmund Friedrich Braungart aus Neu-Ulm, bevor er sich 1868 mit einem „Orgel- und Pianofortebau“ in Fulda selbstständig machte. Er hatte zahlreiche Orgeln in Fulda in Pflege, so auch etwa die Orgeln des Fuldaer Domes. 1875 erbaute er eine neue Chororgel für den Fuldaer Dom, die allerdings ebenso nicht erhalten ist wie die 1886 bis 1887 errichtete Orgel für die Stadtpfarrkirche in Hünfeld. Dieses Instrument mit 37 Registern auf drei Manualen und Pedal, war das mit Abstand größte Instrument, das je die Hahnersche Werkstatt verließ. In Teilen erhalten ist ein Instrument, das Hahner 1879 für das Fuldaer Lehrerseminar erbaute und das heute in der Aula der Fuldaer Winfriedschule steht. Diese Orgel wurde allerdings bereits 1913 durch die Firma Johannes Klais aus Bonn erheblich umgebaut und unter anderem mit einer pneumatischen Traktur versehen. Seine 1888 in Rimmels erbaute Orgel ist die einzige, die klanglich und technisch weitgehend unverändert die Zeiten bis heute überstanden hat. Sie kostete 1.910 Mark – zum Vergleich: der ebenfalls von den Gebrüdern Knoth gestiftete neugotische Schnitzaltar kostete 1.100 Mark. Es war dies auch die letzte Orgel, die Hahners Werkstatt verließ, denn nur rund ein Jahr später, 1889 starb er mit gerade einmal 45 Jahren. Sein 1872 geborener Sohn August Hahner erlernte das Orgelbauhandwerk noch bei seinem Vater und wurde nach dessen Tod Angestellter der Orgelbauerfirma Klais in Bonn. Die verwaiste Werkstatt in Fulda wurde von dem aus Westfalen stammenden Fritz Clewing übernommen, der in den nachfolgenden rund 15 Jahren den Orgelbau im Bistum Fulda nachhaltig prägte.
Die 1888 vollendete Orgel von Heinrich Hahner in der kleinen, aber ausgesprochen hübschen Dorfkirche zu Rimmels besitzt acht Register mit mechanischen Kegelladen auf einem Manual und Pedal. Das Manual hat einen Klaviaturumfang bis zum f3 und besitzt die Stimmen Bordun 16', Gedackt, Gamba und Salicional 8', Principal und Flauto traverso 4' sowie ein Register, das auf dem originalen Schild als Rauschquinte bezeichnet wird. Hierbei handelt es sich um die in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts häufiger anzutreffende Kombination von einer 2'- und einer 2 2/'-Pfeifenreihe auf einem Registerzug. Das Pedal mit einem Umfang bis zum d1 besitzt einen Subbaß 16', dazu kommt noch eine Pedalkoppel. 1996 wurde das glücklicherweise völlig unveränderte Instrument durch die Orgelbaufirma Gebr. Hey aus Urspringen in der Rhön restauriert. Die Orgel in Rimmels ist sicher kein hochbedeutendes Instrument im klassischen Sinne. Doch als letztes im Originalzustand erhaltenes Instrument eines regionalen Fuldaer Orgelbauers aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kommt ihr doch eine besondere Bedeutung innerhalb der osthessischen Orgellandschaft zu.

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Disposition:

Manual, C-f3 Pedal, C-d1  
Bordun 16' Subbaß 16' Pedalkoppel
Gedackt 8'    
Gamba 8'    
Salicional 8'    
Principal 4'    
Flauto traverso 4'    
Rauschquinte 2f.    

In Rimmels gespielte Stücke:
Johannes Brahms: Schmücke dich, o liebe Seele op. 122,5 >>>
Johannes Diebold: Fughetta über "Bagdad" >>>
Johannes Diebold: Vor- oder Nachspiel >>>
August Eduard Grell: Präludium Nr. 7 c-moll >>>
August Eduard Grell: Präludium Nr. 8 C-Dur >>>
Max Gulbins: Auf, Christenmensch >>>
Max Gulbins: Christe, wahres Seelenlicht >>>
Max Gulbins: Christus, der ist mein Leben >>>
Max Gulbins: Herr Jesu Christ, dich zu uns wend >>>
Max Gulbins: Jesus, meine Zuversicht >>>
Wilhelm Rudnick: Marter Gottes >>>
Wilhelm Volckmar: Andante B-Dur >>>
Wilhelm Volckmar: Andante F-Dur >>>



RODENBACH (Gemeinde Altenstadt, Wetteraukreis)
Ev. Kirche




Erbauer: Georg Wagner (Lich) 1621, Schleifladen, mechanische Spiel- und Registertraktur

Rodenbach ist ein Ortsteil der Gemeinde Altenstadt im hessischen Wetteraukreis. Für Ortsunkundige besteht Verwechslungsgefahr mit dem rund 25 Kilometer südlich liegenden und rund zehnmal größeren Rodenbach bei Hanau, das aber im Main-Kinzig-Kreis liegt. „Unser“ Rodenbach mit rund 870 Einwohnerinnen und Einwohnern liegt in einer Mulde nördlich von Altenstadt in der naturräumlichen Teileinheit Heldenbergener Wetterau an der „Hessischen Apfelwein- und Obstwiesenroute“. Östlich des Ortes führt die Autobahn A45 vorbei. Erstmals schriftlich erwähnt wird der Ort in einer Urkunde des Klosters Fulda, die auf die Zeit zwischen 780 und 817 datiert werden kann. Im späten Mittelalter war Rodenbach Teil des Freigerichts Kaichen, auch Grafschaft Kaichen genannt. Ab 1806 gehörte dieses Gebiet dann zum Großherzogtum Hessen. 1972 wurde Rodenbach im Rahmen der Gebietsreform nach Altenstadt eingemeindet. Rodenbach war früher das kirchliche Zentrum der Gegend. Zur Rodenbacher Mutterpfarrei gehörten Lindheim, Enzheim, Heegheim, Oberau und sogar Altenstadt selbst. Die heutige Kirche wurde in den Jahren 1752 bis 1757 anstelle eines mittelalterlichen Vorgängerbaues errichtet. 1781 erwarb man dann eine gebrauchte Orgel, heute ein ganz besonderes Juwel der hessischen Orgellandschaft. Es handelt sich hierbei nämlich um eine der ältesten Orgeln Hessens, erbaut im Jahre 1621 und in ihrem klingenden Bestand etwa zur Hälfte original erhalten. Manchmal liest man auch, dass es „die“ älteste Orgel Hessens sein soll. Nun, mit solchen Superlativen soll man im Orgelbau generell vorsichtig sein, denn alle Instrumente der Frühzeit der hessischen Orgelbaugeschichte sind später mehr oder weniger verändert worden, so dass einzelne oder auch größere Teile rekonstruiert werden mußten.
Die Orgel in Rodenbach wurde 1621 von Georg Wagner aus Lich erbaut. Der 1551 als Urgelmacher in Lich erwähnte Jörg Wagner war wohl sein Vater. Georg Wagner dürfte etwa 1560 geboren worden sein und erlernte das Orgelbauhandwerk in der Werkstatt des im späten 16.Jahrhundert weithin berühmten Caspar Schütz in Laubach. Spätestens 1590 wurde er Organist an der Licher Marienstiftskirche und entwickelte sich im frühen 17. Jahrhundert zum führenden Orgelbauer in Hessen. Nicht in Betracht kommt er wohl als Erbauer des sogenannten Althefer-Positivs im Marburger Schloß, das wohl noch vor 1600 entstand und ihm manchmal zugeschrieben wird. Eher ist hier an ein Mitglied der Familie Compenius zu denken, wie Vergleiche mit den Compenius-Orgeln in Frederiksborg und Kroppenstedt nahelegen, aber das ist ein anderes Thema. Von Georg Wagners 1614 erbauter Orgel in der Markuskirche zu Butzbach ist noch der Prospekt mit dem originalen Principal 2' im Rückpositiv erhalten. Diese Orgel in Butzbach und auch das 1624 fertiggestellte Instrument in der Marienstiftskirche zu Lich, dessen Prospekt ebenfalls erhalten ist, weist in den Flachfeldern des Hauptwerks einen Spiegelprincipal auf, wie es uns im Brabanter Orgelbau des 16. Jahrhunderts öfter begegnet. Alle drei erhaltenen Prospekte Wagners sind reich mit gesägtem Renaissance-Schnitzwerk verziert. Die heute in Rodenbach stehende Orgel wurde 1621 für die Stadtkirche zu Nidda erbaut. Als Johann Andreas Heinemann dort 1781 ein neues Instrument errichtete, verkaufte man die alte Orgel in das knapp 20 Kilometer südlich von Nidda liegende Rodenbach. Im 19.Jahrhundert leicht verändert, konnte die Orgel 1970 durch die Firma Rudolf von Beckerath aus Hamburg für die damalige Zeit vorbildlich und konsequent restauriert werden. Vier der acht Register, also sie Hälfte des Pfeifenwerks, sind original erhalten, darunter der unersetzliche Principal 4' im Prospekt. Georg Wagner, der neben den bereits genannten unter anderem auch Instrumente in Friedberg, Gießen, Marburg und Frankfurt errichtete, starb 1635. Nachfolger wurde sein 1610 geborener Sohn Georg Henrich Wagner, der den Wirkungskreis der Werkstatt noch ausdehnen konnte und beispielsweise 1665 eine Orgel in die Abteikirche Bronnbach im Taubertal lieferte und 1685 in die Schloßkirche zu Romrod bei Alsfeld, wo der Prospekt bis heute erhalten ist.
Es gibt nur wenige Orgeln in Hessen und darüber hinaus, die die Musik aus der Zeit der Renaissance und des Frühbarock so unmittelbar lebendig werden lassen wie das Instrument in Rodenbach. Die Orgel besitzt acht Register, aber kein Pedal. Das Manual ist in der großen Oktave als sogenannte kurze Oktave gebaut, Das heißt, das die Klaviatur mit der Taste E beginnt, auf der aber der Ton C erklingt. Auf der Fis-Taste ertönt der Ton D und auf der Gis-Taste der Ton E, alle anderen Töne liegen wie gewohnt. Somit besitzt das Manual 45 Tasten bis zum c3 und folgende Stimmen: Gedackt 8', Principal und Kleingedackt 4', Quinte 2 2/3', Octave 2', eine 4fache Mixtur, eine 2fache Cymbel sowie eine, allerdings rekonstruierte, Posaune 8'. Bemerkenswert sind die originalen eisernen Hebel, mit denen die Register betätigt werden. Eine ganz besondere Färbung erhält der Klang der Rodenbacher Orgel noch durch die mitteltönige Stimmung nach Michael Praetorius, die die Grundtonarten mit wenig Vorzeichen ganz besonders, fast schon übernatürlich rein erklingen läßt auf Kosten der in jener Zeit nur selten benutzten Randtonarten, die mit steigender Vorzeichenzahl zunehmend unsauber klingen. Das zu den ältesten Orgeln Hessens zählende Instrument in Rodenbach erlaubt eine faszinierende Zeitreise für alle, die sich auf den ganz besonderen Klang aus einer fernen Vergangenheit einlassen, ganz gleich ob Zuhörer oder Spieler.

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Disposition:


Manual, CDEFGA-c3  
Gedackt 8' (kein Pedal)
Principal 4'  
Kleingedackt 4'  
Quinte 2 2/3'  
Octave 2'  
Mixtur 4f.  
Cymbel 2f.  
Posaune 8'  

In Rodenbach gespielte Stücke:
Anonymus: Des boosdoenders Wille seer quaet >>>
Anonymus: Estampie I >>>
Anonymus: Estampie II >>>
Anonymus: Myn God Voet mij als myn Herder ghepressen >>>
Anonymus: Paumgartner >>>
Anonymus: Wol up ghesellen yst an der tyet >>>
Adriano Banchieri: Fantasia del Duodecimo & Undecimo modo >>>
Adriano Banchieri: Fantasia del Settimo & Ottauo Tuono >>>
Adriano Banchieri: Sonata Terza, Fuga grave >>>
Johann Benn: Canzon in g >>>
Antonio de Cabezon: Tiento del primer tuono >>>
Guillaume Dufay: Kyrie >>>
Guillaume Dufay: Vexilla regis >>>
Walter Frye: Tant apart >>>
Hans Leo Hassler: Ach weh der schweren pein >>>
Hans Leo Hassler: All Lust und Frewdt >>>
Hans Leo Hassler: Dantzen und Springen >>>
Hans Leo Hassler: Mir traumbt in einer nacht >>>
Hans Leo Hassler: Nun last uns fröhlich sein >>>
Hans Leo Hassler: Vater unser im Himmelreich >>>
Paul Hofhaimer: Erst weiß ich was die Liebe ist >>>
Heinrich Isaac: La Morra >>>
Heinrich Isaac: Ricercar >>>
Hans Judenkönig: Ain Spaniyelischer Hoff Dantz >>>
Hans Kotter: Kochersberger Spaniol >>>
Hans Kotter: Praeludium in fa >>>
Hans Kotter: Proemium in re I >>>
Hans Kotter: Proemium in re II >>>
Samuel Mareschall: Fuga in a >>>
Samuel Mareschall: Fuga in d >>>
Conrad Paumann: Mit ganczem Willen >>>
Heinrich Scheidemann: Praeambulum in d >>>
Adam Steigleder: Passa e mezzo >>>
Jan Pieterszoon Sweelinck: Fantasia in g >>>
Christian Friedrich Witt: Ciacona in B



ROSSBACH (Stadt Hünfeld, Landkreis Fulda)
Kath. Filialkirche Mariä Himmelfahrt



Erbauer: Conrad Euler (Gottsbüren) 1893, Schleifladen, mechanische Spiel- und Registertraktur

19 mal gibt es den Ortsnamen Roßbach in Deutschland, allein in Hessen finden wir fünf Orte mit diesem Namen. „Unser“ Roßbach ist ein Stadtteil von Hünfeld im osthessischen Landkreis Fulda. Der Ort liegt im Norden des Kreises, etwa 4 Kilometer nordöstlich der Stadt Hünfeld. Roßbach grenzt im Norden an Betzenrod, im Osten an Kirchhasel, im Süden an die Stadt Hünfeld und im Südwesten an das Dorf Gruben. Erstmals urkundlich erwähnt wird Roßbach im Jahre 815. Es gehörte immer zum Gebiet der Abtei und später des Bistums Fulda und ab 1821 zum Landkreis Hünfeld im damaligen Kurfürstentum Hessen. Im Zuge der hessischen Gebietsreform 1971 wurde Roßbach zu einem Stadtteil der Stadt Hünfeld, die ein Jahr später ihren Status als Kreisstadt verlor und seitdem zum Landkreis Fulda gehört. 480 Einwohnerinnen und Einwohner leben heute hier in Roßbach. Kirchlich gehört Roßbach heute zum vor einigen Jahren gegründeten „Pastoralverbund Sankt Benedikt Hünfelder Land“. Für das Jahr 1453 ist in Roßbach eine Vikarie belegt, demnach muss es hier auch damals schon eine Kirche gegeben haben. Die heutige katholische Filialkirche St. Mariä Himmelfahrt wurde 1892 im neugotischen Stil erbaut. Zum Abschluß des Kirchenneubaus erhielt Roßbach dann im Jahre 1893 eine neue Orgel und zwar aus der Werkstatt der Königlich Preußischen Hoforgelbauer Gebr. Euler aus Gottsbüren, wie wir auf dem originalen Firmenschild noch heute lesen können.
Die Erbauer der Rossbacher Orgel, die Gebrüder Euler, entstammten einer alten Orgelbauerdynastie. Ihr Vater war Balthasar Conrad Euler, geboren 1791 in Gottsbüren und Schwiegersohn des Orgelbauers Johann Stephan Heeren. Insgesamt läßt sich die Orgelbau-Tradition in der Familie bis zu dem 1598 geborenen Joachim Koulen zurückverfolgen. Friedrich Wilhelm Euler wurde 1827 geboren und sein Bruder Heinrich Ludwig 1837. Beide erlernten ihr Handwerk natürlich in der väterlichen Werkstatt. 1854 übertrug der Vater seinen beiden Söhnen offiziell die Geschäftsführung, zog sich aber erst um 1858 aus der Leitung zurück. Unter dem Namen „Gebr. Euler“ führten sie als gemeinsame Inhaber die Werkstatt zu einer neuen Blüte und wurden 1878 zu Königlichen Hoforgelbauern ernannt. Friedrich Wilhelm Eulers Sohn, Conrad Friedrich Euler, übernahm nach dem Tod des Vaters 1893 die Werkstatt, während sein Onkel Heinrich Ludwig sich zurückzog und im Jahre 1906 verschied. Conrad Euler verlegte den Betrieb nach Hofgeismar, der später von seinem 1905 geborenen Sohn Friedrich Wilhelm Heinrich und dann von dem 1939 geborenen Enkel Friedemann Euler fortgeführt wurde. Das Familienunternehmen bestand in Hofgeismar bis gegen das Ende des 20. Jahrhunderts. Die Gebrüder Euler hielten lange an der traditionellen Technik der Schleiflade fest und so besitzt auch das 1893 erbaute Instrument in Roßbach rein mechanische Schleifladen. Dies ist fast schon ein Anachronismus in jener, wie Friedrich Ladegast es einmal ausdrückte, „ganz kegeltollen Zeit“. Es dürfte auch eine der letzten, wenn nicht sogar die letzte Schleifladenorgel aus der Euler-Werkstatt sein, denn streng genommen wurde die Orgel nicht von den Gebrüdern (Friedrich Wilhelm und Heinrich Ludwig) Euler erbaut, da Friedrich Wilhelm bereits im Januar 1893 gestorben ist und sein Sohn Conrad Euler, wie bereits erwähnt, danach die Firma übernahm. Im Januar 1893 wurde die Orgel für Roßbach bestellt, die sodann im Juli 1893 zur Aufstellung kam und 4.400 Mark kostete. Conrad ging nach der Übernahme des Unternehmens dann recht rasch zum Bau der Kegellade über und einige Jahre später auch zur damals modernen pneumatischen Traktur. Im Laufe der Jahrzehnte wurde die Roßbacher Orgel niemals grundlegend verändert; wie durch ein Wunder ist sie auch der Barockisierungswelle nach dem Zweiten Weltkrieg entgangen, der in Westdeutschland nahezu keine Orgel der Romantik verschont hat. Der außerordentlich vollständige Erhaltungszustand der Euler-Orgel in Roßbach macht sie darum zu einem bedeutenden Denkmal der hessischen Orgelbaukunst im ausgehenden 19. Jahrhundert.
Die 1893 erbaute Euler-Orgel in Roßbach besitzt 16 Register auf zwei Manualen und Pedal. Die Manuale haben einen Tonumfang bis zum f3. Die klangprächtige Disposition des Hauptwerks besteht aus Bordun 16', Principal, Gambe und Hohlflöte 8', Oktave und Flöte 4', einer 3-fachen Mixtur und einer Trompete 8'. Das zweite Manual besitzt fünf, typisch romantische Charakterstimmen, nämlich Geigenprincipal, Fernflöte, Salicional und Aeoline 8' sowie ein Gemshorn 4'. Das Pedal schließlich, das bis zum d1 geführt ist, verfügt über Subbaß 16' sowie Oktavbaß und Violon 8', dazu kommen eine Manual- und eine Pedalkoppel. 2003 wurde das klanglich und auch optisch sehr edle Instrument durch die Firma Orgelbau Waltershausen GmbH behutsam und stilgerecht restauriert. 

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Disposition:

Hauptwerk, C-f3 Oberwerk, C-f3 Pedal, C-d1  
Bordun 16' Geigenprincipal 8' Subbaß 16' Manualkoppel
Principal 8' Fernflöte 8' Octavbaß 8' Pedalkoppel
Hohlflöte 8' Salicional 8' Violon 8'  
Gambe 8' Aeoline 8'    
Octave 4' Gemshorn 4'    
Flöte 4'      
Mixtur 3f.      
Trompete 8'      

In Roßbach gespielte Stücke:
Albrecht Brede: Fuge C-Dur >>>
Heinrich Henkel: Tonsatz für Herrn Rundnagel >>>
Max Reger: Was mein Gott will, das gescheh allzeit >>>
Max Reger: Wer nur den lieben Gott läßt walten >>>
Christian Heinrich Rinck: Macht hoch die Tür >>>
Carl Rundnagel: Jesu, meine Freude >>>
Carl Rundnagel: O Gott, du frommer Gott >>>
Robert Schaab: An Wasserflüssen Babylon >>>
Robert Schaab: Warum betrübst du dich, mein Herz >>>



RÜCKERS (Stadt Hünfeld, Landkreis Fulda)
Kath. Filialkirche St. Anna



Erbauer: Matthäus Obermüller (Meiningen) 1734, Schleifladen, mechanische Spiel- und Registertraktur

Den Ortsnamen Rückers gibt es im osthessischen Landkreis Fulda gleich zweimal. Neben dem Ortsteil von Flieden heißt auch ein Stadtteil von Hünfeld so, in dem heute rund 450 Einwohnerinnen und Einwohner leben. Unser Rückers liegt im Norden des Landkreises, etwa 4 Kilometer südlich der Stadt Hünfeld, am linken Ufer der Haune. Die vielbefahrene Bundesstraße B27 führt direkt am Ort vorbei und die hübsche Dorfkirche St. Anna ist von der Straße aus gut zu sehen. Erstmals urkundlich erwähnt wurde das Dorf um das Jahr 1150 als „Riggozes“. Der Ortsname bedeutet Siedlung eines Richgoz. Die Grundherrschaft gehörte dem Kloster Fulda und im Jahre 1656 wird erstmals eine Kapelle mit dem Patrozinium St. Anna erwähnt. Zu diesem Zeitpunkt zählte das Dorf zur Pfarrei Hünfeld, später war es eine Filiale von Marbach und heute gehört das Dorf zum vor einigen Jahren gegründeten „Pastoralverbund Sankt Benedikt Hünfelder Land“. Die heutige katholische Filialkirche mit ihrem schlanken Dachreiter wurde im Jahre 1863 in neugotischen Formen errichtet. In ihrem Inneren ist unter anderem eine Figur des Heiligen Rochus bemerkenswert. Die kleine Orgel auf der Empore wurde 1868 von der Kirchengemeinde gebraucht erworben. Erbaut wurde sie ursprünglich für die Pfarrkirche in Neukirchen im Haunetal und stammt aus der Werkstatt des Orgelbauers Johann Matthäus Obermüller aus Meiningen.
Johann Matthäus Obermüller, der Erbauer der heute in Rückers stehenden Orgel, wurde 1670 in Meiningen geboren. Wo er seine Lehre zum Orgelbauer absolvierte, wissen wir nicht. Der Orgelprospekt in Rückers mit seinen seitlichen Harfenfeldern mit den bronzierten Subbaß-Holzpfeifen ist jedoch typisch für den Orgelbau im fränkisch-thüringischen Grenzgebiet um 1700. So könnte man - mit aller Vorsicht - etwa an eine Ausbildung bei Caspar Schippel in Hildburghausen oder bei dessen Vetter Christoph Crapp denken, die ganz ähnliche Formen bei ihren Orgelprospekten pflegten. Obermüller heiratete 1693 und muss eine hochangesehene Persönlichkeit gewesen sein, denn er bekleidete am Hofe zu Meiningen gleich mehrere wichtige Positionen. Neben dem Titel eines privilegierten Hoforgelmachers war er Münzmeister und „Hoffaktor“. Ein Hoffaktor war ein an einem höfischen Herrschaftszentrum beschäftigter Kaufmann, der Waren, Heereslieferungen oder Kapital für den Herrscher zu beschaffen hatte, also, wenn man so will, eine Art „kaufmännischer Leiter“ der Hofverwaltung. Seinen ersten nachgewiesenen Orgelneubau errichtete er 1699 in der Kirche des Städtchens Nordheim vor der Rhön. Diese Orgel wurde Ende des 18. Jahrhunderts durch einen Neubau ersetzt; hierbei wurden allerdings Teile des Prospekts und auch des Pfeifenwerks von Obermüller übernommen. Dieses interessante Instrument wird in einem anderen Orgelportrait näher vorgestellt. Weitere Orgeln entstanden sodann im Nachbarort Sondheim vor der Rhön, 1716 in Lobenstein, 1723 in Rothausen in Grabfeld und 1728 in Metzels bei Meiningen, dem Geburtsort des Komponisten Johann Gottfried Vierling. 1734 errichtete Obermüller sodann das Instrument für die Pfarrkirche in Neukirchen mit 7 Registern auf einem Manual und Pedal. Es ist die Orgel, die heute in Rückers steht. Johann Matthäus Obermüller verstarb 1751 in Meiningen mit 81 Jahren. Seine Erben verkauften aus dem Nachlaß eine weitgehend fertiggestellte Orgel nach Willmars, einem Dorf bei Ostheim vor der Rhön, die dort in den 1750er Jahren aufgestellt wurde und trotz einiger Veränderungen die Zeiten bis heute relativ gut überstanden hat.
1868 errichtete man in der Pfarrkirche zu Neukirchen eine neue Orgel. Das alte Obermüller-Instrument wurde von der kleinen Filialkirchengemeinde in Rückers preisgünstig erworben und unverändert wieder aufgestellt. In den 1930er Jahren erhielt die Orgel ein zweites Manual mit pneumatischer Traktur, das sich in der Folge jedoch als sehr störanfällig erwies. 1963 wurde die Orgel durch den Orgelbauer Alban Späth aus Fulda restauriert und klanglich wieder auf den Zustand der Erbauungszeit zurückgeführt. Die mechanische Traktur und die gesamte Spielanlage wurden damals jedoch, sicher in bester Absicht, komplett erneuert. Das Instrument besitzt sieben Register auf einem Manual und Pedal. Das Manual hat einen Tonumfang bis zum c3 und verfügt über die Stimmen Gedackt und Viola di Gamba 8', Principal 4', die Oktave 2' und eine 3fache Mixtur auf 2'-Basis. Das ursprünglich nur bis zum a° ausgeführte Pedal wurde bei der Restaurierung 1963 bis zum c1 erweitert und verfügt über die beiden Register Subbaß 16' und Oktavbaß 8'. Da aus dem Oeuvre des Meininger Hoforgelmachers und Hoffaktors Johann Matthäus Obermüller nur ganz wenige Reste bis heute überdauert haben, verdient die kleine Orgel in Rückers in jedem Fall Beachtung. 

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Disposition:

Manual, C-c3 Pedal, C-c1  
Gedackt 8' Subbaß 16' Pedalkoppel
Viola di Gamba 8' Octavbaß 8'  
Principal 4'    
Octave 2'    
Mixtur 3f.    

In Rückers gespielte Stücke:
Johann Christoph Bach: Erbarm dich mein, o Herre Gott >>>
Johann Christoph Bach: In dich hab ich gehoffet, Herr >>>
Johann Christoph Bach: Wie schön leuchtet der Morgenstern >>>
Johann Michael Bach: Die sind die heil'gen zehn Gebot >>>
Christoph Brückner: Jesu, meine Freude - Menuett >>>
Christoph Brückner: Jesu, meine Freude - Priere >>>
Christian Heinrich Rinck: Wenn mein Stündlein vorhanden ist >>>
Georg Andreas Sorge: Fuga g-moll >>>



SCHWARZBACH (Gemeinde Hofbieber, Landkreis Fulda)
Kath. Pfarrkirche St. Maria vom Berge Karmel



Erbauer: Johann Markus Oestreich 1812 (Oberbimbach), Umbau Matthias Kreienbrink (Osnabrück) 1978, Schleifladen, mechanische Spiel- und Registertraktur

Schwarzbach ist ein 450 m hoch gelegener Ortsteil der Gemeinde Hofbieber im hessischen Landkreis Fulda. Der Ortsteil Schwarzbach hat 476 Einwohner und liegt nordwestlich von Hofbieber, zwischen Gotthards im Norden und Langenberg im Süden. Urkundlich erstmals erwähnt wurde der Ort 1363, der bis 1802 zum fuldischen Oberamt Bieberstein gehörte. Im Zuge der hessischen Gebietsreform wurde die bis dahin im Landkreis Hünfeld gelegene selbstständige Gemeinde Schwarzbach in die neue Gemeinde Hofbieber im nunmehrigen Landkreis Fulda eingemeindet. Der Ort liegt eingebettet in die reizvolle und charakteristische Mittelgebirgslandschaft der Rhön. Die römisch-katholische Pfarrkirche wurde 1912–1914 nach Entwürfen von Georg Kegel erbaut und ist der Heiligen Maria vom Berge Karmel geweiht. Sie wird wegen ihrer für den kleinen Ort ungewöhnlichen Größe auch „Rhön-Dom“ genannt und ist unter diesem Namen weithin bekannt. Beim Bau der Kirche wurde der Turm der Vorgängerkirche beibehalten und in den Neubau integriert. Neben einigen anderen Ausstattungsgegenständen wurde auch die Orgel aus der alten Kirche übernommen, die 1812 von Johann Markus Oestreich aus Oberbimbach bei Fulda gefertigt wurde. Gleich zu Beginn gab es im Übrigen Streit aufgrund der Tatsache, dass sich der im unweit von Schwarzbach gelegenen Dorfe Allmus ansässige Orgelbauer Johann Schneider als örtlicher Orgelbauer übergangen fühlte. Wir können davon ausgehen, dass die Empfehlung zugunsten der Firma Oestreich von Michael Henkel, dem Stadt- und Domkantor aus Fulda ausging. Bekanntlich hat Henkel über Jahrzehnte gut und vertrauensvoll mit den Oestreichs zusammengearbeitet und so manches Werk der Orgelbauerfamilie mit geplant, abgenommen und begutachtet.
Der Orgelbauer Johann Markus Oestreich wurde 1737 geboren. Sein Vater Jost Oestreich war Schreiner und erlernte das Orgelbauhandwerk vermutlich bei dem Schreiner und Orgelbauer Johannes Bien in Blankenau. Aber erst, als sein Sohn Johann Markus ab etwa 1760 den Vater in der Werkstatt unterstützte, sind Neubauten der Oestreichs belegt. Es wird vermutet, dass Johann Markus seine Ausbildung bei dem Frankfurter Orgelbauer Philipp Ernst Wegmann erhielt, aber belegt ist das nicht. Seine größten, zweimanualigen Werke errichtete Johann Marcus Oestreich ab etwa 1780. Er verwendete hierfür einen typischen, langgestreckten Prospektaufbau, der als sogenannter Oestreich-Prospekt in die Orgelbaugeschichte eingegangen ist. Zu nennen sind hier die großen Instrumente in Nieder-Moos, Detmold, Gemünden an der Wohra, Bigge im Sauerland und Stadtlengsfeld in Thüringen. Daneben baute Oestreich eine größere Anzahl meist kleinerer Orgeln mit einem Manual hauptsächlich im Gebiet des Fürstbistums Fulda. Ab etwa 1800 fand Johann Markus Oestreich tatkräftige Unterstützung durch seine beiden Söhne Johann Adam und Johann Georg, die zunehmend selbstständiger agierten und später die Werkstatt aufteilten in den Bimbacher Stammbetrieb und eine zweite Werkstatt in Bachrain, unmittelbar vor den Toren Fuldas. Das 1812 für Schwarzbach erbaute Instrument wird allgemein Johann Marcus Oestreich selbst zugeschrieben. Zwar kann auch hier die Mitarbeit von einem seiner Söhne nicht ausgeschlossen werden, doch ist bekannt, dass der Seniorchef bis ins hohe Alter in der Werkstatt mitgearbeitet hat. Er wäre also bei Fertigstellung der Orgel 75 Jahre alt gewesen. Dies ist durchaus vorstellbar, denn Johann Marcus Oestreich erreichte immerhin das gesegnete Alter von 95 Jahren. Zum Zeitpunkt der Erbauung hat die Orgel 14 Register auf einem Manual und Pedal. Bei Wiederaufbau in der neuen Kirche 1914 wurde die Orgel sehr ungünstig auf die Seitenempore gequetscht, so dass die optisch und klanglich kaum zur Geltung kam. Einige kleinere Veränderungen in der Folgezeit veränderten die Orgel in ihrer Grundsubstanz nicht allzu viel. Dies änderte sich leider 1978, als man die Orgel zunächst auf die Hauptempore versetzte, was akustisch sehr günstig ist. Allerdings hat man die Orgel damals auch, wie es in einer Inschrift auf der neuen Spielanlage heißt, „restauriert“. Diesen Begriff der Restaurierung sollte man im Zusammenhang mit den damals durchgeführten Arbeiten allerdings in Anführungszeichen setzen, denn es war ein De-Facto-Neubau, bei dem nur wenige, vereinzelte Pfeifen aus der früheren Orgel übernommen wurden.
Die 1978 durch die Orgelbaufirma Matthias Kreienbrink aus Osnabrück im Wesentlichen erneuerte, ursprünglich auf Johann Markus Oestreich zurückgehende Orgel in Schwarzbach besitzt 14 Register auf zwei Manualen und Pedal. Alle Klaviaturen haben die heute üblichen Umfänge, die Manuale demzufolge vom Ton C bis zum g3. Wir finden im Hauptwerk die Register Principal und Rohrflöte 8', die Octave 4', eine Blockflöte 2' sowie Sesquialter 2fach und eine 4-fache Mixtur. Das Positiv besitzt Gedackt 8', Kleingedackt 4', Principal 2', eine Quinte 1 1/3' sowie eine 2fache Cymbel. Das Pedal, das bis zum f1 ausgebaut ist, besitzt die drei Stimmen Subbaß 16', Gedacktbaß 8' und Choralbaß 4', dazu kommen die drei üblichen Normalkoppeln. Die heutige Oestreich-/Kreienbrink-Orgel in Schwarzbach ist ein solides Instrument, das den Erfordernissen in der heutigen Liturgie vollauf gerecht wird. Wie eine echte Oestreich-Orgel klingt sie allerdings nicht, zu wenig weich und grundtönig ist der derzeitige Klang der einzelnen Register. Es wäre kein allzu großer Aufwand, hier ein wenig an der Intonation nachzufeilen, um ein wenig mehr Wärme und klassizistische Eleganz zu erzielen. 

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Disposition:

Hauptwerk, C-g3 Positiv, C-g3 Pedal, C-f1  
Principal 8' Gedackt 8' Subbaß 16' Manualkoppel
Rohrflöte 8' Kleingedackt 4' Gedacktbaß 8' Pedalkoppel zu I
Octave 4' Principal 2' Choralbaß 4' Pedalkoppel zu II
Blockflöte 2' Quinte 1 1/3'    
Sesquialter 2f. Cymbel 2f.    
Mixtur 4f.      

In Schwarzbach gespielte Stücke:
Johann Christoph Bach: Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort >>>
Johann Christoph Bach: Jesus Christus, unser Heiland >>>
Christian Heinrich Rinck: Nachspiel g-moll >>>
Johann Gottfried Walther: Wo Gott zum Haus nicht gibt sein Gunst >>>
Heinrich Joseph Wasssermann: Die Harmonie >>>



SIMMERSHAUSEN (Gemeinde Hilders, Landkreis Fulda)
Kath. Pfarrkirche St. Johannes



Erbauer: Johann Eckarts (Empfertshausen) 1747, Rekonstruktion Kilian Gottwald (Amöneburg) 2015-2016, Schleifladen, mechanische Spiel- und Registertraktur

Simmershausen ist einer von elf Ortsteilen der Marktgemeinde Hilders im osthessischen Landkreis Fulda. Der Ort liegt im Biosphärenreservat der hessischen Rhön, unweit der Landesgrenze zu Thüringen auf rund 520 Metern Höhe. Das als Erholungsort anerkannte Simmershausen liegt zwischen den sie umgebenden Bergen Buchschirm, Auersbach und Staufelsberg. Urkundlich erwähnt wurde Simmershausen erstmals 915. Auf dem Gebiet des Orts befindet sich die Auersburg, die im Mittelalter zunächst zum Kloster Fulda gehörte, um 1290 aber in den Besitz des Bistums Würzburg wechselte. Später gehörten die Auersburg und mit ihr das Dorf Simmershausen zum würzburgischen Amt Hilders. Als das Hochstift Würzburg 1803 aufgelöst wurde, kam der Ort 1803 zu Bayern, 1806 zum Großherzogtum Würzburg, 1814 wieder zu Bayern und nach dem deutsch-deutschen Krieg 1866 zur preußischen Provinz Hessen-Nassau. 1971 wurde Simmershausen im Rahmen der Hessischen Gebietsreform in die Gemeinde Hilders eingegliedert. Die katholische Pfarrkirche St. Johannes der Täufer stammt aus den Jahren 1597 bis 1613. Es ist eine jener sogenannten Julius-Echter-Kirchen, die unter der Ägide des Würzburger Fürstbischofs Julius Echter von Mespelbrunn errichtet wurden und die alle eine ganz typische Turmform aufweisen: spitzer, achteckiger Helm auf quadratischem Grundriß. Die Orgel der Kirche hat eine bewegte Geschichte. Erbaut wurde sie ursprünglich im Jahre 1747 durch den Orgelbauer Johann Eckarts aus Empfershausen in der Rhön.
Die heute in Simmershausen stehende Orgel wurde ursprünglich für die Kirche in Erbenhausen erbaut, das liegt etwa 13 Kilometer östlich von Simmershausen in Thüringen. Von ihrem Erbauer weiß man eigentlich nicht viel mehr als den Namen, Johann Eckarts, und dass dieser seine Werkstatt im Holzschnitzerdorf Empfershausen in der Rhön hatte. Weitere Orgelarbeiten von Johann Eckarts sind bislang nicht bekannt geworden. 1885 wurde dieses Instrument, das ursprünglich neun Register auf einem Manual und Pedal besaß, nach Simmershausen verkauft und dort von dem Orgelbauer Wilhelm Hey aus Sondheim vor der Rhön wieder aufgestellt. 1963 erfolgte ein Klangumbau im Sinne der damaligen Neobarock-Welle und 1973 ein erneuter, diesmal durchgreifender Umbau, der allerdings aus heutiger Sicht als verunglückt bezeichnet werden muß und der wesentliche historische Substanz beschädigt hat. 2015 hatte man dem 1967 geborenen Orgelbauer Kilian Gottwald aus Amöneburg die anspruchsvolle Aufgabe übertragen, in Simmershausen einen Teilneubau zu errichten, der allerdings viele wesentliche, auch historische Teile mit einbeziehen sollte. Man kann hier von einer Kombination der sich im Grunde widersprechenden Projektziele Restaurierung und Neugestaltung sprechen. Es galt zunächst, aus der mehrfach veränderten und zuletzt auch wesentlich erweiterten Orgelanlage den noch gut erkennbaren barocken Kern aufmerksam restaurierend herauszuarbeiten. Übernommen wurden neben dem barocken Gehäuse und den historischen Windladen in Hauptwerk und Pedal auch einige Register der Vorgängerorgel, und zwar nicht nur die wenigen, auf Johann Eckarts zurückgehenden Register. Durch sorgfältige Umintonation wurde so etwa aus der neobarocken Spillpfeife ein helles und doch klangvolles Flauto dolce gemacht. Kilian Gottwald hat in Simmershausen eine historische Orgel sozusagen „aus ihrem Geist heraus“ neu geschaffen, ohne dass eine Stilkopie angestrebt werden konnte und sollte.
Die 2016 durch den Fuldaer Weihbischof Karlheinz Diez wieder eingeweihte Eckarts-/Gottwald-Orgel in der St.-Johanneskirche zu Simmershausen besitzt heute 14 Register auf zwei Manualen und Pedal. Die Manuale haben jeweils einen Tonumfang bis zum f3. Im Hauptwerk finden wir die Register Principal und Traversflöte 8', Praestant und Kleingedackt 4', eine Quinte 2 2/3', die Oktave 2' und eine 3fache Mixtur. Das Positiv verfügt über die fünf Stimmen Gedackt und Salicional 8', Flauto dolce 4', Principal 2' sowie ein 2facher Sesquialter. Das Pedal schließlich, das bis zum d1 ausgebaut ist, ist mit Subbaß 16' und Octavbaß 8' besetzt, dazu kommen die heute üblichen drei Koppeln, also eine Manual- und zwei Pedalkoppeln. Eingestimmt mit einer leicht ungleichschwebenden Temperatur nach einem eigenen Modell Gottwalds, entfaltet die Orgel in dem nicht allzu großen, dabei doch reich ausgestatteten Kirchenraum eine beachtliche klangliche Vielfalt. 

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Disposition:

Hauptwerk, C-f3 Positiv, C-f3 Pedal, C-d1  
Principal 8' Gedackt 8' Subbaß 16' Manualkoppel
Traversflöte 8' Salicional 8' Octavbaß 8' Pedalkoppel zu I
Praestant 4' Flauto dolce 4'   Pedalkoppel zu II
Kleingedackt 4' Principal 2'    
Quinte 2 2/3' Sesquialter 2f.    
Octave 2'      
Mixtur 3f.      

In Simmershausen gespielte Stücke:
Johann Michael Bach: Allein Gott in der Höh sei Ehr >>>
Johann Michael Bach: Nun komm der Heiden Heiland >>>
Johann Erasmus Kindermann: Magnificat octavi toni >>>
Marianus Königsperger: Praeambulum und Versetten septimi toni >>>
Robert Schaab: Nun ruhen alle Wälder >>>
Robert Schaab: Schicke dich, o liebe Seele >>>
Justinus Will: Aria Pastorella IV in C >>>



STEINBACH (Gemeinde Burghaun, Landkreis Fulda)
Kath. Pfarrkirche St. Matthäus



Erbauer: Matthias Kreienbrink (Osnabrück) 1965, Schleifladen, elektrische Spiel- und Registertraktur

Keine wirklich historische Orgel wird jetzt hier vorgestellt, aber eine, die für mich ganz wichtig ist. Nämlich die Orgel in meinem Heimatort, die ich seit vielen Jahren allsonntäglich und auch noch zu vielen anderen freudigen und traurigen Anlässen zum Klingen bringen darf. Den Ortsnamen Steinbach gibt es, wenn ich richtig gezählt habe, 85 mal in Deutschland, meist in Bayern, aber auch sieben mal in Hessen, darunter den Ortsteil Steinbach der Marktgemeinde Burghaun im osthessischen Landkreis Fulda mit rund 1.300 Einwohnerinnen und Einwohnern. Steinbach liegt inmitten der hessischen Kuppenrhön, auch bekannt als das Hessische Kegelspiel. Der Ort befindet sich auf einer Erhebung am nördlichen Rand der Rhön oberhalb des Tals der Haune, eines Nebenflusses der Fulda. Der Ort Steinbach wurde 1319 erstmals erwähnt, jedoch kann man von einer etwas früheren Besiedlung ausgehen. Im Zuge der Gebietsreform wurde die bis dahin selbständige Gemeinde Steinbach im ehemaligen Landkreis Hünfeld 1972 in die neu gebildete Großgemeinde Burghaun integriert und wurde somit ein Ortsteil der heutigen Marktgemeinde Burghaun. Für das Jahr 1570 ist in Steinbach eine kleine gotische Kirche belegt. Die heutige, im Mittelpunkt des Ortes stehende Kirche wurde 1921 erbaut und 1962 durch den vergrößerten Neubau des Kirchenschiffes erweitert. 1965 erhielt die erneuerte Kirche dann eine Orgel aus der Werkstatt von Orgelbaumeister Matthias Kreienbrink aus Osnabrück.
Die Anfänge des Osnabrücker Orgelbaus gehen zurück auf das Jahr 1790, als der Orgelbauer Anton Franz Schmid in Quakenbrück eine Werkstatt gründete. 1841 wurde diese von dem 1793 geborenen Johann Christian Rohlfing übernommen. Unter dem Namen Rohlfing führte die Werkstatt bis 1955 insgesamt 260 Orgelneu und -umbauten durch. 1951 trat der 1924 geborene Matthias Kreienbrink als Teilhaber in die Firma Rohlfing ein, übernahm 1955 die Werkstatt und verlegte sie 1957 nach Osnabrück-Hellern. In den kommenden knapp 40 Jahren unter seiner Leitung wurden über 500 Instrumente neu gebaut, umgebaut oder restauriert. Sein Sohn Joachim Kreienbrink, der seit 1984 in der Werkstatt mitarbeitete, übernahm die Werkstatt 1994 und hat bis heute die Werkstattleitung inne. Die Firmenleitung der heutigen Firma Kreienbrink Orgelmanufaktur GmbH liegt in den Händen von Kirsten Schweimler-Kreienbrink. In den Raum Fulda hatte die Firma Kreienbrink vielfältige Kontakte. Bereits ein Jahr nach der Geschäftsübernahme durch Matthias Kreienbrink erbaute die Firma 1956 eine neue Orgel in die Kirche St. Elisabeth in Fulda. Es folgten Orgelneubauten 1957 in Bad Salzschlirf, 1959 in der Marienkapelle des Fuldaer Domes und sodann 1961 der große Umbau der Orgel in der Fuldaer Stadtpfarrkirche. Bis etwa 1962 baute die Firma Kreienbrink, zumindest im Fuldaer Umland, in der Regel Kegelladen mit elektrischer Traktur. Ab 1963 wurden Schleifladen gebaut, anfangs noch mit elektrischer Spieltraktur, ab 1966 dann nahezu ausschließlich mit mechanischer Spieltraktur. Die 1965 eingeweihte Orgel in der St.-Matthäuskirche in Steinbach ist ein solches Instrument aus der Übergangszeit mit Schleifladen und elektrischer Spieltraktur. Dieses heute in der Regel nicht mehr gebaute Trakturkonzept hat aber noch einen direkten, in Steinbach zu suchenden Grund. Der Ort ist in der Region als Sängerdorf bekannt, ein Kirchenchor und zwei bis heute starke Chorvereine brauchen Platz, wenn sie mit teilweise über 100 Sängerinnen und Sängern zur Gottesdienstmitgestaltung antreten. Der freistehende Spieltisch steht ganz vorne an der Emporenbrüstung, um 90 Grad zur Orgel versetzt mit Blick zum Dirigentenpult, so dass eine Orgelbegleitung der Chöre komfortabel möglich ist.
Die 1965 erbaute Kreienbrink-Orgel der St.-Matthäuskirche in Steinbach hat 19 Register auf zwei Manualen und Pedal. Nicht nur die technische Anlage mit elektrischen Schleifladen, sondern auch die Klanggestalt ist typisch für die 1960er Jahre im Fuldaer Raum. Die Manuale haben den üblichen Tonumfang vom C bis zum g3. Basis ist der Principal 8', dazu treten die Register Rohrflöte 8', Oktave und Gemshorn 4', Nachthorn 2', eine 4fache Mixtur und eine Trompete 8'. Das Unterwerk enthält 6 Register, nämlich Holzgedackt 8', Blockflöte 4', Prinzipal 2', eine Sifflöte 1 1/3', ein 3faches Scharff und eine 3fache Sesquialter, die – das ist ebenfalls typisch für den Orgelbau im Raum Fulda in jener Zeit, zusätzlich zu Quint und Terz noch eine Septimenreihe enthält. Das Pedal, das bis zum f1 geführt ist, besitzt Subbaß 16', Principalbaß und Pommer 8', einen Choralbaß 4', ein 3faches Oktavcornett sowie eine Lieblich Posaune 16'. Dazu kommen die drei Normalkoppeln, ein Tremulant und seit 2005 ein Cymbelstern, den der örtliche Sängerchor Harmonie Steinbach gestiftet hat. Wie gesagt, sie ist kein Herausragendes, aber ein grundsolides Instrument, unsere Kreienbrink-Orgel in Steinbach; und sie erträgt seit vielen Jahren alle meine musikalischen Launen, wofür ich ihr wirklich ausgesprochen dankbar bin. 

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Disposition:

Hauptwerk, C-g3 Unterwerk, C-g3 Pedal, C-f1  
Principal 8' Holzgedackt 8' Subbaß 16' Manualkoppel
Rohrflöte 8' Blockflöte 4' Principalbaß 8' Pedalkoppel zu I
Octave 4' Principal 2' Pommer 8' Pedalkoppel zu II
Gemshorn 4' Sifflöte 1 1/3' Choralbaß 4' Tremulant
Nachthorn 2' Sesquialter 2-3f. Oktavcornett 3f. Cymbelstern
Mixtur 4f. Scharff 3f. Lieblich Posaune 16'  
Trompete 8'      

In Steinbach gespielte Stücke:
(Auflistung folgt)



STOCKHEIM (Gemeinde Glauburg, Wetteraukreis)
Ev. Kirche




Erbauer: Johann Philipp Zinck und Söhne (Heegheim) 1726, Umbau Johann Friedrich Syer (Nieder-Florstadt) 1775, Schleifladen, mechanische Spiel- und Registertraktur

Stockheim ist ein Ortsteil der Gemeinde Glauburg im hessischen Wetteraukreis mit knapp über 2.000 Einwohnerinnen und Einwohnern. Der Ort liegt in der östlichen Wetterau, der großen fruchtbaren Senke im Herzen Hessens, westlich des Büdinger Waldes und nördlich des Ronneburger Hügellandes. Bekannt wurde die Gegend um Stockheim durch den Fund zahlreicher Gräber und sonstiger Überreste aus der Zeit der Kelten auf dem nahen, 276 Meter hohen Glauberg. Nicht nur den berühmten Keltenfürsten, sondern auch noch viele andere sehenswerte Funde kann man in der Keltenwelt am Glauberg besichtigen. Stockheim wurde 1198 erstmals mit der Erwähnung eines Conradus de Stokheim urkundlich genannt und gehörte in der Folge zum Herrschaftsgebiet der Herren von Isenburg. Doch gilt es als sicher, dass die Siedlung vermutlich mehrere hundert Jahre älter ist. Nach der Landesteilung der Grafschaft Isenburg-Büdingen 1687 lag Stockheim im der neu gebildeten Grafschaft Ysenburg-Büdingen-Büdingen und kam dann 1816 zum Großherzogtum Hessen. 1971 schloß sich Stockheim mit dem Nachbarort Glauberg zur neuen Gemeinde Glauburg zusammen. Der Ort besitzt heute eine katholische und eine evangelische Kirche, letztere wurde 1723 errichtet. 1966 wurde das Gotteshaus durch einen modernen Anbau erweitert, der ursprünglich geplante vollständige Neubau konnte damals zum Glück abgewendet werden. 1726 bekam die Kirche dann eine neue Orgel, die von „den drei Zincken“ errichtet wurde. Hierbei handelt es sich um den Vater Johann Philipp Zinck sowie dessen Söhne Johann Adolph und Johann Henrich.
Johann Philipp Zinck wurde 1655 in Ortenberg in der Wetterau geboren, wo seine Vorfahren mindestens seit dem 16.Jahrhundert nachweisbar sind. Er war ein vielseitiger Mann, wirkte in Heegheim bei Altenstadt als Lehrer und von 1699 bis 1722 auch als Organist. Zudem arbeitete er als Schreiner und spätestens seit 1719 auch als Orgelbauer. Vier seiner Söhne erlernten ebenfalls das Orgelbauhandwerk, der 1691 geborene Johannes genauso wie seine Brüder, der 1700 geborene Johann Adolph und der 1703 zur Welt gekommene Johann Henrich. Johann Adolph Zinck übernahm 1722 das Organistenamt in Heegheim von seinem Vater und verlegte seinen Schwerpunkt mehr und mehr auf den Lehrerberuf, den er von 1733 bis zu seinem Tode 1758 in Steinfurth bei Bad Nauheim ausübte. Johann Henrich Zinck wurde später Hofschreiner und Orgelbauer in Wächtersbach und starb 1777. Die 1695 geborene Tochter des Hauses, sie hieß Apollonia, heiratete 1727 einen Gesellen Zincks, den 1701 geborenen Johann Friedrich Syer. Auch die dritte und vierte Generation der Familie Zinck brachte einige Orgelbauer hervor, die sich jedoch zumeist mit Reparaturen betätigten. Die von Johann Philipp Zinck und seinen Söhnen 1726 erbaute Orgel in Stockheim ist das besterhaltene Instrument der Familie und weist einige Besonderheiten auf. Zum Beispiel ist das Schnitzwerk der Außenfelder und der Ohren anders gearbeitet als im Mittelbau. Auch der Übergang vom Mittelgehäuse zu den seitlichen Pedalfeldern mit den silbrig gestrichenen Holzpfeifen des Principalbasses wirkt eigentümlich. Es liegt daher der Schluß nahe, daß „die Zincken“ eine vorhandene Orgel oder zumindest ihr Gehäuse übernahmen und mit einem neuen Pedalwerk versahen, so wie dies in ähnlicher Weise für die beiden 1726 und 1727 erweiterten Orgeln in Glauberg und Ober-Mockstadt nachgewiesen ist. In Glauberg ist der Prospekt noch erhalten. Vom Wirken der Orgelbauer Zinck nicht viel die Zeiten bis heute überdauert, einige Prospekte der Familie finden sich etwa noch in Steinfurth bei Bad Nauheim und in Ranstadt in der Wetterau. Auch Johann Friedrich Syer wirkte zunächst als Orgelbauer und Lehrer, doch wurde er 1753 wegen Schriftfälschung aus dem Schuldienst entlassen. Mehr über ihn kann man bei Interesse im Portrait seiner gut erhaltenen Orgel in Hoch-Weisel erfahren. 1775 reparierte er die Orgel in Stockheim und ersetzte alle Metallpfeifen durch neue - von seiner Hand. Auch die Spielanlage in Stockheim mit den typischen, hochwertig und fein gearbeiteten Manual- und Pedalklaviaturen stammt von Syer.
Die Orgel in Stockheim ist nach dem Umbau 1775 durch Johann Friedrich Syer fast unverändert geblieben, ein nicht sehr häufiger Glücksfall in der hessischen Orgellandschaft. 1977 erfolgte eine stilgerechte Restaurierung durch die Firma Förster & Nicolaus aus Lich. Die Orgel besitzt neun Register. Im Manual, das unter Aussparung des Cis bis zum c3 ausgebaut ist, finden wir zunächst ein Gedackt 8', das nach Syerscher Gepflogenheit auf dem Registerschild die Bezeichnung „Flötmajor“ trägt. Dazu kommen Principal und Gemshorn 4', Quinte 3', Octav 2' sowie eine 3fache Mixtur und eine 2fache Cymbel. Das Pedal geht nach oben bis zum c1 und verfügt über Subbaß 16' und Principalbaß 8'. Ergänzend besitzt die Orgel noch einen alten Kanaltremulanten und das Pedal ist ständig ans Manual gekoppelt. 

Link zum klingenden Orgelportrait >>>

Disposition:

Manual, CD-c3 Pedal, CD-c1  
Flötmajor 8' Subbaß 16' Pedalkoppel (fest)
Principal 4' Principalbaß 8' Tremulant
Gemshorn 4'    
Quinte 3'    
Octave 2'    
Mixtur 3f.    
Cymbel 2f.    

In Stockheim gespielte Stücke:
Johann Heinrich Buttstedt: Praeludium und Ricercar in C >>>
Johann Kaspar Ferdinand Fischer: Praeambulum und Versetten sexti toni >>>
Christoph Graupner: Preludio con fuga in a >>>
Alessandro Poglietti: Ricercar V primi toni >>>
Nicolaus Vetter: Fuga in C >>>
Nicolaus Vetter: Partita "Jesu, meine Freude" >>>
Nicolaus Vetter: Lobt Gott, ihr Christen, allzugleich >>>



STUMPERTENROD (Gemeinde Feldatal, Vogelsbergkreis)
Ev. Kirche




Erbauer: Johann Heinrich Krämer (Leusel) 1841, Schleifladen, mechanische Spiel- und Registertraktur

Stumpertenrod ist ein Ortsteil der Gemeinde Feldatal im mittelhessischen Vogelsbergkreis. Der 1335 erstmals in einer Urkunde genannte Ort lag im Amt Ulrichstein der Landgrafschaft Hessen und kam nach dem sogenannten Hessenkrieg 1648 zur Landgrafschaft Hessen-Darmstadt. Die Statistisch-topographisch-historische Beschreibung des Großherzogthums Hessen berichtet 1830 über den Ort: „Stumpertenrod (Landgerichtsbezirk Alsfeld), evangel. Pfarrdorf; liegt im Vogelsberg, 3 1/2 St. von Alsfeld, hat 102 Häuser und 539 Einwohner, die außer 1 Katholiken evangelisch sind. Die Einwohner nähren sich hauptsächlich von Ackerbau und Viehzucht. Unter den Handwerkern befinden sich mehrere Dreher, Schreiner, Schmiede, Leineweber etc.“ 1972 erfolgte die Eingemeindung in die neue Gemeinde Feldatal. Hier im waldreichen Vogelsberg wurde der Bau von Fachwerk im Laufe der Jahrhunderte zu einer hoch entwickelten handwerklichen Kunst. Viele Bilderbuchdörfer – meist einstmals reiche Bauerndörfer, wie Stumpertenrod eines war – künden noch heute davon. Auch Rathäuser und Kirchen entstanden in dieser Bauweise. Die größte – und viele sagen, die schönste – Fachwerkkirche des Vogelsbergs, ja ganz Hessens, entstand 1696-97 in Stumpertenrod nach den Plänen des Gießener Stadt- und Festungsbaumeisters Johann Ernst Müller. 1771 erhielt sie eine Orgel, über die wir nichts Näheres wissen. Schon 1840 erfolgte ein Neubau, den der Orgelbauer Johann Heinrich Krämer aus Leusel bei Alsfeld ausführte. 
Johann Heinrich Krämer wurde 1786 geboren. Er war ursprünglich Schreiner und ließ sich von Johann Hartmann Bernhard in Romrod, dem zweifellos herausragenden Orgelbauer Oberhessens in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in der Kunst des Orgelbaus unterweisen. Seit 1811 ist er als in Leusel, rund 3 Kilometer westlich von Alsfeld gelegen, ansässig nachweisbar. Zunächst scheint er nur kleinere Arbeiten, Reparaturen und Stimmungen durchgeführt zu haben. Erst 1831 entstand für die Kirche in Ober-Widdersheim in der Wetterau sein op. 1, das allerdings nicht erhalten ist. Sein Wirken erstreckte sich rund um den Vogelsberg; etwa acht Neubauten sind von seiner Hand nachweisbar. Erhalten sind die 1835 erbauten Instrumente in Feldkrücken bei Ulrichstein sowie in Rainrod bei Schotten; und die Orgel in Stumpertenrod, die 1841 eingeweiht wurde. Im Vorfeld dieses Baus wurden seitens der Gemeinde „Erkundigungen“ über Krämer eingeholt. Das zuständige Kreisamt in Alsfeld antwortete folgendermaßen: „Die erste Orgel hat Krämer zu Oberwiddersheim, Kreis Nidda unter Aufsicht und Leitung des Pfarrers Mosebach gebaut, welche von Rektor Müller zu Friedberg geprüft, allein in einem Stück nicht ganz vollkommen befunden wurde, weil nämlich das Zinn vom Principal zu gut, mit zu weniger Beimengung genommen worden war. Später sind ihm rücksichtlich seiner außerordentlichen Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit alle Orgeln, welche bereits im Kreise gebaut wurden, übertragen worden. Dekan Mosebach hat nur eine gehört, diejenige in der kleinen Kirche zu Rainrod bei Schotten, welche bei geringem Preise jedermann durch ihren guten Ton und ihre Kraft befriedige. Krämer ist im allgemeinen als ein schlichter ehrlicher Mann und zuverlässiger Orgelbauer bekannt und kann derselbe empfohlen werden.“ Seine Pfeifen waren also zu gut – man höre und staune. 1842 heiratete Krämers Tochter seinen Gesellen Johann Georg Förster, den Stammvater der späteren Licher Orgelbaufirma Förster & Nicolaus. Danach hören wir nicht mehr viel von ihm. 1848 erbaute er noch eine Orgel für Eudorf bei Alsfeld. Bald danach muß er verstorben sein. Sein zweiter Schwiegersohn Johann Heinrich Dietz übernahm die Werkstatt, starb aber bereits 1857, ohne größere Spuren hinterlassen zu haben. 
Das Instrument in der sehenswerten Fachwerkkirche in Stumpertenrod, als seitenspielige Brüstungsorgel konzipiert und durch die Firma Förster & Nicolaus aus Lich restauriert, besitzt 10 Register. Im Manual stehen Bourdon, Flauto und Salicional 8' Principal und Flauto 4', Quinta 3', Octav 2' und eine 3fache Mixtur, im Pedal Subbaß 16' und Violon 8', dazu kommt eine Pedalkoppel. Die Orgel in Stumpertenrod zeigt beispielhaft, wie sich bei so manchen Orgelbauern althergebrachte Dispositions- und Intonationsprinzipien, vor allem in ländlichen Gebieten wie dem Vogelsberg, noch sehr lange gehalten haben. 

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Disposition:

Manual, C-f3 Pedal, C-c1  
Bourdon 8' Subbaß 16' Pedalkoppel
Flauto 8' Violon 8'  
Salicional 8'    
Principal 4'    
Flauto 4'    
Quinta 3'    
Octav 2'    
Mixtur 3f.    

In Stumpertenrod gespielte Stücke:
Julius André: Adagio Es-Dur >>>
Julius André: Allegro risoluto d-moll >>>
Johann de Deo Beranek: Fuge D-Dur >>>
Valentin Engel: Larghetto a-moll >>>
Valentin Engel: Maestoso D-Dur >>>
Johann Jäger: Andante E-Dur >>>
Johann Jäger: Andante F-Dur >>>
Friedrich Kühmstedt: Jesus, meine Zuversicht I >>>
Friedrich Kühmstedt: Jesus, meine Zuversicht II >>>
Friedrich Kühmstedt: Jesus, meine Zuversicht III >>>
Friedrich Kühmstedt: Jesus, meine Zuversicht IV >>>
Friedrich Kühmstedt: Präludium Nr. 5 F-Dur >>>
Carl Rundnagel: Andante G-Dur (Spohr) >>>
Carl Rundnagel: Canon D-Dur (Schumann) >>>



ULMBACH (Stadt Steinau a.d. Straße, Main-Kinzig-Kreis)
Kath. Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt



Erbauer: Adam Joseph Oestreich (Oberbimbach) 1838, Schleifladen, mechanische Spiel- und Registertraktur

Ulmbach ist der größte Stadtteil von Steinau an der Straße im Main-Kinzig-Kreis in Osthessen. Der Ort liegt im Norden des Main-Kinzig-Kreises, an den südöstlichen Ausläufern des Vogelsberges. Im Jahre 1253 erfolgte die erste urkundliche Erwähnung von Ulmbach. Nach der Chronik soll der Ortsname vom altdeutschen „ula“ = Topf oder „ulner“, das bedeutet Töpfer abgeleitet sein und tatsächlich gab es im Mittelalter nachweislich Töpfereien in Ulmbach. 1319 wird eine Kirche St. Cyriakus im Ort erwähnt, die Filialkirche von Salmünster war. 1404 war sie eine Pfarrkirche, allerdings wechselte spätestens in der Barockzeit die Kirche ihr Patrozinium und ist heute Mariä Himmelfahrt geweiht. Der Ort gehörte bis zur Säkularisation zur Fürstabtei beziehungsweise zum Fürstbistum Fulda, war Mittelpunkt des Amtes Ulmbach und war darum im Gegensatz zum durch die Herrschaft der Riedesel schon recht früh protestantisch gewordenen Umland auch immer katholisch geblieben. 1971 wurde der Ort Uerzell eingemeindet und das Dorf Sarrod kam am 1972 hinzu. 1974 wurde die Gemeinde Ulmbach in die Stadt Steinau an der Straße eingegliedert. Heute leben etwa 1.700 Einwohnerinnen und Einwohner in dem Ort, der als staatlich anerkannter Erholungsort ausgewiesen ist. Die heutige katholische Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt wurde 1826 eingeweiht. 1838 erhielt die Kirche eine stattliche Orgel aus der Werkstatt von Adam Joseph Oestreich aus Oberbimbach bei Fulda. Er war der Sohn von Johann Georg und der Enkel von Johann Markus Oestreich, der im späten 18.Jahrhundert die Werkstatt zu ihrer größten Blüte geführt hatte.
Adam Joseph Oestreich, der Erbauer der Orgel in Ulmbach, wurde 1799 in die berühmte Orgelbauerfamilie Oestreich in Oberbimbach hineingeboren. Sein Vater war Johann Georg Oestreich, dieser wiederum war der Sohn des berühmten und auch über die Grenzen des Fuldaer Landes hinaus wohlbekannten Johann Markus Oestreich. Adam Joseph und seine beiden Brüder Michael und Augustin repräsentieren also die vierte Generation dieser bedeutenden Familie, wenngleich man die bis heute erhaltenen Instrumente der drei Brüder an einer Hand abzählen kann. Adam Joseph Oestreich erlernte sein Handwerk natürlich in der väterlichen Werkstatt. 1826 ist er erstmals mit einem selbstständigen Orgelneubau für Hattenhof im Kreis Fulda nachgewiesen; diese Orgel ist leider nicht erhalten. 1832 erstellte er einen Neubau für die Ursulinen-Klosterkirche in Fritzlar, die erhalten ist und heute in Kleinenglis steht. 1836 vollendete er den Bau einer Orgel in Großauheim bei Hanau und dann 1838 in Ulmbach. Bei diesen Arbeiten wurde er von seinem Cousin Konstantin unterstützt, dessen Namenszug sich mehrfach an Bauteilen in der Ulmbacher Orgel findet. Dies ist deshalb bemerkenswert, weil wir von diesem 1803 geborenen Sohn des Johann Adam Oestreich ansonsten keinerlei überkommene Orgeln oder Orgelteile mehr besitzen. Seine meist nach 1840 im Westfälischen errichteten Orgeln sind allesamt nicht erhalten, so die Instrumente in Altastenberg, Medebach oder Alverdissen. 1843 erhielt Adam Joseph Oestreich den Auftrag, die Orgel seines Heimatortes Oberbimbach von Grund auf zu erneuern, nachdem die dortige Pfarrkirche wesentlich vergrößert und klassizistisch umgestaltet wurde. Diesen Auftrag konnte er jedoch nicht mehr vollenden, da er kurz nach Baubeginn mit nur 44 Jahren verstorben ist. Die Orgeln Adam Joseph Oestreichs unterscheiden sich klanglich deutlich von denen seines Vaters Johann Georg und seines Onkels Johann Adam, und von denen seines Großvaters Johann Markus Oestreich sowieso. Grundtönige und weiche Flötenstimmen zeigen an, dass sich die Klangvorstellungen in Richtung Romantik verändert haben. Mit dem frühen Tod Adam Joseph Oestreichs begann der rasche Niedergang der Orgelbauerdynastie der Oestreichs, die in der 1855 erfolgten Auswanderung seines Bruders und seiner Söhne ihren Abschluß fand. An der Orgel in Ulmbach wurde zwar in den folgenden Jahrzehnten mehrfach gearbeitet und kleinere Dinge repariert, mit Ausnahme von drei später ausgetauschten Registern wurde die Grundsubstanz der Orgel aber nicht wesentlich angetastet. 1974 erfolgte eine Restaurierung durch die Fa. Hey und 1989 durch Klaus Gabriel aus Petersberg. Bei diesen Arbeiten habe ich übrigens als 15jähriger im Rahmen eines Ferienjobs erstmals Orgelluft „von innen“ geschnuppert, aber für den Beruf des Orgelmachers hat es bei mir aufgrund handwerklicher Defizite leider nicht gereicht. 2013 bis 2015 erfolgte eine umfassende Restaurierung und denkmalgerechte Rückführung auf den Originalzustand des Jahres 1838 durch die Firma Andreas Schmidt aus Linsengericht.
Vor der 2015 abgeschlossenen, umfangreichen Restaurierung war die Oestreich-Orgel in Ulmbach in einem schlechten Zustand, der nur schwach ahnen ließ, welch klangliche Schönheit hinter dem ebenmäßig gefertigten und geschmackvollen Gehäuse verborgen liegt, Bei der Restaurierung hat man den Originalzustand des Jahres 1838 wiederhergestellt und sich bei zu rekonstruierenden Details an den Schwesterinstrumenten in Großauheim und Oberrodenbach orientiert. Das Hauptwerk, das ebenso wie das Positiv über einen Tonumfang vom Ton C bis zum f3 verfügt, besitzt eine reiche Grundstimmen-Palette mit Principal, Gamba, Flöte und einem sehr schönen und weichen Bordun 8', Oktave und Flöte 4', einer Quinte 3', der Oktave 2' sowie einer 4fachen Mixtur. Das Positiv verfügt über die fünf Stimmen Lieblich Gedackt und Traversflöte 8', Kleingedackt und Salicional 4' sowie ein Flageolet 2'. Auffällig ist das Fehlen einer Prinzipalstimme im Positiv. Das Pedal schließlich, das bis zum c1 ausgebaut ist, besitzt Subbaß und Posaune 16' sowie einen Oktavbaß 8', dazu kommen eine Pedal- und eine Manualkoppel. Die Arbeiten an der Orgel waren nicht die einzigen, die in den letzten Jahren in der Ulmbacher Kirche stattfanden. Parallel wurde auch die Innenausstattung der Kirche sorgfältig und liebevoll restauriert und man fühlt sich, nachdem nun auch die Orgel ihren originalen Klang wiedererhalten hat, zurückversetzt in eine vertraute und romantische Zeit. Mit Gespür, Ausdauer und ausgereiften Sinnen waren die Menschen damals imstande, Dinge zu schaffen, an die wir uns heute kaum noch herantrauen. Manchmal ergeben einzelne Details keinen Sinn, manchmal gibt es vielleicht auch keinen, sondern es beschreibt nur die Zwischenstufe, die den Nächsten dazu ermuntert hat, dieses Detail zu verbessern, bis wir zu unseren heutigen Verfahrensweisen gekommen sind. Es ist wichtig, die verbliebenen Reste aus dieser Zeit zu retten und so für die kommenden Generationen zu bewahren.

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Disposition:

Hauptwerk, C-f3 Positiv, C-f3 Pedal, C-c1  
Principal 8' Lieblich Gedackt 8' Subbaß 16' Manualkoppel
Flöte 8' Traversflöte 8' Octavbaß 8' Pedalkoppel
Bordun 8' Kleingedackt 4' Posaune 16'  
Gamba 8' Salicional 4'    
Octave 4' Flageolet 2'    
Flöte 4'      
Quinte 3'      
Octave 2'      
Mixtur 4f.      

In Ulmbach gespielte Stücke:
Wolfgang Amadeus Mozart: Adagio für Glasharmonika KV 356 >>>
Wolfgang Amadeus Mozart: Fuga g-moll KV 154 >>>
Christian Heinrich Rinck: Präludium c-moll >>>
Christian Heinrich Rinck: Partita "Wer nur den lieben Gott läßt walten" >>>
Johann Gottfried Vierling: Christ ist erstanden >>>
Johann Gottfried Vierling: Christ lag in Todesbanden >>>
Johann Gottfried Vierling: Christus, der uns selig macht >>>
Johann Gottfried Vierling: Durch Adams Fall ist ganz verderbt >>>
Johann Gottfried Vierling: Erbarm dich mein, o Herre Gott >>>
Johann Gottfried Vierling: Heut thriumphieret Gottes Sohn >>>
Johann Gottfried Vierling: Ich weiß, mein Gott, daß all mein >>>
Wilhelm Volckmar: Was Gott tut, das ist wohlgetan >>>



ÜTZHAUSEN (Stadt Schlitz, Vogelsbergkreis)
Ev. Kirche



 
Erbauer: Augustin Oestreich (Oberbimbach) 1845, Schleifladen, mechanische Spiel- und Registertraktur

Ützhausen ist ein Stadtteil von Schlitz im hessischen Vogelsbergkreis. Der Ort liegt südwestlich von Schlitz. Besiedelt wurde das Dorf wahrscheinlich schon um 800. Erstmals urkundlich erwähnt wurde es im Jahre 1282 in einem Besitz- und Rechteverzeichnis des Klosters Fulda. Damals lautete der Ortsname „Otishusen“. Der Ort gehörte kirchlich zur Stadtpfarrei in Schlitz und erhielt 1690 eine eigene Kirche, die jedoch bereits 1717 bei einem großen Brand im Dorf zerstört wurde. 1971 wurde Ützhausen in die Stadt Schlitz eingegliedert. Heute leben in Ützhausen rund 215 Einwohnerinnen und Einwohner. Die heutige, sehenswerte Fachwerkkirche wurde 1720 erbaut, 1862 erweitert und zuletzt im Jahr 2000 renoviert. Die über dem Altar stehende Orgel wurde 1845 erbaut. Sie stammt aus der Werkstatt der berühmten Orgelmacherfamilie Oestreich aus Oberbimbach, genauer von der Hand Augustin Oestreichs, des dritten Sohnes von Johann Georg Oestreich. Sie fällt in mehrfacher Hinsicht aus dem Rahmen des sonst von der Familie Oestreich bekannten Schemas und ist darüber hinaus nahezu unverändert erhalten.
Augustin Oestreich, der Erbauer der Orgel in Ützhausen, wurde 1808 in die berühmte Orgelbauerfamilie Oestreich in Oberbimbach hineingeboren. Sein Vater war Johann Georg Oestreich, dieser wiederum war der Sohn von Johann Markus Oestreich, der die Orgelbauerfirma aus dem Fuldischen im späten 18. Jahrhundert zu ihrer größten Blüte geführt hat. Augustin und seine beiden älteren Brüder Adam Joseph und Michael repräsentieren also die vierte Generation dieser bedeutenden Familie, wenngleich man die bis heute erhaltenen Instrumente der drei Brüder an einer Hand abzählen kann. Augustin Oestreich erlernte sein Handwerk natürlich in der väterlichen Werkstatt und arbeitete zunächst eng mit seinem Bruder Adam Joseph zusammen. 1843 erhielt Adam Joseph Oestreich den Auftrag zu einem Neubau für seine Heimatgemeinde in Oberbimbach. Diesen Auftrag konnte Adam Joseph Oestreich allerdings nicht mehr vollenden, da er kurz nach Baubeginn starb. Augustin Oestreich vollendete das Werk sodann im Jahre 1844, nachdem er etwa zur selben Zeit die Witwe seines Bruders geheiratet hatte. Sein anderer Bruder Michael Oestreich war bereits 1838 gestorben. 1844 stellte Augustin Oestreich zusammen mit seinem in Bachrain wirkenden Cousin Joseph Oestreich die alte Bimbacher Orgel in Großenbach bei Hünfeld wieder auf. 1845 erfolgte dann der Orgelneubau. 1847 führte Augustin Oestreich einen Orgelneubau mit 23 Registern in der Propsteikirche Johannesberg bei Fulda aus, den noch sein Bruder Adam Joseph geplant hatte. Außer dem imposanten, zweigeschossigen Orgelprospekt ist hiervon allerdings leider nichts erhalten. 1849 baute er eine Orgel in Pfordt südlich bei Schlitz, mit 10 Registern auf einem Manual und Pedal, die ebenfalls weitgehend im Originalzustand bis heute erhalten ist. 1852 folgte dann ein Orgelneubau in der altehrwürdigen Michaelskirche zu Fulda, direkt neben dem Dom. Doch mit dieser Arbeit Augustin Oestreichs war man überhaupt nicht zufrieden. So mußte bereits drei Jahre später, 1855 Augustins Stiefsohn Emil Oestreich die Orgel zurücknehmen und eine gänzlich neue Orgel errichten, die allerdings leider ebenso wenig erhalten ist wie das offensichtlich mißlungene Vorgängerinstrument. Zu diesem Zeitpunkt – 1855 – war Augustin Oestreich allerdings bereits in die USA ausgewandert, zusammen mit seinen beiden anderen Stiefsöhnen Maximilian und Maurus und fand in Ashland, Pennsylvania eine neue Heimat. Es ist nicht bekannt, ob er dort ebenfalls als Orgelbauer tätig. Dort in den USA verliert sich dann seine Spur, wir wissen nicht, wann er gestorben ist. Eine der klanglichen Besonderheiten der Ützhäuser Orgel ist die Tatsache, dass sie nur einen einzigen Principal enthält und dieser steht auch nicht wie üblich im Prospekt, sondern ist aus Holz gefertigt.
Statt des Principal stehen im klassizistischen Prospekt nur nicht klingende Pfeifenattrappen, was wir im Kontext aller bekannten Oestreich-Orgeln auch nur hier in Ützhausen in dieser Form finden. Neben diesem Holz-Principal ' enthält die Disposition ausschließlich Flöten und Streicherstimmen sowie eine 3fache Mixtur. Sicher wurde diese besondere Klanggestalt im Hinblick auf den relativ kleinen und klanglich sehr intimen Fachwerk-Kirchenraum gewählt und kann dieses Konzept als sehr gelungen bezeichnen. Das Manual hat einen Tonumfang von Ton C bis zum f3. Die acht Register des Manuals sind Hohlflöte, Quintatön, Viola di Gamba und Salicional 8', Principal und Gedackt 4', ein Flageolet 2' und eine 3fache Mixtur. Das Pedal hat einen Tonumfang lediglich bis zum g° – Mitte des 19. Jahrhunderts wirkt ein solch geringer Tonumfang zunächst anachronistisch, doch finden wir diese kurzen Pedale in jener Zeit noch öfter an oberhessischen Dorforgeln. Hier finden wir die Register Subbaß 16' und Violonbaß 8', dazu kommt eine Pedalkoppel. Wie bereits erwähnt, die Orgel in Ützhausen unterscheidet sich in zahlreichen Details von anderen Oestreich-Orgeln. Doch ist Augustin Oestreichs Urheberschaft unstrittig, denn er gibt sich selbst durch Baudatum und Unterschrift auf der Rückseite der Mittelvase als Erbauer zu erkennen. Die hübsche Fachwerk-Dorfkirche zu Ützhausen besitzt in ihrem Innern eine bemerkenswerte und in vielen Details einmalige Orgel. Die letzte Restaurierung wurde 1976 durch die Orgelbau-Firma Förster und Nicolaus aus Lich durchgeführt. 

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Disposition:

Manual, C-f3 Pedal, C-g°  
Hohlflöte 8' Subbaß 16' Pedalkoppel
Quintatön 8' Violonbaß 8'  
Viola di Gamba 8'    
Salicional 8'    
Principal 4'    
Gedackt 4'    
Flageolet 2'    
Mixtur 3f.    

In Ützhausen gespielte Stücke:
Conrad Paumann: Ich beger nit mer >>>
Friedrich Silcher: Ein feste Burg ist unser Gott >>>
Friedrich Silcher: Freu dich sehr, o meine Seele >>>
Friedrich Silcher: Grave f-moll (Pergolesi) >>>
Johann Gottfried Vierling: Allegretto gis-moll >>>
Johann Gottfried Vierling: Andante As-Dur >>>
Johann Gottfried Vierling: Andante as-moll >>>
Johann Gottfried Vierling: Andante fis-moll >>>
Johann Gottfried Vierling: Auf meinen lieben Gott >>>
Johann Gottfried Vierling: Jesus Christus, unser Heiland >>>
Johann Gottfried Vierling: Larghetto fis-moll >>>
Johann Gottfried Vierling: Larghetto Gis-Dur >>>
Johann Gottfried Vierling: Seelenbräutigam >>>
Wilhelm Volckmar: Es ist gewißlich an der Zeit >>>
Wilhelm Volckmar: Herr Christ, der einig Gottes Sohn >>>
Wilhelm Volckmar: Herr, nicht schicke deine Rache >>>
Wilhelm Volckmar: Jesu, meine Freude >>>
Wilhelm Volckmar: Wie groß ist des Allmächtigen Güte >>>
Oswald von Wolkenstein: Wach uff, myn hört >>>



WEITERSHAIN (Stadt Grünberg, Landkreis Gießen)
Ev. Kirche




Erbauer: Peter Dickel (Treisbach) 1877, Schleifladen, mechanische Spiel- und Registertraktur

Weitershain ist ein Stadtteil von Grünberg im mittelhessischen Landkreis Gießen mit heute rund 500 Einwohnerinnen und Einwohnern. Der Ort liegt auf der Hochebene des Vorderen Vogelsbergs zwischen Zwester Ohm und dem Lumdatal. 1265 wird das heutige Dorf Weitershain als „Widradeshagen“ in den Güterverzeichnissen des Klosters Haina erstmals urkundlich erwähnt. Der Ort, landschaftlich und geschichtlich zu der Rabenau zählend, gehörte in den folgenden Jahrhunderten zur Landgrafschaft Hessen, dann zur Landgrafschaft Hessen- Marburg, zu Hessen-Darmstadt und ab 1806 zum Großherzogtum Hessen, Provinz Oberhessen. Anfang 1971 wurde Weitershain im Rahmen der hessischen Gebietsreform ein Stadtteil von Grünberg. Im Mittelalter war Weitershain eine Filiale der Pfarrei Londorf, die dem Archidiakonat St. Stephan in der Erzdiözese Mainz zugeordnet war, und gehörte zum Londorfer Sendbezirk. 1872 mußte die baufällig gewordene Fachwerkkirche abgerissen werden. Doch erst in den Jahren 1876 bis 1877 konnte nach längeren Bemühungen der Bau einer neuen Kirche erfolgen, die im neugotischen Stil nach Plänen des Grünberger Baurates Carl Wilhelm Christian Dieffenbach errichtet wurde. Das Innere der Kirche ist in bemerkenswert vollständiger Form erhalten. Das trifft auch auf die Orgel zu, die 1877 zeitgleich mit der Kirche errichtet wurde und aus der Werkstatt von Peter Dickel in Treisbach stammt.
Johann Peter Dickel entstammte einer Orgelmacherfamilie. Sein Großvater Johann Heinrich Dickel war Geselle bei Gottfried Knaut in Heidelberg und machte sich 1771 in Mosbach, zwischen Heilbronn und Heidelberg selbstständig. Dessen 1783 geborener Sohn Philipp Heinrich Dickel ist ab 1809 in Wingeshausen bei Bad Berleburg im heutigen Landkreis Siegen-Wittgenstein nachweisbar und erbaute etwa 15 neue Orgeln, hatte jedoch keinen allzu guten Ruf. 1819 verlegte Heinrich Dickel die Werkstatt nach Treisbach bei Wetter und im selben Jahre wurde ihm sein Sohn Peter Dickel geboren. Dieser ist erstmals 1842 mit einer Reparatur in Kleinseelheim bei Kirchhain nachweisbar, die er zusammen mit seinem Vater ausführte, von dem er die Werkstatt dann 1845 übernahm. Mit Peter Dickel nahm das Unternehmen vor allem qualitativ einen deutlichen Aufschwung. Bis etwa 1880 wurde nun jedes Jahr etwa eine neue Orgel erbaut, nahezu ausschließlich für Dorfkirchen in West- und Oberhessen. Sein Erstlingswerk, die 1845 für Beltershausen in der heutigen Gemeinde Ebsdorfergrund errichtet wurde, wurde 1969 nach Allna, einem Ortsteil der Gemeinde Weimar im Landkreis Marburg-Biedenkopf umgesetzt und ist dort erhalten. Dieses Instrument besitzt noch das in Hessen bis weit ins 19. Jahrhundert hinein verbreitete Kurzpedal bis zum f°. Doch schon seine nächsten Orgelbauten erhielten den damals allgemein verbreiteten Pedalambitus bis zum c1 oder sogar in Einzelfällen bis zum d1. Meist errichtete Peter Dickel kleinere, einmanualige Orgeln mit bis zu 10 Registern. Zweimanualige Instrumente sind die Ausnahme, hier ist vor allem die erhaltene, 1857 in Dreihausen, ebenfalls ein Ortsteil von Ebsdorfergrund zu erwähnen, die 15 Register bekam. Die 1866 erbaute Orgel in Londorf in der Rabenau war mit 20 Stimmen sein größtes Werk, doch mit Ausnahme des Prospekts und einiger weniger Register ist heute dort nicht mehr viel von Dickels Arbeit vorhanden. Ab etwa 1870 arbeitete Peter Dickel mit dem bedeutenden ersten hessischen Bezirkskonservator Ludwig Bickell zusammen, der zum Beispiel den Prospekt der Orgel für Großseelheim entwarf, der allerdings nicht erhalten ist. Vollständig unverändert die Zeiten überdauert hat unsere 1877 fertiggestellte Orgel in Weitershain, die Dickel sehr geschickt als seitenspielige Brüstungsorgel in die Empore einbezog.
„Nun ruhen alle Wälder, wo bleiben denn die Gelder?“ Dieser von Peter Dickel überlieferte Ausspruch beschreibt sehr treffend das Problem vieler kleiner Landorgelbauer im 19. Jahrhundert, nämlich die nicht besonders gut ausprägte Zahlungsmoral so mancher Gemeinde. 1890 vollendete Dickel sein letztes Instrument in Ernsthausen, einem Ortsteil der Gemeinde Burgwald, bevor er sich aus Alters- und Gesundheitsgründen vom Orgelbau zurückzog. Er starb 1896 im Alter von 77 Jahren in seinem Heimatort Treisbach. Das vollständig erhaltene Instrument in Weitershain besitzt zehn Register. Im Manual mit einem Tonumfang bis zum f3 finden wir die Register Principal, Gedackt, Salicional und Flöte 8', Octave und Flauto dolce 4', Octave 2' sowie eine 3fache Mixtur. Das Pedal geht bis zum c1 und verfügt über Subbaß 16' und Violoncello 8', dazu kommt eine Pedalkoppel und ein Ventilzug. Hundert Jahre nach ihrer Entstehung, genau genommen 1978 wurde das Instrument durch die Firma Förster & Nicolaus aus Lich fachgerecht restauriert. Die Orgel in Weitershain ist sicher keine Berühmtheit, zu der die großen Organisten dieser Welt pilgern werden. Doch ist sie eine in ihrer Unversehrtheit und Ursprünglichkeit sehr seltene und ganz typische hessische Dorforgel der Bismarckzeit. 



Link zum klingenden Orgelportrait >>>

Disposition:

Manual, C-f3 Pedal, C-c1  
Principal 8' Subbaß 16' Pedalkoppel
Gedackt 8' Violoncello 8'  
Flöte 8'    
Salicional 8'    
Octave 4'    
Flauto dolce 4'    
Octave 2'    
Mixtur 3f.    

In Weitershain gespielte Stücke:
W. Freund: Herzlich lieb hab ich dich, o Herr >>>
W. Freund: Nun laßt uns Gott, dem Herren >>>
W. Freund: Sieh, hier bin ich, Ehrenkönig >>>
Johann Wilhelm Cornelius von Königslöw: Introduction und Fuge d-moll >>>
Franz Liszt: O sacrum convivium >>>
Wilhelm Rudnick: Jesus Christus, unser Heiland >>>
Carl Rundnagel: Allegro moderato G-Dur >>>
Carl Rundnagel: Andante G-Dur >>>
Wilhelm Volckmar: Jerusalem, du hochgebaute Stadt >>>
Wilhelm Volckmar: Vom Himmel hoch, da komm ich her >>>
Woldemar Voullaire: Präludium Nr. 19 e-moll >>>
Woldemar Voullaire: Präludium Nr. 20 a-moll >>>
Woldemar Voullaire: Präludium Nr. 21 G-Dur >>>